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  • DE-10179 Berlin
  • 11/2014
  • Ergebnis
  • (ID 2-160767)

Peter-Joseph-Lenné-Preis 2014


  • Anerkennung Aufgabe C / Karl-Foerster-Anerkennung

    Museum of London

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    Projekt
    Collision City

    Studenten der Landschaftsarchitektur
    Constantin Boes

    In Zusammenarbeit mit:
    Studenten der Landschaftsarchitektur: Julia Ulrich

    Erläuterungstext
    1. London - eine Stadt der Kollisison
    Nachdem die City of London eine ehemalige römische Kolonie ist, ist sie von abrupten Zusammenstößen, scharfen Trennungen und ausgedehnten Versatzstücken der einzelnen Stadtbezirke geprägt.
    Ebenso wie in Rom, die Stücke der Foren und Thermen in einem Zustand der gegenseitigen Abhängigkeit, Unabhängigkeit und mehrfachen Interpretierbarkeit nebeneinanderstehen ist das gleiche in London zu beobachten. Rom gilt als das anschaulichste Beispiel zusammenprallender Felder mit in Zwischenräumen liegenden Trümmern und ist die implodierte Version Londons (Colin Rowe, Fred Koetter, Collage City).

    Insgesamt herrscht in London durch den Aufeinanderprall der vielen Versatzstücke ein Chaos, das zu Orientierungslosigkeit in der Stadt führt. Gleichzeitig birgen sich darin auch die positiven Eigenschaften einer Stadt, indem Spannung entsteht und Monotonie vermieden wird.
    In dem Planungsgebiet in der City of London prallen ebenfalls verschiedene Versatzstücke aufeinander: die St Paul‘s Kathedrale, die Smithfield Markthallen, das Muesum of London mit dem daran anschließenden Barbican Komplex, einem 70iger Jahrebau, die Cheapside, das Bankviertel und nicht zuletzt die Themse, als Lebensader der Stadt.

    Die City lässt sich nach Raum- und Zeitbeziehungen analysieren, die alle erneut die Gegensätzlichkeiten des Viertels betonen. So treffen harte Gebäudekanten auf weiche, nach innen bezogene Plätze, treffen auf Landmarken mit starker Außenwirkung und historische Stätten prallen mit Neubauten und mit auf den Autoverkehr fokussierten Straßen zusammen.

    2. Konzept
    Ausgehend von den räumlichen und zeitlichen Kontrasten, die sich in der Analyse dargestellt haben ist Ziel des Konzeptes, auf die jeweiligen Gegensätze zu reagieren und zu einem neuen Ganzen zu verbinden. Die Quartiere der City of London werden gestärkt, um die Wohnqualität aufzuwerten und das Viertel wieder zu beleben.
    Durch die Inwertsetzung wichtiger Identitätspunkte (wie St Paul, Markthallen, Themse) wird der Charakter des jeweiligen Quartiers gestärkt. Jeder Identitätspunkt, der gleichzeitig auch den Angelpunkte, das Gelenk des Quartiers darstellt, benötigt einen adäquaten Freiraum, der die Orientierung gewährleistet. Der zeitliche und räumliche Dualismus wird betont, indem Barrieren aufgelöst und Plätze und Parks geöffnet werden.
    In einem zweiten Schritt werden die wichtigen Identitätspunkte Londons miteinander verknüpft. Es entsteht ein Netz, das sich auf die ganze Stadt ausweiten lässt. Dieses teils schon vorhandene Netz sorgt nicht nur für Orientierung in der Stadt, sondern arbeitet auch die Besonderheiten und Eigenmerkmale Londons heraus.

    3. Ausgestaltung
    3.1 Gestaltung St Paul Kirchplatz
    Den harten Kanten der St Pauls Kathedrale, muss ein weicher, durchlässiger Freiraum entgegengesetzt werden, um die Menschenmassen, die aus der anliegenden U-Bahn Station strömen, zu leiten. Ein großer offener Platz schafft Orientierung und bietet gleichzeitig Aufenthaltsmöglichkeiten für Besucher, oder Arbeiter in der Mittagspause. Der zeitliche Kontrast spiegelt sich in dem alten Baumbestand, der erhalten wird und einem neuen Wegebelag aus Naturstein wieder. Die Schule bei St Paul, die derzeit ein Hinderniss darstellt wird auf die andere Straßenseite verlegt, um den Platz zu fassen und seine Kanten zu schärfen. Die Innenwirkung des St Pauls Platzes wird dadurch gestärkt.

    3.2 Gestaltung Rotunda Kreisverkehr und Museum of London Ein ähnlicher Dualismus zeigt sich im Rotunda Kreisverkehr. Durch die Auflösung des Eingangsbereichs aus Backstein, zu einer freien Rampe, wird ein Kontrast zu der Wohnfestung des Barbican Centers, sowie den umgebenden kühlen Hochhausfassaden geschaffen. Dadurch erhält man einen durchlässigen offenen Platz, dessen Grundriss eine kritische Rekonstruktion des alten Gebäudes darstellt.

    3.3 Verbindungen
    Um bessere Orientierung in der Stadt zu erlangen erhalten die Verbindungen der Identitätspunkte eine ähnliche Gestaltung. Der Verkehr wird in allen Straßen beruhigt oder stillgelegt, um mehr Raum für Fußgänger und Radfahrer zu schaffen. Ausgehend von der Straßenraumanalyse werden städtebauliche Hindernisse (Schule neben St Paul, Essentia Newsagents Oktagon nördlich der Kirche, Rotunda Gebäude) entfernt, beziehungsweise umgestaltet und die Hauptverbindungsstraßen zu einem shared space umgewandelt. Neue Radverbindungen werden geschaffen und das Grünstrukturnetz ergänzt.

    3.4 Ökologisches Konzept
    Aufgrund großer Sommerhitzen und häufiger Starkregen- und Hochwasserereignissen, sind ökologische Eingriffe, die das Stadtklima regulieren erforderlich. Sowohl auf den Identitätsplätzen als auch in den neugestalteten wichtigen Straßenverbindungen (St Martin le Grand, Aldersgate, Cheapside) halten Retentionsbecken, in Form von 1m tiefen Absenkungen im Straßenraum das Regenwasser zurück. Damit kann der unregelmäßig stark auftretende Niederschlag reguliert werden. Zusätzlich gibt es in den Hauptverbindungsstraßen Regenwassersäulen, die das Regenwasser auffangen und über neue Leitungen in die Gebäude leiten, um sie mit Sekundärwasser (für Waschmaschinen, Toilette, Dusche) zu versorgen. Im Rotundakreisverkehr ist der innere Bereich ebenfalls als Regenrückhaltebecken abgesenkt.

    3.5 Belagsflächen
    Um die Innenwirkung des Vorplatzes des Mueseums zu verstärken, verdichten sich die Natursteinplatten zu den Außenkanten der umgebenden Gebäude und ihre Größe nimmt zu. Nach innen lockert sich das Belagsmuster auf, die Fugenbreiten nehmen zu und sorgen damit für eine ausreichende Bodenversickerung.
    Am Kirchplatz St Paul, der eine starke Außenwirkung hat, ist der Plattenbelag um die Kirche dichter und lockert sich nach außen auf. Die Verbindungen stellen schlussendlich den Übergang zwischen den Plätzen da und vermitteln zwischen dichten und aufgelockerten Plattenbelag. Dadurch werden die Besucher automatisch durch das Gebiet geleitet.

    3.6 Vegetationskonzept
    3.6.1 Prärievegetation (Aldersgate Straße)
    Durch die Öffnung des Barbican Komplexes ist die Aldersgate Straßen höherer Sonnenstrahlung ausgesetzt und ist im Vergleich zu den übrigen Straßenräumen von niedrigeren Gebäuden umgeben. Präriepflanzen sind optimal an diese Standortbedingungen angepasst und bringen durch ihre gelben Blütenfarben noch mehr Licht in den Straßenraum.

    3.6.2 Temporär überschwemmte Feuchtwiesen (Rotunda, St Martin Le Grand)
    Aufgrund häufiger Starkregenereignisse kommt es zu Überschwemmungen im Straßenraum. Abgesenkte Flächen im Straßenraum fungieren als Retentionsbecken. Gräser und Schwertliliengewächse, die natürlicher Weise in Feuchtwiesen zu finden sind, ertragen Staunässe und geben einen weißen Blütenakzent.

    3.6.3 Blue Bell Wood (St Paul U-Bahn, St Paul Churchyard)
    Der vorhandene Baumbestand an der St Paul Kathedrale entspricht einem kleinen Stadtwald. Blaue Geophyten und Farne verwandeln den Kirchgarten in einen englischen Blue Bell Wood, der im Frühjahr einen blauen Teppich unter den alten Bäumen ausbreitet.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Der Entwurf „Collision City“ thematisiert das figurative Kollidieren der einzelnen, durch die
    bewegte Geschichte Londons entstandenen städtebaulichen Elemente in dem meist durch die autogerechte Stadt geprägten urbanen Raum. Durch das Schaffen neuer, identitätsbildender Orte soll die Orientierung im Stadtraum verbessert werden. Dies gelingt durch die erwähnenswerte Neuordnung der Freiflächen um die St. Pauls Cathedral sowie durch die Verlegung der St. Pauls Schule und der innovativen Neugestaltung der UBahnhofsstation. Diese Orte nehmen als neue Angelpunkte eine wichtige Funktion im Stadtraum ein und stärken wohltuend die „Cultural Spine“.

    Dem Verfasser gelingt es durch den Rückbau der Rotunde, den sonst durch die Architektur geprägten Raum als neue Platz- und Eingangssituation zu öffnen. Die ehemalige Form der Rotunde wird durch eine spiralförmige Rampe als stufenlose Verbindung zu dem Eingang des „Museum of London“ neu interpretiert. Die Stilllegung bzw. teilweise Verlegung des motorisierten Verkehrs berücksichtigt das übergeordnete Straßenkonzept der City of London. Durch das Ausbilden eines Shared Space im Kreuzungsbereich (St. Martin Le Grand / Cheapside) wird die Verbindung der „Cultural Spine“ gestärkt.

    Durch partielle Absenkungen der Gehwegbereiche wird der ehemalige Straßenraum der „St. Martins Le Grand“ neu gegliedert und durch die Verwendung eines einheitlichen Vegetationskonzeptes aus Feuchtwiese und Präriestauden ökologisch aufgewertet. Durch die Pflanzungen werden die verschiedenen Räume gefasst und miteinander verbunden. Die Gestaltung der grünen Verbindung verspricht eine hohe Aufenthaltsqualität für die Besucher des Ortes.

    Mit der großzügigen Ausbildung neuer urbaner Situationen wie beispielsweise dem Umfeld der St Paul’s Cathedral gelingt dem Verfasser die bessere Vernetzung des städtischen Umfeldes mit der „Cultural Spine“. Der gewagte, großflächige Eingriff wird durch die Jury gewürdigt. Die Arbeit überzeugt durch ein schlüssiges Gesamtkonzept, welches auf allen Maßstabsebenen detailliert umgesetzt wird.

    Das Pflanzkonzept von „Collison City“ überzeugt mit seiner inhaltlichen Vernetzung der innerstädtischen Grünsysteme mit der querenden Flusslandschaft. Wie eine landschaftliche Fuge ziehen sich die Grünzonen zwischen den unterschiedlichen Stadtteilen hindurch, als grasbetonter Riverwalk entlang der Themse bis in die Außenbezirke von London. Auf eine klare und spannende Weise werden vom Fluss bis in die Tiefe des Stadtteils drei Schwerpunkträume ausgebildet und jeweils mit charakteristischen Pflanzkonzepten in unterschiedlichen Jahreszeiten betont. So spiegelt sich die ehrwürdige Ruhe des ehemaligen Friedhofs der St. Pauls Cathedral in einem blauen „Blue-Bell-Wood“ aus frühlingsblühenden Hyacinthoides non-scipta und Farnen unter Bestandsbäumen. In der Tiefe der Stadt wird eher auf den zu erwartenden Klimawandel, große Sommerhitze und häufige Starkregenereignisse reagiert und Feuchtwiesen als Teil des Regenwassermanagements vorgesehen. Der Schwerpunkt liegt bei der Bepflanzung auf weißen Blühakzenten im Frühsommer (Iris sibirica 'Viel Schnee', Gladiolus murielae, Molinia caerulea 'Dauerstrahl'). Im Kontrast dazu folgt schließlich noch ein dritter Aufenthaltsraum mit hellen, sonnigen und trockenen Flächen und Prärievegetation mit gelben Blühakzenten im Spätsommer. Das Baumkonzept ist eher unauffälig gehalten, so findet man entlang der Hauptstraßenachse jeweils Platanus orientalis. Insgesamt bietet das Pflanzkonzept in den Details zwar noch kleine Verbesserungsmöglichkeiten, arbeitet aber mit den gewählten Pflanzen sehr klare und sehr ortsangepasste Atmosphären heraus. Dieser besondere Pflanzausdruck mit spannenden Artenkombinationen und einer überragenden Darstellung verdient eine Karl-Foerster-Anerkennung.


INFO-BOX

Angelegt am 25.11.2014, 13:59
Zuletzt aktualisiert 12.12.2014, 12:48
Beitrags-ID 4-95329
Seitenaufrufe 7575

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