Mehrfachbeauftragung | 02/2026
Entwicklung ehemaliges Postareal am Hauptbahnhof in Gütersloh
3
Perspektive Kaiserstraße
©Winking · Froh Architekten
Teilnahme
Stadtplanung / Städtebau
Erläuterungstext
Campus Gütersloh – ein neuer Stadtraum
Der Campus auf dem ehemaligen Postblockareal wird ein neuer Schwerpunkt für die Stadtentwicklung im Zentrum von Gütersloh. Die zentrale Lage mit bester Verkehrserschließung wird genutzt, um mit den geplanten Nutzungen für Hochschule, Gründerzentrum und Wohnen ein lebendiges Quartier zu entwickeln. Das städtebauliche Konzept für die neue Bebauung entwickelt einen in sich flexiblen Rahmen für die neuen Nutzungen, die mit neuen Verknüpfungen zu dem angrenzenden Stadtraum neue Ziele, Verbindungen und Übergänge schaffen. Neben den vorhandenen, stark frequentierten Verkehrsräumen werden neue öffentliche und halböffentliche Räume geschaffen. Diese Bereiche weichen von den Straßenkanten zurück, schaffen Raum für Fußgänger und markieren die Haupterschließungen für den neuen Campus. Im Zentrum des neuen Quartiers liegt der neue Campus, der alle angrenzenden Nutzungen zusammenführt. Mit der versetzten Anordnung der Baukörper zum Parkhaus wird der neue Platz eindeutig gefasst, durch Teilbereiche mit Arkaden bleibt aber eine eindeutige Orientierung zwischen Bahnhofsvorplatz und Friedrich-Ebert-Straße. Die Gliederung der neuen Baufelder nimmt die Maßstäblichkeit der angrenzenden Straßenräume auf und entwickelt hieraus eine eigenständige Typologie. Die plastisch gegliederte Gesamtanlage mit zueinander versetzten Hochpunkten schafft neue Raumkanten und eine gegliederte Dachlandschaft mit Dachgärten.
Innere Disposition
Die Hochschule HSBI mit dem größten Flächenanteil bildet das Baufeld im Norden mit einer neuen Raumkante zu der Friedrich-Ebert-Straße. Im östlichen Bereich zu dem Parkhaus weicht die Bauflucht noch einmal von der Straße zurück und bildet mit dem 7-geschossigen Hochpunkt ein Pendant zu dem Schüttfix-Tower südlich der Bahngleise. Die aufgeweitete Vorzone zu der Straße führt in das neue Quartier hinein und schafft beiläufig Raum für Anlieferverkehr. Mit dem 6-geschossigen Hochpunkt an der Kaiserstraße wird der Übergang in das neue Innovationszentrum markiert, die zurückspringende Bauflucht führt hier in den zentralen Eingangsbereich an der Kaiserstraße. Die Eingangshalle wird ebenfalls von dem zentralen Campusplatz erschlossen und ist somit direkter Verteiler für alle Nutzungsbereiche mit direktem Zugang auch vom Parkhaus.
Das Innovationszentrum IMA bildet den südlichen Bereich zu dem Bahnhofsvorplatz. Die gegliederte Höhenentwicklung bildet hier einen 5-geschossigen Kopfbau aus, und das Konzept der nutzbaren Dachlandschaft setzt sich hier fort. Flächen für externe Nutzungen im Erdgeschoss schaffen zusätzliche Angebote für Bereiche mit Besucherverkehr.
Das Wohngebäude grenzt direkt an das geplante Parkhaus an und bildet nach Süden eine weitere Fassung des Bahnhofsvorplatzes. Eine Arkade im Erdgeschoss führt in den zentralen Campus und schafft eine attraktive Vorzone für gewerbliche Sondernutzungen. Die Wohnungen in den Obergeschossen überwiegend in Richtung des neuen Campus orientiert und geben dem zentralen Platz einen angemessenen Rahmen und auch soziale Kontrolle. Mit einem geschlossenen Anschluss an das Parkhaus entsteht ein kleiner Patio für die Belichtung der inneren Erschließung.
Das Parkhaus wird von Südwesten direkt vom Bahnhofsvorplatz erschlossen, die Einfahrt liegt gegenüber der angrenzenden Bebauung etwas zurückgesetzt und überdacht. Abweichend von der Vorkonzeption wird vorgeschlagen, die Haupterschließung zum Campus mit Treppe und Aufzug als eigenständiges Bauteil neben die Parkbereiche zu stellen. Neben einer wirtschaftlichen Organisation der Stellplätze erhält das Parkhaus damit zu dem zentralen Platz eine angemessene Adresse.
Konstruktion und Material
Die Neubauten sind mit einem durchgängigen Konstruktionsraster und aussteifenden Kernen für flexible Nutzungen konzipiert. Mit in den Grundrissen differenzierten Gebäudebreiten werden unterschiedliche Raumtiefen für die Lehre und Labore sowie für bürobezogene Nutzungen möglich. Stahlbetondecken mit Hohlkörpern ermöglichen auch größere Spannweiten mit einer wirtschaftlichen und nachhaltigen Bauweise. Fenster mit durchgängigen Brüstungen ermöglichen eine einfache Installation für die Gebäudetechnik und schmale Sonderfelder mit geschlossenen Paneelen gewährleisten eine natürliche Lüftung bei teilgeöffneten Fenstern mit einer Reduzierung des Außenschallpegels. Die äußere Verkleidung mit einem hellen Ziegelmauerwerk erreicht ihre Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit mit der Dauerhaftigkeit des Ziegels. Die bewegte Kubatur der Gebäude wird mit der gleichmäßigen Profilierung der Fassaden zu einem Ensemble zusammengebunden, das Flexibilität und Dauerhaftigkeit verbindet.
Beurteilung durch das Preisgericht
Das Städtebaukonzept bleibt dem Ursprungsgedanken verschiedener Höhenstaffelungen und Hochpunkte mit einem klar konfigurierten Innenhof samt dazugehöriger Gasse und einer „Verwebung“ des Wohngebäudes mit dem Parkhaus treu. Dies schafft eine ausgewogene und zugleich prägnante Städtebaukonfiguration, die mit dem höheren Haus im Nordosten und zur Bahntrasse / zum Parkhaus orientiert auch die Vorgaben gut erfüllt.
Eine gut nachvollziehbare Maßstäblichkeit mit dem wohl proportionierten Rücksprung an der Kaiserstraße, um die dortigen Bäume zu erhalten und den Eingang zu markieren, ist ein wesentlicher Pluspunkt des Beitrags. Die Zuführung zum zentralen Eingangsbereich für HSBI und IMA, über den Rücksprung sowohl in Richtung Innenstadt, als auch zusätzlich vom Hofinneren inszeniert, ist konsequent und nachvollziehbar. Die Ideen zur Fassadengestaltung sind zurückhaltend und noch nicht einladend formuliert. Hierbei wirkt die gezeigte Sockelzone zur Ecke Friedrich-Ebert-Straße / Kaiserstraße sehr geschlossen und mit wenig Korrespondenz zum Stadtraum, wenngleich an dieser Stelle im Inneren des Gebäudes in guter Lage der Eventraum untergebracht ist.
Mit der Entscheidung, einen zentralen Eingang an der Kaiserstraße zu positionieren, gelingt die Synergie für HSBI und IMA durch eine klare, räumliche Organisation der gemeinsam zu nutzenden Ausstellungs- und Eventbereiche im Erdgeschoss und wird zudem mit dem „Durchstich“ zum gut nutzbaren Innenhof weiter verstärkt. Auch die individuellen Kommunikationszonen mit den kleinen, informellen Sitztreppen an den zentralen Treppenkernen sind ein gutes Angebot, das allerdings zu Lasten der Flächeneffizienz geht, was sich insbesondere in den Hochpunkten niederschlägt.
Die gewünschte Großzügigkeit im Innenhof wird durch die Verkleinerung des Baufeldes aufgrund des Baumerhalts einerseits und durch die Verringerung der Abstände aufgrund des
hohen Wohngebäudes vor dem Parkhaus erheblich eingeschränkt. Dennoch entstehen im Vergleich zu den anderen Beiträgen interessante Raumfolgen im Innenhof mit seiner
„schlichten Baumpflanzung“ samt umfassender Regenwasser-Retention und der versetzen Gasse zur Friedrich-Ebert-Straße samt durchgehender Arkade. Gerade die Arkade, als witterungsgeschütztes Angebot im Gefüge der öffentlichen Räume geschätzt, wird kritisch diskutiert, denn sie birgt doch die Gefahr einer Verwahrlosung.
Der Ansatz, das Wohnen konsequent als wichtigen Teil des neuen, inneren Platzraumes zu verstehen und mit allen Vorteilen der Sozialkontrolle und des Austausches mit den Geschehnissen der HSBI und der IMA anzusehen, wird im Grundsatz positiv gewürdigt. Vom Willy-Brandt-Platz wird durch das Wohngebäude am Parkhaus städtebaulich eindeutig eine Adresse zum Platz gebildet, deutlich und markant in den Innenhof geführt und auch gut in die Wegeführung der Gasse zur Friedrich-Ebert-Straße übergeleitet. Diese städtebauliche Setzung ist jedoch mit gravierenden Nachteilen für die Qualität des Wohnens und für das Raumerlebnis im Innenhof verbunden.
Die Positionierung des Wohngebäudes, der damit verbundene eng wirkende Innenhof und die teilweise fragwürdige Flächeneffizienz sind Nachteile, die die ansonsten hohen städtebaulichen Qualitäten in der Gebäudekonfiguration, in der Höhenstaffelung und in den verbindenden Raum- und Nutzungsangeboten für die HSBI und die IMA nicht ausgleichen können.
Perspektive Bahnhof
©Winking · Froh Architekten
©Winking · Froh Architekten