Städtebau, Funktionsverteilung, Erschliessung
Die Projektverfassenden zeigen eine überzeugende Analyse des Bestands, identifizieren die charakteristischen Eigenschaften und bauen ihr Projekt stringent darauf auf. Der Charakter der Gartenstadt soll erhalten bleiben und in diesem Sinne wird die Stammsiedlung innerhalb des vorhandenen Bebauungsmusters nachverdichtet.
Das geschieht mithilfe von punktuellen Eingriffen - lediglich fünf Wohnhäuser werden rückgebaut und durch ähnlich dimensionierte Baukörper ersetzt - sowie eine umfassende Sanierung des Bestands. Die restlichen Bestandsbauten werden erhalten und durch eine Aufstockung und Anbauten umfangreich saniert.
Der grosse Gewinn den das Projekt schafft, ist der grosszügige und siedlungsprägende Freiraum, der durch den Rückbau des Ladengebäudes im Bereich des heutigen Spielplatzes möglich wird. Er markiert den Eintrittsort in das Quartier, vermittelt mit den massiven Neubauetappen und schafft mit dem neuen Pavillon, in dem Gemeinschaftsnutzungen untergebracht sind, eine freiräumlich geprägte und soziale Mitte mit starker Identität. Die anderen, aktiveren Nutzungen wie das Cafe, die Verwaltung und der Kindergarten gruppieren sich um den Goldregenweg und beleben die Verbindung zur Kantonsschule. Das neu geschaffene Freiraumangebot schafft einen Mehrwert, der die Kraft hat, auch für die umgebende Nachbarschaft Bedeutung zu erlangen.
Durch den Anbau der bestehenden Tiefgarage bei der Abzweigung Birchstrasse und Verlegung der Zufahrtsrampe der Tiefgarage unter dem Spielplatz an die Künzlistrasse wird das Quartier weitgehend vom Verkehr entlastet, was den grossen Freiraum zusätzlich stärkt.
Die Ersatzbauten sind in ihrer Proportionalität zwar massiger als der sanierte Bestand, fügen sich aber gut in das Gesamtbild ein und ergänzen es schlüssig. Zur Sanierung der Bestandsbauten werden eine Aufstockung, vorgestellte Zimmertürme und offene, üppig dimensionierte Erschliessungstürme mit integrierten Terrassen vorgeschlagen. Die heute vom Grün dominierten,
typischen Zwischenräume der Gartenstadt werden dadurch zu einem sozialen, deutlich urbaneren Raum umgestaltet und überformt.
Freiraum
Besonderes Merkmal des vorliegenden Vorschlags ist der grosse, identitätsstiftende Freiraum mit den oben beschriebenen qualitätsvollen Nutzungen. Der Ausbau dieses Ortes von einer Quartierwiese zu einem mannigfaltigen Freiraum und Treffpunkt, der auch für das angrenzende Quartier und vielleicht auch für die Schule zum Ort der Begegnung werden kann, wird als äusserst positiver Beitrag gewürdigt. Der Vorschlag ist sehr sorgfältig ausformuliert und wirkt sehr einladend. Brunnenplatz, Siedlungstreff und Anger versprechen eine hohe Qualität und können auch bei einer zukünftigen Weiterentwicklung des Areals als identitätsstiftender Freiraum nachhaltig wirksam bleiben.
Der grosse Freiraum bedingt, dass die anderen Bereiche des Planungsgebietes mit einer neuen Dichte konfrontiert werden. Die fünf neuen Punktbauten fügen sich gut in die bestehende Struktur ein und können bereits am richtigen Ort eine höhere Dichte bereitstellen. Bei den Bestandbauten wird sowohl aufgestockt als auch angebaut. Das hat zur Folge, dass sich die Proportionen der Grünräume zwischen den Zeilenbauten ändern und dass der Baumbestand durch die Bautätigkeiten wie auch durch die neuen Feuerwehrzufahrten stark unter Druck geraten. Die Visualisierungen zeigen, wie sich der Charakter der Bauten und der Freiräume in Zukunft präsentieren würde. Die Stimmung der Siedlung wirkt einladend. Zweifel an der Eingriffstiefe in den Freiraum und die Bausubstanz werden aber durch die gezeigten Bilder ebenfalls geschürt. Die Bauten wirken wie Neubauten und die ausladenden Anbauten scheinen
den Freiraum stark zu schmälern. Es entsteht der Eindruck einer sehr dichten Siedlung, welche als Neubau unbestrittene räumliche, soziale und freiräumliche Qualitäten hat, als
Sanierung/Erweiterung kann die Strategie zumindest das Versprechen an Bewahrung und Entwicklung der qualitativen Freiräume zwischen den Zeilen nicht erfüllen.
Ökologische Themen und Stadtklima sind gut in das Projekt eingeflossen und schlagen Massnahmen auf der Höhe der Zeit vor.
Architektur
Die sensible städtebauliche Herangehensweise des Verfasserteams, die auf dem Weiterentwickeln und Stärken der inhärenten Eigenschaften beruht, wird im architektonischen Ausdruck weniger stark verfolgt. Die Neubauten und die sanierten Wohnhäuser wirken urban, der ursprüngliche Charakter der bestehenden Wohnhäuser wird durch die beidseitigen und ausladenden Anbauten so stark überformt, dass er nicht mehr wahrnehmbar ist.
Das Wohnungsangebot überzeugt. In den sanierten Häusern entstehen grosszügige, gestaffelte, durchgesteckte Wohnbereiche. Die Aussenterrassen der Erschliessungstürme schaffen ein vielseitig nutzbares, zusätzliches Raumangebot und versprechen besondere Wohnqualitäten. In den verschiedenen Neubautypen wird eine Vielfalt an Wohnungen und Wohnqualitäten
aufgezeigt, was das Wohnungsangebot insgesamt gut abrundet. Die modulare Bauweise verspricht einen hohen Grad an Vorfertigung und damit ressourcenschonendes, schnelles und kostengünstiges Bauen.
Sozialraum
Der Pavillon im Herzen der Siedlung, der mit seiner offenen Seite sehr einladend und durchlässig wirkt, schafft eine hohe Aufenthaltsqualität und verleiht dem Siedlungsplatz eine besondere Atmosphäre. Die weiteren Gemeinschaftsräume sind in den Grünraum orientiert und funktionieren als Treffpunkte und Identitätsorte.
Dass gemeinschaftliche Gemüsegarten platziert wurden, zeigt, wie detailliert über Angebote und soziale Interaktion nachgedacht wurde.
Die modularen Wohnungen bieten eine hohe Flexibilität, die sich auf verändernde Lebensphasen anpassen lassen und damit den Bewoher:innen viel Freiheit bieten.
Der neue Ausdruck der Siedlung hat aber mit dem heutigen nichts zu tun und die vertraute Identität ist nicht mehr erkennbar. Die Bestandsbauten erfahren durch die Weiterentwicklung eine ganz neue Gestaltung und verlieren ihren heutigen Charakter.
Wirtschaftlichkeit
Bei den Erstellungskosten pro m² HNF der 1. Etappe schneidet das Projekt durchschnittlich ab. Mit total 350 Wohnungen über alle Etappen gesehen weist das Projekt zwar am wenigsten Wohnungen auf, liegt dabei aber nicht weit unter dem Durchschnittswert.
Nachhaltigkeit
Das Projekt ist geprägt vom Wunsch nach einem hohen Anteil an Bestandserhalt, welcher mit An- und Aufbauten in Holzmodulbauweise erweitert wird. Es werden 25 von 39 Einheiten der Bestandsgebäude erhalten und aufgestockt, der Neubauanteil ist im Quervergleich eher tief. Die Bestandsgebäude werden aber stark verändert. Hier stellt sich das Beurteilungsgremium die
Frage, für welchen Zeitraum der Bestand mit diesem markanten Eingriff ertüchtigt wird.
Die Unterbauungsanteil ist im Vergleich eher hoch. Das Projekt vermeidet Hitzeinseln, wirkt positiv auf das Mikroklima und ermöglicht eine gute Durchlüftung.
Tiefe Grundrisse und Auskragungen führen zu schlechter Tageslichtversorgung. Fehlende solare Gewinne (Laubengang, Raumtiefe, Auskragungen) können Erfüllbarkeit des winterlichen Wärmeschutzes nach Minergie- P erschweren. Die Energiekennwerte zu erreichen gemäss Minergie-P nötig sind, wäre anspruchsvoll.
Eine Zertifizierung als SNBS-Areal ist möglich. Die Neubauten können gemäss SNBS 2023.1 Hochbau zertifiziert werden.
Fazit
Das Projekt zeigt den grossen Wert eines grosszügigen Freiraums, der zugleich das Herz des Quartiers bildet, beispielhaft auf. Dieses Angebot stellt nicht nur für das Quartier, sondern auch für die umgebende Nachbarschaft einen hohen Gewinn dar. Der überformte Bestand hingegen wurde intensiv und kontrovers diskutiert. Ein Fokus lag dabei auf der Qualität der entstehenden
Zwischenräume. Einerseits wurden die geschaffenen, nachbarschaftlichen Begegnungsräume positiv bewertet, andererseits geraten die Grünqualitäten und insbesondere der Baumbestand aber zu stark unter Druck.