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Einladungswettbewerb | 11/2013

Erweiterung experimenta

Ansicht alt und neu vom Wasser aus

Ansicht alt und neu vom Wasser aus

2. Phase

Kauffmann Theilig & Partner, Freie Architekten BDA, Partnerschaft GmbB

Architektur

Architekturmodelle Boris Degen

Modellbau

ErlÀuterungstext

Stadt- und Landschaftsraum

Eine solitĂ€re Figur findet auf der Neckarinsel einen sicheren Platz. Sie ist in Körnung und MaßstĂ€blichkeit aus den Volumina der Umgebung abgeleitet.

Das neue, schlanke GebÀude mit einer Traufhöhe von 32,8 m steht im Abstand zum bestehenden Experimenta GebÀude und bildet so einen gemeinsamen Vorplatz, einen Treffpunkt aller Wegebeziehungen.

Die zeichenhafte Figur ist in ihrem sichtbaren Volumen reduziert und schafft es, den Landschaftsraum der Neckarinsel zu akzentuieren ohne ihn vollstÀndig zu besetzen.

Der im Volumen reduzierte Baukörper der neuen Experimenta belĂ€sst somit großzĂŒgigen Freiraum im Außenbereich:

- Es entsteht ein wohldimensionierter Eingangsplatz zwischen Alt und Neu.
- Die Uferzone im Osten bleibt unbebaut und die schönen, gestaltprĂ€genden großen BĂ€ume können erhalten und ergĂ€nzt werden. Ein Restaurant/Biergarten profitiert von der AtmosphĂ€re am Fluss.
- BlickbezĂŒge, insbesondere in West-Ost-Richtung zwischen der westlichen Vorstadt und der Altstadt, werden sorgfĂ€ltig ausgebildet.
- KrĂ€ftige und selbstverstĂ€ndliche Wegebeziehungen von Ost nach West und von SĂŒd nach Nord werden angeboten. Die bestehende Adolf-Cluss-BrĂŒcke sowie die BrĂŒcke ĂŒber der Staustufe werden ganz selbstverstĂ€ndlich integriert, ebenso das Angebot des Parkhauses im Westen.
- Es entsteht ein signifikantes Erscheinungsbild von Osten - der Stadt, von SĂŒden - dem Bahnhof und dem Kurt-Schumacher-Platz, von Norden - den neuen Stadtteilen entlang des Neckars.
- Die Neckarinsel bleibt krÀftiger und wichtiger Baustein der Bundesgartenschau entlang der Flusslandschaft des Neckars.
- Die Konzentration des Raumprogrammes auf dem nördlichen Teil des GrundstĂŒcks erlaubt wieder eine öffentliche Nutzung des sĂŒdlichen Teils – als erlebbaren Auftakt der Neckarflusslandschaft im StadtgefĂŒge.

Das neue GebĂ€ude der Experimenta ist nur zur HĂ€lfte oberirdisch entwickelt. Die oberirdischen GebĂ€udeteile binden in einen unterirdischen Hohlraum ein - wie eine GlĂŒhbirne in eine Fassung. Der GlĂŒhfaden der Lampe ist die Raum-Zeit-Spirale und verbindet oberirdisches mit untergeschossigem zu einem selbstverstĂ€ndlichen ganzen Raumerlebnis.

Die KugelhĂŒlle des Science DomeÂŽs im untersten Geschoss ist omniprĂ€sent:
Sie wird erlebbar fĂŒr den ankommenden Besucher vom Vorplatz aus;
Sie wird sichtbar im alle Geschosse verbindenden Luftraum;
sie wird zum Spiegelbild der skulpturalen Raum-Zeit-Spirale und gleichzeitig deren unterer Abschluss.
Die refkletierende OberflĂ€che sorgt fĂŒr TageslichtqualitĂ€t auch in der unteren Ebene und wird zum krĂ€ftigen Zeichen im inneren des GebĂ€udes und von außen und kann so mit ihrer symbolhaften PrĂ€senz zum Kommunikations- und IdentitĂ€tstrĂ€ger werden.


Funktionen

Zwei Eingangs- und Foyegeschosse (E0 und E+1) bilden die einladende Basis fĂŒr Themenwelten und Talentschmieden in den vier Obergeschossen. Die Wechselausstellung mit Werkstatt und Science Dome im unteren Geschoss sowie eine Verteil- und Verbindungsebene (E-1) ergeben die logische Struktur der Funktionsverteilung:

- Alle Bereiche sind selbstverstĂ€ndlich ĂŒber die Raum-Zeit-Spirale miteinander signifikant und erlebbar verbunden.
- Die Raum-Zeit-Spirale findet ihren sicheren Platz im Schnittpunkt zwischen dem gemeinsamen Luftraum und den Talentschmieden.
- Die Talentschmieden begleiten so den Weg der Raum-Zeit-Spirale und bilden sich als vertikale Skulptur (Kokon) im „Schaufenster“ zur Stadt Heilbronn gestaltwirksam ab.
- Die BiosphĂ€re ist als kristalliner Hochpunkt im Vorplatz zwischen Alter und Neuer Experimenta angeordnet. Sie leistet Signifikanz und Firmierung fĂŒr alle wesentliche Blickrichtungen im Außenbereich. Sie ist Belichtung und Attraktivierung der großzĂŒgigen Wegebeziehung zwischen Neu und Alt auf der Ebene (E-1).
- Die Funktionen des bestehenden GebĂ€udes werden, wie vorgeschlagen, ĂŒbernommen.
- Die Raum-Zeit-Spirale ist ergĂ€nzt um zwei AufzĂŒge und wird so zur dominanten und behindertengerechten Vertikalerschließung im GebĂ€ude. ZusĂ€tzlich sind zwei (fluchtwegtaugliche) vertikal erschließende durchgĂ€ngige TreppenhĂ€user sowie ein weiterer Personenaufzug und ein Lastenaufzug durchgĂ€ngig vorgesehen.
- Der Lastenaufzug erreicht und verbindet alle relevanten Funktionen mit einem kontrollierten Anlieferpunkt in E0 an der Nordwestseite.
- Science Dome und Wechselausstellung sind separat erreichbar und erschließbar.
- Die Sternwarte in der obersten und der Science Dome in der unteren Ebene sind ĂŒber die Aufzugsverbindung der Raum-Zeit-Spirale gemeinsam nutzbar sowie separat erschließbar.
- Das Restaurant in E+1 erfĂŒllt die geforderten FunktionszusammenhĂ€nge und orientiert sich zu Vorplatz und Stadt. Eine seperate Erschließung außerhalb der Betriebszeiten der Experimenta ist gewĂ€hrleistet.
- Sehr selbstverstĂ€ndlich wird die historische Turbine an der Nordostecke des GrundstĂŒcks in den Ausstellungszyklus in E0 und E-1 eingebunden.


Fassade und Erscheinungsbild

Das kristalline Erscheinungsbild wird von den opaken FlĂ€chen im Wechsel mit transparenten FlĂ€chen geprĂ€gt. Die matt-silberne Blechfassade beinhaltet gezielte Öffnungen, die einerseits die ‚Karrosserie‘ des GebĂ€udes unterstĂŒtzen, andererseits die Anforderungen der InnenrĂ€ume erfĂŒllen. Der schlanke Baukörper bildet ein ‚Fenster‘ zur Stadt mit dem Kokon der Talentschmieden und eine ‚Öffnung‘ im Bereich der Themenwelten zur Flußlandschaft.

Die verglasten GebĂ€udeteile sind großmaßstĂ€blich, liegend formatiert. Untergeordnete Fassadenöffnungen verschwinden hinter der perforierten Blechfassade. Diese wird in ihrer OberflĂ€che durch eine schuppige, narrative Struktur gegliedert. Die Sockelfigur ist in die Gesamtskulptur integriert. Die DachflĂ€chen sind extensiv begrĂŒnt. Die hohen GebĂ€udeteile erhalten eine geometrisch geordnete, „intelligente“ Dachaufsicht mit der Integration von Solarelementen (als Sonnenschutz der Dachverglasung).


Außenanlagen

Die Experimenta fĂŒgt sich in den Landschaftsraum der Neckarinsel selbstverstĂ€ndlich und richtig dimensioniert ein - das ist wesentlicher Teil des Konzeptes. Der kristalline Baukörper akzentuiert diese Absicht.

Das landschaftlich geprĂ€gte Umfeld bleibt erhalten und wird ergĂ€nzt. Das gilt fĂŒr die begrĂŒnten FlĂ€chen, ebenso wie fĂŒr die Wegebeziehungen:
Befestigte FlÀchen (Wege und Eingang) erhalten eine kies-/sandfarbene MakadamoberflÀche, der Vorplatz ist wassergebunden mit eingearbeiteten Sitzgelegenheiten.

All das ist eingebettet in den Neckarlandschaftsraum:
Heimische und standortgerechte Vegetation mit solitĂ€ren BĂ€umen und Baumgruppen umspielen die GebĂ€ude und verbinden die sĂŒdliche mit den nördlichen GrundstĂŒcksteilen. Öffentliche Wege ergĂ€nzen das selbstverstĂ€ndliche Angebot und beziehen nun auch die sĂŒdliche GrundstĂŒckshĂ€lfte wieder ein.


Baugrube und GrĂŒndung

Das neue GebĂ€ude greift mit ca. 10 m und einer zentrischen Vertiefung mit ca. 12 m in den Baugrund ein. Die GrĂŒndung erfolgt in der geologischen Schicht des Gipskeuper.
Eine wasserdichte Schlitzwand (oder ĂŒberschnittene Bohrpfahlwand) mit RĂŒckverankerungen, bildet die vertikale Baugrube und deren Abdichtung.

Eine horizontale Abdichtung der Baugrube ist im anstehenden Gipskeuper nicht notwendig. Eine ausreichend dichtende Wirkung macht zusĂ€tzliche Maßnahmen entbehrlich! Die wasserfĂŒhrenden Schichten werden mittels Ausgleichsbohrungen ausreichend entspannt – eine Maßnahme die im ĂŒbrigen auch notwendig wĂ€re bei einer GrĂŒndung knapp oberhalb der Keuperschicht.

Die GrĂŒndung des GebĂ€udes erfolgt mittels einer 1,0 m starken Betonsohle. Sie verhindert den Auftrieb wĂ€hrend der Bauzeit. Untergeschossige Versorgungsbereiche werden teilweise in die dicke Platte integriert. Ggf. leisten ergĂ€nzende KleinbohrpfĂ€hle die notwendige RĂŒckverankerung.
Die Gewichtssumme aller Geschossdecken des sehr kompakten GebÀudes verhindert einen Auftrieb nach Fertigstellung.
Alle tragenden und erdberĂŒhrenden Bauteile bestehen aus Stahlbeton. (Siehe dazu Stellungnahme im Baugrundgutachten).


Tragwerk

Die tragenden Bauteile bestehen ebenfalls aus Stahlbeton. Der Luftraum ĂŒber dem SienceDome ist stĂŒtzenfrei ĂŒberspannt. Die Lastabtragung erfolgt ĂŒber die AußenwĂ€nde/StĂŒtzen, einer Druckebene in der Dachscheibe, sowie den in diese rahmenhafte Figur eingehĂ€ngten Ebenen der Themenwelten. Die FlĂ€chen der Themenwelten sind weitgehend stĂŒtzenfrei ĂŒberspannt und schaffen so eine maximale FlexibilitĂ€t im Raumangebot.
Die horizontale Aussteifung ĂŒbernehmen die vertikalen Erschließungselemente.


Brandschutz

Das GebĂ€ude ist ein Brandabschnitt. Es ist vollstĂ€ndig gesprinklert und mit Rauchmeldern ĂŒberwacht.
Die Entrauchung erfolgt thermisch oder mit Hilfe der LĂŒftungsanlage in den geschlossenen Einheiten.
Zwei durchgÀngige FluchttreppenhÀuser mit AusgÀngen im EG direkt ins Freie schaffen die vertikale Entfluchtung des GebÀudes. Horizontale Wege in allen Geschossen von max. 35m zu den beiden TreppenhÀusern sind eingehalten.



Energie und Nachhaltigkeit

Das GebĂ€ude ist energieoptimiert und nachhaltig. Der kompakte Baukörper schafft ein gĂŒnstiges VerhĂ€ltnis von OberflĂ€che zu Volumen (A/V). Der Anteil der geöffneten FlĂ€chen ist kleiner 45 %. Das GebĂ€ude ist mit einer hohen WĂ€rmedĂ€mmstandard fĂŒr die opaken FlĂ€chen (Dach und Fassade) ausgerĂŒstet sowie einer 3-fach Verglasung in den transparenten Bauteilen. Ein in die GlasflĂ€chen integrierter Sonnenschutz ist wirksam auf den SĂŒd-, West- und Ostseiten angeordnet.

Die Frischluftversorgung (Heizung/KĂŒhlung) des GebĂ€udes erfolgt ĂŒber einen unterirdischen Luftkanal im GelĂ€nde;
Die natĂŒrlich vorgewĂ€rmte/vorgekĂŒhlte Frischluft wird in das Atrium eingeblasen, es ist die Lunge des GebĂ€udes. Von hier aus wird die Frischluft ĂŒber die Deckenpakete in die tiefen der RĂ€ume gedrĂŒckt. Die RĂŒckfĂŒhrung der Luft einschließlich einer hocheffizienten WĂ€rmerĂŒckgewinnung ist zentral vorgesehen (siehe dazu Prinzipskizze). Die massiven Bauteile des GebĂ€udes bleiben weitgehend unverkleidet und stehen so zur Bauteilaktivierung zur VerfĂŒgung.

Alle Baumaterialien ensprechen einem hohen ökologischen Standard.


Résumé

Das GebÀude der Experimenta wird zum signifikanten SolitÀr im Neckar-Landschaftsraum.

Die Reduzierung der erlebbaren GebÀudemassen schafft FreirÀume und Blickbeziehungen, erhÀlt und akzentuiert den prÀgenden Landschaftsraum.
Das gewĂ€hlte Maß des Eingriffs in den Untergrund entspricht dem Bedingungen der Geologie, ist wirtschaftlich vernĂŒnftig und optimiert das VerhĂ€ltnis von Aufwand und architektonischen Nutzen.

Die Ă€ußere Gestalt und der anspruchsvolle Inhalt stehen in glaubhafter Übereinstimmung. Das GebĂ€ude macht neugierig, ist nahbar und einladend in der Geste.
Die inneren RaumzusammenhĂ€nge sind ĂŒber den großen Luftraum und die krĂ€ftige Raum-Zeit-Spirale spannend und orientierbar zugleich. Das vorgeschlagene Energiekonzept (Heizung und LĂŒftung), vervollstĂ€ndigt den glaubhaften und nachhaltigen Ansatz.

Beurteilung durch das Preisgericht

Phase 1

Die gewÀhlte Baukörperform und die stÀdtebauliche Anordnung des spannungsreich
geformten SolitÀrs werden im Ensemble mit Baubestand und BiosphÀre sehr positiv
beurteilt. Aufgrund des AbrĂŒckens vom Bestand, ergibt sich eine exponierte Situation
mit spannenden und interessanten Blickbeziehungen sowie ein attraktives und großzĂŒgiger öffentlicher Raum.

Der Vorschlag fĂŒr die BiosphĂ€re mit seiner Signalwirkung wird ebenfalls positiv bewertet.
Die hieraus resultierende Freihaltung des Baufelds 2 wird als Statement begrĂŒĂŸt.
Die vorgeschlagene Baugrubentiefe und die Unterbringung des Science Domes
komplett im Untergeschoss wird aus Sicht der Wirtschaftlichkeit sehr kritisch beurteilt
und erscheint so nicht umsetzbar. DarĂŒber hinaus ist mit der Anordnung im Untergeschoss die Signalwirkung des Science Domes ausgeschlossen. Obwohl das Problem erkannt ist und der Auslober nicht bereit ist, ein UG-Bauwerk dieser GrĂ¶ĂŸe im Untergrund zu akzeptieren, erhĂ€lt der Verfasser eine Chance zur Überarbeitung, bei der sich möglichst kein Verlust bei der QualitĂ€t des Baukörpers und der AbstandsflĂ€chen bzw.
BezĂŒge im Außenbereich ergeben sollte.


Phase 2

Die Arbeit hat sich in der Überarbeitung zwar weiterentwickelt, die tiefen Untergeschosse
wurden weitgehend zu Gunsten grĂ¶ĂŸerer Massen in den Obergeschossen
reduziert. Dadurch hat die Arbeit jedoch teils an ursprĂŒnglicher stĂ€dtebaulicher Attraktion
verloren. Das damalige Konzept der klaren formalen Geste ist im neuen Format
nicht mehr nachvollziehbar. Neben organisatorischen SchwĂ€chen, wie z. B. die Ausbildung der Raum-Zeit-Spirale, der inneren Erschließung und der Lage des Lastenaufzugs, der ein Bespielen der FlĂ€chen erschwert, dĂŒrfte auch die Tagesbelichtung fĂŒr ein Science Center ungeeignet sein: Große, geschlossene FassadeflĂ€chen an den LĂ€ngsseiten mit formal gesetzten Öffnungen und den offenen Stirnseiten, sorgen fĂŒr extreme, kontrastierende LichtverhĂ€ltnisse. Die Anbindung an das BestandsgebĂ€ude scheint im UG gelungen. Der Abstand zum BestandsgebĂ€ude ist gewagt, der kristallin ausgebildete BiosphĂ€renpavillon spannend platziert – er bildet so eine interessante Attraktion im Eingangsbereich.

Der Entwurf vermag es nicht, die durch die stÀdtebauliche Komposition geschaffenen
FreirÀume qualitÀtsvoll zu entwickeln. Der Mittelpunkt zweier Hauptwege, deren AxialitÀt
nur bedingt begrĂŒndet ist, mĂŒndet in einen zentralen Platz ohne Kontur und rĂ€umliche
Fassung. Der Platz schafft es nicht, eine Verbindung zwischen Alt- und Neubau
herzustellen.
Ansicht Wasserseite - Modell 1.Phase

Ansicht Wasserseite - Modell 1.Phase

Lageplan

Lageplan

Topview mit Kugel im Atrium (UG)

Topview mit Kugel im Atrium (UG)

Modellaufsicht

Modellaufsicht

Vogelperspektive GesamtĂŒbersicht

Vogelperspektive GesamtĂŒbersicht

Zugangsperspektive

Zugangsperspektive

Schnitt

Schnitt

AtmosphÀre Atrium mit Science Dome

AtmosphÀre Atrium mit Science Dome