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  • 3. Preis

    Blick vom Campusband, © Konrath und Wennemar Architekten Ingenieure

    Architekten
    Konrath und Wennemar Architekten Ingenieure, Düsseldorf (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Harald Wennemar , Oliver Konrath

    Mitarbeit
    Tim Ribbrock, Stefan Luchmann, Margareta Michalowska, Johannes Lahme

    In Zusammenarbeit mit:
    Landschaftsarchitekten: FSWLA Landschaftsarchitektur GmbH, Düsseldorf (DE), Köln (DE)

    Preisgeld
    19.500 EUR

    Erläuterungstext
    Wohnen und Leben in einem Hochschulquartier - Erläuterungsbericht


    Der „Gute Hirte“ – Herzstück für die Quartiersentwicklung

    Das ehemalige Kloster „Guter Hirte“ prägt heute das Plangebiet. Durch die Umnutzung des Klosters zu ei-nem Wohngebäude und die Anordnung einer großen Grünfläche vor dem Kloster wird diese Prägung zu-künftig weiter gestärkt. Zwar werden die üppigen Grünflächen zwischen Bahngleisen und Kloster überwie-gend der geplanten Bebauung weichen müssen, dafür wird die Strahlkraft des Baudenkmales viel weiter als bisher über die geplante Grünfläche hinaus das gesamte Quartier prägen. Es wird zum Identifikations-punkt und bereits vom Campusband aus deutlich erkennbar sein.
    Ein dreieckig geformter Platz fokussiert den Blick vom Campusband kommend auf das Kloster hin und lädt zum Besuch der lärmgeschützten Grünfläche vor dem Kloster, dem Campus „Guter Hirte“ ein. Er stellt den zukünftigen Haupteingang zum Quartier vom Campusband aus dar. Diese Eigenschaft wird durch die Topo-grafie, die zum Campus „Guter Hirte“ gleichsam einem Amphitheater abfällt gestärkt. Die Platzfläche ist daher wie eine große behindertengerechte Freitreppe gestaltet. Im Zentrum der Entwicklung entsteht mit dem Campus „Guter Hirte“ ein Raum, an die studentische Qualität der zurückgezogenen, ruhigen Innenhöfe der Cambridger Colleges erinnert.


    Leben in allen Lagen – ein urban durchmischtes Wohnquartier

    Die u-förmige Erschließungsstraße, eine Mischverkehrsfläche, erschließt auf selbstverständliche und wirt-schaftlichste Art und Weise fünf Baufelder. Jedes Baufeld verfügt über ein eigenes Gesicht und eine eigene Prägung.
    Baufeld 1 und 3
    Westlich der Grünfläche werden zwei Baufelder mit hofartiger Bau-Struktur angeordnet. Eine torartige Öffnung der Baublöcke formt den Eingang von der Erschließungsstraße. Die Höfe haben so einerseits eine interne Wohnqualität und bilden andererseits eine Adresse zur Erschließungsstraße aus. In beiden Blöcken werden sowohl Gebäude mit ausschließlich geförderten Wohnungen angeboten, als auch solche mit einer Mischung beider Wohnformen und Gebäude ausschließlich mit frei finanzierten Wohnungen.
    Baufeld 2
    Im südlichen Baufeld befinden sich ein Kindergarten, sowie ein Gebäude, in dem frei finanzierte und geför-derte Kleinwohnungen konzentriert werden. Die Lage dieses Baufeldes als Bindeglied zwischen Campus-band und Campus „Guter Hirte“ bietet sich an, für die Anordnung des Kindergartens und eines Gebäudes mit Studentenwohnungen. Der Kindergarten erhält so eine direkte Vorfahrtmöglichkeit von der Erschlie- ßungsstraße aus und ist unmittelbar am Herz des Quartiers, dem Campus „Guter Hirte“ angeordnet. Zu-künftig ist er durch seine unmittelbare Lage am Campusband aber auch von dort zugänglich.
    Als Teil der Schallschutzwand wird hier ein Gebäude mit Studentenarbeitsplätzen angeboten, das die Wohnnutzungen im Quartier ergänzt. Das Gebäude verfügt auf der lärmbelasteten Ostseite über eine attrak-tiv (mit Lufträumen und Brücken) gestaltete Laubengangerschließung, die es ermöglicht die Kleinwohnun-gen wirtschaftlich zu erschließen und gleichzeitig ausschließlich zur ruhigen Westseite hin auszurichten.
    Baufeld 4
    Die Typologie des Klosters „Guter Hirte“ wird durch zwei Baukörper nördlich des Campus fortgesetzt. Sie bilden zusammen mit dem Kloster und dem westlichen Baufeld die Raumkante der Grünfläche und stärken den „College“ artigen Charakter der Grünfläche. Selbst in dieser „Premium“- Lage bieten wir die Möglich-keit ein Gebäude mit geförderten Wohnungen anzuordnen.
    Baufeld 5
    Auf der Nordseite des Grundstückes, die benachbarten Einfamilienhaussiedlung fortführend, und so die Akzeptanz der Neuentwicklung stärkend, werden Reihenhäuser (gefördert und nicht gefördert) angeordnet. Kopfbauten markieren die Eingänge zu den Hauszeilen und bilden entlang der Straße den Rhythmus.

    In Summe entsteht ein Quartier, das eine gesunde Durchmischung aller Wohnformen und Wohnungsgrö-ßen aufweist.



    Laut und doch Leise

    Die Lärmbelastung durch das Bahngelände macht eine besondere architektonische Antwort erforderlich. Schallschutzgrundrisse allein führen hier nicht zur Lösung. Die besondere Schwierigkeit liegt darin begrün-det, dass der Schall genau aus Süden kommt und bei der Anordnung einer Schallschutzbebauung die An-ordnung von Wohnräumen zur schallgeschützten Nord-Seite der Gebäude ausgeschlossen ist. Dies (nämlich die ausschließliche Anordnung von Wohnräumen nach Norden) verbietet bereits die Landesbauordnung. Wir schlagen daher die Anordnung von schallgeschützten Lichthöfen auf der Südseite der Gebäude vor. Wohnräume und Loggien können zu diesen Lichthöfen hin, nach Süden angeordnet werden und bieten so neben der Möglichkeit des lärmgeschützten Aussenaufenthaltes gleichzeitig die Möglichkeit am Leben des zukünftigen Campusbandes teilzuhaben und im Gegenzug über eine spannungsreich gegliederte Fassade, gleichzeitig das Campusband selbst zu beleben. Hierzu werden neben den Haupterschließungen der Ge-bäude aus den Innenhöfen der Baufelder heraus auch Eingänge zum Campusband hin angeordnet, so dass die Bewohner das Campusband ohne den Umweg über die Innenhöfe der Baufelder erreichen können.
    Die lärmschützende Bebauung weist zwei Lücken auf, die mittels einer im EG durchlässigen, gläsernen Schallschutzwand geschlossen werden.


    Das Quartier – Vielfalt in der Einheit

    Die klaren Gebäudestrukturen werden durch vielfältige Fassadenkonzepte gegliedert.
    So erhalten die Schallschutzriegel zur Bahntrasse hin eine rötliche Klinkerfassade mit quadratischen Fens-teröffnungen unterschiedlicher Größe. Dieses spielerische Element wird auf die Schallschutzwände über-tragen. Zum Campusband hin entsteht ein Gesicht, dass durch die Verknüpfung des ortsüblichen Klinker mit dem Spiel der quadratischen Glasfelder eine Anmutung schafft die die Ambitionen der zukunftsgerichteten Universitätsentwicklung begleitet, aber auch auf die Aachener Baukultur verweist.
    Zum Campus „Guter Hirte“ hin wechseln in Putz gestaltete Fassaden mit grau geklinkerten Gebäuden.
    Verbindendes Element bei allen Gebäuden sind die einheitlichen Fensterformate kombiniert mit Loggien und Balkonen ähnlicher Gestaltung. So wird trotz vielfältiger Außendarstellung ein einheitliches Erschei-nungsbild erzeugt. Hierzu tragen auch einheitlich gestaltete Schiebeläden und Akzentflächen bei, die den gestalterischen roten Faden durch das Quartier erzeugen.


    Entwicklungsleitfaden – das Quartier wächst!

    Die Entwicklung beginnt mit den Baufeldern 1, 2, und 3 in unmittelbarer Abfolge. Sie stellen den Lärmschutz des Gesamtquartiers über die Errichtung eines durchgängigen Schallschutzriegels sicher und ermöglichen erst die Erschließung der anderen Baufelder. Diese ersten Baufelder können unabhängig voneinander be-gonnen werden, da sie jeweils über eine eigene Tiefgarage mit Zufahrt von der Haupterschließungsstraße verfügen und die südlichen Baukörper jeweils durch den Schallschutzriegel am Campusband geschützt werden. Städtebaulich wird bereits mit Baufeld 1 ein Gegenüber zum Kloster „Guter Hirte“ geschaffen und die Grünfläche „Guter Hirte“ erhält erste Raumkanten.
    Es folgt das Baufeld 4, wiederum mit eigener Tiefgarage, das die Raumkanten zur Grünfläche komplettiert.
    Das Quartier wird durch die Errichtung der Einfamilienhäuser am Nordrand des Wettbewerbsgebietes ab-gerundet, die ebenfalls über eine eigene Tiefgarage verfügen.


    Ruhender Verkehr – ruhig Wohnen!

    KFZ Besucherstellplätze sind ausnahmslos oberirdisch entlang der Erschließungsstraße angeordnet.
    Alle erforderlichen KFZ Stellplätze sind in 6 x eingeschossigen, natürlich belüfteten, Tiefgaragen angeord-net, die den einzelnen Baufeldern zugeordnet sind und so einer abschnittsweisen Erschließung nicht ent-gegenstehen.
    Alle erforderlichen Fahrradstellplätze (1 Stpl. / Bewohner) werden in den Tiefgaragen (Fahrradabstellräu-me) untergebracht.
    Zusätzlich befinden sich in den Hauszugängen Farhrradstellplätze für Besucher (1 Stpl. / 10 Bewohner)


    Freiraumgestaltung

    Zentrales Element und Adresse für diesen Ort ist das Platzband an der Erschließungsstraße. Dieser Raum ist der Ort für Begegnungen, Kommunikation und Spielen. Zusammen mit der angrenzenden Grünfläche, dem Campus „Guter Hirte“ ergibt sich eine ruhige, grüne Mitte. Die drei Wohnblöcke werden über das Platzband erschlossen. Kleinere Erschließungswege verbinden das Quartier mit seiner Umgebung.
    Spiel-, Sitz- und Wasserflächen liegen locker verstreut an und auf den angrenzenden Freiräumen. Eine Baumallee akzentuiert den Raum zur Grünfläche hin. An der Kindertagesstätte entsteht mit einer Freitreppe eine großzügige Verbindung hin zum Campus West. Der Höhenunterschied wird mittels Stufen und Rampen überwunden. Die Blockinnenbereiche sowie die Kindertagesstätte erhalten eigene Aufenthaltsbereiche.
    Die erdgeschossigen Wohnungen bekommen Mietergärten. Die Dachflächen werden extensiv begrünt.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Das robuste städtebauliche Konzept setzt die Anforderungen der Auslobung auf den Ort bezogen geschickt um. Eine südliche Achse vom ehemaligen Kloster zum künftigen Campusband schafft eine räumlich prägnante innere Erschließung. Das historische Klostergebäude wird so zur unverwechselbaren Adresse für das neue Quartier.

    Das Erschließungssystem in Spangenform ermöglicht eine klare Orientierung. Die Straßen, Plätze und Freiräume bieten unterschiedliche stadträumliche Identitäten, sind wohlproportioniert und versprechen hohe Aufenthaltsqualität. Die Baufelder bieten trotz der unterschiedlichen Gebäudestrukturen ein harmonisches Raumgefüge. Das Stellplatz- und Garagenkonzept entspricht der kleinteiligen Logik der Baufelder. Der Standort der Kita im Südosten ist richtig gewählt.

    Die dargestellten barrierefreien Grundrisse sind gut geschnitten, allerdings werden die ausschließlich nach Nordosten orientierten Kleinwohnungen kritisch gesehen. Die halboffene Bauweise mit überschaubaren Häusern erlaubt eine typologische Mischung ebenso wie unterschiedliche Finanzierungsformen.

    Die architektonische Sprache ist solide und qualitätvoll. Begrüßt wird der Vorschlag, ein vielfältiges Bild durch eine differenzierte Fassadenmaterialität entstehen zu lassen, Die verglaste Schallschutzfassade zum Campusband verspricht Aufenthaltsqualität im verlärmten Bereich, bedarf jedoch hinsichtlich ihrer baulichen Umsetzungsmöglichkeit und der von den Verfassern beschriebenen Reversibilität weiterer Klärung. Die Realisierbarkeit der beiden Zugänge zum Campusboulevard mit gläsernen Schallschutzwänden erscheint in der dargestellten Filigranität zweifelhaft.

    Die Verfasser schlagen ein in seiner Hierarchie gut abgestuftes Freiraumgerüst vor. Die großzügige grüne Mitte fokussiert den Blick auf das identitätsstiftende Klostergebäude und lässt vielfältige Spielund Aneigungsmöglichkeiten erwarten. Die südliche Fassung durch eine doppelte Baumreihe und der geschickte Umgang mit der Topografie stellen eine gelungene Rahmung und einen Übergang zum attraktiv gestalteten öffentlichen Platz und Straßenraum dar. Die Feuerwehrrettungswege sind zu überprüfen.

    Mit 278 WE für 707 Bewohner wird die Wettbewerbsvorgabe geringfügig übertroffen. Die differenzierte Erschließung, die hochwertigen Baustrukturen und die Grundrissvariabilität versprechen vorbehaltlich der Realisierbarkeit des Schallschutzes eine wirtschaftliche Vermarktung. Die angestrebte Passivhausbauweise mit kontrollierter Lüftung macht eine energieeffiziente Wohnnutzung möglich.

    Das städtebauliche Konzept ist prägnant und dem Ort angemessen. Die Architektur der Gebäude ist grundsätzlich ebenfalls überzeugend, bedarf jedoch hinsichtlich der Wohnungsorientierung und des Schallschutzes der Überarbeitung und weiterer Untersuchung. Die Arbeit stellt einen individuellen und innovativen Beitrag zur gestellten Aufgabe dar.