Leitidee und Freiraumkonzept
Der Grünzug an der Kammerratsheide ist Teil des übergeordneten Grüngürtels der Stadt Bielefeld und Umgebung und übernimmt eine zentrale Funktion als landschaftliche Verbindung zwischen den Heeper Fichten und dem Obersee beziehungsweise dem Johannisbachtal. Gleichzeitig bildet die Fläche an der Kammerratsheide den räumlichen Engpass im gesamtstädtischen Grünnetz. Ziel des Entwurfs ist es, diese Engstelle zu überwinden, die vorhandenen landschaftlichen Qualitäten zu stärken und den Freiraum als durchgängigen, identitätsstiftenden Landschaftspark zu entwickeln.
Die Leitidee des Landschaftsparks basiert auf dem bewussten Erhalt und der Weiterentwicklung des bestehenden Landschaftscharakters. Die offene Wiesenlandschaft bleibt in ihrer Großzügigkeit erhalten und wird durch präzise gesetzte Bäume, Feldhecken und ergänzende Pflanzstrukturen, wie Wildblumenwiesen räumlich gefasst. So entsteht ein klares, robustes Freiraumgerüst aus einer weiten, nutzungsoffenen Mitte und einer intensiver gestalteten „Parkschale“. Während die Parkmitte als extensive Wiesenlandschaft mit locker eingestreuten Gehölzen vielfältige, teilweise bereits bestehende informelle Nutzungen ermöglicht und auch künftig landwirtschaftlich nutzbar bleibt, übernimmt die Parkschale mit dichteren Baumpflanzungen, Aufenthaltsangeboten und Bewegungsräumen die aktivierenden Funktionen. Auch die Kleingartenanlage sowie das Grabeland werden an die Parkränder verlagert, an die Hauptwege angebunden und dadurch zugänglich gemacht.
Der neue Landschaftspark transformiert die heutige Pufferzone zwischen Gewerbe im Westen und Wohnen im Osten in einen verbindenden Stadtraum. Bestehende Gebäude bleiben, wo möglich, erhalten und erscheinen künftig wie Inseln in der offenen Parklandschaft. Die Ränder des Parks werden durch gezielte Aufforstungen und Verdichtungen gestärkt. Hier entstehen differenzierte Übergangszonen zu den angrenzenden Quartieren, die sowohl ökologisch wirksam als auch räumlich klar ablesbar sind. Ergänzende Nutzungen wie Fitnessangebote, Trimm-Dich-Stationen oder Aufenthaltsbereiche sind bewusst in diesen dichteren Randbereichen verortet, sodass die offene Mitte weitgehend frei und flexibel bespielbar bleibt und als zusammenhängende Freiraumstruktur wahrgenommen wird.
Besondere Aufmerksamkeit gilt der Dreieckswiese an der Herforder Straße. Sie bleibt als offener Grünraum erhalten und wird durch ein zurückhaltendes Wegesystem behutsam erschlossen. Kleine Naturerfahrungsräume, Angebote zur Naturbeobachtung sowie niedrigschwellige Bewegungsmöglichkeiten werten die Fläche auf, ohne ihren landschaftlichen Charakter zu überformen. Damit entsteht ein vielfältiger, zugleich jedoch ruhiger Freiraum, der den Übergang in den Landschaftspark markiert.
Die Parkschale
Die Erschließung des Landschaftsparks folgt dem Ziel, eine hohe Durchlässigkeit und gute Orientierung zu gewährleisten. Zwei breite, barrierefreie Hauptwege bilden das Rückgrat des Parks und stellen eine leistungsfähige Nord-Süd-Verbindung für Fußgängerinnen und Fußgänger sowie Radfahrende sicher. Diese Achsen verknüpfen nicht nur die angrenzenden Stadträume, sondern verbinden auch die unterschiedlichen Bausteine des grünen Gürtels. Ergänzende Querwege gewährleisten eine enge Ost-West-Vernetzung und binden die umliegenden Quartiere selbstverständlich an.
Aus dem Zusammenspiel von Haupt- und Nebenwegen entsteht ein dichtes, gut lesbares Wegenetz, das den Park in seiner gesamten Ausdehnung erlebbar macht und vielfältige Routenoptionen bietet. Prägende Elemente des Parks sind die beiden Parkboulevards, die die Parkschale rahmen. Diese Boulevard setzt nicht nur die grüne Weite in Szene, sondern dient auch als attraktive Strecke für Spaziergänge, Jogging oder Alltagswege und stärkt die Wahrnehmung des Parks als zusammenhängende Einheit. Aufgrund der Grundstücksverhältnisse erfolgt die Umsetzung abschnittsweise; die vollständige Realisierung des Rundwegs bildet das langfristige Entwicklungsziel. Eine zusätzliche optionale Fußgängerbrücke im Bereich des IBM-Quartiers rahmt den Landschaftspark und stärkt die Erlebbarkeit der offenen grünen Weite.
Neue Entréeplätze fungieren als Trittsteine zwischen Stadt und Landschaft. Sie markieren die Zugänge, schaffen Adressbildung und bieten Aufenthaltsqualitäten für unterschiedliche Nutzergruppen. Als Übergangszonen vermitteln sie zwischen urbanem Raum und offener Parklandschaft und stärken die soziale Aneignung des Freiraums.
Städtebauliches Konzept
Die freiräumliche Entwicklung wird durch gezielte, maßstäbliche städtebauliche Ergänzungen flankiert, die den Park räumlich fassen und gleichzeitig von seiner Qualität profitieren.
Im Bereich der ehemaligen Gärtnerei entsteht das neue Gärtnerei-Quartier mit rund 100 Wohneinheiten im Bereich der nördlichen und 35 Wohneinheiten im Bereich der südlichen Gärtnerei. Es arrondiert das östlich gelegene Quartier Sanddorn- und Schlehenweg in der Baumheide und führt dessen Struktur und Körnung sensibel fort. Am Ende des Straßenzugs wird ein Entréeplatz ausgebildet, der als identitätsstiftender Übergang in den Park fungiert. Eine zentrales Bindeglied zwischen dem neuen Landschaftspark und der östliche Grünzug am Wellbach sind die Wellbachterrassen. Der besondere Charme der ehemaligen Gärtnerei wird bewahrt, indem Teile der Gewächshäuser erhalten und zu einem Gärtnerei-Café mit großzügiger Außenterrasse umgenutzt werden. In Kombination mit Community-Gärten und einem Wasserspielplatz entsteht ein lebendiger Treffpunkt für die Bewohnerschaft des neuen Quartiers, die angrenzenden Wohngebiete sowie Besucherinnen und Besucher des Parks. Die Dachflächen der neuen Wohngebäude werden begrünt und für die Anwohnenden zugänglich gemacht. So kann die neu entstandene Dachlandschaft für u.a. Energiegewinnung durch PV-Anlagen oder gemeinschaftliches Gärtnern genutzt werden.
Am westlichen Rand des Landschaftsparks wird eine kleinteilige gewerbliche Entwicklung in Form von Pavillons vorgeschlagen. Diese ein- bis zweigeschossigen Baukörper bieten Raum für Co-Working-Spaces, Innovationslabore oder Besprechungsräume und schaffen einen weichen Übergang zwischen bestehendem Gewerbe und Freiraum. Die Lage an der Parkschale verleiht den Nutzungen eine besondere Qualität und ermöglicht zugleich eine repräsentative Adresse für ortsansässige Unternehmen.
Als nördlicher Abschluss des Parks wird das Umfeld des bestehenden IBM-Gebäudes neu geordnet. Das entstehende Quartier arrondiert die Situation an der Seidenstickerstraße und öffnet sich klar zum Landschaftspark. Entlang der Herforder Straße wird eine starke urbane Kante mit gewerblichen Nutzungen formuliert, während südlich daran anschließend Wohnnutzungen als Weiterführung des Seidenstickerquartiers vorgesehen sind. Auch hier markiert eine kleine Entréesituation den Übergang in den Park und stärkt die Verzahnung von Stadt und Landschaft.
Sportpark „AktivCampus Leineweberring“ am Leineweberring
Im südwestlichen Bereich des Planungsgebiets entsteht mit dem „AktivCampus Leineweberring“ ein prägnanter Schwerpunkt. Der grün gestaltete Sportpark belebt den Landschaftspark ganzjährig und spricht unterschiedliche Alters- und Nutzergruppen an. Die geschützte Lage zwischen der Tribüne des Leineweberrings und der westlichen Parkschale eignet sich besonders für intensivere und lärmtolerantere Nutzungen wie Basketball, Calisthenics, Bouldern oder Tischtennis. Ein zentrales Multifunktionssportfeld ermöglicht flexible Bespielungen, von sportlichen Aktivitäten im Alltag bis hin zu Veranstaltungen. Ein kleiner Kiosk bietet nicht nur eine Möglichkeit zur gastronomischen Belebung, sondern fungiert auch als Gerätespeicher und öffentliche Toilettenanlage.
Die bestehende Geländeerhöhung der Tribüne wird aufgegriffen und mit Rasenstufen zu einer attraktiven Aufenthalts- und Zuschauertribüne weiterentwickelt. Großzügige Stauden- und Baumpflanzungen verleihen dem Sportpark trotz seiner urbanen Nutzung einen klar grünen Charakter. Vorhandene Baumstrukturen und die Topografie werden weitgehend erhalten und in das Gestaltungskonzept integriert.
Ein wesentliches Entwurfsprinzip ist die behutsame Einbindung des Leineweberrings. Der weite Wiesencharakter bleibt bestehen und wird nicht überformt. Durch differenzierte Substrate entstehen vielfältige Biotopstrukturen, die den Raum ökologisch aufwerten und stärker gliedern. Ein neuer befestigte Rundweg am Leineweberring wird durch Sportstationen aktiviert und direkt mit dem Sportpark verbunden. So entsteht ein zusammenhängendes Bewegungsnetz, das den Leineweberring in das Gesamtkonzept integriert, ohne seine Offenheit zu beeinträchtigen.
Mit dem „Park der grünen Weite“ entsteht ein robuster, langfristig entwicklungsfähiger Landschaftspark, der die Flaschenhalssituation im Grünnetz überwindet, ökologische Qualitäten stärkt und vielfältige Nutzungsangebote für die Stadtgesellschaft von Bielefeld schafft. Der Entwurf verbindet Quartiere, aktiviert bestehende Potenziale und entwickelt aus der heutigen Zwischenzone einen identitätsstiftenden Freiraum im gesamtstädtischen Kontext.
Klimaanpassung und Ökologie
Der „Park der grünen Weite“ versteht sich als zentraler Baustein der klimaresilienten Stadtentwicklung von Bielefeld. Die offene Wiesenlandschaft übernimmt dabei eine wichtige wasserwirtschaftliche und klimatische Funktion. Im Sinne eines nachhaltigen Regenwassermanagements kann die Parkmitte als Retentionsfläche für Niederschläge aus den angrenzenden Gewerbegebieten und Verkehrsflächen dienen. Flache Mulden und modellierte Geländesenken ermöglichen eine temporäre Speicherung bei Starkregenereignissen und fördern die Versickerung vor Ort. So wird das Prinzip der Schwammstadt umgesetzt und der natürliche Wasserhaushalt gestärkt.
Die extensive Pflege der Wiesenflächen fördert artenreiche Wildblumenbestände und verbessert zugleich die Infiltrationsfähigkeit der Böden. Ergänzt durch Feldhecken, Baumgruppen und gestufte Gehölzränder entsteht ein vielfältiges Mosaik unterschiedlicher Lebensräume. Diese Strukturen binden den Park in das übergeordnete Landschaftsnetz ein und stärken den Biotopverbund zwischen den umliegenden Freiräumen.
Auch stadtklimatisch übernimmt der Landschaftspark eine wichtige Rolle. Die offene Wiesenfläche fungiert als Kaltluftentstehungsgebiet und -leitbahn, sodass nächtliche Frischluftströme in die angrenzenden Quartiere gelangen können. Die dichteren Gehölzbereiche an den Rändern wirken durch Verschattung und Verdunstung kühlend und tragen zur Frischluftbildung bei. In ihrem Zusammenspiel entsteht ein leistungsfähiges Freiraumsystem, das ökologische Qualität, Klimaanpassung und Aufenthaltswert miteinander verbindet.
Materialitäten und Ausstattung
Die Hauptwege des Parks werden in Asphalt ausgeführt, um eine dauerhaft ebene, robuste und barrierearme Oberfläche für Fuß- und Radverkehr zu gewährleisten. Dagegen können Nebenwege als Schotter- oder wassergebundene Wege ausgebildet werden. Auf der parkzugewandten Seite erhalten die Parkboulevards eine breitere Einfassung, die den Verlauf gestalterisch betont und seine Ablesbarkeit im Raum stärkt. Dabei können die Wege durch Beschriftungen auch die Funktion eines Leitsystems übernehmen. Da der neue Landschaftspark Teil des gesamtstädtischen grünen Netzes ist, wird die Leitfarbe Bielefelds Rot konsequent in der Ausstattung aufgegriffen. Sie findet Anwendung beispielsweise bei Sitzbänken aus Stahl, Leuchten sowie Fahrradstellplätzen und sorgt für eine klare visuelle Zuordnung im Stadtraum.