Prof. Manfred Grohmann im Interview mit JUNG. Oder warum man nicht nur den Kritikern gefallen sollte.

Gute Architektur sollte ….
… nicht nur den Kritikern gefallen. Architektur ist nur dann gut, wenn sie vielen anderen Menschen im Alltag auch gefällt.

Architekten sollten …
… verantwortlicher arbeiten. Das gilt nicht nur für die Architekten, das gilt genauso auch für uns Ingenieure. Wir nähern uns den Zeiten, wo ein Gespräch über das Wetter jede Unschuld verliert. Man wird über die globale Erwärmung und die Konsequenzen sprechen müssen und wir tragen alle ganz massiv dazu bei. Noch sind unsere Beiträge, den Klimawandel einzudämmen, viel zu zaghaft.

Gibt es Gebäude, die bei Ihnen eine besondere Leidenschaft auslösen?
Ich war gerade am Wochenende in Essen und jedes Mal, wenn ich über die Sauerlandlinie zurückfahre, halte ich an der Autobahnkirche Siegerland. Das ist eines meiner Favoriten. Gemeinsam im Wettbewerb mit schneider+schumacher entstanden und dann auch so umgesetzt. Sehr schön! Und das ist auch ein Gebäude, das nicht nur die Kritiker begeistert, sondern auch die vielen Menschen, die vorbeikommen.

Wovon lassen Sie sich inspirieren?
Von allem Lebenden. Junge Menschen, alte Menschen, Kunst, Literatur, alles. Für uns war es besonders wichtig - sonst wäre Bollinger + Grohmann auch nicht da, wo wir heute sind - dass sowohl ich als auch mein Partner seit Jahrzehnten in der Lehre tätig sind. Sehr viele gute Ideen kommen von den jungen Menschen, von den jungen Studierenden.

Was war Ihr bislang größter Erfolg?
Das ich gesund so alt geworden bin. Das Leben ist so kurz und das Eis ist so dünn, auf dem wir uns alle bewegen. Das sollte man sich immer bewusstmachen. Ein Erfolgsrezept dafür: Spaß bei der Arbeit haben.

Welches Projekt steht bei Ihnen als nächstes an? Woran arbeiten Sie gerade?
Wir befinden uns gerade in einer ganz spannenden Phase. Wir planen mit Wilmotte et Associés das neue Hauptquartier für Arcelor Mittal in Luxemburg. Ein komplexes Hochhaus mit einem Exo-Skeleton aus Stahl. Und dann gibt es das FOUR mit UNStudio, direkt neben dem OMNITURM. Das sind vier Hochhäuser in der Innenstadt Frankfurts. Das sind gerade die beiden Projekte, die mich in den letzten Tagen beschäftigt haben.

Wie wichtig finden Sie den öffentlichen Diskurs über Architektur?
Sehr wichtig! Architektur ist gebaute Umwelt, in der wir uns tagtäglich bewegen. Sie ist das, was wir täglich wahrnehmen, was uns prägt. Daher muss man über Architektur auf jeder Ebene diskutieren. Nicht nur über Museumsbauten, auch über Brücken und andere Ingenieurbauwerke und über die Bauten, die in Gewerbegebieten entstehen.

Worin sehen Sie die künftigen Herausforderungen für Architekten?
Das ist der Umgang mit unserer Zukunft. Wie schaffen wir es, die gesteckten CO2 Reduktionsziele zu erreichen. Darin sehe ich die große Herausforderung für alle Bauschaffenden.

Was raten Sie jungen Architekten?
Allen jungen Menschen und insbesondere jungen Architekten rate ich, das zu tun, was sie gerne machen. Aber das dann auch mit allem Herzblut, das man hat!

Wenn Sie nicht Bauingenieur geworden wären, was wären Sie heute?
Wahrscheinlich würde ich Flugzeuge bauen, denn mir liegt das Konstruktive. Ich bin überzeugter Ingenieur.

 

Der OMNITURM bietet aufgrund seines charismatischen „Hüftschwungs“ Komplexität in der Tragwerksplanung: 

Die Verschiebung der Sockel- und Wohngeschosse auf der Vertikalebene stellte die erfahrenen Ingenieure vor diverse Herausforderungen. Auch der innerstädtische Standort des Projektes erforderte ein Umdenken bei Prof. Manfred Grohmann und seinem Team. In einem spannenden Vortrag führte Grohmann uns durch die Tragwerksplanung des OMNITURM und lieferte Einblicke in weitere Hochhausprojekte von hoher Relevanz – wie etwa dem neuen Areal der deutschen Bank, FOUR.