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Mehrfachbeauftragung | 09/2014

Erinnerungsort Olympia-Attentat MĂŒnchen 72

Teilnahme

chezweitz GmbH

Architektur

ErlÀuterungstext

Idee

Spiegel sind Medien, welche Bilder deplatzieren, sie sind deshalb das Urmedium des Virtuellen. Sie zeigen Dinge auch dort wo sie nicht sind, im Spiegelbild. So spiegeln uns die modernen, visuellen Medien, allen voran das Fernsehen, die einmalige NĂ€he eines Ereignisses, so fern es auch sein mag. Sie suggerieren uns Teilnahme und entlasten uns scheinbar von direkten Konsequenzen.
Die olympischen Spiele von 1972 inszenierten insbesondere mittels der LiveĂŒbertragung eine fröhliche und bunte Zusammenkunft der Welt in MĂŒnchen. Gerade ihre MedialitĂ€t in actu war aber zugleich auch das Einfallstor des Terrors, der ebenso die LiveĂŒbertragung des Ereignisses fĂŒr seine menschenverachtende Botschaft nutzte. Ohne TV keine Spiele, aber eben auch kein Attentat in den Wohnzimmern der Welt.
Deshalb ist der Fernsehapparat, der 1972 vor allem in Farbe noch Wohlstandsereignis und Fortschrittsverheißung war, die entscheidende Referenz fĂŒr den formalen Ansatz dieses Entwurfes. Die Typologie des kubischen Apparates, der medialen Box, bildet die Grundlage fĂŒr das Einzelelement der Installation.
Die MedialitĂ€t des Attentates insgesamt ist der szenografische Ausgangspunkt fĂŒr die kĂŒnstlerische Installation. 11 israelische Sportler und ein deutscher Polizist kamen ums Leben. 12 Spiegelkuben formen eine mediale Installation, die aus der Bewegung heraus – en passant – erfahrbar ist. Es ist eine Installation und keine Architektur. Dieser feine Unterschied stĂ€rkt die historische Konzeption des Olympiaparks, die 2 Ebenen unterscheidet: die höher gelegene Bewegungsebene und die tiefer gelegene Ebene fĂŒr die Architektur.
Der Bewegungsraum der Landschaft des OlympiagelĂ€ndes wird durch die Spiegelkuben mit der geometrisch basierten Architektur der Olympiabauten verbunden. Der so installierte Gedenkort wird zur wichtigen rĂ€umlichen Schnittstelle auf dem OlympiagelĂ€nde. Visuell verbindet er die beiden existierenden Denkmalorte Connollystr. 31 und die berĂŒhmte Olympiazeltarchitektur mit dem Mahnmal von Fritz König und schafft einen kontemplativen Ort der Information und des Gedenkens
Die Umgebung, der Park, der Himmel, das Dach des Stadions und auch der Ort des Geschehens können fĂŒr die Betrachter durch die SpiegelflĂ€chen eingefangen und ganz selbstverstĂ€ndlich zu Bildern einer Ausstellung an dem Ort im Olympiapark gemacht werden. Dort, wo am 5./6.9.1972 u.a. die Kamerateams gestanden und die Bilder aufgenommen haben, stehen nun kubische Apparate, die Bedenken und Andenken verbinden.

Ausstellungkonzeption

Diese Ausstellungkonzeption bedient mehrere Ebenen. Im Zentrum steht das Opfergedenken. Die 11+1 Kuben sind jeweils einem Opfer zugeordnet. Die KomplexitĂ€t des Ereignisses, die parallele MedialitĂ€t (auch wĂ€hrend des Ereignisses), aber auch die konzentrierte Begegnung mit einzelnen Opfergeschichten werden so möglich. Die 12-teilige Installation reagiert durch Bewegungssensoren auf die Besucher. Die Bilder auf den Spiegeln oder die Bilder, die durch das Licht im Inneren der Kuben erzeugt werden erfordern keinen fixen Punkt des Betrachters. Die Kuben mit ihrer KantenlĂ€nge 114 x 114 cm haben durch die Aktivierung unterschiedliche Seiten. Die thematisch aufgebaute Ausstellungsseite erzeugt ein SpannungsverhĂ€ltnis zur medialen Erinnerungsinstallation, sie verstĂ€rkt den Charakter als Ort der Information. Die Installation wirkt mit ihren verschiedenen Seiten aus jeder Perspektive anders und wird durch die Bewegung bzw. die Wahl des Besuchers bestimmt. Ebenso können durch einen vorher definierten Zeitrhythmus die Kuben als Selbstattraktoren fĂŒr zufĂ€llige Passanten programmiert werden. JĂ€hrlich am 5./6.September soll die Installation im Gedenken an das Attentat von 1972 fĂŒr die Attentatsdauer von 21 Stunden im Dauerbetrieb laufen.
Die Nordseite, mit Blick auf die OlympiadÀcher, ist mit einer 12-teiligen Medieninstallation belegt. Im Moment der Aktivierung durchbrechen die medialen Bilder die spiegelnde OberflÀche. In einem Loop werden die visuellen Opferbiografien entlang eines Timecodes parallel erzÀhlt und unterbrochen. Der Loop fÀngt zeitlich leicht versetzt mit den Geburtstagen und Namen der Sportler an; visuell erzÀhlt werden Details aus dem Leben, die LÀnder ihrer Herkunft und ihrer Sportarten. So können die spezifischen zeitlichen Kontexte aber auch individuelle Informationen erlebbar gemacht werden.
Auf der SĂŒdseite, mit Blick auf die Conollystraße, ist das Innere der Kuben durch eine beleuchtete Vitrinen bestimmt, die zur Ausstellung von Bildmaterial und Exponaten dient. Die kuratorische Struktur, die Definition der 12 Themenfelder sowie die geeignete Exponatwahl wird im gemeinsamen Prozess mit den Kuratoren entwickelt.
In den Leuchtvitrinen werden unterschiedliche Exponate wie Briefe und Fotomaterial in ausgestellt und es entstehen durch die aktive Hinterleuchtung immer wieder verblĂŒffender Effekte.
Der Ort verĂ€ndert sich mit den Tages- und Jahreszeiten. Auch im Winter oder am Abend wird die mediale Kraft der innovativen Medientechnik krĂ€ftig wirken und die GrĂŒnflĂ€che zu einem anziehenden Ort machen.
Eingestreut in das biografische Narrativ sind die kontextuellen Informationen zum Attentat. Dramaturgisch werden die ZĂ€suren von individuell zu allgemein und allgemeiner wieder zur individuellen Geschichte durch das noch in jener FrĂŒhzeit bekannte Test- und Störbild der Fernsehsender strukturiert. Es ist immer wieder der Einbruch des Medialen, der die Unterschiede markiert und auch verdeutlicht, das Gedenken in heutiger Zeit neue Wege beschreiten muss.
Die gelĂ€ndeunabhĂ€ngige Ausrichtung der Installation, ermöglicht auch das private, persönliche Gedenken an die Opfer, das Steine-Niederlege, das in der jĂŒdischen Tradition ein Ritual des Totengedenkens ist, wird auf den Himmel und Baume spiegelnden OberflĂ€chen der Kuben zum Sinnbild von Unendlichkeit und dauerhaftem Gedenken.
Es entsteht so eine Synthese aus Lernort und kĂŒnstlerischer Installation, die gleichwohl fĂŒr das persönliche Gedenken und den stillen Moment wie auch fĂŒr die Informationserkundung einer Schulklasse geeignet ist.