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  • DE-70825 Korntal-Münchingen
  • 04/2014
  • Ergebnis
  • (ID 2-154421)

Korntal - West


  • 3. Preis


    Architekten, Stadtplaner
    Thomas Schüler Architekten und Stadtplaner, Düsseldorf (DE), Stuttgart (DE) Büroprofil

    In Zusammenarbeit mit:
    Landschaftsarchitekten: faktorgruen, Freiburg im Breisgau (DE), Rottweil (DE), Heidelberg (DE), Stuttgart (DE)

    Preisgeld
    10.000 EUR

    Erläuterungstext
    Übergeordnete Idee

    Am westlichen Stadtrand von Korntal entsteht eine flächensparende und klimagerechte Siedlung in einer besonderen Lage von Korntal-Münchingen. Diese Qualität des Fernblicks und des angrenzenden Grünraums gilt es zu betonen und zu einem Alleinstellungs-merkmal des neuen Quartiers zu machen.

    Neben der Lagequalität und den funktionalen Anforderungen an den solaren Städtebau werden zudem die gesellschaftliche Infrastruktur des gemeinschaftlichen Lebens für die Akzeptanz und den Erfolg des Siedlungsprojektes von Bedeutung werden.

    Das Konzept schafft einen familienfreundlichen naturbezogenen Stadtteil, der über eine hohe Freiraumqualität Gemeinschaft, Identität und Kommunikation fördert und somit die Voraussetzung für eine hohe Wohn- und Lebensqualität im Quartier schafft.

    Konzept

    Das Konzept entwickelt sich aus dem Bestand heraus, übernimmt die bestehenden Qualitäten und führt sie auf dem Planungsgebiet fort. Der Charakter der Gartenstadt wird aufgenommen und durch den hohen Grünanteil weitergeführt.

    Die bestehenden Straßenführungen werden in das Plangebiet verlängert und durch die neuen Anliegerstraßen ringförmig zusammengeschlossen. Begleitende Bäume gewährleisten durchgrünte, verkehrsberuhigte Straßenräume mit Spiel- und Aufenthaltsqualitäten.

    Die hangaufwärts gestaffelten Straßen des Siedlungsgebiets werden als Grüne Achsen bis zum neuen Siedlungsrand weitergeführt und betonen als Wegekorridor den Bezug zum Grünraum. Hier enden sie in kleinen Platzsituationen und inszenieren den besonderen Fernblick. Über diese Plätze erfolgt die Verknüpfung mit dem freien Landschaftsraum.

    Landschaft

    Das freiräumliche Konzept fügt sich wie selbstverständlich in die örtliche Situation mit seiner besonderen Hanglage ein. Die bestehenden Fußwege bleiben erhalten und gliedern das Gebiet in seine Wohnquartiere. Die begleitenden Grünfugen entlang der Fußwege werden für die Retention und Ableitung des Regenwassers genutzt.

    Die offene Grünschneise nach Süden bildet hierbei das zentrale freiräumliche Element, die grüne Mitte des Quartiers, das als großes Landschaftsfenster den Blick in das Neckartal rahmt.

    Der Grünraum des Landschaftsfensters schafft Zonen für zentrale Spiel- und Aufenthaltsflächen und nimmt die Retentionsflächen zur Rückhaltung des anfallenden Regenwassers auf. Er wird naturnah ausgebildet und bietet gleichzeitig die erforderlichen Ausgleichsflächen für das Gebiet. Lockere Baumstellungen mit Obstbäumen greifen das Motiv der Streuobstwiesen auf und lassen die Landschaft in den Siedlungsraum hineinfließen.

    Durch die Nutzung für Spiel und Freizeit trägt das Landschaftsfenster zur Qualitätssteigerung des gesamten Stadtteiles bei und bildet ein neues zentrales Freiraumelement für Korntal mit einer hohen Aufenthaltsqualität.

    Nach Süden hin verzahnt sich landschaftlich mit den Ackerflächen und gestaltet ein natürliches Wohnumfeld. Zur Bahn hin bildet eine extensive naturnahe Begrünung eine schützende Pufferzone.


    Städtebau

    Das städtebauliche Konzept folgt der freiräumlichen Grundidee, wobei die bestehenden Feldwege die Bauabschnitte gliedern. Die Siedlungsstruktur folgt den Höhenlinien und bildet eine gestaffelte Bebauung mit optimaler Südorientierung.

    Die Wohnwege legen sich in den Hang und wirken durch ihre Sackgassensituationen wie kleine Wohnhöfe. Diese Hofsituationen orientieren sich zu den westlich angrenzenden Grünräumen und bilden dort gemeinschaftliche Nachbarschaftsplätze. Bänke und Spielbereiche bilden hier kommunikative Orte im mit einem besonderen Ausblick.

    Über die Nachbarschaftsplätze die durch angrenzende Gebäudestellung betont werden, entsteht der Übergang zwischen Siedlung und Landschaft.

    Die markante Bebauung zum Landschaftsraum mit den hangaufwärts gestaffelten Gebäuden bildet für alle Bauabschnitte eine klare Raumkante und schließt jeden Teilbereich räumlich ab.

    Quartiersmitte

    Der Quartiersplatz bildet das Entree zum Quartier und funktioniert als Ort für öffentliches und gemeinschaftliches Leben. Kleinere Flächen für die Nahversorgung, Cafe und eine Platzgestaltung mit hoher Aufenthaltsqualität sorgen hier für Kommunikation zwischen Bewohnern. Als zentraler Quartiersplatz bildet er die gemeinschaftliche Mitte und fördert die Identifikation mit dem Quartier.

    Der besondere Blick auf das Neckartal wird hier inszeniert und für alle Bewohner erlebbar gemacht.Großzügige Sitzstufen bilden eine zusätzliche Verweilqualität und öffnen das Gebiet nach Süden mit Blick über die aufgestaute Wasserfläche hinweg.

    Eine direkte Fuß- und Radweg verbindet die Haltestelle der Strohgäubahn mit dem Quartiersplatz.

    Erschließung

    Die zentrale Quartierszufahrt über die Straße Am Lotterberg gliedert das Quartier in einen nördlichen und einen südlichen Bereiche. Sie wird als städtebauliches Rückrat verstanden das die Hauptwegeverbindung vom Quartiersplatz bis zum Stadtzentrum bildet.

    Diese zentrale Entwicklungsspange bildet die Haupterschließung für das gesamte Quartier und kann in seinem weiteren Verlauf nach Westen verlängert werden. Über diese Spange werden alle Wohnquartiere erschlossen. Die ringförmige Anliegerstraße erschließen die hangaufwärts gestaffelten Wohnhofsituationen.

    Die Bushaltestelle des Bürgerbusses liegt zentral in der westlichen Grünfuge an der Hermann-Hesse-Straße und gewährleistet eine gute Erreichbarkeit. Eine Schleifenführung bindet an die Bestandsstraßen an.

    Gebäudetypologie und Quartiersbildung

    Das städtebauliche Konzept bildet drei Bereiche mit unterschiedlichen Gebäudetypologien:

    1. Wohnen am Quartiersplatz - Stadthäuser und Baugruppen entlang der Hauptachse:

    Der Quartiersplatz wird durch urbane Bauformen mit Stadthäusern und Baugruppen begrenzt. Auftakt ist das Kopfgebäude am Quartierseingang mit dem Mehrgenerationenwohnen. Die platzrahmenden Stadthäuser / Baugruppen, entwickeln sie sich über 3 Geschosse und können für unterschiedliche Mischungen aus Wohnen und Arbeiten genutzt werden. Als gereihte Zeilen können sie individuell und unterschiedlich bebaut werden und schaffen ein abwechslungsreiches Straßenbild entlang der Platzkante. Gemeinschaftliche Tiefgaragen liegen direkt unter der jeweiligen Hauseinheit und funktionieren wie private Garagen.

    2. Wohnen am Landschaftsfenster - Locker gestellte Hausgruppen als Raumkante zum freien Feld

    Die besondere Wohnlage am Grünraum wird durch repräsentative Einzelbaukörper betont, die als Hausgruppen auf einem gemeinsamen Sockel liegen. Auf diesen Baufeldern können unterschiedliche themenorientierte Wohnprojekte entstehen und eine spannungsvolle differenzierte Raumkante bilden. Auf den gemeinschaftlichen Sockelbauwerken, in dem auch sich die Stellplätze befinden können, liegen die Privatgärten die über Treppensituationen mit dem Grünraum verbunden sind. Durch die erhöhte Lage des Sockels entsteht ein Höchstmaß an Privatheit zum öffentlichen Grünraum.

    3. Einfamilienhäuser am Wohnhof - Verdichtete individuelle Einfamilienhäuser für unterschiedlichen Typen

    Entlang der Wohnwege, die wie kleine Hofsituationen funktionieren, entstehen Grundstücke für unterschiedlichste Wohnformen des flächensparenden Bauens. Durch die Möglichkeit einer flexiblen Bebauung können hier verschiedenste Bautypen vom gereihten Hofhaus bis zum Einzelhaus realisiert werden. Es entstehen Nachbarschaften aus kleinen Einheiten für familienorientiertes Wohnen, die ein gemeinschaftliches Leben und die Identifikation fördert. Die Wohnhöfe funktionieren als Spielstraßen die sich zu den Grünräumen hin öffnen. Im Eingangs bereich zu den Wohnhöfen befinden sich die zentralen Müllsammelstellen.

    bezahlbarer Wohnraum

    Alle Bauabschnitte besitzen eine Mischung der unterschiedlichen Bautypen, so dass eine ausgewogene Bewohnerstruktur gewährleistet werden kann.

    Das Konzept bildet unterschiedliche Teilbereiche aus. Bauflächen für Einfamilienhausbebauung in den Wohnhöfen, mit einer flexiblen Mischung aus individuelle Einfamilienhäusern und Zonen für gemeinschaftliche Wohnprojekte, wodurch eine große Bandbreite von unterschiedlichen Nutzergruppen angesprochen wird.

    Das Konzept ist robust für spätere Veränderungen und Austausch der Bautypen ohne die städtebauliche Grundidee zu verlieren.

    Regenrückhaltung

    Für die Entwässerung des gesamten Gebietes wird ein dezentrales Regenwassermanagement in drei Stufen vorgeschlagen, mit dem Ziel, das anfallende Regenwasser möglichst lange zurückzuhalten bzw. einer Mehrfachnutzung zuzuführen.

    In einer ersten Stufe wird das anfallende Regenwasser aus den privaten Flächen in dezentralen Retentionszisternen gesammelt, auf dem Grundstück zurückgehalten und in Form von Grauwassernutzung zur Gartenbewässerung oder für die Toilettenspülung genutzt. Dadurch kann auch der Verbrauch an kostbarem Trinkwasser reduziert werden. Lediglich ein Notüberlauf wird über die offenen Mulden abgeleitet. Die anteilige Dachbegrünung kann das anfallende Regenwasser aus den privaten Flächen zusätzlich reduziert.

    Das Regenwasser aus den öffentlichen Straßen- und Platzflächen wird in einem Netz aus offenen Rinnen gesammelt und den Rasenmulden in der zentralen Grünfläche zugeführt. Diese sind in der durch einzelne Sitzstufen terrassierten Grünfläche kaskadenartig angelegt, so dass das überschüssige Wasser jeweils an die tiefer liegende Mulde weitergeleitet wird. Am tiefsten Punkt des Geländes wird schließlich als dritter Baustein eine Rigole unter der letzten Mulde als Retentionsvolumen angelegt, die das anfallende Wasser zurückhält und verzögert an den vorhandenen Kanal abgibt.

    An zentraler Stelle im Landschaftsfenster direkt am Quartiersplatz wird das Regenwasser in Form eines Teiches angestaut und sichtbar gemacht. Dieser dient als Biotop und Lebensraum für Amphibien und trägt gleichzeitig zur Aufwertung und Adressbildung des Quartiers bei.

    Durch die hohe Verweildauer des Wassers in den begrünten Mulden kann ein Teil des Wassers verdunsten oder versickert in den Vegetationsflächen. Die offenen Regenwassermulden tragen so gleichzeitig zur Verbesserung des Mikroklimas bei.

    Die Investitionskosten können durch den Entfall aufwendiger unterirdischer Kanäle zugunsten eines offenen Systems minimiert werden, das Thema der Regenwasserbewirtschaftung wird als ökologische Qualität sichtbar und erlebbar gemacht und trägt zum positiven Image der Siedlung bei.


    Entwicklungsstufen

    Die Entwicklungsabschnitte folgen zwangsläufig der Erschließungsplanung und entwickelt sich in drei Abschnitten von Ost nach West, mit der Möglichkeit auch weitere Bauabschnitte nach Westen hin anzubinden.

    Der erste Abschnitt entsteht entlang der Hermann-Hesse-Straße, mit der Kita. Der Quartiersplatz sollte möglichst frühzeitig realisiert werden und als Motor für die weiteren Entwicklungsabschnitte dienen.
    Der zweite Entwicklungsabschnitt könnte schrittweise nach Norden hin erfolgen und mit der mittigen Grünachse seinen Abschluß findet, wobei die Bebauung hier in der Übergangsphase die Raumkante bildet. Als dritter Abschnitt könnte der westliche Bereich erfolgen.

    Energiekonzept

    Alle Gebäude haben durch gute Südorientierung, hohe Kompaktheit und geringe Verschattung ausgezeichnete Voraussetzungen für einen niedrigen Heizenergiebedarf. Die städtebauliche Struktur aller Gebäudetypen ermöglicht eine verschattungsfreie Integration solarer Energiesysteme auf den Flachdachflächen. Mit einer Solarfläche von 1/3 der Dachfläche ist eine Dachbegrünung eine ökologisch optimale Kombination.

    An zentraler Stelle am Quartiersplatz wird die Energiezentrale vorgesehen, welche hier die Besonderheit des Quartiers sichtbar macht und die Energiegemeinschaft symbolisiert. Identitätsstiftend wird die Siedlung von hier aus mit Wärme versorgt.

    Die zeichenhafte Energiezentrale wird vorrangig aus regenerativen Energiequellen Wärme und Elektrizität erzeugen. Die Zentrale kann nach Umwelt- und Wirtschaftlichkeitskriterien zwischen Energiequellen wechseln, z.B. Holz, Rapsöl, Bio-Erdgas, alles vorrangig in Kraft-Wärme-Kopplung. Ein Nahwärmenetz transportiert die Wärme zu den Wärmeübergabestationen in allen Gebäuden. Die Architektur der Energiezentrale ist integral mit Solarsystemen und thermischem Speicher gestaltet. Die zentrale elektrische Energieerzeugung in Kraft-Wärme-Kopplung ist kombiniert mit den dezentralen Photovoltaiksystemen auf den Gebäuden.

    Ziel der regenerativen elektrischen Optimierung ist eine möglichst geringe Netzbelastung auch in Kombination mit Elektrospeichern z.B. in Verbindung mit Elektromobilität mit Stellplätzen mit Ladestationen und Schnellladestation für Car-Sharing, die sich am Quartierseingang befindet.

    Der städtebauliche Entwurf, der energetische Gebäudestandard, die integrierten Solarsysteme, eine Energiezentrale mit Kraft-Wärme-Kopplung und das Nahwärmenetz bilden die zukunftsweisenden Voraussetzungen für die wirtschaftliche Realisierbarkeit.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die Idee, durch einen zentralen gestreckten Platzbereich die Bauquartiere zu verbinden, bringt eine gelungene räumliche und einladende sowie identitätsstiftende Disposition. Den Verfassern ist die Entwicklung im Anschluss an die östlichen Quartiere durch die bandartige und dennoch flexible Weiterführung gelungen. Die drei Bereiche mit unterschiedlichen Gebäudetypologien ermöglichen unterschiedliche Wohnqualitäten und gemeinschaftliche Zuordnungen. Die an den Randzonen ausgebildeten Geschosswohngebäude überzeugen im Westen, am zentralen Platz und an der westlichen Kante des südlichsten Bauabschnittes. Nicht überzeugt jedoch die Reihung der höheren Gebäude im nördlichen Bereich des Geländes gegenüber der aufgelockerten Bestandsbebauung. Hier wird die Reihung der Gebäude als Barriere empfunden und ist schwer vermittelbar. Kritisiert wird auch der lockere, durch Einfamilienhäuser bestimmte nördliche Rand des Baugebietes. Im südlichen Quartier reicht die Bebauung zu nah an die Strohgäubahn heran. Die Darstellung der multifunktionalen Zwischenräume in Fortsetzung der von Osten kommenden Straßen als „Wohnhöfe“ ist etwas zu positiv gedeutet. Das Erschließungskonzept mit Ringschluss ist nachvollziehbar, die Stichstraßen liegen in den so genannten Wohnhöfen. Die Ost-West-Haupterschließung über den Quartiersplatz entwickelt die schon gewohnten Wegebeziehungen positiv weiter.
    Das Freiraumkonzept übernimmt eine wichtige Rolle in der Ausformulierung der städtebaulichen Idee. Ob jedoch die stark sich nach Süden öffnende Achse mit zwei Retentionsflächen aus topografischer sowie ökologischer Sicht richtig ist, wird bezweifelt. Das nördliche Gartengrundstück mit seinen Gehölzstrukturen könnte ohne Not erhalten und im Entwurf berücksichtigt werden. Als besonders gelungen ist die Ausformung der westlichen Ortskante des Neubaugebietes mit den platzartigen Landschaftsfenstern. Hier wird zu bedenken gegeben, dass die topografische Situation - die Hangneigung - stärker in den Entwurf z. B. durch Terrassierungen zu integrieren ist. Dies gilt auch für das gesamte Gebiet. Die Bauabschnitte sind logisch. Die im Text erwähnte Energiezentrale ist vorstellbar, dies wird eine Frage der Wirtschaftlichkeit sein. Aussagen zum Schallschutz fehlen. Der Entwurf überzeugt durch gute städtebauliche und freiräumliche Ansätze. Er weist jedoch einige Schwächen auf. Er ist in sich doch sehr schlüssig und bietet eine flexible Grundlage für eine Umsetzung.