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  • DE-38446 Wolfsburg
  • 03/2014
  • Ergebnis
  • (ID 2-148565)

Feuer- und Rettungswache


  • 4. Preis

    Perspektive Dieselstraße/Amselweg

    Architekten
    kister scheithauer gross architekten und stadtplaner GmbH, Köln (DE), Leipzig (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Prof. Johannes Kister

    Mitarbeit
    Sascha Bender, David Schröpfer, Benjamin Jutz

    In Zusammenarbeit mit:
    Landschaftsarchitekten: club L94, Köln (DE)
    Energieplaner, TGA-Fachplaner: Pfeil & Koch ingenieurgesellschaft GmbH & Co. KG, Stuttgart (DE), Köln (DE)
    Tragwerksplaner: IDK Kleinjohann GmbH & Co.KG Köln, Köln (DE), Berlin (DE)

    Erläuterungstext
    Feuerwehrgebäude:
    Der Neubau versteht sich als ein eigener Baublock im städtischen Gefüge, der sich aus funktional begründeten Bauvolumen zusammensetzt. Es entsteht eine Komposition aus Volumen, die auf die städtebauliche Situation reagiert und eine geschlossene Raumkante bildet. Durch das besondere Eckgebäude entsteht eine städtebauliche Adressierung, die in Verbindung mit einem Vorplatz eine Qualität entwickelt. Der Haupteingang an der Ecke Dieselstraße/Amselweg bestimmt für den Neubau eine eigenständige Adresse.
    Der Volumenversatz zu dem Parkhaus begrenzt diesen öffentlichen Raum und lässt das Parkhaus erkennbar werden.

    Fassade:
    Das Materialkonzept folgt der städtebaulichen Idee und entwickelt eine Abfolge von rot/weiß gestreiften Ziegelfassaden, die in ihrer unterschiedlichen Schichtung differenzierte Farbnuancen ausdrücken können. Jeweils eine Schicht der Ziegelreihen ist leicht plastisch versetzt, so dass eine Schattenbildung entsteht, die den Gesamteindruck einer horizontalen Streifung nochmals verstärkt. Die Farbspiele der einzelnen Kuben stärken die kubische Komposition ohne dass der Zusammenhang verlorengeht.

    Funktionsbeschreibung:
    Im Erdgeschoss, mit direkter Ausfahrt auf die Dieselstraße, befinden sich die Alarmfahrzeughallen des 1 Abmarsches der Feuerwehr und des Rettungsdienstes. Um eine kurzmöglichste Verbindung zu garantieren sind die Ruhe- und Sozialräume direkt über den Hallen des 1 Abmarsch gelegen. Diese werden über die Treppenkerne inkl. Sprungschächte mit den Hallen verbunden. Alle weiteren wichtigen Funktion des Wachbetriebes, sowie die Leitstelle, Verwaltung, Speiseraum und die Sporthalle sind ebenfalls angeschlossen. Im Alarmfall kann so eine schnellstmögliche Hilfe sichergestellt werden. Die Fahrzeughallen sind mit den wichtigsten Lager- und Technikflächen unmittelbar verbunden. Der Haupteingang verbindet alle „öffentlichen“ Nutzungen mit dem Parkhaus. Dieses wird in das Gesamtkonzept eingebunden. Somit funktioniert der Feuerwehrhof frei von „Publikumsverkehr“.

    Die Ruheraumzonen werden als geschlossene Einheiten ausgebildet. Es gibt in diesen Bereichen keinen Durchgangsverkehr. Die Verkehrsflächen in den oberen Geschossen werden als „offene Kommunikationszonen“ eingerichtet. Dieser Bereich bildet sich aus den Besprechungsräumen, Teeküchen, Kopierzonen und der Loggia. Das ermöglicht bei einer wirtschaftlichen Grundrisstypologie eine belichtete und freundliche Mittelzone.

    Das „Rückgrat“ der Anlage bildet der Werkstattbereich. Dieser ist im südlichen Gebäuderiegel untergebracht. Im EG befinden sich z.B. die KFZ Werkstätten, die Atemschutzwerkstatt und die Schlauchwerkstatt mit direktem Bezug zum Wirtschaftshof.
    Im hinteren Bereich liegen jeweils, direkt angebunden, die ruhigeren Büro und Lagerflächen. In den Obergeschossen befinden sich z.B. die Schlauchwäsche und die Atemschutzübungsstrecke. Der Trocken/Übungsturm wird ins Gebäudekonzept eingebunden und kann so in die Übungsstrecke integriert werden.

    Der Betrieb der Feuer- und Rettungswache wird durch die Lage der Anlieferzone an der Stirnseite der Werkstätten in keinem Zeitpunkt gestört oder behindert. Somit kann auch im Alarmfall eine störungsfreie Ver- und Entsorgung sichergestellt werden. Die eingehauste Containerstation übernimmt zusätzlich zu dem Werkstattriegel den wichtigen Schallschutz zum südlichen Wohngebiet. Der „Anlieferhof“ wird auch als Übungshof verstanden.

    In späteren Bauabschnitten lässt das Architekturkonzept zu, dass der jetzige Bestand erweitert oder an den Neubau angeschlossen wird und bildet so eine Symbiose zwischen Neubau und Bestand.

    Tragwerksbeschreibung:
    Der Gebäudekomplex wird als reine Stahlbetonkonstruktion geplant und setzt sich aus mehreren Baukörper zusammen, deren Tragsysteme unterschiedliche Merkmale aufweisen.
    Im nördlichen Riegel sowie in zwei zum Innenhof angeordneten Hallen werden im Wesentlichen die Stellplätze für die Fahrzeuge untergebracht. Diese zweigeschossigen Bereiche werden mit Unterzügen überspannt. Zur Realisierung einer Abfangung für die bereichsweise oberhalb angeordneten Nutzungsbereiche wird zwischen den Stellplätzen eine Mittelstützenreihe angeordnet.
    Stützenfreie Bereiche wie Sport- und Gymnastikhalle im Obergeschoss werden durch leichte aber leistungsfähige Konstruktionen wie Stahlfachwerkträger oder Spannbetonbinder überspannt. Die Sozialräume werden mit punktgestützten Flachdecken mit konventionellen Spannweiten und damit wirtschaftlichen Stärken ausgeführt. Der südliche Riegel beherbergt auch im Untergeschoss im Wesentlichen Sozialräume, so dass das Tragsystem aus punktgestützten Flachdecken mit Rand- und innenstützen gebildet werden kann. Dieses System bietet bei Abstimmung auf das Ausbauraster maximale Nutzungsflexibilität. Auch in diesem Bereich werden die stützenfreie Bereich des Obergeschosses wie Fußball und Basketballfeld durch leichte Konstruktionen überspannt.
    Die Spannweiten der Parkebenen im Südosten des Gebäudekomplexes werden ebenfalls durch die Anordnung von schlanken Innenstützen zwischen den Parkplätzen verkürzt, um wirtschaftliche Deckenstärken zu erzielen. Die Aussteifung des Gebäudes wird über die regelmäßig verteilten und über alle Geschosse durchlaufenden Kerne optimal übernommen.

    Energiekonzept:
    Gemäß den Anforderungen des Auslobers wird die Feuer- und Rettungswache in Wolfsburg als Niedrigenergiehaus mit einer Unterschreitung der Anforderungswerte gem. EnEV 2014 um min. 30%. konzipiert. Die Gebäudehülle spielt bei einem nachhaltigen Gebäudekonzept eine wesentliche Rolle. So wird über einen sehr guter Wärmeschutz eine Reduktion der Transmissionswärmeverluste erreicht. Dies beinhaltet eine hochwertige 3-fach Wärmeschutzverglasung in Verbindung mit U-Werten der opaken Bauteile kleiner 0,2 W/m²K und eine fugendichte Hülle sowie eine wärmebrückenfreie Konstruktion. Die Fahrzeughallen werden hingegen lediglich frostfrei gehalten und erhalten somit einen niedrigeren Dämmstandard.
    Für die Wärmeversorgung und die Warmwasserbereitung wird auf die umweltfreundliche Fernwärme vor Ort zurückgegriffen. Diese wird im Kraft-Wärme-Kopplungsprinzip erzeugt und hat einen Primärenergiefaktor von 0,485. Eine Beheizung über Geothermie wurde im Vorfeld geprüft, aber aufgrund mangelnder Eignung des Geländes (< 20 W/m² Wärmeentzugsleistung) verworfen.Der thermische Komfort wird über eine wassergeführte Bauteilaktivierung sichergestellt. Hierbei werden die massiven Geschossdecken von einem einfachen Leitungssystem durchzogen, dass ganzjährig Wasser zum Heizen und Kühlen durch die Bauteile führt. Die Speicherfähigkeit der Betondecken wird so optimal genutzt. Um ein behagliches Raumklima zu erreichen und eine individuelle Raumtemperaturregelung zu gewährleisten, kommen zudem Heizkörper zum Einsatz. Auf diese Weise können Spitzenlasten abgefangen werden.
    Zur Belüftung des Gebäudes kommen verschiedene, auf die Anforderungen der einzelnen Bereiche abgestimmte Systeme zum Einsatz. Dabei werden die eingesetzten Lüftungsgeräte für kurze Verteilwege auf mehrere Technikräume verteilt. Eine mechanische Lüftung mit hocheffizienter Wärmerückgewinnung kommt in den Räumen mit Sondernutzung wie Werkstätten. Schlauchtrocknung, Spindräumen, Wasserrettung, etc. zum Einsatz. Ferner wird in der Küche ein separates Lüftungsgerät eingesetzt, das mit fettbeständigen Rohrleitungen und spülbarer Wärmerückgewinnungen den erhöhten Anforderungen in diesem Bereich gerecht wird.
    In den Sporthallen kommt ein hybrides Lüftungssystem zum Einsatz. D. h. die Belüftung erfolgt im Sommer natürlich über ein automatisch gesteuertes Fensteröffnungssystem belüftet. Dieses wird über Winddruck und die CO2-Konzentration im Raum geregelt. Bei zu niedrigen Außentemperaturen für eine natürliche Belüftung kommt eine ebenfalls CO2-gesteuerte mechanische Lüftung mit hocheffizienter Wärmerückgewinnung zum Einsatz. Die Büroräume werden natürlich belüftet. Zum Lärmschutz zur stark befahrenen Dieselstraße werden zur Nordseite hinterlüftete Prallscheiben vor der Verglasung eingesetzt. Ein erhöhter Lärmschutz für die Ruheräume mit 24h-Nutzung wird durch eine mechanische Belüftung mit Wärmerückgewinnung gewährleistet.
    Der sommerliche Wärmeschutz wird durch eine außenliegende Verschattung gewährleistet. Ferner erfolgt in den natürlich belüfteten Büros eine Nachtauskühlung durch Öffnung der Fenster. Durch oben und unten liegende Öffnungen in den Prallscheiben ist eine optimale Luftzirkulation gegeben.
    Eine aktive Kühlung kann z. B. in einem nassen Kühlturm erfolgen. Dabei wird das Heiz- bzw. Kühlwasser adiabat abgekühlt und durch die Bauteilaktivierung in die Räume eingebracht. Darüber hinaus kann ggf. optional eine Nutzung des Grundwassers zur weiteren Kühlung zum Einsatz kommen. Eine Brunnenwassernutzung ist am Standort grundsätzlich möglich, eine Genehmigung ist im Zuge der Planung einzuholen.
    Optional kann zur Stromerzeugung (Nutzung natürlicher Ressourcen) eine Photolvolatikanlage auf dem Dach des Gebäudes zum Einsatz kommen. Die Gebäudeautomation umfasst eine tageslicht- und präsenzgesteuerte Beleuchtung des Gebäudes. Ferner kann für die natürlich belüfteten Büros über Fensterkontakte die Heizkörperregelung energiesparend an die Fenster gekoppelt werden. So werden die Heizkörper bei geöffneten Fenstern automatisch abgeschaltet und nach Schließung der Fenster wieder eingeschaltet.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Der Entwurf nimmt an der Dieselstraße die Flucht des Bestandes auf und führt sie entlang der Straße weiter. Diese Flucht bildet sehr selbstverständlich die Geometrie für den gesamten Neubau. Folgerichtig entsteht so die notwendige Vorzone vor den Fahrzeughallen. Ein richtig gesetzter Hochpunkt mit der Leitstelle im obersten Geschoss an der Ecke Dieselstraße/Amselweg schließt die Flucht nach Osten ab und führt über in einen schönen Vorplatz, an dem gut auffindbar der Haupteingang angeordnet ist. Die Kubatur des Parkhauses schließt den Vorplatz nach Süden hin ab. Ein Vorteil der Anordnung des Parkhauses im südöstlichen Bereich des Grundstücks ist außerdem, dass im südlichen Bereich zusätzlicher Abstand zum künftigen Wohngebiet entsteht.

    Architektursprache und Baukörpergliederung des Neubaus sind der Aufgabe angemessen. Das Verhältnis von geschlossenen Fassadenbereichen zu Fensterbändern bzw. Fahrzeugtoren ist wohlproportioniert. Besonders schön ist die Fassadengestaltung zum Amselweg, bei der die Funktion des Parkhauses selbstverständlich und gut gestaltet in die Ziegelfassade integriert wird.

    Das Preisgericht bewertet positiv, dass der 1. Abmarsch der Feuerwache und der größte Teil der Rettungsfahrzeuge als Durchfahrer direkt auf die Dieselstraße ausrücken können. Das Feuerwehrtechnische Zentrum ist im Erdgeschoss gut und übersichtlich organisiert. Leider sind jedoch die Lage der Schlauchwerkstatt im Zwischengeschoss und die Anordnung des Einsatzmittellagers im Kellergeschoss inakzeptabel, weil sie nicht direkt vom Hof angedient werden können. Außerdem zeigt der Grundriss der Leitstelle noch funktionale Mängel, weil mehrere Dispositionsarbeitsplätze in einzelnen Räumen angeordnet sind und die Kommunikation untereinander unnötigerweise erschwert wird. Auch Stabsräume und Funkmeldebetriebszentrale sollten zusammenhängend angeordnet werden.

    Positiv bewertet wird, dass die Realisierung der neuen Feuer- und Rettungswache in einem Bauabschnitt erfolgen kann, weil die vorhandene Halle auf der Wettbewerbsgrenze mit dem neuen Entwurf nicht tangiert wird. Lediglich die westliche Hofeinfahrt wird für kurze Zeit nicht genutzt werden können.

    Die BGF-Vorgaben der Auslobung wurden deutlich überschritten. Der Entwurf erscheint zu groß. Der Entwurf enthält leider auch mehr Nutzfläche als gefordert. Zudem ist das Verhältnis von Nutzfläche zu Bruttogeschossfläche eher im unteren wirtschaftlichen Bereich aller Entwürfe anzusiedeln.

    Das vorgeschlagene Energiekonzept erscheint plausibel, obwohl es sich um einen eher konservativen Ansatz handelt und nicht alle Möglichkeiten des Grundstücks ausgeschöpft sind.

    Insgesamt handelt es sich um einen gut organisierten und durchgestalteten Beitrag zum gestellten Thema mit einzelnen, aber gravierenden funktionalen Mängeln.