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Award / Auszeichnung | 04/2023

Foundation Award 2023

Parkansicht

Parkansicht

Neubauten Park Freienstein

CH-8750 Glarus

Nominierung I Kategorie: Gebautes Projekt

Preisgeld: 500 CHF

Atelier Freienstein

Architektur

Projektdaten

  • GebĂ€udetyp:

    Wohnungsbau

  • ProjektgrĂ¶ĂŸe:

    1.218mÂČ (geschĂ€tzt)

  • Status:

    Realisiert

  • Termine:

    Fertigstellung: 01/2022

Projektbeschreibung

Was passiert mit einem 500-jĂ€hrigen Haus und einem reprĂ€sentativen Park, wenn die altehrwĂŒrdige Besitzerfamilie nicht mehr dafĂŒr sorgen kann?

Diese Frage stellte sich 2018 in Kern von Glarus. Die 3‘500 m2 grosse Parzelle, weckte das Interesse von Investoren, da sich an Stelle der sĂŒdlichen Parkanlage ein kompletter „stadtglarner Blockrand“ mit etwa 14 Wohneinheiten skizzieren liess. Sollte eine der letzten privaten Parkanlagen verschwinden und neuen Wohnungsbauten weichen mĂŒssen?

Nach einem GesprÀch mit der Besitzerfamilie schlugen wir einen Ansatz vor, bei welchem die Komposition aus Haupthaus und Gartenatelier durch vier
ReihenhĂ€user in einer Lichtung am sĂŒdlichen Ende des Parks ergĂ€nzt werden sollte. Die Idee, den Grossteil des Parks zu belassen und neu gemeinschaftlich zu nutzen, ĂŒberzeugte die Besitzerfamilie wie auch die kantonaleDenkmalpflege. Durch den Erhalt eines Grossteils des historischen Baumbestandes, konnte der Park in seinem Umfang weiterhin ablesbar bleiben. Zwischen den Baukörpern wurde ein 40 Meter tiefer Parkbereich mit grossen WiesenflĂ€chen, Kieswegen, MammutbĂ€umen, Brunnen und Grotte beibehalten, der neu gemeinschaftlich genutzt und unterhalten wird. Um den unterirdischen Wasserfluss
nicht zu stören, wurde der Neubau nicht unterkellert.

Die Neubauten besitzen sowohl ĂŒber eine prĂ€gnante Park- wie auch Strassenfassade. Ähnlich den Glarner Grubenmanngiebeln blicken vier TĂŒrme zur historischen Villa, welche weiterhin als zentrales GebĂ€ude fungiert. Die sĂ€gerohe Holzfassade ist durch vier verschiedenen Schalungstypen stark gegliedert. Hölzerne, weiss gestrichene Holzlisenen lassen die TĂŒrme schlank wirken und teilen die Fenster Ă€hnlich kleinteilig, wie jene der historischen StadhĂ€user. Die vertikale Bewegung in den TĂŒrmen mĂŒndet in den markant geschwungenen VordĂ€chern.
Zur Stadtseite hin regen schaufensterartige Öffnungen zur Kommunikation an. Eine Reminiszenz an die Stadt von 1861, bei der jedes Reihenhaus ĂŒber ein kleines Ladenlokal im Sockelgeschoss verfĂŒgte.

Im Erdgeschoss liegen nebst Garage die AbstellrĂ€ume und zum Park hin zwei RĂ€ume mit undefinierter Nutzung. Vor Dekaden hĂ€tten hier Kaminzimmer ihren Platz gefunden. In heutiger Zeit werden sie als Spiel-, Fernseh-, Arbeitszimmer oder Einlegerwohnung verwendet. Im Obergeschoss ist Platz fĂŒr drei Schlafzimmer und zwei Nasszellen. Ganz oben wird gewohnt und gekocht. Eine durchgesteckte Dachterrasse lĂ€sst die Bewohner gegen SĂŒden die Stadt und gegen Norden den Park erleben. Das Thema des Durchblicks auf die beiden unterschiedlichen Welten ist von den weiten Enfiladen der historischen Villa inspiriert. Es findet sich auf allen Geschossen des Neubaus wieder.

Beurteilung durch das Preisgericht

Die Altstadt von Glarus zeugt noch heute von der Brandnacht im Jahr 1861. Nachdem das Feuer zwei Drittel der Bau­substanz verwĂŒstet hatte, wurde der Kantonshauptort auf einem orthogonalen Raster wiederaufgebaut. Nur wenige HĂ€user stehen schrĂ€g in diesem neuen StadtgefĂŒge. Eines davon ist die Villa Freienstein, die als einer der wenigen Herrschaftsbauten den Brand von Glarus ĂŒberstanden hat.
Nach ĂŒber 175 Jahren in Familienbesitz gab es in der Villa Freienstein und dem dazugehörigen Park einen Handwechsel. Das Bieterverfahren weckte das Interesse von einigen Investoren, da das 3500 mÂČ grosse GrundstĂŒck Platz fĂŒr bis zu 14 Wohn­einheiten bot.
Auch Reto Fuchs, ein Glarner Architekt, wurde auf das Objekt aufmerksam und reichte sein Kaufangebot mit einem Entwurf fĂŒr die Nutzung des Parks ein. Er zielte jedoch nicht auf die maximale Rendite ab, sondern auf die grösstmögliche Wahrung des Aussenraums: Sein Vorschlag zeigte eine gemeinschaftlich genutzte Parkanlage und vier ReiheneinfamilienhĂ€user, die das Pendant zum historischen Haupthaus bilden sollten. Nachdem der meistbietende Investor mit einem Projekt bei der Glarner Denkmalpflege gescheitert war, gewann Fuchs den Prozess fĂŒr sich. Der sorgfĂ€ltige und gemeinnĂŒtzige Umgang mit dem bestehenden Park Â­ĂŒberzeugten sowohl die Besitzerfamilie als auch die Denkmalpflege.
WĂ€hrend die kollektive Nutzung von Haus und Garten in den Schweizer GrossstĂ€dten lĂ€ngst Einzug gehalten hat, ist ein solcher Ansatz in Glarus geradezu revolutionĂ€r: Der Park Freienstein ist derzeit das einzige Wohnprojekt auf gemeinschaftlicher Basis im Kanton. In der Vergangenheit beherbergte die reprĂ€sentative Anlage gerade mal drei Personen. Wie sehr sich die Nutzung des Parks durch das Neubauprojekt gewandelt hat, verraten heute ein blau-­gelbes Kinderschwimmbecken und ein grosser, von Bewohnern und GĂ€sten rege genutzter «Gemeinschaftstisch» mit Grillstelle: Der Garten der Villa ist ein Treffpunkt fĂŒr den nachbarschaftlichen Austausch geworden und wird neuerdings von 17 Erwachsenen und bald elf Kindern belebt.
Mitgestalten erwĂŒnscht!
Die EingĂ€nge zu den vier EinfamilienhĂ€usern befinden sich stadtseitig. Davor spannen sich gepflasterte VorplĂ€tze auf, die an kleine italienische Piazze erinnern und Raum fĂŒr je einen Jungbaum bieten, den die Bewohnerinnen und Bewohner selbst aussuchen konnten. Das Prinzip der Mitbestimmung ist auch im Innern zu spĂŒren: Der Architekt ĂŒberliess der neuen Bewohnerschaft beispielsweise die Wahl der Wandfarbe im Treppenbereich oder die Gestaltung von KĂŒche, Wohn- und Esszimmer. Dadurch entstanden trotz identischem Grundriss vier einzigartige HĂ€user, die einen starken Bezug zu den Persönlichkeiten ihrer Bewohnerinnen und Bewohner aufweisen.
Im Erdgeschoss befinden sich nebst dem Eingangs­bereich eine Garage, AbstellrĂ€ume sowie zwei Zimmer mit offener Nutzung, die zum Park ausgerichtet sind. Letztere werden zurzeit als BĂŒro, GĂ€stezimmer oder Einliegerwohnung verwendet. Um den unterirdischen Wasserfluss nicht zu stören, sind die HĂ€user nicht unterkellert.
Eine Treppe, die alle drei Stockwerke mit einer Sichtachse verbindet und laut Fuchs «das RĂŒckgrat der Wohnung» bildet, fĂŒhrt in den mittleren Stock, der drei Schlafzimmer und zwei Nasszellen beherbergt. Ganz oben sind die KĂŒche sowie der Ess- und Wohnbereich untergebracht, flankiert von einer privaten Dachterrasse.
Die Umkehrung der konventionellen Anordnung mag auf den ersten Blick erstaunen, ist aber fĂŒr diesen Standort durchaus sinnvoll: Im Schatten der BĂ€ume bleiben die unteren, privateren Stockwerke kĂŒhl, wĂ€hrend man im offenen, hellen Wohngeschoss den Blick ins Blattwerk geniesst.
Park im Norden, Stadt im SĂŒden
FrĂŒh wurde klar, dass sich der Garten aufgrund seiner Lage im Schatten der Neubauten fĂŒr private AussenrĂ€ume nicht besonders gut eignet. Ausserdem sollte der Park der gemeinschaftlichen Nutzung vorbehalten bleiben. Reto Fuchs machte sich die Not zur Tugend und projektierte stattdessen fĂŒr jedes Haus eine private Dachterrasse, die sich auf knapp 50 mÂČ ĂŒber die gesamte GebĂ€udetiefe erstreckt. Diese Terrasse bietet als GegenstĂŒck zum Park einen RĂŒckzugsort im Schutz der mĂ€chtigen Baumkronen. Begrenzt wird sie durch die RĂŒckwand des Nachbarhauses, die in der Mitte minimal geknickt ist, sodass sich die GrundflĂ€che Richtung Park leicht öffnet. Ohne dieses kaum wahrnehmbare Gestaltungselement hĂ€tte sich dieser Aussenraum wie ein Schlauch angefĂŒhlt, meint Fuchs. Er ĂŒberprĂŒfte die rĂ€umliche Wirkung seines Entwurfs regelmĂ€ssig im 3-D-Modell mit VR-Brille.
Mit Sitznischen, vordefinierten Orten fĂŒr Pflanztröge sowie der eigens entworfenen Pergola ist die durchgesteckte Dachterrasse mit Liebe zum Detail gestaltet. Im Norden erblickt man den Park, im SĂŒden die Fassaden der NachbarhĂ€user. Oder, um es mit den Worten des Architekten zu sagen: «Man lebt mit den Vögeln in den BĂ€umen, mitten in der Stadt.» Dieses Thema des unterschiedlichen Ausblicks ist auf allen drei Stockwerken erlebbar und von der historischen Villa Freienstein inspiriert, die ebenfalls eine Stadt- und eine Gartenseite besitzt.
Ein Spiel mit Kontrasten
Die Neubauten gliedern sich stimmungsvoll und subtil in die bestehende Parkanlage mit der Villa Freienstein ein. Sie schaffen einen wirkungsvollen Kontrast zur historischen Nachbarin und ordnen sich gleichzeitig unter. Anstelle eines prominenten Sockels, der die ­Fassade des Herrenhauses auszeichnet, sind die Neubauten mit einer Schattenfuge vom Boden getrennt. LeichtfĂŒssig kaskadieren die sandgestrahlten Beton­elemente, die den Übergang von den Privatbereichen zum gemeinschaftlichen Raum markieren, in den Park.
Im Gegensatz zur steinernen Fassade der Villa erscheinen die ReiheneinfamilienhĂ€user in sĂ€gerohem Holz. Je nach Witterung, Jahres- und Tageszeit camou­fliert der grau-grĂŒne Anstrich die Neubauten in der Baumlandschaft oder lĂ€sst sie als stimmigen Hintergrund des Parks erscheinen. Feine, hellgraue Holzlisenen gliedern die Fassade, unterteilen die grossen Fenster und betonen die VertikalitĂ€t der WohntĂŒrme. Eine ver­zinnte Rundung schlĂ€gt wortwörtlich einen Bogen zwischen dem privaten und halb-öffentlichen Raum: Dieses spielerisch eingesetzte Element tritt als markante Basis der turmförmigen HĂ€user auf und verkörpert den Abschluss des Privatbereichs – gleichzeitig bildet es durch seine Form einen Raum aus, der das Gemeinschaftliche betont.
BiodiversitÀt im Gemeinschaftsgarten
Am westlichen Rand der Parkanlage ragen zwei geschĂŒtzte Blutbuchen in die Höhe. Darunter findet sich eine reiche Pflanzenlandschaft aus ortstypischer Flora. Ein Taubenschwanz surrt ĂŒber einer blĂŒhenden Hortensie, Insekten beleben den Gartenboden – es kreucht und fleucht. Der ehemalige Englische Garten ist biodiverser geworden und in Zonen mit unterschiedlichen Nutzungen unterteilt: hier ein kĂŒhler RĂŒckzugsort, dort eine sonnige Spielwiese. Die unterschiedlichen Standortbedingungen fĂŒhren in der Pflanzen- und Insektenwelt zu einer grossen Artenvielfalt und werten den Garten ökologisch auf. Reto Fuchs wurde deswegen fĂŒr den «Binding Preis fĂŒr BiodiversitĂ€t 2023» nominiert und schaffte es in die Endauswahl.
Auf die Frage, was die grösste Herausforderung am Projekt gewesen sei, antwortet der Architekt: «Die Verantwortung dem Ort gegenĂŒber.» Dieser Respekt ist an unterschiedlichen Stellen zu sehen: an der sorgfĂ€ltigen Ausgestaltung der Fassaden, am grösstmöglichen Erhalt der historischen Parkanlage oder selbst an Details wie dem regionalen Linthschotter unter den FĂŒssen. Trotzdem wirkt das Projekt nicht reaktionĂ€r. Ganz im Gegenteil: Mit der moderaten Verdichtung der historischen Parkanlage sowie deren Öffnung fĂŒr eine gemeinschaftliche Nutzung ĂŒberfĂŒhrte Reto Fuchs das Kulturgut rĂŒcksichtsvoll in die Gegenwart und befindet sich mit seinem Erstlingswerk ganz am Puls der Zeit.
Parkansicht

Parkansicht

Dachterrasse

Dachterrasse

Eingangsbereich

Eingangsbereich

Treppenaufgang

Treppenaufgang

Fassadendetail

Fassadendetail

Blick durch den Park zur historischen Villa

Blick durch den Park zur historischen Villa