Offener Wettbewerb | 06/2025
Erweiterung und Neugestaltung KZ-Gedenkstätte Gusen (AT)
7
Empfangsgebäude
©HOFRICHTER-RITTER Architekten
3. Preis
Visualisierung
Szenographie
Tragwerksplanung
freiland Umweltconsulting ZT GmbH
Landschaftsarchitektur
Erläuterungstext
Ring the bells that still can ring
Forget your perfect offering
There is a crack, a crack in everything
That's how the light gets in
Leonhard Cohen, aus ANTHEM (1992)
Ein Riss durch Raum und Zeit
Die kataklystische Dekade des Nationalsozialismus hat tiefe Wunden gerissen.
Ein gesamtgesellschaftlicher Gau ungekannten Ausmaßes, ermöglicht allerdings auch durch ganz individuelles ethisches Versagen.
Diese, die gesamte Menschheit prägende Katastrophe (Shoah), geht wie ein Riss durch Raum und Zeit. Sie wirkt aus der Vergangenheit in die Gegenwart, und weit in die Zukunft hinein. Ein Übersehen ist mit offenen Augen unmöglich. Und dennoch ist ein Sichtbarmachen notwendig. Denn ein Verdrängen wäre nicht nur Ehrfurchtsvergessen, sondern ohne Frage auch gefährlich.
Physisch manifestiert sich dieser Riss durch Raum und Zeit an der bestehenden Geländekante am östlichen Rand des Planungsgebietes, dessen bedrückende Geschichte entsprechend freigelegt und kollektiv erlebbar gemacht wird.
Um das KZ Gusen zu verstehen, ist es entscheidend die drei räumlich voneinander getrennten Gedenkstätten als eine Einheit zu begreifen. Lagenstein I „Appellplatz“ (1), Lagenstein II, Memorial“ (2) und St. Georgen „Bergkristall“ (3).
Darüber hinaus ist es wichtig, dass man drei unterschiedliche Zonen innerhalb der Areale auf unterschiedliche Art erlebbar macht. Das ist zunächst der Bereich der SS, dort wo sich die Infrastrukturen der Wachmannschaften befunden haben. Des Weiteren die großen ober- und unterirdischen Flächen die wir als „Vernichtung durch Arbeit“ zusammenfassen - der Steinbruch in der Frühphase, später dann die Stollenanlagen für die Kriegsindustrie. Aber zentral ist natürlich der eigentliche Lagerkomplex der Gefangenen mit seinen verschiedenen Schnittstellen zum ‚Außen‘.
Vernichtung durch Arbeit
An der Geländekante in Lagenstein I, wo sich ehemaliges Lager und Steinbruch treffen, wo man durch das Osttor über die Steintreppe die Häftlinge in den Steinbruch trieb, schlagen wir eine lineare Struktur des Erinnerns vor.
Manifestiert durch eine rohe Spundwand, die in den Boden geschlagen, durch ihre industrielle Symbolik und statische Notwendigkeit Kräfte spürbar macht, die hier immer noch herrschen. Sie wird gemeinsam mit den historischen Steinmauern und dem Steinbrecher zum identitätsstiftenden Rückgrat der Anlage.
Eine lineare Struktur des Erinnerns und Erzählens
Die immer präsenten Materialitäten, Stahl, Cortenstahl, Stein und Holz prägen das bauliche Erscheinungsbild, dass durch eine üppige an den Riss herankommende Landschaft eine „lineare Zone des Erzählens und Erlebens“ entstehen lässt.
Diese lineare Struktur, die die Wahrnehmbarkeit verschiedenster sichtbarer und unsichtbarer Reste unterstützt und zugleich eine Art „roter Faden“ durch alle zugänglichen Grundstücke bildet, beginnt im Empfangsgebäude, entwickelt sich weiter über Spundwände, Brücken, Wege, Geländer bis hin zu kontemplativen Raumsituationen und Aufenthaltsbereichen.
Das Konzentrieren von Nutzungen an der Wand und deren linearen Verlauf erleichtern infrastrukturelle Leitungsführungen und Versorgungen am weitläufig durch archäologische Vorkommen reiche Gelände.
Da der Verlauf der Wand – bis auf die denkmalgeschützten Steinmauern – weniger archäologischen Vorkommen vermuten lässt dient sie auch als technisches Rückgrat der Anlage. Zudem werden durch die Maßnahmen die bestehenden denkmalgeschützten Steinmauern stabilisiert und konserviert.
Beurteilung durch das Preisgericht
Das Grundkonzept „Riss durch Raum und Zeit“ ist schlüssig und wird durch die vorgeschlagenen Spundwände klar definiert. Das Projekt verfolgt zunächst einen sehr klaren gestalterischen städtebaulichen Ansatz. Eine konsequent geschlossene Wand entlang der Grundstücksgrenze schafft die thematische Klammer am Gelände. Die Wegeführung bleibt sinnvollerweise flexibel, die Anlage kann individuell begangen und erlebt werden. Die im Masterplan vorgegebenen Sichtachsen wurden umgesetzt.
Das Empfangsgebäude fungiert als Auftakt des Grundkonzepts, deren Abschluss auch die sogenannte semantische Verbindung gestalterisch integriert. Die unterschiedlichen Aufenthaltsbereiche im Gelände sind gut gesetzt und herausgearbeitet. Bei genauerer Sichtung müssen allerdings inhaltliche und architektonische Interventionen in Frage gestellt werden. Der Platzraum zwischen den SS-Baracken und dem neuen Empfangsgebäude verunklärt die Zugangssituation.
Die Gestaltung am Appellplatz wirkt nach wie vor übermotiviert und wird vor allem im Bereich der ehemaligen Küche kritisch gesehen. Ebenso können der unterirdisch platzierte „Raum der Stille“ sowie Rückzugsräume und Einzelnischen in einem – defacto – Durchgangsraum nicht überzeugen.
Die Materialisierung der sogenannten „Spundwand“ wird seitens der Jury sehr kontroversiell diskutiert. Es wird der inhaltliche Verweis auf Brüchigkeit, Übergangslösung, industriell wirkendes Material durchaus erkannt, gleichzeitig wird die übermäßige Präsenz des Materials auf Grund seiner formalen Bedingungen äußerst kritisch gesehen. Obwohl an einzelnen Stellen die Materialwahl zu guten atmosphärischen Lösungen führt, wie etwa im Empfangsgebäude, wirkt die übertriebene Präsenz am gesamten Gelände überzogen. Ähnliches gilt auch für den Gestaltungsvorschlag für St. Georgen an der Gusen, in dem das Leitmotiv der Spundwand weitergezogen wird.
In Summe ein diskussionswürdiges Projekt, welches letztlich nicht zur Gänze überzeugen kann.
Baukünstlerische und künstlerische Lösung
Wie beschrieben kann das Projekt nur punktuell überzeugen. Die Gesamtlösung bleibt fragmentiert und erreicht seine Wirkung weitestgehend durch die starke, überdeutliche Präsenz der massiven Metallwand.
Städtebauliche Lösung
Die Ausformulierung des Empfangsgebäudes erzeugt neue, wenig überzeugende räumliche Konstellationen. Das Verhältnis zu den beiden ehemaligen SS-Baracken mit dem dazwischen gelagerten Platzraum bleibt ungeklärt.
Funktionelle Lösung
Die Grundrisslösung des Empfangsgebäudes kann wenig überzeugen. Die Positionierung der Arbeitsräume in der Tiefe, über ein Atrium belichtet, wird von den Nutzer*innen kritisch gesehen. Der „Raum der Stille“ kann ebenfalls wie oben beschrieben nicht überzeugen.
Die in Teilbereichen schmalen Wegeführungen sind für Gruppen nicht optimal. Die semantische Verbindung mit den Glasplatten wird kritisch gesehen.
Nachhaltigkeit und Energieeffizienz
Zur Nachhaltigkeit wurde in den Plänen und Texten keine Aussage getroffen. Dieses Thema wäre im Zuge des Verhandlungsverfahrens zu vertiefen.
Kostenschätzung
Die vorgelegte Kostenschätzung ist plausibel und nachvollziehbar. Die Schätzkosten liegen unter dem vorgegebenen Budget. Die Schätzkosten wären im Zuge des Verhandlungsverfahrens zu vertiefen.
Realisierungsetappen
Die Realisierungsphasen wurden plausibel dargestellt und halten den vorgegebenen Zeitrahmen ein.
Innenansicht Empfangsgebäude
©HOFRICHTER-RITTER Architekten
Raum der Stille
©HOFRICHTER-RITTER Architekten
Apellplatz
©HOFRICHTER-RITTER Architekten
Blick vom Engang
©HOFRICHTER-RITTER Architekten
Blick Steinbrecher
©HOFRICHTER-RITTER Architekten
bei Nacht
©HOFRICHTER-RITTER Architekten