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  • DE-10409 Berlin
  • 12/2014
  • Ergebnis
  • (ID 2-177873)

Wohnen an der Michelangelostraße


  • ein 3. Preis


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    Architekten
    meier.werner Architekten, Berlin (DE)

    Verfasser
    Nils Meier

    Mitarbeit
    Romy Werner

    In Zusammenarbeit mit:
    Landschaftsarchitekten: HOLZWARTH Landschaftsarchitektur, Berlin (DE)
    Verkehrsplaner: ASPHALTA Ingenieurgesellschaft für Verkehrsbau mbH, Falkensee (DE), Eberswalde (DE), Hennef (DE)

    Preisgeld
    17.000 EUR

    Erläuterungstext
    Im Wettbewerbsgebiet ist eine stadträumliche Situation vorzufinden, die typisch ist für den Wohnungsneubau nach sozialistischen Idealen in den fünfziger bis siebziger Jahren. Nördlich der Michelangelostraße überwiegen fünfgeschossige Zeilen, die aufgelockert und in einer geringen Dichte inmitten weitläufiger, halböffentlicher Grünflächen errichtet sind. Südlich der Michelangelostraße, entlang der Hanns-Eisler-Straße, befinden sich die 11-geschossigen Scheiben in Systembauweise, die gewissermaßen den nördlichen Abschluss des Mühlenkiezes bilden.

    Diese oben beschriebene Charakteristik gilt es nicht zu negieren, sondern auf eine Weise weiter zu entwickeln, die die vorhandenen Qualitäten bewahrt und dennoch die vorhandenen Potentiale für eine Nachverdichtung durch Wohnbebauung erschließt.
    Die sofort ins Auge fallende Qualität des Gebietes nördlich der Michelangelostraße sind sicherlich die attraktiven Frei- und Grünflächen, die stellenweise einen parkähnlichen Charakter tragen. In diesem Teil des Wettbewerbsgebietes soll die Neubebauung diese Grünflächen zonieren und erhalten, durch die Art der Bebauung aber auch schützen.
    Das Gebiet südlich der Michelangelostraße weist diese Qualitäten im Außenraum nicht auf. Hier herrschen brachenähnliche, nicht nutzbare Flächen mit wenig reizvollen, ausgedehnten Stellplatzflächen vor. Zielstellung muss es hier sein, durch geeignete Maßnahmen die vorhandenen Qualitäten im Außenraum des nördlichen Teils in den südlichen Teil herüber zu ziehen und doch das hohe Potential zur Nachverdichtung auszunutzen.

    Seien es die leerstehenden Wohnungen und Remisen oder die Baulücken und Brachen gewesen: die bis heute anhaltende Attraktivität der an das Gebiet angrenzenden Bezirke Prenzlauer Berg und Pankow verdanken diese Bezirke dem Nachwende-Mythos vom ‚unentdeckten Land’, von den Räumen, die nur darauf warten, in Besitz genommen zu werden.
    Inzwischen ist der Wohnraum gerade in diesen Bezirken knapp geworden, so dass eine Nachverdichtung auch wirtschaftlich sinnvoll wird.
    Der Entwurf orientiert sich in seinem Verständnis einer nachhaltigen und sozial verträglichen Entwicklung ausdrücklich an den Wünschen derer, die sich noch immer bewusst für diese Bezirke entscheiden. So sollen Aneignungsräume im bebauten und unbebauten Raum von Anfang an mitgedacht werden, und damit ein entscheidender Beitrag zur Erhaltung der Attraktivität des privaten und öffentlichen Raums geleistet werden.

    Städtebau

    Um die beschriebenen Ziele zu erreichen, besteht das städtebauliche Konzept aus folgenden einzelnen Komponenten.
    Die Michelangelostraße wird neugeordnet und unter Erhaltung ihres Fahrbahnprofils nach Süden verlegt. So wird den parkähnlichen Grünflächen nördlich davon Raum zur Ausdehnung nach Süden geboten, gleichzeitig entsteht südlich davon eine gut definierte Baufläche zwischen Michelangelostraße und Hanns-Eisler-Straße.
    Im nördlichen Teil werden jeweils zwei Bestandszeilen zusammengefasst durch einen neuen, U-förmigen Baukörper. Dadurch ergeben sich sowohl öffentliche Außenräume als auch eher private, halböffentliche Außenräume, die blockartig begrenzt und nach Nordosten offen sind. Dadurch entstehen vor den Lärmemissionen durch die Michelangelostraße geschützte Bereiche im neuen Blockinneren. Die neuen Gebäude greifen die Fünfgeschossigkeit der bestehenden Bebauung auf, an der Seite zur Michelangelostraße sind sie als Abschluss sechsgeschossig. Die Außenräume zwischen den neuen Blöcken tragen nach wie vor noch ihr hochwertiges Grün, dieses Grün wird konzeptionell über die Michelangelostraße hinaus fortgesetzt und transportiert so seine Qualität in die südlichen Bereiche, wo bisher ein Defizit in dieser Richtung bestand.
    Der Straßenraum der neugeordneten Michelangelostraße wird auf der südlichen Seite begrenzt durch eine Reihe von durch Sockel gefassten, 11- geschossigen Wohntürmen. Die Wohntürme tragen das horizontal aus dem Norden kommende Grün vertikal nach oben, in dem die vorspringenden Balkone der Türme Platz für eine in die Vertikale strebende Vegetation bieten. Die zweigeschossigen Sockel, die die Wohntürme in 2er- und 3er-Gruppen zusammenfassen bilden ein flexibles Raster für variable Nutzungen.
    Am östlichen Ende der Michelangelostraße bilden die neue Schule und die vorhandene Sportanlage eine Fläche mit campusartigen Charakter; diese unterbricht so die Reihe der hohen Wohnbebauung, bis diese ihren Abschluss in Form des 13-geschossigen Studentenwohnheim am äußersten östlichen Ende findet.

    Nutzungen

    So wie die bestehende Bebauung, wird auch die neue Bebauung ganz überwiegend als Wohnen genutzt. In nördlichen Teil, in den 5-6-geschossigen Neubauten sollen alle Geschosse, auch das EG, grundsätzlich als Geschosswohnungsbau errichtet werden. Durch die geplante Erschließung als Zwei- und Dreispänner ergeben sich bei einer am Bestand orientierten Gebäudetiefe von 10m bis 12m Wohnungsgrößen zwischen 50 m² und 110 m². Sie entsprechen damit den geforderten Wohnungsgrößen. Die geplanten Gebäude sind als von Wohnungsbaugesellschaften errichtete Mietwohnungen gedacht, punktuell werden Standorte für Baugruppen vorgehalten.

    Die im nördlichen Teil gelegenen und bereits vorhandenen Nutzungen, die keinen Wohnungsbau darstellen, wie Kita, Ärztehaus oder Fernwärmestation, werden entweder erhalten, oder dort, wo die schlechte Bausubstanz einer sinnvollen Nutzung im Wege steht, in die geplante Neubebauung eingebunden.

    Im nördlichen Teil findet auch die neue Kita ihren Platz, da sie von ihrer Nutzungsart sinnvollerweise hier inmitten der attraktiven Grünflächen angeordnet ist.
    Auch im südlichen Teilgebiet ist die Nutzung überwiegend Wohnen. Die Wohntürme selbst sind reine Wohngebäude. Sie sind durch ein Sicherheitstreppenhaus als Dreispänner erschlossen und ermöglichen so auch etwas größere Wohnungen, um für eine zukünftige, vielfältige Bewohnerstruktur offen zu sein. Die Sockelbauten dagegen, auf denen die Wohntürme stehen und die sie fassen, stellen ein Raster dar, dass offen ist für eine hybride und flexible Nutzung. Hier sollen den Bewohnern des neuen Quartiers potentielle Aneignungsräume angeboten werden, analog zu denen der Grünflächen im nördlichen Teil.

    Daneben werden in den Sockelbauten Nutzungen wie das Ärztehaus und - in beschränktem Maße - Einrichtungen zur Nahversorgung wie kleinteiliger Einzelhandel und Gastronomie ihren Platz haben.

    Am südöstlichen Ende der linearen Struktur der gesockelten Türme sind als eine Sondernutzung, in der Nähe der Sportanlage, die neue Schule und die neue Sporthalle zu finden.

    Den Abschluss bildet dann wieder die Nutzung Wohnen in Form eines starken städtebaulichen Akzents. Hier wird eine spezielle Nutzung durch Studentenwohnungen vorgeschlagen, um dem stark vorhandenen Bedarf daran Rechnung zu tragen.

    Freiraumstruktur

    Die Freiräume zwischen Hanns-Eisler-Straße im Süden und der Gürtelstraße im Norden sind sowohl in der unterschiedlichen Charakteristik der entstehenden neuen Bebauung, als auch in ihren Nutzungen und Intensitäten stark verschieden.

    Die Michelangelostraße zoniert diese unterschiedlichen Freiraumtypologien in Zukunft, ohne sie zu trennen. Stattdessen wird durch die Verringerung des bislang großen und nicht nutzbaren Straßenraums, sowie durch die Neuanlage von grünen Verknüpfungen in Nord-Süd-Richtung eine stadträumliche Vernetzung hergestellt. Auf diese Weise wird der urbane und lebendige Freiraum um die Hanns-Eisler-Straße mit den ruhigeren und geschützten Grünbereichen im Norden verbunden.

    Im Norden werden die großen parkartigen Grünstrukturen des Jüdischen Friedhofs und des Volkspark Prenzlauer Berg, ebenso wie die angrenzenden Kleingartensiedlungen, durch das neue Quartier hindurch mit den Grünflächen im Süden (Einsteinpark) und Südwesten (Ernst-Thälmann-Park) verknüpft. Dazu werden entlang der neuen Erschließung zwischen Gürtel- und Michelangelostraße Quartiersplätze angelegt, die zur Verkehrsberuhigung und zur Verbindung der nördlichen Grünanlagen und halböffentlichen Infrastrukturen mit den Wohnhöfen beitragen. Diese öffentlichen Plätze schaffen zugleich die Bezüge und Zugänglichkeit zu den halböffentlichen Grünräumen der Höfe. Hier legt die sich ein Patch von Mieter- und Gemeinschaftsgärten über die bestehenden Wiesenräume und integriert den teils wertvollen Baumbestand in eine nachhaltige Grünstruktur.

    In Nord-Süd-Richtung verlaufende Mulden-Rigolensysteme sorgen hier für ein nachhaltiges Regenwassermanagement und dienen strukturell der Abgrenzung der privaten Gartenbereiche der Erdgeschosse von den halböffentlichen Grünflächen.
    Die Hanns-Eisler-Straße, die nach Norden von der neuen Bebauung gefasst wird, erhält mit dem verkehrsberuhigten und durch kleine Plätze rhythmisierten Straßenraum einen lebendig-urbanen Charakter. Dabei sollen sich die öffentlichen und halböffentlichen Nutzungen der Sockelgeschosse mit dem öffentlichen Freiraum in Beziehung setzen und neue Qualitäten schaffen. Kleine Spiel- und Freizeitangebote, Straßencafé und öffentliche Nutzungen beleben und aktivieren den Straßenraum als nutzbaren urbanen
    Freiraum.

    Verkehr

    Die Haupterschließungsachse des Gebietes bleibt die Michelangelostraße. Sie dient nach wie vor auch der übergeordneten Erschließung. Die Kreuzungsbereiche im Bereich Greifswalder Straße und Kniprodestraße bleiben in ihrer Form erhalten; die Michelangelostraße weist in jeder Fahrtrichtung 2 Fahrbahnen und einen Radweg auf. Neue Straßen im nördlichen Teil dienen dem Erschließungsverkehr innerhalb des Gebietes, wobei die schon vorhandene Thomas-Mann-Straße und zwei weitere in Nord-Süd-Richtung verlaufende Straßen den Anschluss an den südlichen Teil des Wettbewerbsgebiets und an den Mühlenkiez herstellen

    Neben Wegen, die ausschließlich dem Fußgängerverkehr zu den Hauseingängen und den Rettungsfahrzeugen dienen, gibt es eine neue Durchwegung für Fahrräder und Fußgänger parallel zur Michelangelostraße, die durch neu gebildeten, zonierten Grünflächen zwischen der neuen Bebauung führt.
    Grundsätzlich wird der Stellplatzbedarf, der durch die Neubauten entsteht, mittels Tiefgaragen gedeckt, daneben werden in beschränktem Maße auch oberirdische Stellplätze vorgesehen.

    Technische Infrastruktur

    Durch die neue Bebauung werden die vorhandenen Leitungen, insbesondere die Fernwärmeleitungen, nicht berührt.

    Maßnahmen zum Schallschutz

    Durch die vorgeschlagene Struktur der Bebauung auf beiden Seiten der Michelangelostraße werden sowohl Verbesserungen hinsichtlich des Schallschutzes für die bestehenden Gebäude als auch für die neue Bebauung selbst erreicht.
    Die neuentstandenen halböffentlichen Bereiche innerhalb der entstehenden U-förmigen Bebauung im nördlichen Teil sind durch die Kopfbauten parallel zur Michelangelostraße sehr stark vor Schallemissionen durch die Michelangelostraße geschützt, in diesen Bereichen entstehen ruhige, vor dem Lärm geschützte Außenbereiche. Für die Kopfbauten selbst, die parallel zur Michelangelostraße angeordnet sind und die unmittelbar dem Verkehrslärm ausgesetzt sind, werden sehr durch Vor- und Rücksprünge gegliederte Fassaden vorgeschlagen. Durch die starke Gliederung wird so gem. Tabelle 7 der RLS-90/6 eine Reflexionsverlust erreicht und so der Schallpegel erheblich abgemildert. Loggien an der Straße werden durch verschiebbare Prallscheiben geschützt.

    Auch die Bebauung südlich der Michelangelostraße ist stark gegliedert und erzielt so einen Reflexionsverlust. Zusätzlichen Schutz vor Lärmemissionen bietet das Konzept der intensiven Begrünung der Dächer der Sockelbauten und die vertikale Begrünung der Balkone der Wohntürme.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Der Entwurf besticht durch die konzeptionelle Klarheit seiner städtebaulichen Setzungen.

    Im Bereich nördlich der Michelangelostraße wird der Bestand der Wohnzeilen aus den 50er Jahren sensibel ergänzt. Dabei werden je zwei Zeilen durch eine straßenbegleitende Bebauung zu Höfen geschlossen.

    Auch die weiteren Ergänzungen im nördlichen Bereich sind nachvollziehbar und schaffen klar gegliederte Stadträume. Dabei entstehen gute, den Wohnungen zugeordnete, private und öffentliche Freiräume.

    Südlich der Michelangelostraße wird eine Bebauungsstruktur aus 10 bis 13 Stockwerke hohen Hochhäusern auf einem zweigeschossigen Sockel angeboten.

    Auf der einen Seite definiert diese dominante Bebauungsstruktur den Straßenraum der Michelangelostraße. Auf der anderen Seite bleiben durch die möglichen Durchblicke zwischen den Hochpunkten die 11geschossigen Wohnscheiben des Mühlenkiezes Teil des Stadtraums der Michelangelostraße.

    Dies wird von der Jury als stadträumliche Qualität anerkannt, die dem Maßstab der Großsiedlungsbauten gerecht wird. Leider wird der Entwurf dem nur auf konzeptioneller Ebene gerecht.

    Für die spätere Umsetzung ist die Verlegung der Michelangelostraße mit Kosten verbunden, denen kein wirklicher Nutzen gegenübersteht.

    Auch die Bebauungsstruktur der 18x18m großen Hochhäuser wird als unwirtschaftlich bewertet. Hier steht eine zu geringe Grundfläche dem Aufwand eines Sicherheitstreppenhauses entsprechend der Hochhausrichtlinien gegenüber.

    Ebenso wird von Teilen der Jury der tatsächliche Nutzen der 26m tiefen zweigeschossigen Sockelgebäude angezweifelt. Ob sich die Sockel finanzieren lassen und sich später wirklich eine sinnvolle flexible Nutzung findet, bleibt unklar.

    Insgesamt ist die Arbeit gerade im nördlichen Bereich sowie im Bereich der Schule und des Sportstandorts sehr sorgfältig durchgearbeitet und liegt bei den städtebaulichen Kennzahlen im oberen Drittel.

    Allerdings wird die Bebauungsstruktur südlich der Michelangelostraße sehr kontrovers diskutiert und es bleiben Zweifel, ob sich am Ende der urbane Eindruck der stadträumlichen Perspektive wirklich einstellt.


INFO-BOX

Angelegt am 22.12.2014, 11:49
Zuletzt aktualisiert 09.01.2015, 14:34
Beitrags-ID 4-97049
Seitenaufrufe 286

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