Hinführung
Die einzelnen Teile des Konzentrationslagers Gusen gerieten nach der Befreiung in Vergessenheit. Aktives Niederbrennen, schleichende Plünderung, der Siedlungsbau und die Umnutzung einzelner erhaltener Gebäude sorgten dafür, dass im heutigen Zustand wortwörtlich Gras über wesentliche Teile der Anlage gewachsen ist.
Der in den vergangenen Jahren vorgenommene Erwerb einiger Grundstücksteile der ehemaligen Lagerbereiche durch die Republik Österreich eröffnet nun die Möglichkeit, ausgehend vom bestehenden Memorial den Erinnerungsort Gusen zu stärken und aktiv neu zu gestalten.
Im didaktisch ergänzenden Gegensatz zum benachbarten Lager Mauthausen, wo Gebäude und Grundstrukturen zu großen Teilen konserviert und als Gedenkort hergerichtet wurden, sind in Gusen die unterschiedlichen Zeitschichten der vergangenen fast einhundert Jahre auf eine besondere, fast bizzare Art und Weise: Im unmittelbaren Nebeneinander befinden sich hier im ehemaligen Lagerbereich Wohnsiedlungen, Industriebetriebe und fragmentarische Reste der Lagerzeit. Die Überformung wesentlicher Lagerteile, die eine Geschichte von Verdrängung und Vergessen erzählt, tritt in Dialog mit den sichtbaren Überresten des Lagers, welche die Greuel des vergangenen Jahrhunderts nach wie vor an die Oberfläche fördern.
Leitidee: Der Zaun als Naht entlang einer offen klaffenden Wunde
Um das Ausstellungsgelände sichtbar und nutzbar zu machen, wird die Grenze zwischen der heutigen Siedlung Gusen und dem KZ Gusen bewusst inszeniert. Ein begehbarer hölzerner Zaun schafft einen barrierefreien Rundweg um das Gelände Langenstein I. Der Zaun sorgt für Sichtschutz und dient als funktionale Grenze der Gedenkstätte, vor allem aber säumt er die Grenze zwischen der Siedlung außerhalb der Gedenkstätte und dem freigelegten Inneren.
Der Zaun dient als Ausstellungs- und Informationsort. Er generiert Zugänglichkeiten zu den einzelnen Freiräumen innerhalb des ehemaligen Lagerbereichs und öffnet definierte Blicke nach außen. Die mahnenden Überreste der NS-Zeit werden damit genauso sichtbar gemacht, wie der teilweise fragwürdige gesellschaftliche Umgang mit dem historischen Erbe.
Langenstein I: Rundweg und geplante Bebauungsmaßnahmen
Die Besucherinnen und Besucher der KZ-Gedenkstätte Gusen erreichen das Areal über den an der Georgestraße gelegenen Ankunftsplatz. Als wesentliche bauliche Intervention bildet das Ankunftsgebäude als zweigeschossiger Baukörper den ersten Anlaufpunkt und nördlichen Abschluss des Platzes.
Im Ankunftsgebäude werden Besuchende empfangen und mit Erstinformationen versorgt. Über den durch die Fundamentreste der SS-Gebäude definierten Außenausstellungsbereich des Vorplatzes werden Besuchende zum Start des Rundwegs geleitet, der sich im Westen des Platzes zwischen die erhaltenen, denkmalgerecht sanierten und umgenutzten SS-Baracken schiebt.
Der Rundweg passiert die Engstelle zwischen nördlicher SS-Baracke und außerhalb des Betrachtungsrahmens befindlichem Jourhaus. Hier öffnet der Zaun sich nach außen hin: Die Widersprüche zwischen der historischen Aufladung und überwachsenen Nutzung des Gebäudes werden sichtbar gemacht und thematisiert.
Der Rundweg führt weiter auf den Appellplatz und ermöglicht dessen Erschließung. An seiner westlichen Grenze steigt der Weg behutsam an, um eine barrierefreie Erreichbarkeit des dem Schotterbrecher vorgelagerten Freibereichs zu schaffen. Auch hier öffnet der Blick vom Zaun sich nicht nur nach innen Richtung Appellplatz, sondern auch nach außen: Das Überwachsen der historischen Lagerstraße wird genauso sichtbar gemacht, wie die Umnutzung der steinernen Häftlingsbaracken zum Gewerbebetrieb.
Am südwestlichen Ende des vor dem Schotterbrecher gelegenen Freibereichs weitet der Rundweg sich auf. Es entsteht eine Blickbeziehung zum benachbarten Memorial im Südwesten und zum Schotterbrecher im Nordosten.
Der Rundweg führt weiter zum ehemaligen Gleis der Schleppbahn im nordwestlichen Bereich des Areals. Der Zaun umschließt das ehemalige Gleisbett und definiert einen Ausstellungsbereich, der sich in künstlerischer Art und Weise dem Rüstungsbau widmet: Unmittelbar nördlich angrenzend befanden sich historisch große Arbeitsbaracken zur Flugzeugteilfertigung. Als dienender Abschluss zur Siedlung hin befinden sich hier außerdem in die Zaunanlage integrierte WC-Bereiche.
Vom ehemaligen Gleisbett der Schleppbahn aus werden Besuchende weiter zum Schotterbrecher geleitet. Hier öffnet der Steg sich nach oben hin, um unter die Ladeluken des Schotterbrechers einzutauchen.
Das noch in der Freilegung befindliche Innere des Schotterbrechers wird zum Raum der Stille transformiert. Der Rundweg entwickelt sich hier zu einer kontemplativen, in die rohe Betonstruktur des Schotterbrechers eingehängten Architektur.
Der Weg leitet vom Schotterbrecher wieder zurück zum Appellplatz. Er bleibt dabei jedoch auf der Höhe der Mauerkrone und sorgt damit für einen gesamthaften Überblick über den Appellplatz und den durch die angrenzende Siedlung überwachsenen ehemaligen Lagerbereich hinweg.
Zum angrenzenden Industrieareal verhält sich der Zaun geschlossen. Lediglich im Bereich des ehemaligen Lokschuppens öffnet er sich erneut nach außen, womit die freigelegten Fundamentreste des Lokschuppens in das Ausstellungskonzept mit einbezogen werden. Es entsteht ein Ort der Kommunikation und Reflexion des Gesehenen.
Mit einem abschließenden Blick über den SS-Bereich mit Jourhaus und erhaltenen Baracken endet der Rundweg im Obergeschoss des Empfangsgebäudes. Eine Treppenanlage und ein Aufzug ermöglichen die Erschließung des Ankunftsplatzes und eine Fortsetzung des Besuchs im Ausstellungs- und Seminarbereich der SS-Baracken, dem Memorial mit angrenzendem Ausstellungsraum oder der Fahrt nach St. Georgen.
Langenstein I: Freiraumgestaltung
Die Freiräume in Langenstein I erhalten differenzierte Charakteristika mit unterschiedlichen Aufenthaltsqualitäten.
Der Ankunftsplatz öffnet sich zur Georgestraße hin und übernimmt die Funktionen des Sammelns und Orientierens. Der Platz wird gegliedert von den tatsächlichen und nachgebildeten Fundamentumgriffen der SS-Baracken. In wassergebundener Decke werden die Gebäude, Gartenrelikte und weitere archäologische Belege als grüne Inseln sichtbar gemacht. Der Ankunftsplatz erhält durch seinen teils vorhandenen sowie neu ergänzten Baumbestand eine gewisse Aufenthaltsqualität vor allem auch in den Sommermonaten, die grünen Intarsien werden so gleichsam zu „Hainen der Erinnerung“. Der scheinbare Widerspruch eines gestalteten Freiraums zu den historischen Themen dieses Ortes wird insofern relativiert, als dass die Gestaltung die Spuren der Vergangenheit bewusst sichtbar gemacht werden, und mit Hilfe Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten ein unmittelbarer Zugang zur Geschichte ermöglicht wird.
Der Appellplatz wird seiner historischen Funktion entsprechend karg und unwirtlich gestaltet. In wassergebundener Decke, die sich zwischen den freigelegten Stützmauern und der Einfriedung aufspannt, werden die Fragmente der Küchenbaracke und der Wachtürme sichtbar gemacht. Außerdem wird ein Granitsteinfeld angelegt, das Gedenkveranstaltungen einen definierten Rahmen gibt und darüber hinaus mit 26.000 großformatigen Steinen die unvorstellbare Anzahl der Menschen verbildlicht, die gleichzeitig in den Lagern Gusen gefangen gehalten wurden.
Der Platz vor dem Schotterbrecher kann nicht begangen werden und erhält ein grobes Schotterbett, aus dem sich der „Hain der Hoffnung“ bepflanzt mit Amelanchier lamarckii (Felsenbirne) erhebt, mit der Blütezeit im Frühjahr um den Zeitpunkt der Befreiuung des Lagers. Die zunehmende Dichte der Bepflanzung symbolisiert die größer werdende Unschärfe der Erinnerung. Gleichermaßen soll der grobe Schotter symbolisieren, dass eine vollständige und flächendeckende Überwucherung dieser Fläche niemals stattfinden darf.
Langenstein II / Memorial
Am bestehenden Memorial wir die geforderte Stellplatzanlage nebst Wendeschleife und Haltepunkt für Reisebusse errichtet. Die Verortung des ruhenden Verkehrs erfolgt derart, dass der Blick auf das Memorial vollständig ungestört erhalten bleibt.
Die vorhandene Wiese wird aufgewertet und erhält ihrer Lage und Funktion entsprechende Aufenthaltsqualität.
Der Vorplatz vor dem Memorial wird im Sinne des ursprünglich erdachten Erscheinungsbilds umgestaltet und um ein kleines Infrastrukturgebäude ergänzt. Neben Sanitäranlagen finden sich dort Medienanschlüsse für künstlerische Interventionen und Freiluftausstellungen. Die Pavillonarchitektur referenziert das Zaunbauwerk von Langenstein I und schafft damit eine klar lesbare inhaltliche Verbindung.
Bergkristall / St. Georgen
Das heterogen geschnittene Baufeld am Bergkristall verweist auf den Stollenbau und die damit verbundene Maschinerie der Rüstungsindustrie. Der östliche Teil des Grundstücks wird als Parkplatz und Ankommensort genutzt. Der Bereich leitet über in eine Platzfläche auf dem nördlichen Teil des Grundstücks, die zwischen dem Haus der Erinnerung, der Hangkante mit prägnantem Schriftzug und der Außenausstellung im südöstlichen Grundstücksteil vermittelt.
Die nördliche Platzkante wird von einem weiteren Infrastrukturgebäude – vergleichbar mit der Intervention am Memorial – gesäumt. Das Gebäude dient als Ausgangspunkt wechselweiser Ausstellungsformate und kann über Video- und Soundinstallationen das Innere des Tunnelsystems für Besuchende dauerhaft erlebbar machen. Am anderen Ende der Schleppbahn gelegen schlägt es eine klare gestalterische und inhaltliche Brücke zur baulichen Rahmung der künstlerischen Intervention im nordwestlichen Baufeld von Langenstein I.
Im südwestlichen Teil des Grundstücks werden die historisch belegten Stollengänge als Schneisen in einem neu angepflanzten Hain angelegt. Ausstellungstafeln informieren über den Bau und Betrieb der unterirdischen Rüstungsindustrie und beziehen das neu geschaffene Eingangsportal zum Stollen in die Gestaltung mit ein. Die immer dichter werdende Bepflanzung als Hain unter dem Berg verweist auf die ehemals unterirdisch gelegenen Gänge.