loading
  • DE-53111 Bonn
  • 01/2015
  • Ergebnis
  • (ID 2-189806)

Baumschulwäldchen


  • 1. Preis

    Blick vom Gärtnerhaus in das Baumschulwäldchen, © scape Landschaftsarchitekten

    Landschaftsarchitekten
    scape Landschaftsarchitekten, Düsseldorf (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Matthias Funk , Hiltrud Maria Lintel , Prof. Rainer Sachse

    Mitarbeit
    Valentin Dreisen, Marleen Hügel, Ben Zemke

    In Zusammenarbeit mit:
    Visualisierer: Tim Erdmann, Hamburg (DE)

    Preisgeld
    8.000 EUR

    Erläuterungstext
    Das Baumschulwäldchen ist ein wichtiger grüner Baustein und Begegnungsraum für das Quartier. Es übernimmt als Trittstein zwischen Innenstadt und Musikerviertel eine bedeutende Stellung im Stadtgefüge.

    Das Konzept steht für einen Park neuen Typs, der Naturerleben in der Stadt ermöglicht und zugleich urbanen Nutzungsansprüchen Rechnung trägt. Es entsteht eine robuste Freifläche, deren Baumbestand im westlichen Teil entsprechend seiner Bezeichnung „Wäldchen“ zu einer Art Naturwald-Insel, dem sogenannten „Naturwäldchen“ entwickelt wird. Im östlichen Bereich besinnt sich der Park auf seine historische Funktion als Baumschule: Am ehemaligen Gärtnerhaus entsteht das „Botanische Wäldchen“, das Gehölze mit besonderem Blatt-, Farb- und Blütenaspekt aufnimmt. Das Baumdach soll hier insbesondere durch lichte Baumarten gebildet werden, die durch feingliedrige, helle Blätter und weiße bzw. gelbe Blüten eine freundliche Atmosphäre schaffen. Goldakazien und Blumen-Eschen überstellen den Raum. Rotlaubige Zieräpfel setzen dezente Farbtupfer. Die Neupflanzungen erfolgen analog der Baumstellung in einer Baumschule im Raster. Die prägenden Bestandsbäume bleiben erhalten, sie integrieren sich harmonisch in das Konzept. In beide Teilbereiche werden Spielangebote integriert; ein Schwerpunkt wird im Naturwäldchen mit einem innovativen Wald-Spielplatz gesetzt.

    Zur Ausbildung der Waldinseln wird ein großzügiger Rahmen als Wegefläche geschaffen. Dieser Rahmen vernetzt den Park mit den angrenzenden Stadträumen. Entlang des Wittelsbacherringes wird eine straßenbegleitende Allee ausgebildet. Im übrigen Straßenraum sind Baumreihen projektiert.

    Damit ein einladender, offener Stadtraum entsteht, der trotz des alten Baumbestandes stets die nötige Sozialkontrolle erlaubt, werden das Unterholz entfernt und großflächige Rasen- bzw. Wiesenflächen angelegt. Die Mähhäufigkeit und Pflege der Wiesen wird an die Nutzungsintensität angepasst. Ein flexibles Parkbild entsteht. Die bereits vorhandenen Geophyten (gelber Milchstern und Wildtulpe) sollen gefördert werden. Durch die Ergänzungen weiterer Geophyten sollen großflächige Teppiche aus gelb-weißen Frühlingsblühern entstehen, die im Laufe der Zeit verwildern.

    Das Vegetationskonzept soll schrittweise umgesetzt werden. Vitalitätseingeschränkte Gehölze werden behutsam entnommen und an geeigneten Stellen Neupflanzungen ergänzt, um das gewünschte Endbild zu erzeugen. Die Bäume werden bei Bedarf aufgeastet. Die Eingriffe in das Naturwäldchen sollen sich auf ein Mindestmaß reduzieren, so dass die Dynamik aus Werden und Vergehen ablesbar wird. Dadurch entsteht ein Stadtwald als modernes, städtebauliches Element, der im Sommer als Wärmepuffer dient, zur Frischluftproduktion beiträgt und damit die Klimaziele der Stadt unterstützt.

    Das Wegesystem wird vereinfacht und die Oberflächen durchgehend als wassergebundene Wegedecke befestigt. Die Hauptwegeverbindung in Ost-West-Richtung verknüpft die beiden Teilbereiche des Baumschulwäldchens und zeichnet die wichtige Verbindung zur Innenstadt nach. Die Wegeflächen dienen dabei sowohl zum Promenieren und Aufenthalt als auch dem Bewegungsspiel. Im Bereich des Gärnterhäuschens weitet sich die wassergebundene Decke zu einer Platzfläche auf, die auch Raum für eine Außenbestuhlung mit gastronomischem Angebot bietet. Dieser Platz bildet den Auftakt für den Park; die Anbindung an den Beethovenplatz gelingt wie selbstverständlich. Die Trennwirkung der Fahrbahnen soll durch einen Farbwechsel im Asphaltbelag reduziert und die Straßenquerung hierdurch nachgezeichnet werden. Der den Park umfassende Schmuckrahmen aus Kleinsteinpflaster bleibt erhalten und nimmt den ruhenden Verkehr auf.

    In Anlehnung an die ehemalige Nutzung als Baumschule und zur Schaffung eines besonderen Spielangebotes werden farbige Holzstäbe und naturfarbene Hölzer im Zentrum des Naturwäldchens zu einer Spielstruktur zusammengesetzt. Diese bezieht auch Bestandsbäume mit ein. Durch die Ergänzung von Seilen, Netzen, Schaukeln und Rutschelementen entsteht eine außergewöhnliche Spiellandschaft, die sich die Kinder eigenständig aneignen. Als Adaption der im Park stark vertretenen Baumart Rosskastanie stellen „Wackelkastanien“ ein weiteres kleines Spielangebot dar. Im „Botanischen Wäldchen“ ermöglichen schräg aufgestellte Holzstäbe das Aufspannen von Slacklines.

    Die Aufenthaltsqualität wird durch das Aufstellen von Bänken an geeigneten Stellen gesteigert. Auch der Beethovenplatz soll neue Bänke erhalten. Ferner ist eine angemessene Zahl an Abfallbehältern vorgesehen. Die Ehrenmale bleiben an ihrem Standort und sind adäquat im Wegesystem platziert. Die Steinsäule wird in östlichem Eingangsbereich verortet.

    Das Baumschulwäldchen soll zukünftig auf vielfältige Art und Weise Natur in der Stadt erlebbar machen. Dabei integriert es sich wie selbstverständlich in das urbane System und wird so zu einem multifunktional nutzbaren, imageprägenden grünen Baustein der Stadtlandschaft.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Den Verfassern gelingt es durch geschickte Zonierung in die zwei Bereiche „Naturwäldchen“ und „Botanisches Wäldchen“ den Park neu zu interpretieren.

    Sie greifen damit aktuelle Themen wie Naturerlebnis, Klimawandel, nutzerorientierte Aneignung auf, stellen aber gleichzeitig den Bezug zu den historischen Schichten der fürstlichen Baumschule und des gründerzeitlichen Parks her. Es entsteht ein spannungsvoller Ort, der durch ein gelungenes Wegekonzept in den Stadtraum integriert wird.

    So rahmt straßenbegleitend eine großzügige, einladende Promenade den gesamten Park. Sie lockt in den Park, bietet reizvolle Einblicke, überzeugt aber auch durch hohe Nutzungsqualität. In dieses Passepartout spannen die Verfasser ein neues Wegenetz, das an die Stadtstruktur optimal anbindet. Eine an der Struktur der ehemaligen Baumschule angelehnte Achse führt diagonal durch den Park und zielt mit seiner Ausrichtung sowohl auf die Innenstadt als auch auf die Fontäne des Beethovenplatzes, der damit unprätentiös, aber deutlich angebunden wird.

    Aufgefädelt auf diese Achse gehen die weiteren Wege sehr eindeutig auf wichtige Wegebeziehungen ein. Gleichzeitig gliedern sie den Park in überschaubare, gut nutzbare Räume, die Licht und Schatten bieten.

    Das „Botanische Wäldchen“ wird sinnvoll am barocken Gärtnerhäuschen verortet und durch im Raster stehende kleinkronige Bäume mit besonderem Farbspiel in Blatt bzw. Blüte symbolisiert. Diese werten das bauliche Kleinod deutlich auf und schaffen einen atmosphärischen Ort von hoher Aufenthaltsqualität an diesem prominenten Parkeingang. Im Kontrast dazu wird das „Naturwäldchen“ durch die lockere Baumstellung symbolisiert.

    Auch die Spielanlässe sind gut positioniert und zwar einmal in der zentralen Lichtung des Naturwäldchens, zum anderen als Angebot für Jugendliche im Bereich des Botanischen Wäldchens nahe des Platzes am Gärtnerhaus.

    Mit der Betonung auf „Wäldchen“ wird das Entwicklungsziel der Verfasser für die Vegetation deutlich, die ein lockeres Baumdach mit kleinen Lichtungen als langfristige Entwicklungsperspektive vorsehen. Auf Sträucher und Stauden- bzw. Gräserpflanzungen wird bewusst verzichtet, lediglich die Geophytenflächen werden erweitert. So zeichnet sich der Park durch viel Raum, hohe Transparenz und gleichzeitig hohe Nachhaltigkeit aus, da er pflegeextensiv konzipiert ist.

    Der Beitrag bietet ein robustes Konzept, das zum einen den Ideen aus dem Masterplan Innenstadt gerecht wird und zum anderen in der langfristigen Entwicklung hervorragend den Bedürfnissen der Nutzer, aber auch den Herausforderungen des Klimawandels in den Städten und in Bezug auf ökologische Anforderungen angepasst werden kann. Durch die geschickte Gliederung und Erschließung wird in dieser dichten Stadtstruktur deutlich mehr nutzbarer Raum gewonnen.

    Der vorgegebene, knappe Kostenrahmen wird voraussichtlich überschritten, dem stehen wegen des nachhaltigen Konzepts geringe Unterhaltungskosten gegenüber.


INFO-BOX

Angelegt am 27.01.2015, 10:08
Zuletzt aktualisiert 03.07.2015, 17:29
Beitrags-ID 4-97907
Seitenaufrufe 1061