Einladungswettbewerb | 03/2024
Entwicklung Quartier Seecarree Baufelder F12 und F13 in der Seestadt Aspern in Wien (AT)
©Schreiner, Kastler
2. Preis / Baufeld F13
Freimüller Söllinger Architektur ZT GmbH
Architektur
g.o.y.a. Ziviltechniker Ges.m.b.H
Architektur
Landschaftsarchitektur
Erläuterungstext
Carree am See
Mehr Draußen + mehr Drinnen: Das Zuhause als multifunktionaler Lebensmittelpunkt!
Vorliegendes Projekt versucht mit einem sehr breiten architektonischen Zugang flexibel und individuell gestaltbaren Wohn- und Arbeitsraum für eine Vielfalt an Lebensentwürfen zur Verfügung zu stellen. Es soll Menschen das Verschränken von Wohnen, Arbeiten & Freizeit ermöglichen wie auch eine Adaptierung je nach Lebenslage im Laufe der Zeit oder auch täglich gewährleisten. Das Zuhause verschränkt sich mit dem vielfältigen Freiraumangebot im Quartier, im Hof, im Park, am See und an der „Grünen Saite“ und wird so Teil des sozialen Netzwerkes.
Städtebauliches Konzept
Generell folgt das gesamte Projekt dem Leitbild „grüne Saite“ und entwickelt dieses im Detail weiter.
Freiraum First
Der Bauplatz entwickelt einen gänzlich neuen Innenhoftypus. Die weichen Formen der Grünen Saite werden in die maximal große Innenhoffläche hineingezogen und strukturell verkleinert. Durch die Verwendung von sehr klassischen Hinterhofpflanzen (wie zB: Schwertfarne, silbrige Ölweide, weiß blühendes Lampenputzergras, hellrosa blühende Sonnenhüte,….) entsteht eine intime Innenhofatmosphäre. Ergänzt wird diese durch freistehende weißfarbige Gartentische und Sessel die leicht verstellbar sind (mit Ketten 2m vertragbar). Große Findlinge ergänzen das Bild und ermöglichen multifunktionale Nutzungen wie z.B. als Spiel, Sitzelement oder Auflagefläche. Eine natürliche Holzspiellandschaft integriert sich in das Bild. Drei große hell laubige Acer saccharinum 'Laciniatum Wieri' – geben durch ihr helles und geschlitzt blättriges Laub einen sehr angenehmen Schatten. Sie werden durch mehrstämmige Sorbus Arten ergänzt. Der offenporige Kleinsteinpflasterbelag unterstreicht die teilöffentliche Fläche. Die Gemeinschaftsterrasse ist sehr gut und niveaugleich von der Grünen Saite aus erreichbar und mit vorgelagerte Urban Gardening Bereichen versehen. Große Terrassenbereiche werden im Sinne Alt Erlaas als Terrassenbegrünung 2.0 zeitgemäß bepflanzt. Durch die zusätzliche natürliche Beregnung ist ihr funktionieren gesichert. Eine begrünte Gemeinschaftsterrasse, hohe intensive Tröge mit schmal wüchsigen Ulmen und extensiv bepflanzte Bereichen sorgen für ausreichende Begrünung. Die Fassadenbegrünung weist zwei Typologien auf. Entlang der Grünen Saite soll eine intensive flächige Fassadenbegrünung (Netz) einen dreidimensionalen Effekt erzielen (Akebia quianata, Akebie Lonicera henryi, Immergrünes Geißblatt Schisandra chinensis, Schisandra). Auf den restlichen Flächen ist eine lineare Rankhilfen mit Schlingpflanzen (Celastrus orbiculatus, Baumwürger, Akebia quianata, Akebie, Actinidia chinensis männliche Sorte, Kiwi, Aristolochia macrophylla, Großblättrige Pfeifenwinde) vorgesehen.
Entwicklung der Kubaturen – 4 Charaktere
Das Baufeld wird mittels 2 L-förmigen Baukörpern und einem Solitär gerahmt. An den jeweiligen Öffnungen verbinden Schwellenfreiräume den halböffentlichen Hof mit den öffentlichen Freiraumstraßen. Entlang der grünen Saite springen die Gebäude in den Obergeschoßen zurück um Raum für eine Vielfalt an Begrünung zu schaffen. Wie trifft nun die grüne Saite das Seecarree? Ein dreigeschossiger Sockel entwickelt sich aus der grünen Saite heraus und türmt sich an der Parkfront zu einem Terrassenhaus mit traumhaften Ausblick auf den See auf. Genau an dieser Ecke wird ein markantes Langhaus mit igelhafter Anmutung auf dem Sockel, welches sich zum Solitär hin abtreppt positioniert. Der Auftakt der Grünen Saite bildet die Parkfront und leitet so in den Grünring von Aspern Seestadt über. Der Solitär vermittelt zwischen den beiden L-Baukörpern. Er ist als 6 frontiger Baukörper mit Terrassierungen mit innenliegendem Lichtatrium ausgebildet. Prototypisch vermittelt er städtisches Junges Wohnen. Das Gebäude entlang dem Quartiersweg besteht aus 3 Einzelbaukörpern verbunden mit einem eingeschossigen Sockel. Diese kleinteilige Struktur ermöglicht ein dörflich anmutendes Wohnmilieu. Aufgrund der geringen Gebäudehöhe werden diese Baukörper in reiner Holzbauweise wirtschaftlich errichtet. Die poröse Struktur erlaubt Durchwindung und Frischluftzufuhr für ein angenehmes Wohnklima. Die Eckwohnungen und durchgesteckten Wohnung forcieren das Querlüften.
Differenzierte Wohnmilieus für alle Generationen
• Verschränkung von Wohnen mit Arbeiten für Start Up‘s, EPU‘s, Home Office etc.
• Ateliers, Wohn-, Arbeitsmaisonetten
• Zuhause mit Vorgarten, Loggien, Balkonen, Terrassen – begrünt zum Gärtnern und für Insekten
• Gemeinschaftliches Zuhause im Hof, Gemeinschaftsräumen,- und Terrassen, Kommunikationszonen
• Neutrale Räume werden zu Tag-, und Nachtzeiten unterschiedlich genutzt – ein Plus an Raumangebot ohne zusätzliche Räume
Erdgeschoßzone
Die drei Baukörper werden in kleine Bausteine zerlegt, eine poröse, durchlässige Erdgeschosszone entsteht. Durchgesteckte Eingänge und Fahrradräume erlauben Aus-, und Einblicke von Drinnen nach Draußen. Vorwiegend sind Wohnen+ Funktionen angeordnet, die eine unterschwellige Belebung fördert. Der intime Hofgrünraum breitet sich bis zu den Baukörpern hin aus. Zum Park hin ist eine gewerbliche Zone angeordnet. Ein Gemeinschaftsraum kommt am breiten Schwellenraum zum Liegen und bespielt den Übergang von öffentlich zu halböffentlich. Der 1m Aneignungsstreifen zur Grünen Saite wird für die Fassadenbegrünung und Vorgartenräume genutzt.
Fassaden und Bauweise
Jeder Baukörper wird als eigenständiger Charakter entwickelt. So unterscheiden sich die Erschließungsformen wie Punkt mit Licht-Atrium, Freiraumlaube, Brückenverbindung und Lichtspänner. Alle Gebäude folgen einem Konstruktionsraster, sind Skelettbauten mit vertikal durchgehenden Sanitärkernen. Fassaden sind Leichtbauholzwände mit Vorsatzschalen aus Holz und Keramik. Die Zwischenwände sind Holzständerwände, die teilweise mit Lehm ausgefacht sind. Die Decken sind bauteilaktiviert, der Estrich wird eingespart zugunsten Schüttung und Holzboden.
Der Solitär bietet unterschiedliche Fill Inns an Fassadenelementen an, die auf die jeweiligen Bedürfnisse der BewohnerInnen eingehen können und so eine bunte Vielfalt in der Gestalt erlaubt.
Resilienz
• Nutzungsoffene Räume
• langfristig anpassbare flexible Tragstruktur
• mögliche gute Zerlegbarkeit in einzelne Baustoffe
• Öffnungen für angenehmen Windkomfort, Durchlüftung
• Bäume, Pflanzen, Laubengänge für Besonnung und Beschattung
• Eckwohnungen und durchgesteckte Wohnungen zum Querlüften (low tech)
• Wassermanagement für Bepflanzungen, Speicherung
• Maximaler Erdkoffer für Mikroklima und Versickerung
• Kurze Wege
• Wohnungsmix
• Flexibel: anpassbar für mögliche Veränderungen
Beurteilung durch das Preisgericht
Die Intentionen des Leitbildes werden konsequent und engagiert umgesetzt. Die Öffnungen zum Innenhof sind städtebaulich gut gesetzt und schaffen Weitblicke mit Seebezug, begrüßt wird auch die gegenüber dem Testprojekt vergrößerte Hofdimension.
Positiv gesehen wird die Organisation der durchgesteckten Gewerbenutzungen am Park. Diese können flexibel klein- und großräumlich geteilt werden und bieten einen interessanten Bezug zum Innenhof mit vorgelagerten Sitzstufen, die den Höhenunterschied überwinden.
Die Vielzahl an Maisonetten wird kritisch gesehen, wenn diese auch geschoßweise getrennt funktionieren können.
Die Laubengangtypologien mit kleinen eingebuchteten, nordorientierten Freiflächen vor den Wohnungseingängen werden im Sinne von gemeinschaftsbildender Identität, jedoch fehlender Privatheit und teilweise schlechter Belichtung für die Räume dahinter ambivalent gesehen. Die zum Park und zum See gerichteten Freiräume werden als wesentlich zu klein beurteilt, wobei die Geste zum See durch die Drehung der Fassadenfronten durchaus gewürdigt wird. Jedoch scheint die Anordnung von mehrheitlich kleinen B-Wohnungen der prominenten Lage nicht entsprechend.
Die engagierte Freiraumgestaltung im Innenhof schafft großzügige Flächen mit hoher atmosphärischer Aufenthaltsqualität für die Hofgemeinschaft und wird dementsprechend gewürdigt. Die Empfehlungen zur sommerlichen Durchlüftung des Innenhofes wurden allerdings nicht vollständig berücksichtigt. Ungeachtet des reichhaltigen Baumbestands ist daher südlich des Punkthauses, wo eine große versiegelte Fläche vorgesehen wird, ein Hitzestau zu erwarten.
Die vorgeschlagene Bebauung berücksichtigt den erhaltenswerten, aber nicht verpflanzbaren Baumbestand nicht.
©Schreiner, Kastler