modgnikehtotsyek
ALLE WETTBEWERBSERGEBNISSE, AUSSCHREIBUNGEN UND JOBS Jetzt Newsletter abonnieren

Nichtoffener Wettbewerb | 12/2008

ArchÀologischer Landschaftspark Erftstadt

Anerkennung

LĂŒtzow 7 MĂŒller Wehberg Landschaftsarchitekten

Landschaftsarchitektur

magma architecture

Architektur

ErlÀuterungstext

„FĂ€hrten. Wege. Straßen. Bahnen“

Der Wunsch nach MobilitÀt in Raum und Zeit ist ein uralter Traum der Menschheit.
Bewegen und Sehen sind biologische GrundbedĂŒrfnisse des Menschen. Die Koordination von Motorik und Sensorik stellen den Beginn menschlicher TĂ€tigkeiten wie Wahrnehmen, FĂŒhlen, Wollen und Nachdenken dar.

Von den ersten vorgeschichtlichen Spuren/ FußabdrĂŒcken fĂŒhrt die Geschichte der menschlichen MobilitĂ€t ĂŒber FĂ€hrten, Pfade und Wege. Daraus entstanden befahrbare Straßen und Autobahnen. SpĂ€ter hob der Mensch ab von der Erde und bewegte sich auf Flugrouten und mit Raketen in Flugbahnen. Eng verwoben mit der Bewegung ist die Rast und die Entstehung von Siedlungen.

Der mit dieser Arbeit vorgelegte Vorschlag zur Entwicklung und Gestaltung des ArchĂ€ologischen Landschaftparks Erftstadt erlĂ€utert die Themen der MobilitĂ€t des Menschen vor dem Hintergrund des vorgefundenen Reliktes von vor 2000 Jahren und bietet Angebote fĂŒr Freizeit, Erholung und Rast, Information zum Landschaftsraum, ArchĂ€ologie und MobilitĂ€t.
In einem weiten, an die AgrarflÀchen angrenzenden Wiesenfeld begeben sich die Besucher auf Spurensuche. Jedes Jahr können hier neue FÀhrten gelegt werden, die sie gehen und/ oder fortsetzen können. Mit der Nutzung werden sich Hauptrichtungen herauskristallisieren. Es entstehen von ihnen selbst generierte Pfade, die im Rahmen der Unterhaltung in einfacher Art befestigt werden können und somit einen dauerhaften Charakter erhalten.
Parallel dazu wird ein dauerhaft angelegter und wetterfester Weg angeboten, der mit seiner LĂ€nge einschließlich des Bodendenkmals Agrippa einer Römischen Meile entspricht: der Panoramaweg Römische Meile. Unterschiedliche historische und auch zeitgenössische Wegeaufbauten werden als Teil des Weges im Bereich des Parkplatzes in verschiedenen Schauabschnitten dargestellt.

Die Wissbegierde leitet die Besucher ĂŒber die Pfade und/ oder den Panoramaweg durch den von Waldparzellen gerahmten Erlebnisraum, vorbei an „Agrarschaufenstern“ und Ruderalflur, zur ersten Rast im Pavillon zwischen Haupteingang und Römerstraße. Die Landmarke ist von weitem sichtbar und zieht den Suchenden an. Der Informationspavillon, der entlang der K44 eine Grenze und einen Anfang der BesucherfĂŒhrung durch den ArchĂ€ologischen Landschaftspark definiert, tritt deutlich sichtbar ĂŒber der ErdoberflĂ€che hervor. Der Pavillon besteht aus einem Eingangsbereich und einer Indoor-Ausstellung, die in den Landschaftspark und das Thema Agrippa einfĂŒhrt. Über eine Rampe in der Ausstellung wird der Besucher unter die Erde geleitet. Von dort aus betritt er die Außenausstellung des ArchĂ€ologischen Landschaftsparks. Seitlich ist als ErweiterungsflĂ€che eine weitere Rampe angefĂŒgt, die in Höhe fĂŒhrt und am Ende einen Panoramblick ĂŒber das GelĂ€nde freigibt. Eine auf die Fensterscheiben aufgebrachte Panoramagrafik erlĂ€utert den Besucherpfad durch den Park. Ein kleines CafĂ© und einige Sitzstufen beim Fenster dienen der Reflexion.

Das Ziel der Pfade und des Panoramaweges Römische Meile ist die Straße- die 2000 Jahre alte Römerstraße.
Römerstraßen waren zu ihrer Zeit imperiale, schnurgerade Straßen, die einst keine Hindernisse und Grenzen kannten, die der „wilden“ Landschaft Struktur und Ordnung gaben. Aufgrund der Tatsache, dass das Relikt an dieser Stelle nur noch in drei Abschnitten rudimentĂ€r vorhanden ist, es selbst schon Teil der „wilden“ Natur bzw. Agrarlandschaft wird und in das Bodendenkmal im sĂŒdlichen Abschnitt nicht eingegriffen werden soll, werden in diesem vorgelegten Entwurf Maßnahmen ergriffen, die die Abschnitte stĂŒtzen und wieder zusammenfĂŒhren.

Vegetation
Römerstraßen waren nicht von Baumreihen oder Alleen begleitet. Diese Mittel hier zu wĂ€hlen, wĂ€re falsch und geschichtsfĂ€lschend. Statt dessen werden dichte Baumpakete entlang der Agrippa erhalten, neu gepflanzt und gegebenenfalls ausgelichtet.


:erlebnisweg Römerstraße
Über einen Hindernis ĂŒberwindenden Weg, der ĂŒber die Autobahn und die Erft fĂŒhrt, werden die einzelnen drei Abschnitte der Agrippa zusammengefĂŒgt; es entsteht der :erlebnisweg Römerstraße. An den Schnittstellen dieser beiden Wegkomponenten entstehen verschiedene Stationen, die mit unterschiedlichen Themen inszeniert und VerknĂŒpfungen zu umgebenden Orten hergestellt werden.

Wegeaufbau – Abschnitt 1 bis 3 der Agrippa
1 Der unter Denkmalschutz stehende Abschnitt der Agrippa wird erhalten und gepflegt. Auf dem 6m breiten Weg kann gelaufen werden. Die SeitenflÀchen des insgesamt 22m breiten Streifens werden als Rasen angelegt.
2 Der Abschnitt zwischen der Autobahn und Erft steht nicht unter Denkmalschutz und wird möglichst als Interpretation hergestellt. Wiesenstreifen begleiten den Weg. Als SchaustĂŒck kann hier der römische Straßenbau nachvollzogen werden.
3 Der Abschnitt zwischen Erft und Erftstadt- Frauenthal verlĂ€uft nahezu parallel zum bestehenden Weg. Dieser sollte auch weiterhin genutzt werden. Die Agrippa wird als Rasen und Wiesenstreifen hervorgehoben. Stellenweise werden vom Bestandsweg „Teppiche ausgerollt“, die die Agrippa erschliessen.

Leitsystem - Schnittstellen am :erlebnisweg Römerstraße
Über die Schnittobjekte der Außenausstellung wird dem Besucher ein Leit- und Orientierungssystem an die Hand gegeben, dass leicht verstĂ€ndlich ist, aber nicht die sichtbare Weite der Landschaft stört.
Die baulichen Eingriffe in den ArchĂ€ologischen Landschaftspark Erftstadt stellen eine Spurensuche nach den verborgenen Dokumentationen der historischen Römerstraße Agrippa dar. Sie sind archĂ€ologische „Schnitte“ in den authentischen Ort, der nur noch mit wenigen FundstĂŒcken auf seine Vergangenheit hinweist. Im Gegensatz zu herkömmlichen Ausgrabungen reprĂ€sentieren sie eine „ArchĂ€ologie der Information“, eine Offenlegung von ZusammenhĂ€ngen, die die Bedeutungen der Agrippa aufzeigt. Hier werden BezĂŒge von Vergangenheit und Gegenwart hergestellt, die sich insbesondere mit dem Thema MobilitĂ€t beschĂ€ftigen. An den Schnittpunkten der Agrippa mit dem modernen Ordnungssystem der Straßen und Autobahn und an den natĂŒrlichen Grenzen des Flusslaufes der Erft werden diese ZusammenhĂ€nge besonders deutlich.
Die Architektur der „Schnitte“ wird annĂ€hernd unsichtbar in die Topographie des GelĂ€ndes eingebettet. Statt in die Höhe zu gehen schneiden die „Schnitte“ in den Erdboden und treten hinter der Landschaft - die ein Vorhandensein einer historischen Straße nur vermuten lĂ€sst - zurĂŒck. Die baulichen Schnitte variieren ent-sprechend ihrer Lage und inhaltlichen Thematik:

Schnittstelle 1: Einschnitt am Pavillon
Die historische kulturelle Bedeutung und Nutzung der Agrippa wird hier durch Texte, Bilder und Soundinstallationen mit unterschiedlichen Sprachen und GerÀuschen hör- und erlebbar.

Schnittstelle 2: OberflÀchenschnitt
Am Schnittpunkt Agrippa/ K44 und Panoramaweg wird die oberste Schicht entlang der Agrippa freigelegt. In mit Gitterrosten verkleideten Fensteröffnungen werden Aufbauschichten des römischen Straßenbaus gezeigt. Texte werden in das Plattenmaterial eingraviert.
Beim Fortschreiten auf der Römerstraße stĂ¶ĂŸt der Besucher urplötzlich, aber akustisch von weitem nicht zu verleugnen, auf die Autobahn. Die Fokussierung auf diesen Bereich verdeutlicht die Entwicklung der Fortbewegung, Geschwindigkeit und Zeit. Auf einer 22m langen Bank an der Autobahn wird der starke Bruch der Agrippa bewußt.

Schnittstelle 3: Topographischer Schnitt
Stahlplatten bilden Schnittkanten entlang der Wegekreuzung. Die Topographie der Landschaft ist hier erhöht und macht den GelĂ€ndeversprung des „Schnitts“ deutlich. In den Stahlplatten sind Fenster mit in Edelstahl geĂ€tztem Bildmaterial eingelassen. Texte zu den einzelnen Themen sind in die BekleidungsoberflĂ€chen eingraviert. Durch die Eckausbildung werden die Besucher selbstverstĂ€ndlich auf den Erlebnisweg weitergeleitet.
Der bestehende Landwirtschaftsweg entlang der Autobahn wird Teil des :erlebnisweges Römerstraße. Er wird direkt ĂŒber eine Rampe zur BrĂŒcke der K44 gefĂŒhrt und zur Orientierung mit einem 0,5 m breiten Seitenstreifen durchgĂ€ngig markiert.

Schnittstelle 4: Einschnitt
Ein Schlitz in der als Schaustelle wiederhergestellten Agrippa legt Informationstafeln oder Öffnungen zum Wegeaufbau frei. Der Besucher wird entlang der Aufbauschichten geleitet, wo die historische kulturelle Bedeutung und Nutzung der Agrippa durch Texte und Bilder erlebbar wird.
Dem Weg Richtung Auenlandschaft folgend, gelangen die Besucher an die ehemalige Erftquerung. Hier kann im GrĂŒn verschnauft werden. Im Überschwemmungsgebiet der Erft werden Erhöhungen angeboten, die bei höheren WasserstĂ€nden eine Erschließung erlauben.

Schnittstelle 5: Topographischer Schnitt- Entsprechend der Ausformulierung des Schnittes 3 fÀllt der Blick von einer Anhöhe am Waldesrand aus auf die Erft und die Stadt.

Schnittstelle 6: Sichtschnitt
Eine Rampe fĂŒhrt den Besucher auf einen erhöhten Standort, von wo die Agrippa in ihrer Gradlinigkeit erlebbar wird. In die Rampe sind Inhalte eingraviert. Edelstahlschwerter, die sich aus der Rampe ziehen lassen, enthalten zusĂ€tzliche Informationen zu dem Thema MobilitĂ€t in römischen Kriegen und regen zum aktiven Forschen an.
Von hier aus werden die Besucher zum Schnitt 7 gefĂŒhrt.

Schnittstelle 7: Topographischer Schnitt
Im Übergang zum Garten der Villa Frauenthal wird die Geschichte der villa rustica und mansiones verdeutlicht. Entsprechend Schnittstelle 3 und 5 bilden hier Stahlplatten Schnittkanten entlang der Wegekreuzung. Diese leiten weiter zum Schnitt 8.

Schnittstelle 8: Panorama im Obstgarten der Villa Frauenthal
Das Besetzen, Rasten, Besiedeln tritt hier nun verstĂ€rkt in das Bewußtsein. Das Bodendenkmal war zu seiner Zeit höchstwahrscheinlich ein stattliches Ensemble, von dem heute nur noch aus der Luft etwas zu ahnen ist. Das Bodendenkmal selbst wird als „Leerer Raum“, RasenflĂ€che in einer Mohnwiesenlandschaft begriffen. Ein kleines Rundpanorama in mitten eines im Raster angelegten Gartens der Villa Frauenthal lĂ€ĂŸt beim Besucher die Phantasie spielen. Das Raster als Technik der Naturaneignung. Die Römer nutzten das Raster geschickt als Orientierungssystem und errichteten darauf StĂ€dte. Die Wege des Gartens der Villa Frauenthal werden im Raster nachgezeichnet. Unter blĂŒhenden ObstbĂ€umen kann gewandelt und gerastet werden.

FĂŒr die OberflĂ€che der Fassade des Informationspavillons als auch fĂŒr die ArchĂ€ologischen Schnitte werden wetterfeste Stahlpaneele verwendet. Die Paneele sind auf einer Stahlbetonkonstruktion befestigt, die teilweise als StĂŒtzwĂ€nde im Erdreich ausgebildet sind. Die Schnittstellen als Ausstellung sind in folgende mögliche Themen unterteilt:

1.) EinfĂŒhrung in das Gebiet und die Agrippa
2.) Agrippa – römischer Straßenbau und die Beschleunigung der MobilitĂ€t
3.) Geschichte der römischen Transportmittel im Vergleich zu modernen Transportmitteln
4.) MobilitĂ€t und Kulturenaustausch, der ĂŒber das große römische Wegenetz möglich war.
5.) MobilitĂ€t in römischen Kriegen und die Bedeutung der Agrippa fĂŒr militĂ€rische Ziele.
6.) Landwirtschaft und Handel
7.) Geschichte der Mansiones
8.) Panorama mit der Villa Frauenthal und historischer Umgebung


Über die ĂŒberregionale, touristische Route können die Besucher im Naturraum der Erftauenlandschaft zurĂŒck zum Startpunkt gelangen. ParkplĂ€tze werden am Hauptzugang an der K44 (60 StĂŒck) und dem zweiten Zugang an der Carl- SchĂŒrz- Straße (20 StĂŒck) eingerichtet. Diese unterschieden sich im Kontext der Geschichte der MobilitĂ€t in der Anordnung und MaterialitĂ€t. Am Haupteingang werden SchotterrasenflĂ€chen eingefĂŒgt in naturnahe und baumbestandene „GrĂŒne Inseln“. Im Norden hingegen werden sie streng geometrisch angeordnet und asphaltiert.


Resumée
Im Besonderen wird hier die PrĂ€gung des Raumes durch die MobilitĂ€t als Leitidee aufgegriffen, ohne ihr insgesamt eine dominante Rolle zuzuweisen; vielmehr wird ein Landschaftspark geschaffen als verbindendes Naherholungsgebiet der umliegenden Siedlungsbereiche wie auch als ĂŒberregionaler Magnet, der fĂŒr die unterschiedlichen Bewegungsarten genutzt werden kann. Die Nutzung der FlĂ€chen verbleibt weiterhin ĂŒberwiegend in der Hand der Landwirtschaft. „Agrarschaufenster“ erlauben den fokussierten Blick auf die AckerflĂ€chen. Die agrarische Nutzung sollte unter der Maßgabe des Landwirtes als Landschaftspfleger erfolgen. Mit Bezug auf das Thema des Parkes „MobilitĂ€t“ ist es denkbar, Anpflanzungen von bioenergetisch nutzbaren Kulturpflanzen anzustreben.


Mitarbeit
Prof. Cornelia MĂŒller
Maria Pegelow
Laura Doderer
Jan Wehberg
Stefan Cichoz