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  • DE-71686 Remseck am Neckar
  • 03/2014
  • Ergebnis
  • (ID 2-147369)

Neue Mitte — Rathaus • Bürgersaal • Bibliothek


  • Anerkennung

    anerkennung hjp

    Architekten
    hjp architekten PGmbB _ Prof. Jürgen Hauck, Herbert Osel, Würzburg (DE), Gießen (DE) Büroprofil

    Mitarbeit
    Bastian Sevilgen, Nikolas Savic, Maximilian Niggl, Philipp Mennigen

    In Zusammenarbeit mit:
    Modellbauer: modellwerk weimar | Architekturmodelle, Modellbau, Frässervice, Laserservice, Weimar (DE)

    Preisgeld
    6.000 EUR

    Erläuterungstext
    Konzept Städtebau
    Die drei Baukörper (Rathaus, Bürgersaal und Bibliothek) werden im Sinne der abschnittsweisen Realisierung als voneinander unabhänige Baukörper um den aus dem städtebaulichen Wettberwerb hervorgegeangenen „Rathausplatz“ gruppiert, und definieren diesen als klar gefasste, zentrale Platzsituation. Trotz dieser klaren Betonung der Platzkanten ermöglicht die Setzung der Gebäudevolumen zueinander zahlreiche Durchwegungen hin zu den angrenzenden Uferpromenaden, ohne den Platz jedoch zerfallen zu lassen. Der Leitidee des zentralen Platzes zufolge sind sämtliche öffentliche Bereiche der Gebäude (Cafe, Foyer etc.) dem Platz zugewandt und nutzen diesen als gemeinsamen Vorraum.
    Um die Aufrechterhaltung des Rathausbetriebes im Bestand während des ersten Bauabschnittes zu gewährleisten, bildet das neue Rathaus den südlichen Abschluss des Areals. In diesem Zuge wird bereits ein erster Abschnitt der Tiefgarage realisiert. Als zweiter Bauabschnitt folgt im östlichen Bereich entlang der Uferpromenade die Errichtung des Bürgersaals, wodurch der Bezug zum Außenraum (Grünraum Promenade) ermöglicht wird. Im Zuge dieses Bauabschnittes wird auch die Tiefgarage mit 120 Stellplätzen fertiggestellt. Als finale Setzung tritt der neue Bibliotheksbau als solitärer „Bücherturm“ in Erscheinung, der den nordwestlichen Abschluss der „Neuen Mitte“ markiert. Durch seine Höhenentwicklung fungiert er darüberhinaus als visuelles Bindeglied zwischen den drei Stadtteilen.
    Die Zwischenräume der drei Gebäude ermöglichen eine Durchwegung hin zu der angrenzenden Uferpromenade.

    Konzept Rathaus
    Die Struktur des neuen Rathauses Remseck folgt konzeptuell der Unterteilung in zwei Dezernate.
    Jedes dieser Dezernate gruppiert sich um jeweils einen innenliegenden Lichthof, der neben seiner Belichtungs- und Erschließungsfunktion als offener Kommunikationsraum dient. Im zentralen Bereich zwischen den Höfen sind gemeinschaftlich genutzte Funktionsräume (Besprechung, Sanitär, Erschließung, Nebenräume) angeordnet.
    Das Erdgeschoss öffnet sich zum vorgelagerten Rathausplatz und bildet somit ein großzügiges Foyer. Die Bereiche, die eine vergleichsweise hohe Besucherfrequenz aufweisen sind ebenfalls dem Erdgeschoss zugeordnet. Die oberen Geschosse hingegen folgen einer rationalen Verwaltungsbaustruktur, die von den innenliegenden Lichthöfen profitieren.
    Die konstruktive Struktur des Rathauses folgt einem für den Verwaltungsbau typischen Raster von 1,35m, wodurch eine hohe Flexibilität bezüglich der Grundrissgestaltung sowie eine wirtschaftlich effiziente Realisierbarkeit gewährleistet wird. Das insgesamt kompakte Bauvolumen wirkt sich positiv auf das resultierende A/V Verhältnis aus.

    Konzept Bürgersaal
    Der Bürgersaal tritt seinem Raumprogramm folgend als langgestrecktes, horizontales Gebäude in Erscheinung, dass den Rathausplatz zur östlichen Seite fasst. Während sich das großzügige Foyer zum Platz hin orientiert und somit in den Dialog zum öffentlichen Leben tritt, ordnen sich die Säle zum angrenzenden Grünraum (Uferpromenade) zu, wodurch ein Austritt ins Freie ermöglicht wird. Die dienenden Bereiche (Bühne + Backstage bzw. Küche und Anlieferung) bilden den nördlichen (Bühne) bzw. südlichen (Küche Anlieferung) Abschluss des Gebäudes.
    Um den Rathausplatz von Ver- und Entsorgungstechnischem Verkehr freizuhalten wird rückseitig eine neue Zuwegung geschaffen, die sowohl Rathaus als auch Bürgersaal bedient.
    Im Zuge der Errichtung des Bürgersaals wird auch die Tiefgarage, deren erster Abschnitt bereits mit Errichtung des Rathauses abgeschlossen wird, fertiggestellt

    Konzept Bibliothek
    Als letzter Baustein tritt die Bibliothek mit ihren 5 Geschossen als vertikaler Solitär in Erscheinung. Während insbesondere das Erdgeschoss mit seinen öffentlichen Nutzungen (Ausstellungsflächen, Café, Zeitungsbereich) als Fortführung des vorgelagerten Rathausplatzes konzipiert ist, dienen die oberen Geschosse als Lese- und Informationsort, mit unterschiedlichen Rückzugsmöglichkeiten, Gruppenräumen und Lesesälen. Die Positionierung am nördlichen Ende des Platzes ermöglicht die Öffnung der nördlichen Fassade zum Wasser und der angrenzenden Hügellandschaft hin, ohne Störung durch die für den Bibliotheksbetrieb unvorteilhafte, direkte Sonneneinstrahlung. Als klare Zäsur zum angrenzenden Straßenraum entwickelt sich aus dem Bibliotheksbau eine Geländemauer, die den Platz deutlich von diesem abgrenzt. Auch das Gebäudeinnere reagiert durch die Anordnung einer Nebenraumschicht zur Straße hin auf potentielle Belästigung durch Straßenlärm.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Durch den eindeutigen orthogonalen Bezug zu dem geplanten westlichen Stadtquartier gelingt dem Verfasser mit Aufnahme der südlichen Raumkante ein überzeugendes Gebäude-Ensemble, das ohne Probleme in 3 Bauabschnitten gebaut werden kann. Ohne die Bibliothek (3. BA) erscheint der sich dann bildende Platz einschließlich des Straßenraums überdimensioniert, zumal die Rampenlage der Straße den Platz nicht gerade aufwertet.

    Die abschnittsweise Realisierung der Tiefgarage (1. und 2. BA) funktioniert unproblematisch, wobei der TG-Teil unter dem Rathaus als „Sackgasse“ nicht ganz unproblematisch ist.

    Auch wenn die nördliche Raumkante deutlich Richtung Neckar vorspringt, entstehen unprätentiös gestaltete Uferbereiche, die das Bootshaus am Hechtkopf gut einbinden und dem Bürgersaal ein großzügig dimensioniertes Vorfeld als Pausenfläche bietet. Durch die kritisch gesehene und funktional nicht erforderliche Höhe von 6 m bzw. 11,5 m beeinträchtigt der Bürgersaal aber die Solitärstellung des Bootshauses.

    Zufahrten zur Tiefgarage und zur Ver-und Entsorgung der Bühne, der Küche und des Bootshauses funktionieren gut und sind einfach herstellbar.

    Das Funktionsprinzip des Rathauses als 4-geschossiger 3-bündiger Langkörper ist stringent aufgebaut und trägt durch ein mehrgeschossiges Atrium und einen 3-geschossigen Innenhof, denen die Dezernate zugeordnet sind, zur Qualitätsverbesserung der Flurbereiche bei. Diese sind grundsätzlich sehr schmal. Leider ist die Lage der Besprechungsräume mit Zugang aus den engen Flurbereichen ausgesprochen unattraktiv.

    Die Eingangshalle mit Bürgerbüro ist gut dimensioniert und erschließt mit einer einläufigen Treppe die weiteren Geschosse. Dem Brandschutz ist mit 2 diagonal gegenüberliegenden Treppenhäusern Genüge getan.

    Durch die Lage der großflächigen Registratur im Erdgeschoss wird leider die Chance einer weiteren Aufwertung der Eingangshalle vertan.

    Die Anordnungen der Funktionsbereiche wie Küche und „Backstage“ Bühne an den jeweiligen Gebäudeenden lassen dem Bürgersaal einschl. Foyer einen großen Freiraum, um zur Rems und zum Platz gute Ausblicke zu gewährleisten. Leider wird diese Chance zum Teil dadurch vertan, dass der Sanitär-/Garderobenblock das Foyer in seiner Nutzung stark einengt.

    Dem Sitzungssaal ist eigenes Foyer zugeordnet, das wohl aus wirtschaftlichen Erwägungen auch als Casino genutzt werden kann. Die direkte Versorgung dieses Bereiches ist nicht nachgewiesen.

    Die 5-geschossige Bibliothek hat als „Brückenkopf“ in ihrer Höhenentwicklung durchaus ihre Berechtigung. Ob sie organisatorisch und wirtschaftlich gut betrieben werden kann, soll in Frage gestellt werden dürfen.

    Über eine gutdimensionierte Eingangshalle gelangt man über eine sehr versteckt liegende enge einläufige Treppe in die weiteren Geschosse der Lesesäle und Seminarräume.

    Die Fassadengestaltung mit einem Wechsel von geschlossenen Teilen, klassischem Büroraster mit raumhohen Fenstern und partiell gesetzten, teilweise auch mehrgeschossigen Fensteröffnungen entspricht durchaus den dahinterliegenden Nutzungen.

    Die Verwendung von Natursteinplatten für die Fassadenverkleidung erscheint angemessen und gibt den Gebäuden eine gewisse Eleganz.

    Der Verfasser schlägt ein umfassendes Energiekonzept vor, das in großen Teilen von einer natürlichen Belüftung ausgeht und auf einem in der Realisierung von Bürobauten erprobten Konzept aufbaut (Wärmepumpe / Betonkern-Aktivierung).

    Die nachgewiesenen Nutzflächen liegen deutlich unter dem Mittelwert, weil teilweise Räume fehlen bzw. zu klein sind.

    Das Verhältnis von BRI / BGF liegt deutlich über dem Mittelwert. Dieser Mangel ließe sich teilweise dadurch beheben, wenn der Saal und das Foyer in ihrer Höhe reduziert würden.

    Insgesamt ist die Arbeit als guter städtebaulicher und architektonischer Beitrag zu sehen.