Workshopverfahren | 10/2025
Fassadenkonzeption für das Rechenzentrum IPHH4 in Hamburg
©LH Architekten
Visualisierung Wendenstraße
1. Rang
Fassadenplanung
Erläuterungstext
„White Space / Scrap Cover“ ist das Leitmotiv unseres Fassadenentwurfs für das Datenzentrum in der Wendenstraße.
Im Fokus steht die Integration der „neuindustriellen“ Gebäudetypologie im zentrumsnahen Industriegebiet Hammerbrooks – in gewachsener, innerstädtischer Umgebung und im Bereich der Magistralen.
Der fast 27 Meter hohe, quaderförmige Baukörper stellt auf fünf Ebenen klimatisierte Serverräume zur Verfügung (White Space), die von technischen Nebenflächen (Grey Space) umgeben sind und von außen mit Generatoren, Klimageräten, Schornsteinen und Logistikflächen versorgt und entsorgt werden.
Er befindet sich in der heterogenen Umgebung der Wendenstraße im Stadtteil Hammerbrook, die von einigen qualitätvollen Backsteinbauten sowie zahlreichen unterschiedlichen gewerblichen Strukturen geprägt ist. Das Grundstück wird zukünftig vollständig eingezäunt und ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.
In unserem Entwurf erscheint das signifikante Volumen aus der Ferne zunächst als ein typisches Bauwerk der lokalen, roten Identität Hamburgs, wie sie auch die qualitätvollen neuen und bestehenden Bauten in Hammerbrook auszeichnet (z. B. Lederschule, Berufsschule, neuerdings Normannenweg usw.). Ebenso nimmt es Bezug auf alte Industrie- und Speicherbauten, wie etwa den ehem. Kaispeicher A in der heutigen HafenCity. Erst bei näherer Betrachtung wird sichtbar, dass es sich zwar um das bekannte Material handelt, dieses jedoch in einfacher Wiederverwendung genutzt wird. Die außenliegenden industriellen Bestandteile des Bauwerks werden nicht versteckt, sondern sind als sichtbare Strukturen erkennbar, die in ihrer Materialität funktional (Beton, Stahl etc.) und in ihrer Farbigkeit den neutralen Rahmen für das eigentliche Volumen bilden.
Die Ambivalenz des hochtechnisierten Gebäudeinneren bildet einen spannungsreichen Kontrast zum recycelten Fassadenkonzept: Das grobe, schroffe Material schützt hier das virtuelle Gut. Das große Volumen wird so zum Zeichen der Wiederverwendung.
Die „benutzten“ Fassadenbereiche werden im Anlieferungsbereich und im Bereich der Generatorenbühnen – je nach Anforderung – mit Betonelementen verkleidet, verputzt oder verblecht. Die im Dachbereich auf der Nordseite sichtbare Lärmschutzwand wird aus semi-transparenten Industriegläsern hergestellt, um eine dezidierte Anmutung der Dachtechnik zu gewährleisten. Die Hauptfassade wird aus Drahtkörben gefertigt, die mit rotem, gebranntem Ziegelmaterial befüllt werden. Dabei kann es sich um Backsteine, Klinker, Dachziegel oder Fensterbänke aus Abbruch- oder Ausschussproduktionen handeln. In großen Mengen stehen beispielsweise ausgemusterte, sogenannte „Brockenhaufen“ von Ziegelherstellern zur Verfügung. Zahlreiche Abraumposten sind auch in näherer Umgebung bereits vorhanden (z. B. Spaldingstraße, Holstenareal usw.).
Die ca. 100 × 50 × 15 cm großen Körbe können seriell auf einer Unterkonstruktion in die Fassade eingehängt werden. Fensteröffnungen oder Zu- und Abluftöffnungen lassen sich flexibel mittels ungefüllter Körbe in das Fassadenbild integrieren. Durch die sichtbaren Industriebauteile und den transformativen Umgang mit dem Backstein wird die Gebäudetypologie – in Anlehnung an Bauwerke wie den Hochbunker am Heiligengeistfeld oder den Energiebunker in Wilhelmsburg – sicht- und erlebbar gemacht.
Beurteilung durch das Preisgericht
Der Entwurf gewinnt durch seinen grundsätzlich robusten Ansatz einer monolithischen Fassung des Baukörpers mit einer durchgehenden Fassadenstruktur. Städtebaulich wird durch die Verfasser kein Versuch unternommen, das große Gebäudevolumen durch kleinteilige Gliederungselemente neu zu proportionieren. Dadurch entsteht ein „ehrliches“ Industriegebäude welches auch seine technischen Anbauten als Teil der Gesamtästhetik des Entwurfs sichtbar werden lassen kann.
Basierend auf den Ansätzen „White Space“ und „Scrap Cover“ wird der hochtechnische Serverraum im Inneren durch eine Schale aus mit Ziegelresten befüllten Gabionen gefasst. Dadurch gelingt zum einen die Referenzierung des – durch bedeutende industrielle Klinkerbauten geprägten –Stadtteils und zum anderen der erfrischend einfache Ansatz, eine elegante Fassade mit ortstypischem Recyclingmaterial zu gestalten. Durch das kleinteilige Grundraster der Gabionenkörbe kann in den Bereichen der notwendigen technischen Lüftungsöffnungen deren Befüllung flexibel entfallen, was sie als untergeordnete „Blindstellen“ in der Gesamterscheinung angenehm in den Hintergrund treten lässt.
Die Gabionenkörbe werden in Bezug auf deren Farbgebung, Langlebigkeit, Insekten- und Vogelbeständigkeit und letztendlich ihr Erscheinungsbild über den Lebenszyklus des Gebäudes hinweg im Gremium eingehend diskutiert. Die Themen erscheinen jedoch insgesamt lösbar und werden den Verfasser*innen für die weitere Konkretisierung als vordringliche Aufgabe empfohlen. Die Anbauten werden als einfache Betonkonstruktion belassen, die Schallschutzwand auf dem Dach wird als transluzente Glaswand ausgeführt. Der Entwurf kann auch durch den Nachweis der Einhaltung aller technischen Anforderungen überzeugen. Der vorgestellte Kostenansatz innerhalb des vorgegebenen Rahmens erscheint plausibel.
©LH Architekten
Ansicht Wendenstraße
©LH Architekten
Fassadenkonzept
©LH Architekten
Konzept Wiederverwendung von Materialien