Nichtoffener Wettbewerb | 12/2024
Entwicklung Inklusives Quartier Rappertshofen in Reutlingen
Visualisierung
©moka-studio
2. Preis
Stadtplanung / Städtebau
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Verfasser:
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Mitarbeitende:
Hriday Bharaj, Alina Gold, Ellen Henriques, Jesús Antonio Martínez Zárate, Philipp Maué
koeber Landschaftsarchitektur GmbH
Landschaftsarchitektur
Modellbau
Erläuterungstext
Der Entwurf „Inklusive Gartenstadt Rappertshofen“ erweitert das historische Leitbild homogener vorstädtischer Reihenhaussiedlungen in der Gartenstadt Orschel-Hagen. Das zentrale Motiv differenzierter und gemeinschaftlicher Gärten fördert die Teilhabe und Mitwirkung. Grundlage für die Weiterentwicklung des Gartenstadtgedankens in Orschel-Hagen bilden drei Regelwerke: die UN-Konvention für Menschen mit Behinderung, das Bundesteilhabegesetz und die Neue Leipzig Charta als strategisches Rahmenwerk zur gemeinwohlorientierten, integrierten und nachhaltigen Stadtentwicklung.
Freiraumkonzept – Charakteristische Gartenhöfe
Das Quartier ergänzt die Privatgärten um vielfältige gemeinschaftliche Freiräume mit Begegnungsqualitäten. Durch Überlagerung entsteht ein durchlässiges und vielseitiges Freiraumgefüge. Der Gartenring - bestehend aus Spiel-, Freizeit- und Begegnungsorten - bettet sich zusammen mit den identitätsstiftenden Gartenhöfen in die umgebende Flora und Fauna ein. Alle gemeinschaftlichen Gärten nehmen Bezug auf vorhandene Freiraumelemente oder Baustrukturen. Im Kern des neuen Areals liegen die Gartenhöfe in geöffneten Blockstrukturen. Die Gärten an den Rändern nehmen Bezug auf umgebende Freiräume und betten sich in die Landschaft ein. So entstehen der „Nasse Garten“ mit Teichflächen und Verweilqualität, der „Soziale Garten“ auf dem südlichen Hügel mit einer kreisrunden großen Bank als gemeinschaftlicher Treffpunkt der tagesstrukturierenden Angebote und in den bestehenden Werkstätten mit orangefarbenen Fensterlaibungen die Kita mit dem Spielgarten. Nahe der Saisongärten und der Insiva Großküche bilden essbare Sträucher und Fallobstbäume den Speisegarten mit der Kantine und das bestehende Hauptgebäude mit Kamin wird im „Heißen Garten“ um ein Backhaus und Sandflächen ergänzt. Der Lindengarten fungiert weiterhin als zentraler Bezugs- und Orientierungspunkt des Quartiers. Er rückt die bestehende, ortsbildprägende Linde in die Mitte, wodurch die Bedeutung des Orts unterstrichen wird. Vernetzte, parkartige Freiraumstrukturen, ein adressbildender Ankerbau und die Umstrukturierung des Straßenraums überwinden stadträumliche Barrieren am Kontaktpunkt Rommelsbacher Straße. Weitere Prämisse des Konzepts ist die Multikodierung der Freiflächen. Vielfältige und lebendige öffentliche Räume, die mit unterschiedlichen Aufenthaltsqualitäten zum Verweilen einladen, übernehmen gleichzeitig wichtige ökologische Funktionen wie Regenwassermanagement, Evaporation und Kühlung.
Bestandsintegration – Identität durch Erhalt
Das vorliegende Konzept verfolgt das Ziel, möglichst viele Identitäts- sowie gemeinschaftsstiftende Gebäude und Gehölze zu erhalten und im Sinne des Weiterbauens als Teil des Neuen zu ergänzen. Die neuen Baukörper ergänzen maßvoll die bestehenden Strukturen und orientieren sich mit ihrer Geschossigkeit und Kubatur angemessen auf die baulichen Setzungen. Dazu zählen das modifizierte Hauptgebäude mit Kamin, der von weitem sichtbar bleibend in neuer Bemalung die Vielfalt des Quartiers widerspiegelt. Zusätzlich bleiben die Mehrzweckhalle, die Werkstätten aus Waschbeton mit orangefarbenen Fensterlaibungen, das Hochhaus und die Kettenhäuser bestehen. Die umgenutzten Baukörper beherbergen wichtige soziale Anker, wie z.B. die Kita, die Veranstaltungshalle und oder tagesstrukturierende Angebot in den Erdgeschossen, die so die öffentlichen Räume bespielen.
Nutzungsverteilung – Gemischte Gemeinschaft
Gemischt genutzte Gebäude mit aktiven Erdgeschosszonen sichern eine vernetzte Nachbarschaft. Der Ankerbau als Gesicht von Rappertshofen beherbergt im EG einen kleinen Kiosk und eine Mobilitätsstation mit Sharing-Angeboten und Stellplätzen für Räder aller Art. Alle weiteren öffentlicheren Nutzungen wie tagesstrukturierende Angebote, Kleinhandel, Kantine und Kita sind jeweils ihren Gartenhöfen zugeordnet und orientieren sich gleichzeitig in Richtung Lindengarten. Produktions- und Werkstätten fügen sich erdgeschossig in die hybriden Mobility Hubs ein und kreieren produktive, lebendige Orte mit direkter Zulieferung.
Inklusion im Gartenhof
Ein Konglomerat aus Gartenhöfen bildet das Grundgerüst des städtebaulichen Konzepts und formt das Wesen des neuen Areals aus. Die sensible Integration und Weiterentwicklung bestehender Elemente schreiben den Charakter des Quartiers fort. Im Hof- und Hausgefüge findet sich die Hausgemeinschaft zu gemeinsamen Aktivitäten ein und begrüßt BesucherInnen. Die Bildung von Hofkooperationen ermöglicht eine übergeordnete und gemeinschaftliche Planung der Gartenhöfe. Sie können neben klassischer Gartenarbeit auch zum gemeinschaftlichen Obst- und Gemüseanbau genutzt werden. Die Höfe sind wie alle Freiräum im Quartier multikodiert. Sie übernehmen neben sozialen und gemeinschaftlichen auch wichtige ökologische Funktionen, wie z.B. Kühlung des Quartiers oder Regenrückhaltung,
Inklusion im Schwellenhof
Alle Wohnformen eint das Prinzip der Gemeinschaft. Das Angebot reicht von Wohnungen mit einem maximalen Anteil an gemeinschaftlich genutzten Räumen bis hin zu privateren Wohnformen, die jedoch immer gemeinschaftliche Erschließungsformen besitzen und so die Kommunikation unter den BewohnerInnen fördert. Der Ankerbau verfügt in den Obergeschossen über Wohngemeinschafen in Maisonette-Wohnungen. Gemeinschaftliche Wohnzimmer entstehen im nördlichen Teil und können bei Bedarf angemietet werden. Die südlich gelegenen Kettenhäuser mit bodennahem Wohnen bleiben in ihrer ursprünglichen Form weitestgehend erhalten und werden im Sinne des angrenzenden Hochhauses um weitere Punkthäuser in den Baumkronen ergänzt. Sie stehen frei und erhalten eine gemeinschaftliche Terrasse auf den Dachflächen mit Blick in die Landschaft. Die Gartenhöfe bestehen aus L-förmigen Laubenganghäusern mit Vor- und Rücksprüngen in der Fassade, die Balkone, Gemeinschaftsflächen und Lufträume ausbilden. Hier wird aus dem klassischen, funktionalen Laubengang eine soziale Zone, die einen harmonischen Übergang von privatem zu gemeinschaftlichem Raum darstellt. Die ergänzenden Riegel erhalten ebenfalls in Richtung der Gartenhöfe großzügige Gemeinschaftskerne mit angrenzender Erschließung und gemeinschaftlichen Wohnzimmern. Das Hauptgebäude wird weiterhin als Wohngebäude genutzt und um ein Grünregal in Richtung Gartenhof ergänzt. Durch die unmittelbare Nähe zu den tagesstrukturierenden Angeboten in den Erdgeschosszonen sind die Wohnungen besonders für BewohnerInnen mit eingeschränkter Mobilität geeignet.
Inklusion in der Wohnung
Die Baukörper bieten in ihrer Gesamtheit ein differenziertes Wohnraumangebot mit Begegnungs- und Aufenthaltsräumen wie Grünregale, Loggien und Balkone im Innen- und Freiraum. Mit den schwellenreichen Räumen ist es möglich, unterschiedlichen Wohnformen Raum zu geben. So sind Studio- und Clusterwohnungen genauso möglich wie betreute Wohnungen, Wohngemeinschaften und klassische Wohnungen. Dieser Mix an Typologien richtet sich an BewohnerInnen mit unterschiedlichsten Bedürfnissen und ermöglicht so ein buntes, vielfältiges Quartier. Behutsame Interventionen im Bestand ermöglichen auch hier optimierte Grundrisse, die auf individuelle Anforderungen eingehen können.
Nachhaltigkeit
Der größtmögliche Bestandserhalt und bauliche Ergänzungen durch ressourcenschonende Materialien aus Holz- und Recyclingbaustoffen sind wichtige Bausteine eines klimaneutralen Quartiers. Darüber hinaus werden mechanische Lüftungs- und Kühlungssysteme eingesetzt sowie Photovoltaikanlagen auf allen Baukörpern vorgeschrieben. Die über das Quartier verteilten Freiflächen sorgen für einen geringeren Versiegelungsgrad und eine effiziente blaugrüne Infrastruktur, die einen wichtigen Baustein der klimagerechten Stadtentwicklung darstellt. Durch den Umgang mit anfallendem Regenwasser auf dem Areal wird sowohl der Abfluss in die Kanalisation drastisch reduziert als auch die Kühlung des Quartiers gefördert und die Bewässerung der Vegetation gefördert. Das Konzept des Regenwassermanagements besteht dabei aus zwei wesentlichen Komponenten: Begrünte Dächer halten den Niederschlag für bestimmte Zeit zurück und reduzieren bei Sonneneinstrahlung die Temperatur der Gebäudehülle. Darüber hinaus ermöglichen Grünflächen, Mulden und Retentionsflächen die Rückhaltung und Verdunstung des Regenwassers im öffentlichen Raum. Zudem beinhaltet das Konzept die Nutzung von Grauwasser sowohl innerhalb des Gebäudes als auch außerhalb des Gebäudes, z.B. für die Bewässerung des öffentlichen Grüns.
Mobilität/ Barrierefreiheit
Die Weiterentwicklung vernetzter Fuß-, Rollstuhl- und Radwege ermöglicht eine selbstbestimmte Bewegung durch das Quartier und in die Umgebung, insbesondere zu Einrichtungen des täglichen Bedarfs. Hybride Mobility Hubs an den Quartierseingängen erlauben eine autoarme Nachbarschaft, in der die Straßenräume neben der Erschließungs-, Rettungs- und Anlieferungsfunktion eine hohe Aufenthaltsqualität besitzen. Das Quartier erhält durch die Umstrukturierung des Kontaktpunkts Rommelsbacher Straße eine attraktive und sichere Eingangssituation. Die konzipierte Orschelfurt verlangsamt die durchgehenden MIV-Ströme und ermöglicht sichere Bushaltepunkte. Alle PKW-Stellplätze sind zusammen mit den Werkstätten in den hybriden Mobility Hubs untergebracht. Die Parkplätze können bei Bedarf rückgebaut werden und einer anderen Nutzung zugeschrieben werden. Abstellanlagen für Rollstühle, Lastenräder, Rollatoren, Roller und Fahrräder sind erdgeschossig an mehreren Punkten entlang des zentralen Lindengartens angegliedert.
Bauabschnitte
Das Quartier kann in vier Bauabschnitten realisiert werden. Die Grundstücksbildung kann auf Grundlage der Bauabschnitte erfolgen. Die Bauabschnitte berücksichtigen alle bestehenden Abhängigkeiten, so dass bei notwendigem Rückbau einzelner Gebäudeteile die Ersatzneubauten bereits realisiert worden sind.
Beurteilung durch das Preisgericht
Visualisierung
©moka-studio
Lageplan
©asp Architekten GmbH und Koeber Landschaftsarchitektur GmbH
Isometrie
©asp Architekten GmbH und Koeber Landschaftsarchitektur GmbH
Gartenhof
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Freiraumkonzept
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Energiekonzept
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Strukturkonzept
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Schnitt
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Architekturmodell
©MS Architekturmodelle
Architekturmodell
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