Nichtoffener Wettbewerb | 07/2025
Entwicklung Klimaquartier Ramersdorf in München
10
Blick auf die Quartiersmitte
©leonardmitchell.studio
2. Preis
Preisgeld: 60.000 EUR
Architektur, Stadtplanung / Städtebau
-
Verfasser:
Prof. Rüdiger Ebel, Jan Busemeyer, Prof. Volker Halbach, Jannes Wurps
-
Mitarbeitende:
Jakob Schlipf, Lisann Mahnke, Anastasiia Stiekhina, Flora Ingva Burchard, Tobias Bor
Studio Vulkan Landschaftsarchitektur
Landschaftsarchitektur
Tragwerksplanung
Transsolar Energietechnik GmbH
TGA-Fachplanung
Erläuterungstext
Äußere Rahmung, Innere Vielfalt
- ein Klimaquartier in Ramersdorf
Städtebau
Die Bestandsstruktur zeichnet sich durch einen siedlungshaften Charakter aus und gliedert sich in einen drei- bis viergeschossigen „Rahmen“ sowie in die aus Gebäudezeilen und Punkthäusern bestehende „Füllung“. Das Projekt greift diese Thematik konzeptuell auf – der „Rahmen“ bleibt in seiner städtebaulichen Form erhalten und die innere „Füllung“ wird vielfältig erweitert.
Im Zuge der dritten Entwicklungsphase des Quartiers wird das Gebiet durch Ersatzneubauten verdichtet, verkehrsberuhigt und umfassend um zusätzliche Grün- und Freiräume ergänzt. Bei der städtebaulichen und architektonischen Analyse der bestehenden Zeilenbebauung wurden die Stärken und Qualitäten des Bestands herausgearbeitet: Die Drehung, Verkürzung und Verschiebung der Zeilen schaffen abwechslungsreiche Außenräume und eine ansprechende Abfolge von Grün- und Erschließungsfugen entlang der Triester Straße. Der Entwurf verfolgt das Ziel, neue Wohn- und Gebäudetypologien zu entwickeln sowie die bereits vorhandenen Freiraumqualitäten durch einen grünen „Klimaring“ und die Schaffung einer belebten Quartiersmitte zu optimieren.
Die Gebäude entlang der Wilramstraße werden als Rahmung des Quartiers erhalten und durch eine zweigeschossige Aufstockung in Modulbauweise ergänzt. Dies ermöglicht einen effizienten Bauprozess sowie flexibel änderbare Wohnungsgrößen. Die neuen Bausteine der „Füllung“ fügen sich harmonisch in die bestehenden Gebäudezeilen an der Triester Straße ein und bilden zwei städtebauliche Cluster, die sich um einen gemeinschaftlich genutzten Werkhof sowie den öffentlichen Quartiersplatz gruppieren. Durch die Neubauten können verschiedene Wohnungsgrößen, effizienten Erschließungssysteme sowie die Gemeinschaft stärkende Angebote ergänzt werden. Neben klassischen Wohnformen, können im Klimaquartier Ramersdorf auch Wohngemeinschaften, Co-Living-Projekte oder Mehrgenerationen-Gemeinschaften ein neues Zuhause finden.
Insgesamt werden innerhalb der 3. Phase der Quartiersentwicklung etwa 250 neue Wohnungen geschaffen und das Gebiet behutsam verdichtet. Alle erhaltenen Bestandsgebäude werden um zwei Geschosse ergänzt. Die Neubauten am Werkhof und dem Quartiersplatz, wie beispielsweise der Quartiers Hub oder das Haus der Begegnung, bilden Sockelgeschosse und Hochpunkte aus.
Der 1. Bauabschnitt umfasst neben zahlreichen neuen Wohnungen das Quartiershaus mit gewerblichen und sozialen Nutzungen, die Kindertagesstätte sowie die Schaffung der ersten Quartiersgarage, um den Freiraum von Individualverkehr zu befreien. Das städtebauliche Konzept steht in enger Verbindung mit dem Freiraumkonzept und sorgt für eine harmonisch Integration von Bebauung und Natur.
Freiraumkonzept
Dem Quartier liegt eine klare städtebauliche Struktur zu Grunde. In der ersten Schicht bildet die Triester Straße als Rückgrat die zentrale Stadtraumverbindung. Durch eine einseitige Rahmung mit einer durchgängigen Baumreihe entlang der begrünten, südseitig ausgerichteten Hausfassaden wird der Zusammenhang zwischen den Wohngruppen übergeordnet gestärkt. Auf der „grünen Seite“ der Straße werden so klimatisch wichtige Baumpflanzungen ergänzt. Grüne Inseln im Straßenraum tragen zur Verbesserung der Aufenthaltsqualität und des Mikroklimas bei. Bei Zugängen zu den Wohngruppen gibt es kleine Aufenthaltsbereiche die den Straßenraum zusätzlich beleben. Funktionale Angebote finden sich klar zoniert auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Hier werden gebündelte Infrastrukturinseln den Wohngruppen zugeordnet und in die Abfolge der Triester Straße integriert. So finden sich hier selbstverständlich Unterflur-Entsorgungseinrichtungen und Mobilitätsinseln wieder.
In der Verlängerung der Triester Straße entsteht durch die städtebauliche Neuordnung eine stadträumliche Aufweitung, die den zentralen Ort im Quartier klärt und stadträumlich eindeutig ablesbar macht. In der Definition entsteht eine lebendige und grüne Quartiersmitte. Offene Vorbereiche spiegeln die aktive Erdgeschosszone nach Außen. Ein baumüberstandener, grüner Quartiersplatz bildet den zentralen Treffpunkt und bietet der Bewohnerschaft einen flexibel nutzbaren Freiraumbaustein im Herzen des Quartiers. Zur Aktivierung der Bestandsgebäude am Werkhof wird das jeweilige Untergeschoss geöffnet und für die Bewohnerschaft nutzbar gemacht.
Individuell nutzbare Raumeinheiten orientieren sich nun zum öffentlichen Raum und werden durch eine tribünenartige Vorzone erlebbar und sichtbar gemacht.
In der zweiten Schicht entsteht durch eine klare Orientierung der Wohngebäude eine wechselnde Abfolge von Adress- und Wohnfingern. Durch die einseitige Reduzierung von PKW-Stellplätzen kann ein zusätzliches Freiraumpotenzial in den Adressfingern für die Bewohnerschaft freigespielt werden. Dabei entstehen in der Abfolge nachbarschaftlich nutzbare Freiraumbänder, die das Angebot im Quartier durch intensive Freiraumnutzungen ergänzen und den freiräumliche Zusammenhang stärken. Die von prägendem Baumbestand bestimmten Wohnfinger werden in ihrer Funktion als grüne Erholungsräume gestärkt. Dabei bieten vereinzelte Aufenthaltsbereiche ruhige und schattige Treffpunkte für die Nachbarschaft.
In der dritten Schicht entsteht eine umlaufende Nachbarschaftszone. Statt durch die Abfolge von Parkplätzen wird das Bild nun durch grüne Vorzonen und der Abfolge von einzelnen Nachbarschaftsplätzen mit unterschiedlichen Nutzungsangeboten geprägt.
Die grünen Vorzonen adressieren dabei klar die jeweiligen Hauszugänge und schaffen einen Filter zur angrenzenden Wohnnutzung. Entlang des durchgängig schwellenlosen Erschließungsbandes gibt es immer wieder kleinere Treffpunkte und Aufenthaltsbereiche die den Zwischenraum beleben. Grüne Park-Taschen, die ehemals als Parkplätze dienten werden nun erschlossen sowie nutzbar gemacht und bieten zusätzliches Freiraumpotenzial für die Nachbarschaft. Die innere Durchlässigkeit wird hierdurch gestärkt.
Beurteilung durch das Preisgericht
Die Arbeit liegt hinsichtlich des Bestandserhalts im Mittelfeld. Dabei wird mit geringfügigen Eingriffen eine hohe städtebauliche Aufwertung erzielt. Die Aufstockung des Bestands erzeugt eine klare gestalterische spannungsreiche Abgrenzung zwischen Alt und Neu. Die Wohnnutzungen sind klar ablesbar und erhalten eine eindeutige Ausprägung. Die Aufstockung erfolgt in Holzbauweise, das Erschließungssystem wird als Stahlbetonskelettbau vorgeschlagen.
Die Mitte wird durch ein neu errichtetes Gewerbe-/Wohngebäude (Quartiershub) gestärkt. Der Außenbereich des nördlich davon liegenden Bestandsgebäudes wird jedoch durch die Nutzung des Freiraums direkt vor der Fassade gestört. Die Situierung des Hauses der Begegnung/Kita ist logisch und folgerichtig südlich des Quartiersplatzes angeordnet. Positiv ist die ausgewogene Lage der Mobility Hubs. Die Abgrabungen vor bestehenden Gebäudezeilen, welche als Werkzonen bezeichnet werden, werden vom Preisgericht kontrovers diskutiert und werden im Bezug zum Aufwand im Verhältnis zum erzielten Effekt kritisch eingeschätzt. Die Verschiebung der Einmündung Wilramstraße / Triester Straße wird vom Gremium sehr kritisch bewertet.
Die Arbeit überzeugt mit einer durchdachten Freiraumgestaltung, die einen Großteil des Baumbestands erhält. Die Quartiersmitte und die aus bestehenden und neuen Baukörpern gebildeten Raumfluchten entlang der Triester Straße sind stimmig proportioniert. Höfe und Grünfugen besitzen jeweils unterschiedliche Qualitäten und sorgen für Orientierung und räumliche Klarheit. Der von den Verfasser*innen als Quartiershof bezeichnete Platz an der Triester Straße ist überzeugend dimensioniert, besitzt trotz seiner Durchfahrbarkeit für den Individualverkehr Aufenthaltsqualität und kann durch die angrenzenden Erdgeschossnutzungen die gewünschte Belebung erfahren, sofern diese auch tatsächlich realisiert werden können.
Die neu geschaffene Vorgartenzone für die Randbebauung im Norden wird als eine gute Idee gewürdigt, die das Problem der zweiseitigen Erschließung entschärft, eine wohltuende Distanz zwischen Erschließung und Wohnungsbau und zugleich Raum für Versickerungsflächen entlang der Fassaden schafft. Das maßvolle, dezentrale Angebot von Längsparkern entlang des Erschließungsrings, der Triester Straße und in den Höfen fügt sich verträglich in die Freiflächen ein. Durch die Unterbauung mit Rigolen dienen die Parkplätze zudem als Wasserspeicher und sind damit Bestandteil des insgesamt schlüssigen Schwammstadtkonzeptes.
Die Wohnungsgrundrisse der Neubauten sind klar strukturiert, allerdings erfolgt der Zutritt teilweise direkt über die Küche. Die Barrierefreiheit ist in Teilbereichen noch nachzuweisen. Die Fassaden erscheinen zum Teil stereotyp; positiv bewertet wird die gestalterische Einbindung der PV-Anlagen in die Gebäudegestaltung.
Im Sinne der Anpassung an die Klimaerwärmung bieten die durchgesteckten Wohnungen die Möglichkeit einer effizienten Querlüftung. Die Erschließung und Balkonnutzung erfolgt an der Wilramstraße einheitlich von Süden, hinsichtlich Klimaschutz ist damit eine konstruktive Verschattung gegeben. Alle Dächer ermöglichen eine wirtschaftliche PV-Nutzung.
Im Rahmen der gestellten Anforderungen lässt sich eine wirtschaftliche Umsetzung vermuten. Die Grundrisse sind effizient, ebenso die Erschließung.
Insgesamt überzeugt der Entwurf in der Ergänzung des Bestandes über sinnvolle Neubauten, die die bestehenden Nutzungen gut ergänzen.
Konzept
©blrm
Lageplan
©blrm/Studio Vulkan
Quartiershof
©blrm
Werkhof
©blrm
Grundriss Erdgeschoss
©blrm/Studio Vulkan
Übersicht der Typologien
©blrm
Die "Baumhäuser" bilden die Rahmung des Quartiers
©blrm
Die beiden "Mobilityhubs" markieren die Eingänge des Quartiers
©blrm
Modellfoto
©blrm