Nichtoffener Wettbewerb | 04/2025
Erweiterung und Umbau Alte Schule Werneck in ein Bürgerhaus
3
Außenperspektive
©renderwolf, wgp
3. Preis
Preisgeld: 5.750 EUR
Modellbau
Erläuterungstext
Konzept und städtebauliche Einbindung
Das neue Bürgerhaus Werneck schafft einen zukunftsweisenden Ort der Begegnung, indem es die Alte Grundschule in der Schönbornstraße 40 saniert, erweitert und umnutzt. Das bestehende Gebäude bleibt erhalten und wird durch einen Neubau ergänzt, der an der Stelle des früher abgerissenen Schulgebäudes entsteht. Zusammen bilden sie den Rahmen für einen multifunktionalen Bürgerplatz – das Herzstück des Projekts. Dieser flexible Freiraum für Veranstaltungen und gemeinschaftliche Aktivitäten belebt den Ortskern und stärkt die Identität Wernecks. Die bisher enge Zufahrt von der Schönbornstraße wird aufgeweitet, um das Bürgerhaus sichtbarer und einladender zu gestalten. Eine repräsentative Außentreppe verbindet den Platz mit einem rückwärtigen Garten, der als grüne Oase Ruhe und Begegnung bietet. Der Bierkeller wird für eine optimierte Erschließung zurückgebaut, der Fußweg zum Philosophenweg bleibt erhalten.
Funktionale Organisation
Das Bestandsgebäude wird zum sozialen und kulturellen Zentrum: Der Jugendbereich erstreckt sich über Erdgeschoss und Tiefparterre, die Bücherei zieht ins Obergeschoss. Das Dachgeschoss wird freigeräumt, um das Tragwerk zu entlasten und Raumreserven zu schaffen. Ein barrierefreier Zugang an der südlichen Giebelseite wird durch einen integrierten Aufzug ergänzt. Der Neubau bietet im Erdgeschoss einen Bürgersaal für bis zu 200 Personen, erschlossen über ein transparentes Foyer mit Glasgang, das als „Schaufenster“ zum Bürgerplatz dient. Bühne, Garderoben, Sanitärräume und Küche komplettieren die Ebene. Im Tiefparterre des Neubaus liegt die Musikschule, barrierefrei über das Bestandsgebäude erreichbar.
Nachhaltigkeit und Konstruktion
Nachhaltigkeit prägt den Entwurf: Der Neubau entsteht als Holzkonstruktion mit vorgefertigten Rippenträgern und aussteifenden Holzpaneelen – wirtschaftlich und ressourcenschonend aus nachwachsenden Rohstoffen. Recyclebare Materialien und eine wartungsarme Bauweise sichern langfristige Nutzbarkeit. Eine Fassadenbegrünung am Bestand fördert Mikroklima und Biodiversität, durchlässige Beläge unterstützen die Regenwasserversickerung.
Architektur und Erscheinungsbild
Das Bürgerhaus verbindet Tradition und Moderne: Die strukturierte Holzfassade des Neubaus greift die grüne Umgebung auf und orientiert sich maßstäblich am Bestand. Das verglaste Foyer öffnet sich zum Bürgerplatz und gewährt Einblicke ins kulturelle Leben. Der Bestand wird durch sanfte Sanierung und Begrünung aufgewertet – ein harmonisches Ensemble entsteht.
Freiraumgestaltung
Der multifunktionale Bürgerplatz bietet Raum für Veranstaltungen und Begegnung. Eine aufgeweitete Auffahrt von der Schönbornstraße führt zu 20 überdachten Parkplätzen links und 20 temporären Stellplätzen auf Schotterrasen rechts, eingebettet in eine Streuobstwiese. Bäume spenden Schatten und verbessern das Mikroklima. Der Rückbau des Bierkellers und der erhöhten Gartenfläche schafft einen großzügigen Zugang mit freiem Blick zum Bürgerhaus. Die Schulbushaltestelle wird nördlich der Zufahrt neu positioniert. Eine Schotterrasenfläche am Platz dient als Bühne, Festbereich oder Parkfläche für 10 weitere PKW. Im Eingangsbereich des Bestandsgebäudes stehen 20 Fahrradparker, erweiterbar auf 35. Der rückwärtige Garten ist ruhig gestaltet: Mäandrierende Wege verbinden Gartenräume mit Spiel- und Aufenthaltsangeboten, nahe den Gebäuden entstehen Terrassen für flexible Nutzung. Kreuzdenkmal, Gedenksteine und Figurengruppe werden integriert, der Fußweg zum Philosophenweg bleibt erhalten.
Beurteilung durch das Preisgericht
Landschaftsplanung, Freianlagen, Entree
Von der Schönbornstraße aus kommend ordnen die Verfasser die Zufahrtssituation komplett neu. Lei-der geschieht dies zu Ungunsten des bestehenden Bierkellers und Gartenhauses, die Situation ist in sich jedoch schlüssig gestaltet. So erfolgt im Sinne einer Aufweitung eine großzügige Eingangssituation und eine städtische Ausformulierung mit begleitenden Stellplätzen, die durch Streuobstbäume neu in Wert gesetzt wird. Die Situation endet in einer Aufweitung, dem Bürgerplatz, die durch eine 90 Grad Stellung der Gebäude stadträumlich inszeniert wird. Der Bodenbelag aus Pflastersteinen und Schotterrasen sind aufeinander abgestimmt und bilden eine gute Adresse. Die Auffindbarkeit der Zugänge zu den beiden Gebäuden ist klar organisiert. Fahrradstellplätze sind in der Nähe des Zugangs zum Bestandsgebäude gut situiert. Ein Durchgang zwischen den beiden Gebäuden mit Sitzstufen lässt einen Blick in den östlichen Bürgergarten zu und lädt zum Verweilen ein. Dieser Blick geht in einen gut gestalteten Landschaftspark, der alle Bürger zum Flanieren und Verweilen einlädt und flexible Nutzungsmöglichkeiten zulässt.
Die Verfasser belassen das Alte Grundschulgebäude weitestgehend im Bestand, was vom Preisgericht positiv anerkannt wird. Der Dachraum bleibt ungenutzt, die obere Geschossdecke erhält eine Dämmung, bestehende Gauben werden entfernt. Dadurch wird der Sanierungsaufwand verringert und laufende Kosten reduziert. Zudem entsteht eine Anpassung an den Neubau. Im Inneren bleibt die bestehende Struktur weitgehend erhalten, Treppenhaus und Sanitäranlagen verbleiben an gleicher Stelle, was auf eine sparsame Sanierung hinweist. Die Unterbringung der Jugend-räume im UG und EG über 2 Stockwerke wird kritisch gesehen und lässt einen erhöhten Betreuungs-aufwand erwarten. Bücherei und Mehrzweckraum im Altbau sind durch einen Aufzug im Eingangsbereich gut barrierefrei erreichbar. Jedoch sind die WC Anlagen auf dieser Etage leider nur über die Räume der Bücherei erreichbar. Insgesamt werden die Unterbringung der Nutzungen für den „täglichen“ Gebrauch im Bestandsgebäude positiv bewertet. Diese können eigenständig und voneinander abgekoppelt genutzt werden. Der Vorschlag, das Bestandsgebäude komplett mit Fassadengrün zu versehen wurde jedoch kontrovers diskutiert. Vorstellbar wäre ein etwas dezenterer Umgang hiermit.
Alle Bürger Wernecks werden über den Bürgerplatz im Süden eingeladen ihren neuen Saal für Veranstaltungen und die Musikschule zu besuchen. Der scheunenartige Charakter des Neubaus als Satteldachkonstruktion in monolithischer Holzoptik, inklusive Dach, steht im Kontrast zum weitestgehend erhaltenen Bestand, ordnet sich diesem unter, passt sich aber gleichzeitig auch an. Beide Gebäude erhalten die gleiche Dachneigung, ohne Ihre Eigenständigkeit zu verlieren. Es wird ein angenehmes Ensemble mit guter Maßstäblichkeit ausgebildet. Das Material der Dachhaut des Neubaus wird jedoch unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit als nachteilhaft diskutiert. Der neue Baukörper liegt gut situiert im Südwesten des Grundstücks auf dem Fußabdruck der ehemaligen Hauswirtschaftsschule. Durch eine deutlich geringere Firsthöhe ordnet er sich der Alten Schule unter. Diskutiert wurde der zunächst groß wirkende Fußabdruck des neuen Funktionsgebäudes. Ergebnis ist allerdings eine sehr gute Strukturierung und Zuordnung der verschiedenen geforderten Funktionen und ein sensibler Umgang mit dem Bestand. Über ein Foyer wird der gut teilbare Bürgersaal und die diesem zugeordnete Nebenräume erreicht. Im Untergeschoss befindet sich die Musikschule mit separatem Eingang. Unter ökonomischen Aspekten wurde der barrierefreie Zugang über das UG des Bestandsgebäude kritisch betrachtet. Dieser Zugang könnte ggf. auch wirtschaftlicher über die Außenanlagen erfolgen.
Die Anordnung der verschiedenen Funktionen erlaubt eine Interaktion sowohl vom Bürgersaal zum Bürgerplatz als auch von den Räumen der Musikschule in den unterbauten Landschaftshang, der sich im Süden erstreckt. Dies wird insgesamt sehr positiv bewertet.
Insgesamt ein wertvoller Beitrag zur Lösung der Planungsaufgabe, auch unter Betrachtung ökologischer Gesichtspunkte. Ökonomisch bewegt sich der Beitrag eher im oberen Mittelbereich. Es ist zu erwarten, dass dieser Vorschlag einen nachhaltigen Beitrag für die Stadtentwicklung in Werneck leistet.
Innenperspektive Bürgersaal
©renderwolf, wgp
Erdgeschoss mit Freiflächen
©wgp, nowak + abootalebi Landschaftsarchitektur