modgnikehtotsyek
ALLE WETTBEWERBSERGEBNISSE, AUSSCHREIBUNGEN UND JOBS Jetzt Newsletter abonnieren

Nichtoffener Wettbewerb | 11/2021

Gestaltung Innenraum der Augustinerkirche in Erfurt

Anerkennung

Preisgeld: 4.000 EUR

Schubert + Horst Architekten Partnerschaftsgesellschaft mbB

Architektur

Conceptlicht GmbH

Lichtplanung

ErlÀuterungstext

Weithin sind heutzutage die kirchlichen RĂ€ume mit vielen optischen und darum ablenkenden BlickfĂ€ngen vollgestellt: mit herumstehendem Mobiliar, wie Sitze, Aufsteller und spontan gestellte AuslagenstĂ€nder. Oft ist der Raum verschlissen und formal â€žĂŒberholt“, so dass das Zentrale, der Altar als Skulptur und das Kreuz als Symbol, nicht dominieren. Damit findet der Blick keinen Halt, geschweige denn, dass er sich dem Licht und seiner architektonischen FĂŒhrung, die ihn je nach Tageszeit zu tragen imstande wĂ€re, nicht ĂŒberlassen kann. Diese Feststellung trifft auch auf die Augustinerkirche in Erfurt zu. Umso erfreulicher ist es, dass sich das evangelische Augustinerkloster zu Erfurt zu einer Neuausrichtung der Innenraumgestaltung entschieden hat und dazu einen Wettbewerb unter Architekten durchfĂŒhrt.

SOLA GRATIA Als Martin Luther 1505 in das Erfurter Kloster der Augustinereremiten eintrat, fĂŒhrte ihn die „Suche nach einem gnĂ€digen Gott“ zur Erkenntnis der reformatorischen Rechtfertigungslehre. Nicht durch Taten oder gar durch Geld könne man – wie es die korrupte römische Amtskirche lehrte – vor Gott gerecht und von der SĂŒnde gerettet werden, sondern – „sola gratia“ – allein aus göttlicher Gnade und aus dem Glauben daran, der daraus wĂ€chst. Dieser fundamentalen Erkenntnis folgend, wurde der zentrale Ort in der Kirche zum Ort der Predigt und VerkĂŒndigung definiert. Von hier aus waren seine Gedanken fĂŒr das Volk verstĂ€ndlich und strahlten in alle Richtungen. Eine in den Fußboden eingearbeitete Messingplatte visualisiert diesen Gedanken und ĂŒbertrĂ€gt ihn weiterfĂŒhrend ĂŒber den gesamten Fußboden strahlenförmig in den Kirchenraum.

DEMOCRATIA Dass in der Folge der Revolution von 1848/49 ausgerechnet die Augustinerkirche als Versammlungsort des Unionsparlaments zu einem wichtigen Ort der Parlamentarisierung in Deutschland wurde, soll im ehemaligen „Volkshaus“ eine weitere Fußbodenintarsie markieren: den Ort des Rednerpultes. Dies befand sich gegenĂŒber dem nördlichen Seiteneingang im Hauptschiff. Ausgehend von einer in den Fußboden eingearbeiteten Edelstahlplatte soll auch von diesem Punkt ein Strahlenkranz in alle Richtungen des Raumes weisen. Durch die Überlagerung der strahlenförmigen Fußbodenintarsien aus SOLA GRATIA und DEMOCRATIA wird die fĂŒr den Raum sehr bedeutende Dopplung der Nutzungsgeschichte dokumentiert und veranschaulicht.

LIBERTAS Der politische Umbruch in den Jahren 1989/90 fĂŒhrte verschiedene gesellschaftspolitische Gruppierungen und Initiativen ebenfalls in die Augustinerkirche. Dass die daraus resultierende Friedliche Revolution fĂŒr Erfurt ihren Ausgang aus der Augustinerkirche nahm, wird mit dem als Fußbodenintarsie eingelegten Schriftzug LIBERTAS dokumentiert: an den Portalen West und Nord - genau dort, wo sich auch die beiden StrahlenkrĂ€nze aus SOLA GRATIA und DEMOCRATIA treffen. Aus den das Volk umgebenden schĂŒtzenden Mauern geht der Weg in die Freiheit durch die Portale der Kirche.

DER RAUM Der Kirchenraum wird hell, rein und leuchtend als Hinweis auf den Glanz Gottes erscheinen, als Hinweis auf das Leuchten seines Angesichtes. „Er lasse sein Angesicht leuchten ĂŒber euch und sei euch gnĂ€dig.“ (4.Mose 6,25). Das ist die Herrlichkeit Gottes. Der Himmel öffnet sich: die Spitzbogentonne wird mit einer neuen glatten Schicht plastisch ĂŒberarbeitet. Hier werden stilisierte BlĂŒtenblĂ€tter der Lutherrose aus dem Chorfenster zu einer leichten Ornamentik mit Abstand zur Gewölbedecke aufgesetzt, die mit einer akzentuierten LichtfĂŒhrung den Himmel förmlich aufreißen. Die neue geschliffene und versiegelte mineralische Fußbodenbeschichtung mit den oben erwĂ€hnten Intarsien lĂ€sst den Raum von unten nach oben immer heller wirken. Die 3 changierenden Grauwerte vermitteln zwischen den 3 ĂŒbergeordneten und sich ĂŒberlagernden Themen SOLA GRATIA, DEMOCRATIA und LIBERTAS. Der Boden wird mit Abstand und WĂŒrde zum Bestand eingebaut. In diesen 'Schattenfugen‘ ist seitlich Platz fĂŒr Medien- und Elektroinstallationen. Eine ausfahrbare Rampe bietet in der Achse des ehemaligen Lettners die Barrierefreiheit zwischen Langhaus und Chor. Ausreichend und nutzungsbezogen angeordnete Bodenmedientanks sind bĂŒndig eingelassen und bieten ausreichend Elektro-, Medien-, Beamer-, und MikrofonanschlĂŒsse. Der Beamerwagen wird im Stuhllager gelagert und kann ebenso wie die mobile Leinwand an allen Stellen im Kirchenraum genutzt werden. WĂ€nde, SĂ€ulen, Bögen und FenstergewĂ€nde erhalten eine neue Farbfassung, die dem Geist der Reinheit und des Glanzes folgt. Weiß fĂŒr WĂ€nde und Decken, lichtgraue Lasuren fĂŒr die Bestandsbauteile aus Stein. Die vorhandenen liturgischen Orte, wie der Altar und die Taufkapelle mit Taufbecken; die kostbaren Epitaphien, Grabplatten und GemĂ€lde kommen nun in ihrer OriginalitĂ€t im lichtdurchfluteten, farbreduzierten Raum wieder besonders zur Geltung.

DAS INSTRUMENT + DIE MUSIK Hauptorgel und Chororgel verbleiben an ihren Standorten und erhalten schlichte GehĂ€use in reinem Weiß. Sie sollen ebenso wie die EmporenbrĂŒstung in ihrer Gestaltung der Schlichtheit des gesamten Raumes folgen. Die aufgemalten Ornamente auf den Orgelpfeifen sollten möglichst entfernt werden. Der Spieltisch im Chorraum soll verfahrbar ausgefĂŒhrt werden und kann je nach Nutzung an einem der dafĂŒr im Chorraum vorgesehenen Bodentanks angeschlossen und bespielt, bei Nichtbenutzung gĂ€nzlich aus dem Chorraum entfernt werden. Kirchenmusik und Musikkirche: Gemeinsam mit den Orgeln bildet die Chor- und Orchestermusik einen Schwerpunkt im Kirchenjahr. Erforderliche FlĂ€chen zur Lagerung der Chorpodeste und des Spieltisches sind im Lagerraum unter der erweiterten Empore nachgewiesen. DIE MÖBEL Lesepult, mobiler Altar, KerzenstĂ€nder, Auslagen fĂŒr Schriften, GesangbĂŒcher etc. folgen in ihrer Gestaltung dem Prinzip der Einfachheit. Mehrfach gekantetes Blech sorgt hier fĂŒr eine klare und einfache Form und Handhabung. Die Ausstattung des Kirchenraumes mit einer ausreichenden Anzahl von StĂŒhlen wird durch den Einbau eines Lagerraumes unter der erweiterten der Orgelempore gewĂ€hrleistet. Es können die gewĂŒnschten 450 SitzplĂ€tze eingerichtet werden. Die StĂŒhle aus Holz sind schlicht und bequem. Alle Möbel sind nicht höher als die Lehnen der ehem. KirchenbĂ€nke. Foyer mit Windfang und dem neuen Lagerraum werden zur Kirche durch eine Glaswand abgetrennt, deren aufgedrucktes Ornament Motive aus der Lutherrose neu interpretieren. Von der zweiflĂŒgeligen GanzglastĂŒr, die in der Kirchenachse den Zutritt vom Foyer in die Kirche gewĂ€hrt, wird die Bedruckung jeweils nach rechts und links dichter und somit der Durchblick diffuser bis vollstĂ€ndig verdeckt und undurchsichtig. Das Motiv der Lutherrose soll sich als flĂ€chige halbdurchlĂ€ssige Struktur auch bei der Gestaltung der Möbel, an den HaupteingangstĂŒren am West- und Nordportal sowie an der visuellen Abtrennung zum Seitenschiff wiederfinden.

DAS SEITENSCHIFF UND DIE AUSSTELLUNG Die FlĂ€che fĂŒr die Ausstellung im Bereich des nördlichen Seitenschiffes wird in Verbindung mit der „Volkskirche“, also dem Westteil der Kirche, gesehen. Die visuelle Abtrennung des Seiten- zum Hauptschiff erfolgt ĂŒber einen lichtdurchlĂ€ssigen Vorhang, der hinter den Gurtbögen von der Decke abgehangen wird und fĂŒr große Veranstaltungen komplett aufgerollt werden kann. Auch dieser nimmt das Ornament-Motiv der Lutherrose auf und bildet als Lichtfilter eine optische ZĂ€sur zwischen Haupt- und Seitenschiff. Er endet mit der Unterkante auf Höhe der Unterkanten der Emporen. Die Erinnerung an die ehemalige Empore ĂŒber diesem Seitenschiff wird durch eine Verdichtung der Webstruktur im BrĂŒstungsbereich ermöglicht. Ausstellungselemente können wechselweise oder auch dauerhaft im Seitenschiff angeordnet werden.

DIE TECHNIK UND HEIZUNG Inwieweit der Einbau einer Fußbodenheizung zielfĂŒhrend ist, muss in weiteren Planungsschritten in Zusammenarbeit mit Fachplanern geprĂŒft werden. Üblich ist der Einbau einer Luftheizung in Kombination mit punktuellen FlĂ€chen einer Fußbodenheizung. Durch den Einbau des neuen Fußbodens ist dies problemlos realisierbar. Die Elektrotechnik muss im Zusammenhang mit der LichtfĂŒhrung und der Medienbespielung vollstĂ€ndig neu konzipiert werden.

DAS LICHT „Wenn wir aber im Lichte wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander.“ (Joh. 1,7) Das Licht spielt im Kirchenraum eine ganz besondere Rolle. Es steht fĂŒr unsere Wahrnehmung der Welt und im spirituellen Sinn sowohl fĂŒr die Schöpfungsgeschichte - „Es werde Licht...“ (1.Mose 1,3) – als auch fĂŒr den österlichen Aspekt „Das Licht scheint in der Finsternis...“ (Joh.1,5)

Das Licht soll auf unspektakulĂ€re Art und Weise zur inneren Sammlung und zum gemeinsamen Feiern der Gottesdienste einladen. Es unterstĂŒtzt ganz wesentlich die einladende, spirituelle AtmosphĂ€re eines Kirchenraumes. Die Wahrnehmung von RĂ€umen wird durch die - sich stĂ€ndig Ă€ndernde - Mischung von Tages- und Kunstlicht geprĂ€gt. Das vom Material modulierte und reflektierte Licht liefert uns die Informationen unserer Umwelt. So wird in unserem Konzept der komplexe Kontext aus visuellen WahrnehmungsphĂ€nomenen, physiologischen und psychischen Reaktionen des Menschen auf Lichteinwirkungen berĂŒcksichtigt. Ziel ist es, den Raum mit Licht so zu gestalten, dass die raumgestaltenden Elemente zur angemessenen Wirkung kommen und die Nutzung wie selbstverstĂ€ndlich durch die LichtfĂŒhrung unterstĂŒtzt wird. Das Licht stĂ€rkt also die durch den Raum und die Nutzung gegebene Bedeutungshierarchie. Durch die Beleuchtung sollen keine zusĂ€tzlichen, unbeabsichtigten Effekte wie z.B. starke Schlaglichter oder ungeplante Reflexionen oder Spiegelungen erzeugt werden. Durch die Vermeidung von visuellem Ballast wird also eine ruhige, zeitlose Wirkung geschaffen. Dies setzt voraus, dass Licht-Schatten-Kanten sehr sorgfĂ€ltig geplant und eingesetzt werden und dass Blendung unter flachen Winkeln vermieden wird.

Lichtplanung bedeutet auch Schattenplanung. Die rĂ€umliche Lage und der Verlauf der Licht-Schatten-Kanten ĂŒben einen großen Einfluss auf das Wirkungsergebnis aus. Die entsprechenden Überlegungen werden bereits bei der Konzeption angestellt. Um besonders eindrucksvolle Stimmungen zu schaffen, werden das Gewölbe des Langhauses und der Seitenschiffe als getrennte Dimmkreise geplant. Die Voraussetzung fĂŒr eine klare Wirkungsdefinition bedeutet, dass die Licht - Schattenkanten den jeweiligen Lichtsystemen folgen. WĂŒrden sich die Aufhellungsbereiche ĂŒberlappen, wĂ€re keine klare Wirkungstrennung möglich, verbunden mit einem Verlust an AusdrucksstĂ€rke.

Aus diesen Wirkungsabsichten lassen sich dann die notwendigen Strahlungseigenschaften der Leuchten ableiten. Exakt fĂŒr den Raum berechnete und auf das Gewölbe abgestimmte Reflektoren, sowie Lichtfarben und LichtintensitĂ€ten werden sensibel und prĂ€zise in den Kirchenraum eingefĂŒgt. Dabei wird immer darauf geachtet, dass die Leuchten nicht selbst zum ablenkenden Objekt im Vordergrund werden, sondern dezent, zurĂŒckhaltend und schlicht dem Geschehen dienen. Deshalb werden die Leuchten seitlich an den Querbalken so angebracht, dass sie beim Blick zum Altar verdeckt sind. Im Zusammenspiel mit der indirekten Deckenaufhellung erhĂ€lt der Raum eine klare Ausrichtung. Das Licht lĂ€sst sich aber auch so schalten und dimmen, dass dem Altar als Ort der VerkĂŒndung eine deutlich höhere IntensitĂ€t verliehen wird.

FĂŒr die Sakristei ist eine Pendelleuchte vorgesehen, die einerseits das Gewölbe aufhellt und andererseits fĂŒr eine direkte Tischbeleuchtung sorgt.

Beurteilung durch das Preisgericht

Der Entwurf zeichnet sich aus durch eine symbolische Inszenierung der drei historischen Einschnitte, die die Augustinerkirche mit der Idee der Freiheit verbindet: die Entdeckung der religiösen Freiheit durch Luther, der demokratischen Freiheit im Unionsparlament, das sich 1850 in der Kirche konstituierte und der neu eroberten Freiheit der friedlichen Revolution von 1989. Die Architektur versucht diese Freiheitsgeschichte insbesondere in der Gestaltung des Fußbodens herauszuarbeiten, der in der Kirche die Orte der religiösen und politischen Rede, die Predigt und die 10 parlamentarische Rede durch Bodenplatten markiert und die von diesen Orten ausgehenden Kraftlinien auf dem Fußboden durch goldene und graue Linien nachzeichnet, die sich durchdringen und ĂŒberschneiden. Dieser Inszenierung der Idee religiöser und politischer Freiheit soll auch die helle und transparente AtmosphĂ€re dienen, die im Gegensatz zum historischen Vorbild mit kĂŒnstlichem Licht arbeitet, insbesondere in der Decke als aufgerissenem geöffneten Himmel und der weißen und grauen Farbigkeit von Decken und WĂ€nden. Damit setzt sich der Entwurf in Gegensatz zur mittelalterlichen Geschichte und aktuellen Gestalt der Augustinerkirche, die eher romanisch als gotisch dunkler und weniger hell ist. Eine SchwĂ€che des Konzepts ist der leer gerĂ€umte Chorraum, der als Leerstelle und Distanz erscheint. Hier mĂŒsste darĂŒber nachgedacht werden das ChorgestĂŒhl in das Konzept zu integreren. Die Gestaltungsidee den Gedanken der Freiheit durch Helligkeit, viel Licht und Transparenz erfahrbar zu machen, setzt sich auch in der Gestaltung des Windfangs fort, der die Kirche als einen öffentlichen Ort einer offenen Freiheitskommunikation darstellt. Gestaltungselement fĂŒr die beiden Freiheits-TĂŒren und die transparenten VorhĂ€nge, die die abgetragene Nordempore ersetzen, ist die Lutherrose in abstrahierte Form. Die textile Abtrennung ist als Reminiszenz an das Parlament, das in der Kirche tagte, fĂŒr diese Absicht zu schwach. Insgesamt ist das Konzept elegant und ansprechend. Allerdings stellt sich die Frage, ob die Intention des Entwurfs sich erfĂŒllt, die wechselvolle Freiheitsgeschichte der Kirche architektonisch darzustellen, oder ob es am Ende bei einem hohen symbolischen Anspruch bleibt, den die Architektur nicht einlösen kann.