Offener Wettbewerb | 07/2025
Grün- und Freiräume Nordwestbahnhof in Wien (AT)
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Bewegte, wilde Parklandschaft
©David Willner | verde.land
2. Rang
ver.de Landschaftsarchitekten Stadtplaner Partnerschaftsgesellschaft mbB
Landschaftsarchitektur
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Verfasser:
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Mitarbeitende:
Vincent Wenk, Gero Engeser, Jan Sihler, Chiara Poxleitner, Melanie Hofer, Paulina Grotz, Jasmin Raudensky, Robert Wenk
Erläuterungstext
THE WILD LINE
aus Historie und Natur entsteht eine einzigartige blau-grüne Mitte im Herzen Wiens
Die Landschaft als Palimpsest 1
Von der mäandrierenden, artenreichen Aulandschaft der Donau über den Güterbahnhof und Nahversorger der Stadt hin zu vielfältigen Zwischennutzungen, aber auch den Gräueltaten in den dunkelsten Epochen des 20. Jahrhunderts wird das Areal des Nordwestbahnhofes von einer vielschichtigen Vergangenheit geprägt. Im Sinne der Entwurfsmethodik des Palimpsests werden diese historischen Schichten durch gezieltes Abkratzen freigelegt und in die künftige Parkstruktur eingebunden.
Die „Wild Line“ greift die historischen Schichten des Ortes auf und fügt auf Basis der Anforderungen an klimatische und soziale Bedürfnisse neue Ebenen hinzu. Sie stellt sich den rezenten drängenden Herausforderungen des Klimawandels, des hohen Nutzungsdrucks, und schafft zudem vielfältige wertvolle Habitate für die heimische Flora und Fauna.
Der neue Auenpark im Stadtquartier Nordwestbahnhof vereint die naturräumlichen Strukturen und die hohen Nutzungsanforderungen an einen urbanen Park des 21. Jahrunderts. So verbindet sich die Morphologie mit der Ökologie und dem sozialen Umfeld zu einer einzigartigen Mischung im gesamtstädtischen Kontext Wiens.
Vom Konzeptmodell zum realen Park
Der Fokus der zweiten Wettbewerbsphase liegt darauf, den konzeptionellen Ansatz aus der ersten Phase – ein Park mit belebter Topografie und vielfältigen Atmosphären – konkret und umsetzbar weiterzuentwickeln.
Die Vielfalt der naturnahen Räume wird erlebbar gestaltet. Dabei spielen Barrierefreiheit und Inklusion eine zentrale Rolle.
Die beiden Parkseiten werden durch ein differenziertes Wegenetz verbunden, das Orientierung schafft und vielfältige Bewegungsmuster ermöglicht.
Der Schutz und die Förderung von Biodiversität erfolgen durch präzise Differenzierung und naturschutzfachlich fundierte Gestaltung dieser Bereiche.
Ein realistisch umsetzbares Konzept für die Retention und Versickerung von Regenwasser trägt zur ökologischen Funktionsfähigkeit des Parks bei.
Auch ohne den Einsatz von Bestandsrecycling werden Materialien so gewählt, dass sie thematisch mit der Geschichte des Ortes verbunden sind und sich nahtlos in die Umgebung integrieren.
Urbanität und Wildnis
Die große Qualität des Parks liegt in der Weitläufigkeit des linearen Parks, der die Identität des neuen Stadtquartiers entscheidend prägt. Charakteristisch für die neue Grüne Mitte ist eine bewegte Topografie.
Sie wird in Bereichen mit intensiver Nutzung leicht modelliert, mit Höhenunterschieden von 0,5 bis 1 Metern, während sie in sensiblen Zonen, wie Artenschutzflächen oder atmosphärisch akzentuierten Bereichen, punktuell bis zu 3,5 Meter abgesenkt wird. Großzügige, offene Wiesenflächen wechseln sich dabei mit Feuchtbiotopen und wilden Bereichen ab. So entsteht über die Länge von rund 1,5 Kilometern ein spannungsvoller, abwechslungsreicher Park mit vielfältigen räumlichen Situationen und Atmosphären.
Zentrales Ziel des Entwurfs ist es, möglichst viel hochwertiges, klimawirksames Grün zu schaffen. Umfangreiche Baumpflanzungen und lockere Baumgruppen fördern Verdunstung und Verschattung und bilden damit eine wirksame Antwort auf die zunehmend extremen Sommerbedingungen in Wien. Die „Wild Line“ mit ihren dichten, atmosphärischen Wildnisräumen steht dabei exemplarisch für ein neues, zukunftsfähiges Parkbild – klimaresilient, naturverbunden und identitätsstiftend.
Um diese hohe landschaftliche Qualität dauerhaft zu sichern, sind die intensiv genutzten Zonen bewusst an den Parkrändern platziert. Sie orientieren sich an den umliegenden Bildungseinrichtungen und schaffen klar definierte Zugänge sowie Verbindungen in das Quartier. Die querenden Wegeverbindungen fokussieren sich gezielt auf die wesentlichen städtischen Verknüpfungspunkte und stärken so die Integration des Parks in den urbanen Kontext.
Wasser schafft starke Atmosphären
Statt einer klassischen Parklandschaft setzt die Wild Line auf die Atmosphären wilder Natur und orientiert sich an der Struktur der Hartholzaue:
Feuchtstandorte und Senken wechseln sich mit weitläufigen Wiesenflächen und Heißländen als Trockenstandorte ab. Wildnis und Wasser werden stellenweise erlebbar inmitten der urbanen, heißen Stadtstruktur. Gleichzeitig werden Biotopflächen teilweise bewusst schwer zugänglich gestaltet, um der Flora und Fauna angemessene Rückzugsräume zuzugestehen.
Wilde Hügel – der Schnellweg
An der Westseite des Parks verläuft der Radschnellweg, flankiert von einem großzügigen Gehsteig und einer grünen Vorzone, die den Freiraum von der Wohnbebauung absetzt. Der Schnellweg bleibt auf dem Niveau der Gebäude, während der Park tiefer liegt. Zwischen Schnellweg und offenen Wiesen im Herzen des Parks erstreckt sich eine lebendige Hügellandschaft. Sie schafft sanfte Höhenunterschiede von bis zu anderthalb Metern und bringt spielerische Dynamik ins Gelände. Die Hügel sind naturnah gestaltet: als „Heißlände“ mit wärmeliebenden Pflanzen, durchzogen von Donaufindlingen und Stämmen, die an Totholz erinnern. Diese Elemente laden zum Erkunden, Balancieren und Spielen ein. Schattenspendende Sonnensegel schaffen zusätzliche Aufenthaltsqualität an heißen Tagen.
Zwischen den Hügeln führen barrierefreie Wege sanft in den Park hinab und machen ihn für alle Menschen gleichermaßen erlebbar.
Esplanade & Quartiersplätze – urbane Kante
Die östliche Seite prägt eine klare, urbane Kante. Entlang dieser verläuft eine schattige Esplanade, begleitet von einer markanten Baumreihe. Vor den Gebäuden mit Geschäften und Cafés liegt ein Band aus Plätzchen und grünen Aufenthaltsbereichen – abwechslungsreich in Atmosphäre und Nutzung, offen für Begegnung.
Die Esplanade verbindet wichtige Schnittstellen: Im Süden bildet eine steinige Senke aus großen Findlingen den charakteristischen Auftakt des Parks. Im Norden entsteht eine Gartenzone, ergänzt durch den Verlademarkt mit verschiebbaren Industriekränen, der die historische Nutzung aufgreift.
Vor der Kosmoshalle im Süden entsteht ein lebendiger Kulturplatz – dort setzt Licht gestalterische Akzente und schafft Raum für Kultur, Events und nächtliche Szenerien.
Vor der Halle Nord entsteht eine ganz eigene Welt: Ein Baumdach mit Mammutbäumen und Ginkgos sowie kühlende Nebeldüsen schaffen eine urige, mystische „Nebelwald“-Atmosphäre vor dem neuen Museum Nordwestbahnhof.
Von dort führt der weithin sichtbare Parksteg auf die westliche Seite und öffnet eindrucksvolle Ausblicke über den gesamten Parkraum.
Programmierung und Nutzungsangebot
Die Aufenthaltsbereiche und Nutzungen folgen der städtebaulichen Struktur und sind gezielt in der Nähe öffentlicher Schulstandorte angeordnet. Thematisch greifen sie die Landschaftstypen der Hartholzaue auf – etwa mit der Biberburg – oder verweisen auf die Vergangenheit als Warenumschlagsort, zum Beispiel mit einer Parkouranlage aus alten Bananenkisten.
Die phasenweise Entwicklung: Herausforderung und Chance
Die Umsetzung erfolgt schrittweise, wobei Erdmassenmanagement und Überflutungsnachweis ganzheitlich betrachtet und auf jeden Bauabschnitt abgestimmt werden. Gleichzeitig entstehen vielfältige, vernetzte Lebensräume, die bestehende und neue Arten integrieren – im Einklang mit Baustellenprozessen und dem hohen Nutzungsdruck. In der ersten Phase steht die Schaffung vielfältiger Angebote für alle im Fokus. Der Planungsprozess bleibt offen und dynamisch, wird gemeinsam mit den Bürger*innen weiterentwickelt und neu gedacht.
Pflegekonzeption
Durch einen hohen Anteil von extensiver Parkwildnis, kulturlandschaftlichen Pflegemethoden und robusten Belägen und Ausstattungselementen können die laufenden Kosten des Parks deutlich reduziert werden.
1 Der Begriff „Palimpsest“ geht zurück auf eine antike Praxis zur Gewinnung von Schreibmaterial, bei der bereits beschriebene Materialien aus Gründen der Sparsamkeit beispielsweise durch Abschaben für eine erneute Nutzung vorbereitet wurden. Durch den Prozess waren beide Texte übereinander lesbar.
Im Kontext des Projektes wird der Begriff als Metapher für die vielschichtigen Ebenen des Nordwestbahnhofs übertragen.
Beurteilung durch das Preisgericht
Der Beitrag überzeugt durch eine interessante Herangehensweise mit starker Bezugnahme auf den Ort – sowohl in historischer als auch topografischer Hinsicht. Durch das „Abkratzen“ im Sinne eines Palimpsests sollen tiefere Schichten sichtbar gemacht und in Kombination mit Geländemodellierungen eine spannende, identitätsstiftende Gestaltung geschaffen werden.
Besonders hervorzuheben ist der gestalterische Umgang mit der Topografie. Durch die geplanten Modellierungen bzw. den schichtweisen Aufbau (Morphos, Bios) entsteht ein Bezug zur Geologie, zum Wasser sowie zu Flora und Fauna. Die Integration von Elementen wie Wassernebel oder Retentionsflächen hebt das Projekt deutlich von anderen Ansätzen ab und schafft im Zentrum der Parkanlage eine eigenständige, erlebbare Welt. Dadurch kann – und soll – sich in den unterschiedlichen Parkräumen eine biodiverse Pflanzen- und Tierwelt entwickeln.
Durch den klar abgegrenzten Höhensprung zwischen Esplanade und Park am Tabor (Quellbereich) entsteht ein einladendes Entrée. Gleichzeitig bieten die Absenkungen zusätzlichen Schutz für die CEF-Flächen.
Die Spielplätze sind gut positioniert, die Anbindung an die Bildungseinrichtungen wird positiv hervorgehoben. Die Wegeführung ist reduziert, verbindet jedoch die wesentlichen Parkfunktionen mit dem umliegenden Stadtraum; es besteht Potential für weitere notwendige Verbindungen.
Herausforderungen bestehen u. a. bei der Erhaltung extensiver Grünflächen an stark geneigten Hängen sowie beim Erdmanagement im Zuge der Bauarbeiten. Abtrag und Auftrag müssen aufgrund der Bauphasen jeweils auf das aktuelle Baufeld beschränkt bleiben – ein phasenübergreifender Materialtransport oder Zwischenlagerung ist nicht vorgesehen.
Auf die Pflanzung von Ginkgo und Mammutbaum im Straßenraum sollte verzichtet werden – maximale Beschattung und standortgerechte Artenwahl sind erforderlich.
Die geplanten Vertiefungen bzw. Abtragungen von bis zu 3,5 Metern erscheinen angesichts der Grundwasserproblematik unrealistisch. Auch hier wird auf die Herausforderungen im Erdmanagement verwiesen (s. o.).
WC-Anlagen sind nicht verortet. Hundezonen sind vorgesehen, jedoch in der ersten Bauphase noch nicht berücksichtigt.
Die Straßenräume sowie die Plätze – insbesondere die Einkaufsstraße – sind gestalterisch noch nicht ausreichend ausgearbeitet. Es besteht Potenzial für zusätzliche Entsiegelung, Begrünung und eine höhere Aufenthaltsqualität.
Aufgrund der topografischen Gestaltung sind Stege, Treppen, Einfassungen und Geländer erforderlich, deren Herstellungskosten auf ein Minimum beschränkt werden sollten.
Der Ansatz, die Hauptfunktionen über ein klares Wegenetz zu erschließen und eine naturnahe, differenzierte Parklandschaft zu entwickeln, wird von der Jury als spannend und richtungsweisend bewertet. Der Gestaltungsvorschlag wird als zeitgemäße Weiterentwicklung des städtebaulichen Leitbilds wahrgenommen und stellt nach der „Freien Mitte“ eine neuartige Herangehensweise im Wiener Stadtraum dar.
Methodik: Palimpsest
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Konzeptschnitt
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Arbeitsmodell
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Lageplan 1000
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Lageplan 500
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Nebelwald
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Detailplan 1:200
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Detailschnitt 1:200
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Landschaftstreppe
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Detailplan 1:200
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Detailschnitt 1:200
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