Kooperatives Werkstattverfahren | 04/2026
Gestaltungsideen für das Bahnhofsumfeld Hamburg-Altona
6
Blick auf den Altonaer Platz
©Jonas Bloch
Teilnahme
Stadtplanung / Städtebau
-
Verfasser:
Prof. Rüdiger Ebel, Jannes Wurps, Prof. Volker Halbach, Jan Busemeyer
-
Mitarbeitende:
Erläuterungstext
Altonaer Platz
Der Bussteig als neue Mitte
Ausgangspunkt des Entwurfs ist die Frage, wie auf den wachsenden Bedarf des Busverkehrs am ehemaligen Bahnhof Altona reagiert werden kann, ohne einen mehrgeschossigen oder unterirdischen Busbahnhof zu errichten. Statt komplexer Infrastruktur wird der Bussteig selbst zum zentralen Entwurfselement: Die erforderlichen Bahnsteigkanten werden zu einem großzügigen, zusammenhängenden Bahnsteigraum erweitert.
Durch diese Skalierung entsteht ein neuer städtischer Raum, der über seine Verkehrsfunktion hinausgeht. Der Bahnsteig wird zur urbanen Bühne und bildet das neue Mobilitätsherz Altonas, in dem Umsteigen, Aufenthalt und Orientierung selbstverständlich miteinander verbunden sind. Infrastruktur, öffentlicher Raum und ökologische Funktionen verschmelzen dabei zu einem gemeinsamen Stadtraum.
Der neue Altonaer Platz fungiert als robuste urbane Bühne mit wasseraktivem Untergrund im Sinne der Schwammstadt. Die Platzfläche verbindet widerstandsfähige Nutzung mit Regenrückhalt und Mikroklimaregulierung. Ein leichter Baldachin fasst den offenen Raum, schafft Orientierung und stärkt die Verbindung zwischen Mobilität und Stadtleben.
Offene Bühne und grüner Rahmen
Die räumliche Qualität entsteht weniger durch ein übergeordnetes Dach als durch klar definierte Platzkanten. Durch die Verschiebung der nördlichen Platzgrenze öffnet sich der Raum zu einem großzügigen und einladenden Stadtraum. Ein grüner Rahmen aus Baumreihen und bepflanzten Grünflächen verbessert das Mikroklima und erhöht die Aufenthaltsqualität.
Die Platzgestaltung folgt dem Prinzip einer offenen Bühne für vielfältige urbane Nutzungen. Baldachin, Wasserspiel, Sitzkanten und Baumreihen betonen die zentralen Bewegungsachsen. Dem offenen Platzkern steht ein grüner Rahmen aus erhöhten bepflanzten „Kissen“ gegenüber, die Vegetation, Regenwassermanagement und Aufenthalt miteinander verbinden. Integrierte Spiel-, Sport- und Aufenthaltsangebote schaffen eine lebendige Atmosphäre und stärken die Nutzungsvielfalt des Platzes.
Stadtbausteine entlang der grünen Achse
Markante Baukörper fassen den Platz und definieren seine Ränder. Mit aktiven Erdgeschosszonen beleben sie den öffentlichen Raum und schaffen Schnittstellen zwischen Mobilität, Aufenthalt und städtischem Alltag. Die Gebäude nehmen Bezug auf die angrenzenden Bebauungsstrukturen und stärken zugleich die räumliche Wirkung der grünen Achse, die nach Süden weitergeführt und mit dem bestehenden Gartendenkmal verknüpft wird.
Der Ersatzneubau des bestehenden Parkhauses übernimmt dabei eine besondere Rolle als multifunktionaler Stadtbaustein. Im Erdgeschoss werden gewerbliche Nutzungen sowie Stellplätze für Überlieger integriert, sodass die Platzfläche frei von ruhendem Verkehr bleibt. In den Obergeschossen entstehen neue Gewerbe- und Wohnnutzungen, die Mobilität, Arbeiten und Wohnen kompakt miteinander verbinden.
Die Verteilerebene ermöglicht eine direkte und übersichtliche Verknüpfung aller Verkehrsmittel. Durch den Rückbau der östlichen Rampe wird die Orientierung verbessert; der ebenerdige Zugang zur S-Bahn erfolgt künftig ausschließlich über die südliche Rampe. Der bestehende Supermarkt wird in das neue Handelshaus verlagert, wodurch Flächen für ein neues Fahrradparkhaus frei werden.
Orientierung durch Raum und Licht
Der Baldachin fungiert als orientierender Wegweiser und identitätsstiftendes Element des neuen Mobilitätsraums. Von der Elbe kommend setzt er ein markantes städtebauliches Zeichen, während er entlang der Verbindung zwischen Altona und Ottensen Bewegungsströme bündelt und lenkt.
Die Beleuchtung des Platzes unterstützt die Idee eines offenen, sicheren und gut orientierbaren Stadtraums. Hohe Mastleuchten sorgen für eine gleichmäßige Ausleuchtung und vermeiden Angsträume. Der Pavillon wird gezielt akzentuiert und bleibt auch nachts als identitätsstiftender Orientierungspunkt ablesbar. Gemeinsam mit der offenen Platzstruktur entstehen durchgängige Blickbeziehungen und eine klare räumliche Lesbarkeit des gesamten Stadtraums.
Beurteilung durch das Preisgericht
Die Arbeit zeichnet sich durch den konsequenten Ansatz der Sichtbarmachung des Busbahnhofs als Infrastruktur aus. Die Doppelkodierung des neu geschaffenen Altonaer Platzes als Grünraum und ober-irdischer Busbahnhof, der sich rahmend um den grünen Platz anordnet, wirft auch Fragen auf. Wie kann der Anspruch an Funktionalität und Aufenthaltsqualität als Mehrgewinn für den Stadtteil verbunden wer-den?
Da dieser neu geschaffene Altona Platz einen wichtigen Transitraum für den öffentlichen Nahverkehr und zugleich einen fußläufigen Transitraum innerhalb Altonas darstellt, wird bezweifelt, dass bei dem hohen Busaufkommen des umlaufenden Busbahnhofs diese wichtigen, vielfältigen Wegebeziehungen und Aufenthalt ermöglicht werden können. Des Weiteren stellt sich die Frage der Urbanität des neuen, grün geprägten Altonaer Platzes als erlebbarer Stadtraum.
Die Hochpunkte als Büro- und Wohnhochhaus sind gut gesetzt und bilden mit dem bestehenden Hoch-punkt am Paul-Nevermann-Platz einen Dreiklang. Das übergeordnete Dach am Nordrand des neuen Altonaer Platzes wird in seiner Nutzung „nur“ als überdimensionierter Wetterschutz in Frage gestellt. Die Überliegerplätze an der Scheel-Plessen-Straße erscheinen in ihrer Anzahl und Anordnung nicht glaubhaft. Durch die Anordnung der westlichen Wohnriegel im Norden wird die Nutzung des Grünzugs stark eingeschränkt, zudem ist auch ein ausreichender Abstand zur vorhandenen Bebauung an der Präsident-Krahn-Straße nicht gegeben.
Insgesamt stellt der Entwurf einen interessanten Ansatz für einen oberirdischen Busbahnhof dar, der aber in seiner Vielschichtigkeit der Mobilitätsansprüche und der Frage nach dem Mehrwert für den Stadtteil nicht glaubhaft gelöst ist.
Verkehrliche Einordnung
Die Busanlage ist als „große“ Insel oberirdisch und ebenerdig konzipiert. Die Anbindung an das Straßennetz erfolgt über drei Zu-/ Ausfahrten. Die Hauptzufahrt befindet sich an der Max-Brauer-Allee (ungefähr identisch zur heutigen Zufahrt der Busanlage). Die Hauptausfahrt wird an der nördlichen Insel-kante auf Höhe des Paul-Nevermann-Platzes gegenüber der Großen Bergstraße organisiert. Die Zu- und Ausfahrt Hahnenkamp/ Scheel-Plessen-Straße wird analog zum Bestand übernommen. Die heutige Anbindung an die Lobuschstraße / Platz der Republik über Museumstraße entfällt.
Der Radverkehr wird an der nördlichen Kante in Ost-West-Richtung an die Max-Brauer-Allee geführt, ansonsten sind keine Nord-Süd-Verbindungen für den Radverkehr erkennbar.
Die Zu- und Abgänge zur Verteilerebene orientieren sich am Bestand, sodass eine gute Erreichbarkeit der Verteilerebene aus allen Richtungen für den Fußverkehr gewährleistet ist.
Klimatische Einordnung
Die zentrale Platzsituation des Altonaer Platzes wird durch entsiegelte Teilbereiche aufgebrochen, die eine Querung des Platzes entlang von Schattenflächen ermöglichen und Sitzgelegenheiten als beschattete Rückzugsorte bereitstellen. Ein Wasserspiel dient der Abkühlung. Aus den Planunterlagen geht keine detaillierte Ausgestaltung der nördlich und südlich angrenzenden Parkflächen hervor. Die Plandarstellung deutet auf eine heterogene Gestaltung hin, welche als positiv zu bewerten wäre (thermischer Schutz am Tage durch hohe Vegetation sowie Abkühlung der freien Rasenflächen während der Nacht).
Konzept: Vom Bahnsteig zum Platz
©blrm / Treibhaus
Lageplan
©blrm / Treibhaus
Isometrie
©blrm / Treibhaus
Erdgeschossgrundriss
©blrm / Treibhaus
Blick in die grüne Achse
©Jonas Bloch