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Nichtoffener Wettbewerb | 03/2026

Hochbauliche Neuentwicklung Viktoriakarree an der Universität Bonn

9

Anerkennung

Preisgeld: 20.500 EUR

Studio Salvi Weber ZT GmbH

Architektur

Werner Sobek AG

Tragwerksplanung, Nachhaltigkeitskonzept

Vasko+Partner Ingenieure ZT GmbH

TGA-Fachplanung, Energieplanung

KLW Ingenieure GmbH

Brandschutzplanung

rajek barosch landschaftsarchitektur

Landschaftsarchitektur

Erläuterungstext

Die „Bibliothek der Zukunft“ versteht sich als Beitrag zur Weiterentwicklung des Bonner Stadtgefüges. Als Vermittler zwischen östlicher Stadt und südwestlicher Innenstadt greift der Entwurf die historische Schnittstelle zwischen Franziskanerstraße, Rathausgasse und Belderberg auf und übersetzt sie in ein zeitgenössisches Forum für Wissen und Austausch. Aus diesem Grundgedanken entsteht ein zusammenhängender Baukörper, der sich in Maßstab, Proportion und Typologie in das Bonner Stadtbild einfügt und zugleich eine eigenständige Bibliotheksarchitektur formuliert.

Städtebaulich folgt der Neubau der Leitidee einer neuen, lebendigen Gasse im Viktoriakarree. Im Dialog mit dem Campusbau schließt er die Blockkante, fasst den Freiraum und bildet mit Bibliothek und Kulturforum den sozialen Mittelpunkt. Ein „grünes Herz“ mit halbkreisförmigen Einschnitten öffnet den Baukörper zur Nachbarschaft, bindet die Höfe ein und schafft ein räumliches Kontinuum zwischen Innen und Außen. Erdgeschoss und Gasse werden als durchlässiger Stadtraum mit Gastronomie, Kulturforum und Bibliothek ausgebildet.

Der Entwurf versteht den Bestand als Ressource und entwickelt einen differenzierten Umgang mit dem Denkmal. Die von Gottfried Böhm gestaltete Fassade als prägendes Zeugnis der Nachkriegsmoderne wird erhalten und als „Vitrage“ in den Neubau integriert. Die bestehende innere Struktur wird zugunsten einer offenen, flexiblen Bibliotheksnutzung neu organisiert. Das Kellergeschoss wird in die neue Struktur eingebunden und für Magazine, Technik und Fahrradinfrastruktur genutzt. Rückbau, sortenreine Trennung und Wiederverwendung folgen den Prinzipien des Urban Mining und Cradle-to-Cradle.

Die Bibliothek ist als offene, lichtdurchflutete Lernlandschaft konzipiert. Eine klare, flexible Raumstruktur mit zentraler Infothek, skulpturaler Treppe und thematisch gegliederten Bereichen ermöglicht unterschiedliche Formen des Arbeitens und Aufenthalts. Die sichtbare Holztragstruktur, großzügige Verglasungen und intensiv begrünte Höfe und Dächer verbinden Architektur und Natur zu einem atmosphärischen Ganzen.

Konstruktion und Energie folgen einem ressourcenschonenden Ansatz. Ein Holz-Beton-Hybridbau mit hohem Vorfertigungsgrad, Recyclingmaterialien und optimierter Gebäudetechnik reduziert Emissionen und Ressourcenverbrauch. Die Erhaltung der denkmalgeschützten Fassade und die Weiterverwendung des Bestands sind dabei integraler Bestandteil des nachhaltigen Konzepts. Tageslichtnutzung, Verschattung, Wärmepumpen, erneuerbare Energie und Photovoltaik bilden die Grundlage für einen energieeffizienten Betrieb und eine nachhaltige Bibliothek als Teil des urbanen Lebensraums.

Beurteilung durch das Preisgericht

Der Entwurf erstreckt sich über das gesamte Grundstück und bildet zum umgebenden Stadtraum klare städtebauliche Kanten aus. Zwei halbkreisförmige Einschnitte gliedern das Volumen im Blockinneren und schaffen Raum für begrünte Innenhöfe. Der nördliche Hof wird durch die Verfassenden als „Grünes Herz" betitelt, der südliche Hof befindet sich im 1.Obergschoss und bildet eine Dachterrasse aus. Diese Gebäudeeinschnitte schaffen eine hohe Qualität und eine gute natürliche Belichtung für die angrenzenden Räumlichkeiten der Bibliothek. Sie gliedern den Baukörper und ermöglichen eine klare selbstverständliche Orientierung im Innenraum.

Durch die Lage der Innenhöfe, unmittelbar nördlich und südlich angrenzend an die heterogene Nachbarbebauung, wird deren Funktion als „grüne Mitte“ sowie ihre aktive Nutzung kritisch gesehen. Besonders die Öffnung und Ausrichtung zur benachbarten Wohnbebauung und die Besonnung des nach Norden orientierten Hofes werden kritisch diskutiert. Durch ihre Positionierung stellen die Höfe keine angemessene Antwort für die gewünschte „grüne Mitte" dar.

Die formale Ausbildung der Gebäudeeinschnitte wird von den Verfassenden aus der Umgebung hergeleitet, führt jedoch im Innenraum zu starken funktionalen und formalen Vorgaben. Die als hochgradig modular beschriebene Tragstruktur basierend auf einem Raster lässt sich in den Grundrissen nur in wenigen Teilbereichen wiederfinden. Die Gebäudegeometrie führt zu vielen Sondersituationen im Tragwerk, welche nicht konsequent durchdacht wurden. Die Gebäudekubatur ist im nördlichen und südlichen Bereich auf die Vorgaben des Bebauungsplans anzupassen.

Der Entwurf überzeugt im Besonderen durch seine gute funktionale Zonierung. Die unterschiedlichen Nutzungen gruppieren sich um ein zentrales Foyer. Dies schafft eine klare Adressierung der Nutzungsbereiche und ermöglicht zeitgleich ein gutes funktionales Zusammenspiel von Gastronomie, Kulturforum und Bibliothek. Die Gastronomie orientiert sich im Erdgeschoss richtigerweise zur Franziskanerstraße. Die hier vorgeschlagene Arkade schafft einen gut nutzbaren überdachten Freiraum und stellt eine einladende Geste dar. Entlang der Gasse gelangt man zum zentralen Haupteingang, der in das Foyer der Bibliothek und des Kulturforums führt.

Die Erschließung im Gebäude erfolgt über großzügige Wendeltreppen, die ein wiederkehrendes klares architektonisches Element bilden. Die interne Erschließung im Kulturforum weicht von diesem Prinzip ab und erscheint wenig einladend.

Die Flächen der Bibliothek gliedern sich entsprechend der Grundrisskonfiguration in Lesebereiche entlang der geschwungenen Fassaden und Bücherflächen in den Mittelzonen. Diese klassische räumliche Konfiguration erscheint für die dargestellte Nutzung passend, wird jedoch aufgrund der tiefen Mittelzonen im Hinblick auf zukünftige flexible Nutzungsszenarien und innovative Bibliothekskonzepte kontrovers diskutiert. Die geometrisch notwendige Tragstruktur schränkt die Flexibilität zusätzlich ein. Die Magazinflächen befinden sich vollständig im Untergeschoss, was den Forderungen der Auslobung widerspricht.

Zur Fassade am Belderberg hin wird ein mehrgeschossiger Luftraum mit Wendeltreppe ausgebildet, der das denkmalgeschützte Fenster großzügig erlebbar macht. Dieses Motiv des Luftraums wiederholt sich im Obergeschoss an der Südwestecke des Gebäudes wo es über die differenziert gestaltete Fassade zum Außenraum sichtbar wird und ein Schaufenster zur Stadt ausbildet.

Die Fassadengestaltung stellt eine passende Antwort für das zeitgemäß als Holz-Hybridbau konzipierte Gebäude dar wird jedoch hinsichtlich Ihrer Einfügung in die Umgebung und die dominante Farbgebung vis-à-vis dem Hauptgebäude der Universität seitens der Denkmalpflege kritisch gesehen. Die einheitliche Dachform überführt die Vorgaben des Bebauungsplans an der Ecke Franziskanerstraße in ein selbstverständliches Gestaltungsprinzip für die Dachlandschaft. Der Rücksprung des Dachgeschosses gegenüber der denkmalgeschützten Fassade am Belderberg wird durch die Denkmalpflege als nicht ausreichend erachtet.

Die recyclinggerechte Bauweise und die umfangreiche Nachnutzung der bestehenden Kellerflächen wird begrüßt. Die vielen Sondersituationen bedingt durch die Geometrie lassen im Holztragwerk einen erhöhten konstruktiven Aufwand erwarten. Das Brandschutzkonzept und das energetische Konzept sind zu präzisieren. Der sommerliche Wärmeschutz über die Vertikallamellen wird als nicht ausreichend betrachtet. Die Vorgaben zu den Nutzflächen werden zum Teil deutlich überschritten. Die Bruttogeschossfläche des Entwurfs liegt im Mittelfeld.

Insgesamt wird die funktionale Organisation positiv bewertet. Die Qualitäten der „grünen Mitte“ und die fehlende Flexibilität in der Grundrissgestaltung werden im Hinblick auf die Aufgabenstellung „Bibliothek der Zukunft" kritisch bewertet.
Lageplan

Lageplan