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Offener Wettbewerb | 06/2025

Entwicklung Tempelhofer Feld in Berlin

Vogelperspektive Biotop im Aufwind
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Vogelperspektive Biotop im Aufwind

Anerkennung

Preisgeld: 7.500 EUR

Pysall Architekten

Stadtplanung / Städtebau

EiSat GmbH, Engineered Structures

Tragwerksplanung

eZeit Ingenieure GmbH

TGA-Fachplanung

Erläuterungstext

Ein historisches Flugfeld, das erlebbar verbleibt

Das Tempelhofer Feld war ein Flughafen - ein Flugfeld – bestimmt durch Landebahnen, Rollbahn und viel Freiraum. Das historische Feld ist längst öffentlicher Raum. Wir arbeiten die historische Nutzung heraus. Neben Landebahn und Rollfeld werden historische Fragmente und Relikte zu Orten die Geschichten erzählen. Sie werden zu Wegeskreuzungen, Orten der Begegnung, des Austauschs. Die Rollbahn als „Roter Faden“, verknüpft Wege, Orte, Nutzungen und Bereiche miteinander. Sie verbindet zur Stadt und innerhalb des Flugfeldes. Informationspunkte und Mikromarkierungen geben den Besucher*innen einen „Roten Faden“ durch verschiedene historische Phasen: Von der Zeit als Flugversuchsgelände bis zur Zeit als größter und modernster Passagierflughafen der Welt. Von den Zeiten als Militärbasis bis zu den dunklen Zeiten der Zwangsarbeit. Von der Luftbrücke im Kalten Krieg bis hin zum Ende des Flugbetriebs und Umwidmung zum Stadtpark.

Historische Gebäude verbleiben durch behutsame Sanierung als Erinnerungsorte. Sie sollen zu Plattformen für öffentliche Nutzungen oder Vereine werden. Kinderkrippe, Jugendhaus, Yogaretreat, Skaterbasis, – der Bedarf ist vielfältig und groß.

Die jetzige Nutzung der ehemaligen Lande- und Rollbahnen wird weiter aktiviert. GroĂźe Sport- oder Kulturveranstaltungen sind willkommen.

Neben dem Hauptgebäude entlang des Columbiadamm entsteht ein Ort mit „Kiez-Charakter für das tägliche Leben“: Standüberdachungen für Wochen- oder Flohmärkte, Sportplätze, Urban-Gardening, Spielplätze für Kinder, Jugendtreffs und kleiner Café-/Bar-/ und Restaurantbetriebe als Bürger*innentreffpunkte. Neben dem Hauptgebäude entlang des Tempelhofer Damms entsteht ein Ort mit großstätischem Charakter. Für größere Kultur- und Musikveranstaltungen sowie Veranstaltungen zum Wissenstransfer (von Universitäten oder öffentlichen Trägern) gibt eine vollständig demontierbare Dachstruktur Regen- und Sonnenschutz. Auch Oldtimer-Treffen, Fahrrad-Messen oder Streetfood-Festivals finden hier Schutz.

Mit diesen Maßnahmen wird ein offener, interaktiver und zukunftsfähiger öffentlicher Raum geschaffen. Das Tempelhofer Feld wird zu einem zentralen urbanen Knotenpunkt für ALLE Bürger*innen von Berlin. Es verbleibt „Grüne Oase der besonderen Art“.


Multikulturalität und Innovation

Mit einem breiten Spektrum an Funktionen und experimentellen Projekten werden die sozialen, kulturellen und ökologischen Bedürfnisse unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen adressiert. Vorhandene Anliegen dienen als Ausgangspunkt, sie werden aufgenommen und weitergeführt. Vielfältige gesellschaftliche Entwicklung gefördert: Initiativen wie z.B. die Floating University, Gemeinschaftsgärten oder urbane Landwirtschaft sollen Bildung, Forschung und städtische Agrarprojekte mit zivilgesellschaftlichem Engagement für Ökologie und Gemeinwesen verknüpfen.

Die Einbindung der Bevölkerung über die angrenzenden Quartiere hinaus ist erklärtes Ziel. Sport- und Freizeiteinrichtungen befrieden alltägliche Bedürfnisse nach Bewegung, Begegnung und Erholung. Gemeinwohlorientierte Orte dienen der soziokulturellen Attraktivität des Ortes. Die weltweit einzigartige urbane Qualität ist auch von weltweiter Anziehungskraft. Sie steht für einen Ort, der sozial, kulturell und ökologisch nachhaltige Stadtentwicklung für Generationen Realität werden lässt.


Demokratische und kritische Stadtentwicklung

Das Tempelhofer Feld muss „Gemeingut viele Generationen“ bleiben.

Im Mittelpunkt hat die Nutzung und der Nutzen für die Stadtgemeinschaft sowie für den Klimaschutz zu stehen. Im Planungs- und Gestaltungsprozess wird eine partizipative Strategie verfolgt: Durch die Stärkung von Basisinitiativen und die aktive Einbindung der Bürger*innen wird eine transparente und nachvollziehbare Nutzung und Governance des Raums ermöglicht. Bürger*innen sollen befähigt werden, in der Gestaltung und Verwaltung des Feldes eine aktive Rolle einzunehmen. Die Erneuerung der einzelnen Teilbereiche erfolgt unter besonderer Berücksichtigung der Gesamtkoordination und der Schaffung von Synergien, um Fragmentierung und räumliche Isolation zu vermeiden und eine organisch zusammenhängende öffentliche Landschaft zu fördern.

Die Vision einer nachhaltigen demokratischen Stadtentwicklung wird verwirklicht. Dynamische, inklusive und partizipative Prozesse unterstreichen die gesamtgesellschaftliche Bedeutung des Feldes und eröffnen neue Wege für eine nachhaltige urbane Zukunft. Das Tempelhofer Feld wird so zu einem bedeutenden Träger kollektiver Erinnerung, kultureller Erneuerung und demokratischer Selbstgestaltung – weit über die Funktion eines klassischen Stadtentwicklungsprojekts hinaus.


Ă–kologische Vielfalt und Nachhaltigkeit

Ökologische Vielfalt und lokale ökologische Charakteristika sichern ein nachhaltig funktionstüchtiges Grünkonzept. Mit einer Strategie der „Wiederverwilderung“ der Landschaft wird die Ortsbezogenheit und Einzigartigkeit des Geländes betont. Die bestehende Grünstruktur wird respektiert. Sie wird weitergeführt, natürliche Sukzessionsprozesse gefördert, die Selbstregeneration und Weiterentwicklung des Ökosystems wird unterstützt.

Durch die Schaffung geeigneter Lebensräume und Wanderkorridore werden heimische Tierarten zur Rückkehr animiert und das ökologische Netzwerk des Geländes aktiviert. Diese Maßnahmen stärken nicht nur die ökologische Interaktion, sondern erhöhen auch die Gesamtbiodiversität und Resilienz des Systems. Ein vielfältiges Mosaik aus unterschiedlichen Lebensräumen wird entwickelt. Verschiedene Vegetationstypen, Wassersysteme und topografische Elemente schaffen ein vielschichtiges und diverses Habitatangebot für Flora und Fauna. So entsteht ein gesundes, dynamisches und selbstregulierendes urbanes Ökosystem.

Mit diesen ökologischen Strategien wird nicht nur ein Beitrag zur Bewältigung der globalen Herausforderungen von Klimawandel und Biodiversitätsverlust geleistet, sondern auch ein starkes Zeichen für nachhaltige Stadtentwicklung und ein harmonisches Zusammenleben von Mensch und Natur gesetzt.


Energiekonzept – Regenerativ, Reversibel, Innovativ

Das Energiekonzept setzt konsequent auf regenerative, temporäre und reversible Strukturen.
Kernstück ist ein großflächiger saisonaler Aquiferspeicher (ATES), der das gesamte Feld unterirdisch als thermischen Energiespeicher nutzt.

  • Technologie: Im äuĂźeren Randbereich werden halbmondförmig angeordnete Horizontalfilterbrunnen (Dupletten, max. 99 m tief) zur saisonalen Wärme- /Kältespeicherung (ca. 200 GWh) eingesetzt. Diese minimale Intervention im Untergrund erhält die Weite des Feldes.
  • Energieerzeugung: Mobile und temporäre Photovoltaik-Thermie-Anlagen (PVT) auf 40.000- 80.000 m2 Dachflächen (z.B. ĂĽber Marktplatz, Multifunktionsdach, Mobility Hub, Eingängen) generieren die benötigte Energie. Ihre temporäre Natur unterstreicht die Flexibilität und Reversibilität des Konzepts.
  • Verteilung: Ein intelligentes Anergienetz ermöglicht die effiziente Wärme- und Kälteversorgung umliegender Wohnquartiere.
  • Synergie Sanierung: Die Brunnen ermöglichen gleichzeitig eine biologische In-situ- Grundwassersanierung (Sanergy-Konzept), was eine erhebliche ökologische Aufwertung darstellt.


Wassermanagement & Klimaanpassung

Das Wassermanagementkonzept folgt dem Prinzip der Schwammstadt und schafft Synergien fĂĽr Ă–kologie und Ressourcenschonung:

  • Regenwassernutzung: Gesammeltes Regenwasser von versiegelten Flächen wird fĂĽr die Bewässerung (z.B. „Urbane Gärten“) und als Service-Wasser genutzt, dies reduziert den Verbrauch von aufbereitetem Trinkwasser
  • Retention & KĂĽhlung: Naturnah gestaltete Retentionsflächen (Mulden, Teiche) speichern Wasser bei Starkregen, dienen als Feuchtbiotope zur Steigerung der Artenvielfalt und kĂĽhlen durch Verdunstung die Umgebung.(Standortwahl berĂĽcksichtigt Schutzgebiete).
  • NatĂĽrliche Reinigung: Bepflanzung (Phytoremediation) in Retentionsbereichen reinigt das Wasserbiologisch vor Versickerung oder Nutzung.
  • Grundwasseranreicherung: Gezielte Versickerung von vorgereinigtem Wasser unterstĂĽtzt den Grundwasserhaushalt und potenziell den ATES-Betrieb.
  • PVT-Kondensat: Das Kondensat der PVT-Module wird direkt zur lokalen Bewässerung genutzt, was Ressourceneffizienz steigert und das Mikroklima verbessert.

Beurteilung durch das Preisgericht

Die Arbeit „Eine Zukunft, die aus Freiräumen wächst“ verfolgt einen sehr zurückhaltenden, landschaftsorientierten Ansatz, der das Tempelhofer Feld in seiner Offenheit und Unbebautheit als zentrales städtisches Potenzial begreift. Die Verfasserinnen und Verfasser verzichten bewusst auf dauerhafte bauliche Eingriffe und schlagen stattdessen eine Entwicklung aus der Leere heraus vor: als Kaltluftentstehungsraum, Wasserspeicher, Biodiversitätsfläche, Energiespeicher sowie als Raum für zukünftige Nutzungen durch Initiativen.

Im Bereich innerhalb des Taxiways bleiben große Flächen offen. Kleinräumige Interventionen, wie eine Wasserretentionsfläche, eine Hundefreilauffläche und vereinzelte Aussichtspunkte, ergänzen den landschaftlichen Charakter zurückhaltend. Der äußere Ring wird punktuell aktiviert: Im Süden soll ein dichter bepflanzter Parkstreifen Schallimmissionen durch Verkehr abmildern. In Ost und West, an den Enden der ehemaligen Start- und Landebahnen, sind experimentelle und demonstrative Nutzungen vorgesehen. Ein großmaßstäbliches temporäres Dach bietet wetterunabhängige Aktionsflächen. Im Norden entstehen kombinierte Angebote aus Marktplatz, urbaner Landwirtschaft, Sport- und Bewegungsflächen.

Die infrastrukturelle Erschließung wird weiterentwickelt. Eine neue S-Bahn-Station im Südosten, zusätzliche Eingänge sowie ein verdichtetes Wegenetz sollen die Zugänglichkeit erhöhen. Versiegelte Flächen sollen im Zeitverlauf erodieren und von der Natur zurückerobert werden.

Die Jury würdigt den Entwurf als inhaltlich breit aufgestelltes und gut begründetes Konzept, das vielfältige Themen integriert: Geschichte, Energie, Ernährung, Ökologie, Biodiversität, Wasserhaushalt, Partizipation und Innovation. Die Ergebnisse der Dialogwerkstätten wurden sichtbar aufgenommen – insbesondere die Themen Grünräume, Klima, Freiraumqualitäten, Nachbarschaften und Vernetzung. Der bewusste Verzicht auf Bebauung wird als klare Haltung verstanden.

Die vorgeschlagene Verdichtung des Wegenetzes sowie neue Eingangssituationen werden als positiv wahrgenommen. Es fehlt jedoch an einer präzisen Ausgestaltung und Hierarchisierung der einzelnen Zugänge, insbesondere im Hinblick auf ihre jeweilige Funktion und Identität.

Als innovativ wird die Idee eines unterirdischen Aquifer-Thermal-Energy-Systems gewertet, das als dezentrale Energiequelle für ein umliegendes Niedertemperatur-Fernwärmenetz dienen könnte. Die Nutzung des Flughafengebäudes als Standort für Photovoltaik wird angesprochen. Ebenso gibt es Verweise auf das Thema Grundwassernutzung. Diese Ideen stellen das Potenzial des Feldes als Energiespeicher heraus. Die technische und organisatorische Umsetzbarkeit – insbesondere im Hinblick auf die Erschließung der angrenzenden Quartiere – erscheint jedoch herausfordernd. Insgesamt wird das Thema Energie zwar gesetzt, aber nicht konkretisiert.

Die Entwicklung landschaftlicher Retentionsräume wird grundsätzlich positiv bewertet. Angesichts des trocken-heißen Stadtklimas erscheint die Realisierbarkeit dauerhafter Wasserflächen jedoch eingeschränkt.

Die Lärmschutzfunktion des südlichen Parkstreifens wird anerkannt. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass durch die starke Rahmung des Feldes dessen inselartige Isolierung verstärkt und sozial wenig aktive Räume geschaffen werden.

Insgesamt wird der Entwurf als in Teilen widersprüchlich wahrgenommen: Textliche Aussagen, zeichnerische Darstellungen und konzeptionelle Schaubilder sind nicht immer konsistent. Die Gliederung des zentralen Feldes in drei Teilräume – Flughafen, Wiesenmeer und Biotop – erscheint schematisch und ohne erkennbare ökologische Begründung. Der experimentelle Charakter, der in der textlichen Beschreibung deutlich wird, findet in den Plänen und Visualisierungen nur eingeschränkt Ausdruck. Die Vertiefungen bleiben unkonkret in Bezug auf räumliche Ambitionen, neue Elemente und Bestandsbereiche. Die Setzung einzelner Baumpflanzungen entlang der Rollbahnen wird zudem kritisch hinterfragt, da sie die Freiraumwirkung punktuell stören und den landschaftlichen Charakter schwächen könnten.

Die Jury bewertet den Entwurf als zugleich ambitioniert und zurückhaltend: In Bezug auf Klimaresilienz und Energie zeigt die Arbeit klare und zukunftsweisende Ansätze. Hinsichtlich der Programmierung und räumlichen Konfiguration des äußeren Rings bleibt sie jedoch vage und unentschieden, wodurch eine verlässliche Orientierung für die Weiterentwicklung des Tempelhofer Feldes nur bedingt gegeben ist.
Vogelperspektive Landeanflug

Vogelperspektive Landeanflug

Eine Zukunft, die aus Freiräumen wächst

Eine Zukunft, die aus Freiräumen wächst

Eine Zukunft, die aus Freiräumen wächst

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