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Nichtoffener Wettbewerb | 12/2024

Entwicklung Inklusives Quartier Rappertshofen in Reutlingen

Visualisierung
11

Visualisierung

2. Preis

asp Architekten GmbH

Stadtplanung / Städtebau

koeber Landschaftsarchitektur GmbH

Landschaftsarchitektur

MS Architekturmodelle

Modellbau

Erläuterungstext

Inklusive Gartenstadt Rappertshofen

GEMEINSAM NACHHALTIG LEBEN

Leitidee – Inklusion durch Gemeinschaft
Der Entwurf „Inklusive Gartenstadt Rappertshofen“ erweitert das historische Leitbild homogener vorstädtischer Reihenhaussiedlungen in der Gartenstadt Orschel-Hagen. Das zentrale Motiv differenzierter und gemeinschaftlicher Gärten fördert die Teilhabe und Mitwirkung. Grundlage für die Weiterentwicklung des Gartenstadtgedankens in Orschel-Hagen bilden drei Regelwerke: die UN-Konvention für Menschen mit Behinderung, das Bundesteilhabegesetz und die Neue Leipzig Charta als strategisches Rahmenwerk zur gemeinwohlorientierten, integrierten und nachhaltigen Stadtentwicklung.

Freiraumkonzept – Charakteristische Gartenhöfe
Das Quartier ergänzt die Privatgärten um vielfältige gemeinschaftliche Freiräume mit Begegnungsqualitäten. Durch Überlagerung entsteht ein durchlässiges und vielseitiges Freiraumgefüge. Der Gartenring - bestehend aus Spiel-, Freizeit- und Begegnungsorten - bettet sich zusammen mit den identitätsstiftenden Gartenhöfen in die umgebende Flora und Fauna ein. Alle gemeinschaftlichen Gärten nehmen Bezug auf vorhandene Freiraumelemente oder Baustrukturen. Im Kern des neuen Areals liegen die Gartenhöfe in geöffneten Blockstrukturen. Die Gärten an den Rändern nehmen Bezug auf umgebende Freiräume und betten sich in die Landschaft ein. So entstehen der „Nasse Garten“ mit Teichflächen und Verweilqualität, der „Soziale Garten“ auf dem südlichen Hügel mit einer kreisrunden großen Bank als gemeinschaftlicher Treffpunkt der tagesstrukturierenden Angebote und in den bestehenden Werkstätten mit orangefarbenen Fensterlaibungen die Kita mit dem Spielgarten. Nahe der Saisongärten und der Insiva Großküche bilden essbare Sträucher und Fallobstbäume den Speisegarten mit der Kantine und das bestehende Hauptgebäude mit Kamin wird im „Heißen Garten“ um ein Backhaus und Sandflächen ergänzt. Der Lindengarten fungiert weiterhin als zentraler Bezugs- und Orientierungspunkt des Quartiers. Er rückt die bestehende, ortsbildprägende Linde in die Mitte, wodurch die Bedeutung des Orts unterstrichen wird. Vernetzte, parkartige Freiraumstrukturen, ein adressbildender Ankerbau und die Umstrukturierung des Straßenraums überwinden stadträumliche Barrieren am Kontaktpunkt Rommelsbacher Straße. Weitere Prämisse des Konzepts ist die Multikodierung der Freiflächen. Vielfältige und lebendige öffentliche Räume, die mit unterschiedlichen Aufenthaltsqualitäten zum Verweilen einladen, übernehmen gleichzeitig wichtige ökologische Funktionen wie Regenwassermanagement, Evaporation und Kühlung.

Bestandsintegration – Identität durch Erhalt
Das vorliegende Konzept verfolgt das Ziel, möglichst viele Identitäts- sowie gemeinschaftsstiftende Gebäude und Gehölze zu erhalten und im Sinne des Weiterbauens als Teil des Neuen zu ergänzen. Die neuen Baukörper ergänzen maßvoll die bestehenden Strukturen und orientieren sich mit ihrer Geschossigkeit und Kubatur angemessen auf die baulichen Setzungen. Dazu zählen das modifizierte Hauptgebäude mit Kamin, der von weitem sichtbar bleibend in neuer Bemalung die Vielfalt des Quartiers widerspiegelt. Zusätzlich bleiben die Mehrzweckhalle, die Werkstätten aus Waschbeton mit orangefarbenen Fensterlaibungen, das Hochhaus und die Kettenhäuser bestehen. Die umgenutzten Baukörper beherbergen wichtige soziale Anker, wie z.B. die Kita, die Veranstaltungshalle und oder tagesstrukturierende Angebot in den Erdgeschossen, die so die öffentlichen Räume bespielen.

Nutzungsverteilung – Gemischte Gemeinschaft
Gemischt genutzte Gebäude mit aktiven Erdgeschosszonen sichern eine vernetzte Nachbarschaft. Der Ankerbau als Gesicht von Rappertshofen beherbergt im EG einen kleinen Kiosk und eine Mobilitätsstation mit Sharing-Angeboten und Stellplätzen für Räder aller Art. Alle weiteren öffentlicheren Nutzungen wie tagesstrukturierende Angebote, Kleinhandel, Kantine und Kita sind jeweils ihren Gartenhöfen zugeordnet und orientieren sich gleichzeitig in Richtung Lindengarten. Produktions- und Werkstätten fügen sich erdgeschossig in die hybriden Mobility Hubs ein und kreieren produktive, lebendige Orte mit direkter Zulieferung.

Inklusion im Gartenhof
Ein Konglomerat aus Gartenhöfen bildet das Grundgerüst des städtebaulichen Konzepts und formt das Wesen des neuen Areals aus. Die sensible Integration und Weiterentwicklung bestehender Elemente schreiben den Charakter des Quartiers fort. Im Hof- und Hausgefüge findet sich die Hausgemeinschaft zu gemeinsamen Aktivitäten ein und begrüßt BesucherInnen. Die Bildung von Hofkooperationen ermöglicht eine übergeordnete und gemeinschaftliche Planung der Gartenhöfe. Sie können neben klassischer Gartenarbeit auch zum gemeinschaftlichen Obst- und Gemüseanbau genutzt werden. Die Höfe sind wie alle Freiräum im Quartier multikodiert. Sie übernehmen neben sozialen und gemeinschaftlichen auch wichtige ökologische Funktionen, wie z.B. Kühlung des Quartiers oder Regenrückhaltung,

Inklusion im Schwellenhof
Alle Wohnformen eint das Prinzip der Gemeinschaft. Das Angebot reicht von Wohnungen mit einem maximalen Anteil an gemeinschaftlich genutzten Räumen bis hin zu privateren Wohnformen, die jedoch immer gemeinschaftliche Erschließungsformen besitzen und so die Kommunikation unter den BewohnerInnen fördert. Der Ankerbau verfügt in den Obergeschossen über Wohngemeinschafen in Maisonette-Wohnungen. Gemeinschaftliche Wohnzimmer entstehen im nördlichen Teil und können bei Bedarf angemietet werden. Die südlich gelegenen Kettenhäuser mit bodennahem Wohnen bleiben in ihrer ursprünglichen Form weitestgehend erhalten und werden im Sinne des angrenzenden Hochhauses um weitere Punkthäuser in den Baumkronen ergänzt. Sie stehen frei und erhalten eine gemeinschaftliche Terrasse auf den Dachflächen mit Blick in die Landschaft. Die Gartenhöfe bestehen aus L-förmigen Laubenganghäusern mit Vor- und Rücksprüngen in der Fassade, die Balkone, Gemeinschaftsflächen und Lufträume ausbilden. Hier wird aus dem klassischen, funktionalen Laubengang eine soziale Zone, die einen harmonischen Übergang von privatem zu gemeinschaftlichem Raum darstellt. Die ergänzenden Riegel erhalten ebenfalls in Richtung der Gartenhöfe großzügige Gemeinschaftskerne mit angrenzender Erschließung und gemeinschaftlichen Wohnzimmern. Das Hauptgebäude wird weiterhin als Wohngebäude genutzt und um ein Grünregal in Richtung Gartenhof ergänzt. Durch die unmittelbare Nähe zu den tagesstrukturierenden Angeboten in den Erdgeschosszonen sind die Wohnungen besonders für BewohnerInnen mit eingeschränkter Mobilität geeignet.

Inklusion in der Wohnung

Die Baukörper bieten in ihrer Gesamtheit ein differenziertes Wohnraumangebot mit Begegnungs- und Aufenthaltsräumen wie Grünregale, Loggien und Balkone im Innen- und Freiraum. Mit den schwellenreichen Räumen ist es möglich, unterschiedlichen Wohnformen Raum zu geben. So sind Studio- und Clusterwohnungen genauso möglich wie betreute Wohnungen, Wohngemeinschaften und klassische Wohnungen. Dieser Mix an Typologien richtet sich an BewohnerInnen mit unterschiedlichsten Bedürfnissen und ermöglicht so ein buntes, vielfältiges Quartier. Behutsame Interventionen im Bestand ermöglichen auch hier optimierte Grundrisse, die auf individuelle Anforderungen eingehen können.

Nachhaltigkeit
Der größtmögliche Bestandserhalt und bauliche Ergänzungen durch ressourcenschonende Materialien aus Holz- und Recyclingbaustoffen sind wichtige Bausteine eines klimaneutralen Quartiers. Darüber hinaus werden mechanische Lüftungs- und Kühlungssysteme eingesetzt sowie Photovoltaikanlagen auf allen Baukörpern vorgeschrieben. Die über das Quartier verteilten Freiflächen sorgen für einen geringeren Versiegelungsgrad und eine effiziente blaugrüne Infrastruktur, die einen wichtigen Baustein der klimagerechten Stadtentwicklung darstellt. Durch den Umgang mit anfallendem Regenwasser auf dem Areal wird sowohl der Abfluss in die Kanalisation drastisch reduziert als auch die Kühlung des Quartiers gefördert und die Bewässerung der Vegetation gefördert. Das Konzept des Regenwassermanagements besteht dabei aus zwei wesentlichen Komponenten: Begrünte Dächer halten den Niederschlag für bestimmte Zeit zurück und reduzieren bei Sonneneinstrahlung die Temperatur der Gebäudehülle. Darüber hinaus ermöglichen Grünflächen, Mulden und Retentionsflächen die Rückhaltung und Verdunstung des Regenwassers im öffentlichen Raum. Zudem beinhaltet das Konzept die Nutzung von Grauwasser sowohl innerhalb des Gebäudes als auch außerhalb des Gebäudes, z.B. für die Bewässerung des öffentlichen Grüns.

Mobilität/ Barrierefreiheit
Die Weiterentwicklung vernetzter Fuß-, Rollstuhl- und Radwege ermöglicht eine selbstbestimmte Bewegung durch das Quartier und in die Umgebung, insbesondere zu Einrichtungen des täglichen Bedarfs. Hybride Mobility Hubs an den Quartierseingängen erlauben eine autoarme Nachbarschaft, in der die Straßenräume neben der Erschließungs-, Rettungs- und Anlieferungsfunktion eine hohe Aufenthaltsqualität besitzen. Das Quartier erhält durch die Umstrukturierung des Kontaktpunkts Rommelsbacher Straße eine attraktive und sichere Eingangssituation. Die konzipierte Orschelfurt verlangsamt die durchgehenden MIV-Ströme und ermöglicht sichere Bushaltepunkte. Alle PKW-Stellplätze sind zusammen mit den Werkstätten in den hybriden Mobility Hubs untergebracht. Die Parkplätze können bei Bedarf rückgebaut werden und einer anderen Nutzung zugeschrieben werden. Abstellanlagen für Rollstühle, Lastenräder, Rollatoren, Roller und Fahrräder sind erdgeschossig an mehreren Punkten entlang des zentralen Lindengartens angegliedert.

Bauabschnitte
Das Quartier kann in vier Bauabschnitten realisiert werden. Die Grundstücksbildung kann auf Grundlage der Bauabschnitte erfolgen. Die Bauabschnitte berücksichtigen alle bestehenden Abhängigkeiten, so dass bei notwendigem Rückbau einzelner Gebäudeteile die Ersatzneubauten bereits realisiert worden sind.

Beurteilung durch das Preisgericht

Dem städtebaulichen Konzept liegt ein behutsamer Umgang mit dem Grünbestand zugrunde. Der Charakter eines durchgrünten Ortes bleibt trotz der aufgezeigten Baudichte erhalten. Die Setzung der Gebäude leitet sich folgerichtig aus dem Bestand ab. Die geöffneten Gebäudeblöcke sind differenziert angeordnet und ausgestaltet, so dass eine gewisse Lebendigkeit in der Wahrnehmung in Erscheinung tritt. Die Grundidee des Gartenstadtgedankens wird vom Preisgericht begrüßt. Der Erhalt der Mehrzweckhalle, des Hauptgebäudes und der Werkstätten wird als wichtiger ökologischer Beitrag gewertet. Das Auftaktgebäude an der Rommelsbacher Straße und die Wohngebäude im Süden können überzeugen. Der Abstand der Kantine zu den Werkstätten wird indes als Mangel erkannt. Eine Besonderheit der Arbeit liegt darin, dass ihr Grundgedanke nutzerorientiert ist. Die Idee, diverse Gartenräume als inklusionsfördernde Maßnahme anzubieten, wird als innovativer Beitrag gewertet, jedoch aus sehr kontrovers diskutiert in Bezug auf die Alltagstauglichkeit. Dabei wird auch kontrovers diskutiert, ob dieses Prinzip im Privatbereich durchgehalten werden kann. Hierfür müssten Vorgaben geschaffen werden, wie beispielsweise durch ein Gestaltungshandbuch für den Gesamtkomplex. Die durch den Städtebau vorgegebenen Gebäudestrukturen eröffnen räumliche und gestalterische Qualitäten im Freiraum, allerdings ohne dabei eine Hierarchisierung aufzuzeigen. Angenehm wird dabei empfunden, dass die nordsüdgerichteten Achsen durchlaufen und somit das Areal des Kulturparks mit Pflegeheim gut anbinden. Die angedeutete unterschiedliche Behandlung der eher gleichförmigen Raumachsen kann ein guter Lösungsansatz sein. Für die meisten Jurymitglieder wirkt allerdings der Lindengarten formal etwas aus der Zeit gefallen. Darüber hinaus werden gekennzeichnete Kommunikationsorte für die Allgemeinheit vermisst. Das Erschließungskonzept bündelt die Erschließung für den Kfz-Verkehr in Form von einer nordöstlichen und einer südöstlichen Quartiersgarage („Mobility-Hub“) in unmittelbarer Nähe zur Rommelsbacher Straße. Damit wird ein Großteil des Quell- und Zielverkehrs vom Gebiet ferngehalten. Die gewerblichen Nutzungen werden eher im nördlichen Teil des Gebiets verortet, so dass auch der Wirtschaftsverkehr sich auf diesen Bereich konzentriert. Klare bzw. “ehrliche“ Aussagen zur Erschließung aller Gebäude für den Kfz-Verkehr im Allgemeinen, vor allem aber für die Andienung durch den Schwerverkehr, sind in den Plänen nicht erkennbar und sollten geschärft werden.

Insgesamt harmoniert das Erschließungskonzept mit dem Ziel eines möglichst verkehrsarmen Quartiers. Weiterhin stellt die Arbeit mit dem Vorschlag einer lang gezogenen Mittelinsel einen funktional plausiblen sowie baulich, verkehrsrechtlich und finanziell realisierbaren Vorschlag zu einer Querung der Rommelsbacher Straße dar. Diese wirkt auch gestalterisch als erkennbare Anbindung von Rappertshofen an den Stadtteil Orschel-Hagen. Hinsichtlich Klimaschutz und Klimaanpassung erhält die Arbeit viele Pluspunkte. Die gleichmäßig verstreuten Bäume garantieren ein wirksame Schattenbildung, die das Lokalklima positiv beeinflussen wird. Darüber hinaus setzen sich die Verfasser intensiv mit den Themen Schwammstadt und Regenwassermanagement auseinander. Damit vertritt die Arbeit eine eindeutig zukunftsweisende Grundauffassung. Durch den herausgearbeiteten Sozialbezug, den hohen Erhalt an Bestandgebäuden und den ökologischen Beitrag liegt der Nachhaltigkeitsfaktor im oberen Bereich. Zusammenfassend wird festgestellt, dass das Konzept eine robuste städtebauliche Grundstruktur liefert, auf der aufgebaut werden könnte. Das Alleinstellungsmerkmal der Ausbildung von Themengärten bietet einen spannenden Ansatz für ein Gebiet mit einer unverwechselbaren Identität. Da auch die gewünschte Verknüpfung mit Orschel-Hagen gelungen ist, stellt der Lösungsansatz einen wertvollen, eigenständigen und interessanten Beitrag zur Aufgabenstellung dar.
Visualisierung

Visualisierung

Lageplan

Lageplan

Isometrie

Isometrie

Gartenhof

Gartenhof

Freiraumkonzept

Freiraumkonzept

Energiekonzept

Energiekonzept

Strukturkonzept

Strukturkonzept

Schnitt

Schnitt

Architekturmodell

Architekturmodell

Architekturmodell

Architekturmodell