Offener Wettbewerb | 02/2023
Busbetriebshof Hedwig-Katschinka-Straße in Graz (AT)
©Copyright: Stoiser Wallmüller Architekten. Bild: Janusch
Nachhaltige Gebäude sind Gebäude des Sowohl-als-Auch. Aufgrund seiner attraktiven Lage am Naherholungsraum Mur bietet der Busbetriebshof Hedwig-Katschinka-Straße in Graz ideale Voraussetzungen für eine in diesem Sinn zeitgemäße Antwort.
Anerkennung
Preisgeld: 10.000 EUR
Tragwerksplanung
Pilz und Partner Ziviltechniker GmbH
Bauphysik
Visualisierung
Modellwerkstatt Gerhard Stocker
Modellbau
Erläuterungstext
„Man sollte das Verhältnis von öffentlichem und privatem Raum neu bestimmen: Ein Projekt kann gleichzeitig 100% öffentlich und 100% privat sein.“ Joost Meuwissen
Aufgrund seiner attraktiven Lage am Naherholungsraum Mur bietet das Bauvorhaben Busbetriebshof Hedwig-Katschinka-Straße in Graz ideale Voraussetzungen für eine in diesem Sinn zeitgemäße Antwort. Vorgeschlagen wird, das zur Reduktion des Versiegelungsgrades ohnehin erforderliche Gründach des Busbetriebshofs zu einem öffentlichen Naherholungsraum aufzuwerten. Dieser wird als ein von den betrieblichen Abläufen des Busbetriebshof getrennter Bereich realisiert und über eine Verbindungsbrücke vom Murufer aus erreicht.
Durch den öffentlichen Naherholungsraum am Dach des Busbetriebshofs präsentiert sich die Holding Graz als bürger:innennaher Betrieb, der mit dem Busbetriebshof einen neuen Mehrwert für die ganze Stadt schafft . Der öffentliche Naherholungsraum am Dach kann als Fußballplatz, Tennisplätze, Eislaufplatz, Golfplatz, öffentlicher Park etc. entwickelt werden und bietet für die Städtischen Betriebe Möglichkeiten von Zusatzeinnahmen durch Vermietung.
Die Funktionsbereiche des Busbetriebshofs sind straff unter einem Dach organisiert und zu Teil im 1. Obergeschoß in die Ebene der Dachkonstruktion integriert. Durch die räumliche Trennung von Busbetriebshof und öffentlichem Naherholungsraum am Dach bleiben die betrieblichen Abläufe des Busbetriebs ungestört, alle Sicherheitsaspekte können eingehalten werden.
Der Busbetriebshof setzt auf Nachhaltigkeit: mit wasserstoffbetriebenen Bussen, nachwachsenden Baustoffen und dem sozialen Mehrwert des öffentlichen Freiraums am Dach. Durch den kompakten Baukörper des Busbetriebshofs sollen möglichst viele Grünflächen erhalten, aber auch die Bau- und Betriebskosten geringgehalten werden. Durch einen stringenten Konstruktionsraster und einen hohen Grad an Vorfertigung der Bauteile können die Baukosten weiter reduziert und die Bauzeit verkürzt werden.
Holz ist der vorherrschende Baustoff der einfach gehaltenen Dachkonstruktion (abgewandelter Vierendeelträger), kommt im 1. Obergeschoß aber auch bei Wänden, Deckenplatten und im Ausbau zum Einsatz (Fenster, Türen, Akustikdecken). Im Erdgeschoß wird Beton aus CO²-reduziertem Zement und Recycling-Zuschlagstoffen eingesetzt. Für Dämmstoffe werden generell nachwachsende Materialien verwendet. Im Sinn der Kreislaufwirtschaft werden alle Bauelemente sortengerecht wiederverwertbar verbaut.
Am Dach befindet sich eine PV-Anlage auf Gründachaufbau, die öffentlich zugängliche Grünfläche dient auch Kühlungs- und Retentionszwecken.
Die Fassadengestaltung besteht im Erdgeschoß aus Sichtbeton, im 1. Obergeschoß (Ebene Dachkonstruktion) aus hinterlüftete Fassaden (Raumabschluss) sowie aus vorgeblendeten Stahlseilnetzen, die den allseitigen Umlauf einfassen und sich in der Dachebene in Form leichter Ballfangnetze fortsetzen.
Beurteilung durch das Preisgericht
Das Projekt sieht eine rigorose „schwebende“ plattenartige Überbauung über das Grundstück vor. Diese dient einerseits als Überdachung der Busgaragen und nimmt zugleich im Westen auch als 2.Obergeschoß Funktionen des Raumprogramms in sich auf.
Auf diesem Hybrid aus Dach und Gebäude befindet sich nicht nur Haustechnik und eine PV-Anlage, sondern auch ein zusätzliches Angebot an die Bevölkerung von Graz:
Eine Fußballfeld-große intensiv begrünte von der Mur aus öffentlich zugängliche Grünfläche am Dach, welche durch ein Stahlnetz räumlich gefasst wird und vielfältig für Naherholung und sportliche Aktivität genutzt werden kann.
Auf diese Weise bietet das Projekt ein über die Auslobung hinausgehendes Zusatzangerbot und gibt die funktionsbedingt großflächig überbaute Grundfläche nicht nur der Natur zurück, sondern macht diese auch öffentlich.
Pros:
Es handelt sich um ein mutiges, eigenständiges Projekt mit einer starken architektonischen Geste und politische Haltung.
Cons:
Die natürliche Belichtung des Bürotraktes wird kritisch gesehen.
Die straßenseitige Pkw-Reihe wird bezüglich der Adressbildung als negativ betrachtet.
Es fehlt eine direkte Zufahrtsmöglichkeit zu den Garagen.
Eine Flucht vom öffentlichen Dach ist nur über die Betriebsanlage möglich.
Die Positionierung der Wasserstofftechnik unter dem Dach wird als problematisch betrachtet.
Das Projekt bringt etwas „nicht Bestelltes“
©Copyright: Stoiser Wallmüller Architekten. Bild: Janusch
Durch einen öffentlichen Naherholungsraum am Dach des Busbetriebshofs präsentiert sich die Holding Graz als bürger:innennaher Betrieb, der mit dem Busbetriebshof einen neuen Mehrwert für die ganze Stadt schafft.