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Workshopverfahren | 03/2026

Entwicklung Areal A3 am neuen Haupt­bahnhof Stuttgart

Außenansicht Blickrichtung Bonatzbau
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Außenansicht Blickrichtung Bonatzbau

Social Innovation Hubs für Stuttgart

Anerkennung

Preisgeld: 3.000 EUR

CITYFÖRSTER architecture + urbanism

Stadtplanung / Städtebau, Architektur

TREIBHAUS Landschaftsarchitektur Hamburg

Landschaftsarchitektur

Erläuterungstext

O.A.S.E – Ein Social Innovation Hub für Stuttgart

Herleitung
Das Baufeld A3 besitzt eine besondere stadträumliche Bedeutung für Stuttgart. In unmittelbarer Nachbarschaft zum neuen Hauptbahnhof bildet es ein zentrales Entree in die Stadt, eine Visitenkarte, die die Haltung Stuttgarts sichtbar macht. Gleichzeitig liegt das Grundstück an der Schwelle zur Innenstadt, angrenzend an Schlossgarten und Rosensteinquartier. Die Platzfläche des Manfred-Rommel-Platzes verleiht ihm eine klare räumliche Bühne. Zu allen Seiten öffnen sich Blickbeziehungen in die Topografie des Kessels. Der Ort ist präsent, weithin sichtbar und in seiner Gestaltung entsprechend anspruchsvoll. Zugleich trägt das Areal eine vielschichtige Geschichte. Als Teil der historischen Bahninfrastruktur steht es symbolisch für planerische Transformationen und gesellschaftliche Aushandlungsprozesse. Hier verdichten sich Fragen nach Öffentlichkeit, Teilhabe und Zukunftsfähigkeit der Stadtentwicklung. Die Analyse der übergeordneten Planungen sowie der prämierten Beiträge des Wettbewerbs „Raum für Ideen“ verdeutlicht das Potenzial des Standorts. Gleichzeitig wird eine Leerstelle in der sich wandelnden Innenstadt erkennbar: Es fehlt ein konsumfreier, witterungsgeschützter und zugleich offener Raum für die Stadtgesellschaft – ein Ort des Aufenthalts und des Diskurses ohne Schwellen.

Entwurfsidee
Mit der O.A.S.E. entsteht ein Social Innovation Hub als gemeinwohlorientierte Infrastruktur. Der Name steht für einen Offenen Aneignungs- und Sozialen Entwicklungsraum – einen Ort, der Schutz bietet und zugleich Handlungsspielräume eröffnet. Schutz wird dabei doppelt interpretiert: sowohl klimatisch als auch sozial. Angesichts zunehmender Extremwetterereignisse wie Hitzeperioden, Starkregen oder extreme Kälte schafft die O.A.S.E. spürbar verbesserte mikroklimatische Bedingungen. Großzügige Verschattungen, Verdunstungskühlung, ein hohes Grünvolumen, Wasserflächen, windgeschützte Übergangszonen und beheizte Gebäude bilden ein differenziertes Gefüge aus öffentlichen Innen- und Außenräumen. Gleichzeitig entsteht eine soziale Oase: ein konsumfreier Aufenthaltsraum und eine niedrigschwellige Adresse für Austausch, Begegnung und Mitwirkung. Die O.A.S.E. formuliert einen Dritten Ort neuer Generation – robust, offen und alltagstauglich. Im Grundzustand funktioniert sie als öffentlicher Daseinsort: ein zugänglicher Stadtraum ohne Programmdruck. Ankommen, warten, lesen, sich treffen oder verweilen sind selbstverständliche Nutzungen. Aus dieser alltäglichen Präsenz heraus entstehen weitere Aktivitätsebenen. Niedrigschwellige Andockpunkte erleichtern den Einstieg in Initiativen und Projekte. Werkstattangebote und Reallabore ermöglichen es, Ideen weiterzuentwickeln und praktisch zu erproben. Ergebnisse werden sichtbar gemacht und in die Stadt zurückgetragen. So entsteht ein kontinuierlicher, offener, adaptiv und gemeinschaftlich getragen Prozess aus Dasein, Starten, Austauschen, Machen und Zeigen.

Räumliches Konzept
Räumlich hebt sich die O.A.S.E. durch einen klar gefassten äußeren Rahmen vom umgebenden Stadtraum ab. Das wiederverwendete Tragwerk der ehemaligen Bahnsteigüberdachung bildet eine prägnante Großform, die mit den Maßstäben der Umgebung korrespondiert und zugleich Offenheit und Durchlässigkeit herstellt. Die historischen Stahlträger werden auf neue Holzstützen gesetzt, höher geführt und an die Topografie angepasst. Es entsteht ein präzise gefasstes Gerüst, das den Ort definiert, ohne ihn zu schließen. Kletterpflanzen und Pflanzgefäße lassen die Konstruktion zu einer grünen Struktur anwachsen; Teile der Dachflächen sind mit Photovoltaikmodulen belegt. Unter dem Dach verändert sich die Atmosphäre deutlich: Verschattung, Verdunstung und Luftbewegung verbessern das Mikroklima spürbar. Der Übergang vom offenen Stadtraum in den geschützten Innenbereich wird als bewusster Moment erfahrbar. Alles innerhalb des Rahmens ist Teil des Social Innovation Hubs und dient dem Ziel, eine tragfähige soziale Infrastruktur im Herzen der Stadt zu etablieren. Innerhalb dieses Rahmens entfaltet sich der Social Innovation Hub als durchlässiges Gefüge aus Innen- und Außenräumen. Drei Baukörper strukturieren den Raum und definieren unterschiedliche Nutzungsschwerpunkte, während die Zwischenbereiche aktiv bespielt werden. Zur Bahnhofsseite und zur Promenade am Schlossgarten orientiert sich der erste Baukörper. Hier bündeln sich Funktionen des Startens und Zeigens: Projekte können initiiert, präsentiert und weiterentwickelt werden; Informationsangebote und flexible Event- und Ausstellungsflächen bilden eine offene Schnittstelle zwischen Stadtgesellschaft und Reisenden. Ein zweiter Baukörper widmet sich schwerpunktmäßig dem Machen. Offene Werkstätten, Reallabore und Lernräume stellen die notwendige Infrastruktur bereit, um Ideen praktisch umzusetzen. Produktion, Forschung und Austausch bleiben sichtbar und räumlich miteinander verbunden. Der dritte Baukörper beherbergt die Stadtkantine als öffentliches, gemeinnütziges Esszimmer. Sie ist ausdrücklich auch ohne Konsum nutzbar. Eine lange Tafel sowie angrenzende Außenbereiche erweitern den Raum ins Freie und stärken den gemeinschaftlichen Charakter. Zentraler Aufenthaltsort ist die Agora mit großzügigen Sitztreppen. Sie eignet sich für alltägliches Verweilen ebenso wie für Diskursformate oder temporäre Aufführungen. Ergänzt wird sie durch den StadtGarten als dichter, bepflanzter Rückzugsraum – ein mikroklimatisch wirksamer „Tiny Forest“, der Kühlung und Biodiversität fördert.

Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit
Nachhaltigkeit ist hier kein Entwurfsansatz sondern ein integraler und selbstverständlicher Bestandteil des Konzepts. Die Nutzung und Haltung des Projekts verlangt, dass der Gesellschaft keine Nachteile durch den Bau oder Betrieb entstehen dürfen. Dies bezieht sich auf die ökologische, ökonomische und soziale Wirkung. Deshalb werden bestehende Strukturen weiterverwendet und konstruktiv ergänzt. Neue Bauteile entstehen in ressourcenschonender Bauweise. Dachflächen dienen der Energiegewinnung; natürliche Lüftungs- und Kühlungseffekte reduzieren den technischen Aufwand. Die Architektur ist bewusst robust und anpassungsfähig konzipiert. Sie versteht sich als offene Struktur, die sich mit den Bedürfnissen der Stadt weiterentwickeln kann.

Fazit
Mit der O.A.S.E. entsteht ein neuer Typus gemeinwohlorientierter Infrastruktur im Zentrum Stuttgarts. Sie bietet nicht nur Schutz und Aufenthalt, sondern schafft einen strukturellen Rahmen, in dem Stadtgesellschaft gemeinsam an Lösungen für aktuelle Herausforderungen arbeiten kann – von Klimaanpassung bis sozialer Teilhabe. Als offener Resonanzraum stärkt sie den Zusammenhalt der gesamten Stadtgesellschaft, indem sie Austausch ermöglicht, Mitwirkung erleichtert und gemeinsames Handeln sichtbar macht. Sie ergänzt die bestehende Innenstadt um eine fehlende öffentliche Infrastruktur – dauerhaft zugänglich, nicht-kommerziell und zukunftsfähig.

Beurteilung durch das Preisgericht

Die Arbeit gründet auf einer fundierten Analyse, einer konsequenten und zielgerichteten Weiterentwicklung der vorgeschlagenen Nutzungsbausteine und der ortsgebundenen Leitfrage, was Stuttgart genau an diesem Ort braucht. Im Ergebnis entstehen zunächst sehr griffige Nutzungsbausteine, welche in einem zweiten Schritt räumlich in den städtebaulichen Kontext eingewebt werden. Es entsteht ein kraftvolles Nutzungsensemble mit einem vielfältigen Angebot, passend zu den vielfältigen urbanen und landschaftlichen Nachbarschaften. In der räumlichen Übersetzung der vorgestellten Strategie erscheinen zwei Gestaltungsprinzipien vorrangig:

Der Freiraum geht feinfühlig auf die Ränder des Baufeldes ein und entwickelt sich spannungsvoll von der Ebene am Manfred-Rommel-Platz, sowie der Athener Straße – bis zum sogenannten Parkboulevard und den Anschlüssen zum Verteilersteg B. Die angedachten Nutzungen werden locker in vorbeschriebener Ausrichtung auf dem entstandenen Freiraum verteilt. Um sowohl die inhaltliche als auch die räumliche Vielfalt zu fassen, wird eine transparente Hülle („Frame“ / „Grid“) vorgeschlagen und mit nachhaltig sinnvollen Nutzungen sowie Schatten, Photovoltaik und Begrünung versehen. In die Dachkonstruktion werden die bestehenden Überdachungen der Gleisanlagen integriert, um die Reminiszenz an den Ort zu stärken. Sowohl der Freiraum als auch die transparente Hülle bilden also das räumliche Fundament für die vorgeschlagenen Nutzungen. Entgegen der Aussage der Verfasser, dass die O.A.S.E. als flexibler und anpassungsfähiger Ort fungiert, wird seitens des Preisgerichtes kritisch hinterfragt und kontrovers diskutiert, ob die transparente Hülle als räumliche Setzung von Beginn an die Entwicklungen auf dem Baufeld nicht erheblich einschränken wird. Die grundsätzliche, sozial nachhaltige Haltung der Verfasser wird vom Preisgericht gewürdigt, der vollständige Ausschluss einer kommerziellen Nutzung wird kontrovers diskutiert.

Die Arbeit überzeugt mit einem soliden Nutzungskonzept und der beschriebenen, feinfühlig-freiraumplanerischen Einbindung – leider mit Defiziten in der räumlich-städtebaulichen Übersetzung, zu Lasten einer robusten und umsetzbaren Entwicklungsstrategie.
Lageplan

Lageplan

Nutzungskonzept der OASE

Nutzungskonzept der OASE

ReUse der bestehenden Dachstruktur

ReUse der bestehenden Dachstruktur

Erdgeschossgrundriss

Erdgeschossgrundriss

Innenansicht der OASE

Innenansicht der OASE

Schnitt

Schnitt

Schnitt

Schnitt

Modellfoto

Modellfoto