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Offener Wettbewerb | 06/2025

Erweiterung und Neugestaltung KZ-Gedenkstätte Gusen (AT)

Eingangsgebäude
16

Eingangsgebäude

1. Preis

querkraft architekten zt gmbh

Architektur

Kieran Fraser Landscape Design

Landschaftsarchitektur

Liquid Frontiers

Szenographie

Peter Sandbichler

Kunst

L-Bau-Engineering GmbH

Tragwerksplanung

TB Obkircher OG

TGA-Fachplanung

Werkraum Ingenieure ZT Gmbh & Co KG

Tragwerksplanung

Rococoon

Visualisierung

Erläuterungstext

orientierung und willkommenskultur
der entwurf verzichtet bewusst auf eine rekonstruktion und arbeitet mit dem vorhandenen: spuren verschiedener zeitschichten werden zu einer authentischen erzählung zusammengefasst und in beziehung zur gegenwart gesetzt. das ankunftsgebäude fügt sich entlang der vorhandenen böschung ein, historische strukturen bleiben unberührt; archäologische relikte werden behutsam in die freiraumgestaltung integriert.
die außenwand in sichtbeton mit säge-rauer schalung nimmt bezug auf das memorial am grundstück langenstein II (1961–65), unterscheidet sich aber durch die rötliche färbung des betons und gibt so zu erkennen, dass sie aus unterschiedlichen zeiten stammen.
im empfangsbereich werden besucher*innen auf den rundweg geleitet. über einen in die landschaft gelegten korridor entlang der grundstücksgrenze, werden sie bis zum schotterbrecher geführt – ein weg, der von umgebung und alltag entkoppelt und mit ausblicken und informationen begleitet. in kontrast zum geführten hinweg führt der rückweg vom schotterbrecher über den freien landschaftsraum.

appellplatz: der imaginierte ort
der ort wird als historischer tatort verstanden, dessen bedeutung heute nur noch über spuren, fakten und individuelle imagination erfahrbar ist. die besucher*innen begegnen diesem raum aus wechselnden perspektiven entlang des rundgangs: vom distanzierten blick auf höhe der ehemaligen remise, bis hin zum direkten betreten der offenen fläche. so wird das machtgefüge des ehemaligen bewachungssystems räumlich spürbar.
für gedenkveranstaltungen bietet der appellplatz einen geeigneten rahmen und möglichkeiten für neue formen und rituale des erinnerns. die außenwand des korridors kann dafür temporär als projektionsfläche genutzt werden.

raum der stille: überleben als form des widerstands
westlich des schotterbrechers liegt der „raum der stille“ – eine pavillonartige struktur auf einer waldlichtung, die ruhe ausstrahlt und zur kontemplation einlädt. eine massive betonplatte schwebt auf einer vielzahl filigraner stäbe und bietet elementaren schutz, ohne sich vom umgebenden naturraum abzugrenzen. der ort steht sinnbildlich für die last des erinnerns, getragen von der verantwortung einer gesellschaft in gegenwart und zukunft.

vernetzte erinnerungslandschaft
der entwurf setzt auf zurückhaltung und hohe ausführungsqualität. im zusammenspiel mit künstlerischer intervention und unterschiedlichen vermittlungsebenen entsteht eine vernetzte erinnerungslandschaft, die den ehemaligen lagerkomplex erfahrbar macht. historische spuren und relikte werden freigelegt, gesichert und im bodenbelag markiert; lineare abdrücke wie lagerzaun oder schleppbahn erscheinen als „vergrabene skulpturen“.

semantische verbindung: schattenzonen und blinde flecken
künstlerische eingriffe im bereich des schotterbrechers und in st. georgen machen den verlauf der ehemaligen schleppbahn in form einer „vergrabenen skulptur“ sichtbar. angelehnt an die ursprüngliche dimension des gleisprofils, werden zwei parallele bahnen in schwarzem beton als abstrahiertes raster bündig in die erde eingelegt. Diese oszilliert zwischen sichtbarkeit und verschwinden, erinnern und verdrängen und verweist als eine art narbe in der landschaft auf das nicht mehr vorhandene.

Beurteilung durch das Preisgericht

Das Projekt greift die wesentlichen Aspekte des Masterplans zur Neugestaltung der KZ-Gedenkstätte Gusen auf und bietet dafür adäquate architektonische, städtebauliche und landschaftsplanerische Lösungen. Dies betrifft unter anderem die Wegeführung, die Berücksichtigung von Sichtpunkten und Blickachsen sowie die Funktionalität des neuen Ankunftsgebäudes und des „Raums der Stille“.

Die projektspezifischen Empfehlungen der ersten Stufe wurden weitestgehend berücksichtigt.

Baukünstlerische und künstlerische Lösung
Der Entwurf intendiert keine übergeordnete Überformung des Ortes, sondern arbeitet sensibel mit dem Vorhandenen. Das bauliche Konzept und die Freiraumgestaltung zielen darauf ab, auf den Bestand zu reagieren und die historischen Spuren des Ortes durch angemessene Interventionen nachvollziehbar zu machen. Die historischen Fragmente werden über einen Rundgang miteinander in Beziehung gebracht und die Orte durch Blickachsen zu einer „vernetzten Erinnerungslandschaft“ verwoben.

Die archäologischen und baulichen Überreste bleiben unberührt und werden durch einen Weg der Erinnerung, der sich als durchgängig lesbares Band in die Umgebung einfügt, erlebbar gemacht. Eine Betonmauer verläuft entlang der östlich angrenzenden Liegenschaft und bildet eine klare räumliche Grenze und einen wirkungsvollen Sichtschutz zur angrenzenden Gewerbenutzung. Das Material des Betons wurde gewählt, um den Nahebezug zum Memorial Gusen herzustellen und das Engagement der Überlebenden auf diese Weise zu würdigen. Dabei hebt die rote Farbgebung die bauliche Intervention deutlich vom historischen Bestand ab. Der Raum der Stille überzeugt als filigrane Skulptur, die einen fließenden Übergang zwischen Innen- und Außenraum schafft und dabei mit der Natur und den wechselnden Jahreszeiten spielt. Diese Rauminstallation bietet eine eigenständige, innovative Idee, für einen besonderen Ort der Kontemplation.

Städtebauliche Lösung
Die sich durch die Höhenentwicklung entfaltende Dramaturgie ergibt sich schlüssig aus der vorhandenen Topografie und der nötigen Besucherführung. Wichtige Blickbeziehungen werden durch auf und absteigende Wegführungen wirkungsvoll inszeniert.

Das Eingangsgebäude ist gut auffindbar, harmoniert mit der natürlichen Topografie und hebt sich bezüglich der Materialität schlüssig von den SS-Baracken ab. Das Gebäude ist wesentlicher Teil der Wegeführung. Ein Atrium bildet einen Raum für die Sammlung von Gruppen und den Auftakt zum Weg der Erinnerung. In dem langestreckten Gebäude werden die Mitarbeiterparkplätze in der Geländekante integriert. Durch die Begrünung des Daches fügt sich das Gebäude sehr gut in die Landschaft ein.

Die semantische Verbindung nimmt nicht nur Bezug auf die Reste der Schleppbahn, sondern bietet die Möglichkeit, weitere Spuren zwischen den Gedenkorten sichtbar zu machen. Dafür wird aus dem Motiv der Bahnschwellen eine eigene Symbolik entwickelt, die sich zurückhaltend aber dennoch eindeutig im Gelände abzeichnet. In St. Georgen an der Gusen wird die semantische Verbindung folgerichtig fortgeführt und die eigentliche Struktur des Bergkristallstollens am Boden durch ein Wegesystem schlüssig nachgezeichnet. Das Konzept findet die richtige Balance zwischen der Sichtbarmachung der historischen Relikte und prägnanten baulichen Interventionen, die Gusen einerseits zu einem eigenständigen Gedenkort entwickeln und andererseits klare baukünstlerische Bezüge zu den anderen Gedenkorten herstellen.

Funktionelle Lösung
Der Weg in Langenstein I ist in seiner Gesamtheit multifunktional; er bietet Möglichkeiten für eine inhaltliche Bespielung und schafft gute räumliche Situationen. Der witterungsgeschützte Aufenthalt ist zu prüfen.

Das Areal in Langenstein II wird sinnvoll in drei Nutzungszonen gegliedert, in einen funktionalen Mobility Bereich, einen Rückzugsbereich für die Anwohner und dem bereits bestehenden Memorial selbst. Wiederkehrende gestalterische Elemente verbinden die drei Gedenkorte miteinander.

Nachhaltigkeit und Energieeffizienz
Zur Nachhaltigkeit wurde in den Plänen und Texten keine Aussage getroffen. Dieses Thema ist im Zuge des Verhandlungsverfahrens zu vertiefen.

Kostenschätzung
Die vorgelegten Schätzkosten sind plausibel und nachvollziehbar. Die Kosten liegen unter dem vorgegebenen Budget. Da die Schätzkosten an der Grenze zur Budgetobergrenze liegen, ist im Zuge des Verhandlungsverfahrens eine vertiefte Kostenprüfung erforderlich.

Realisierungsetappen
Die Realisierungsphasen wurden plausibel dargestellt und halten den vorgegebenen Zeitrahmen ein.
Axonometrie Langenstein I

Axonometrie Langenstein I

Pläne Ankunftsgebäude

Pläne Ankunftsgebäude

Schnitt Korridor

Schnitt Korridor

Appellplatz

Appellplatz

Schotterbrecher

Schotterbrecher

Raum der Stille

Raum der Stille

Grundriss Raum der Stille

Grundriss Raum der Stille

Raum der Stille

Raum der Stille

Elemente Erinnerungslandschaft

Elemente Erinnerungslandschaft

Freiraumplanung Langenstein I

Freiraumplanung Langenstein I

Modellfoto Gleisfragmente

Modellfoto Gleisfragmente

Semantische Verbindung I

Semantische Verbindung I

Semantische Verbindung II

Semantische Verbindung II

Freiraumplanung St. Georgen

Freiraumplanung St. Georgen

Freiraumplanung Langenstein II

Freiraumplanung Langenstein II