Nichtoffener Wettbewerb | 03/2026
Hochbauliche Neuentwicklung Viktoriakarree an der Universität Bonn
9
©Gina Barcelona Architects + DGI Bauwerk + Colana Arquitectura
ein 1. Preis / Zuschlag
Preisgeld: 60.000 EUR
Architektur
-
Verfasser:
Jaime Batlle, Diana Carbonell, Davide Lorenzato, Ignacio Arizu
-
Mitarbeitende:
Álvaro Celso de Pascual Orradre, Nia Sikharulidze, Eli Aguilar, Mariona Mayol
Tragwerksplanung
Erläuterungstext
1. Städtische Umsetzung und volumetrische Integration
Das Gebäudevolumen passt sich an die städtebaulichen Höhenverhältnisse an: Das sanft geneigte Dach vermittelt einen harmonischen Übergang zwischen Universität und Wohnbebauung. Vor der denkmalgeschützten Fassade des alten Viktoriabads flacht der Entwurf ab und wahrt dessen historischen Wert. Das Ergebnis ist eine zeitgenössische Architektur, die aus dem Ort heraus entsteht, bestehende Spuren interpretiert und weiterführt.
2. Ein neues „grünes Herz“: öffentlicher Raum als soziale Infrastruktur
Dieser Freiraum ist ein strukturierendes und sinnstiftendes Element: Er organisiert die Erschließung und das Programm des Gebäudes, sorgt für natürliche Belichtung der tiefen Gebäudeteile, fördert die Querlüftung und schafft einen offenen Ort des Austauschs und des Lernens.
3. Wiederverwendung der bestehenden Topografie: Die Gartenebene als zweites Erdgeschoss
Der Eingriff berücksichtigt sowohl den physischen und energetischen Wert, den das bestehende Untergeschoss darstellt. Der neue Innenhof versorgt die Gartenebene im Untergeschoss mit Tageslicht und Belüftung, wodurch diese Räume zu einem aktiven und öffentlichen zweiten Erdgeschoss werden. Die Gartenebene wird zur kulturellen Basis des Gebäudes und steht durch eine einladende Verbindung in Form von Sitztreppen und Tribünen im Dialog mit der Straße. Ein integrierter öffentlicher Raum, der die nötige Privatsphäre einer Bibliothek wahrt. Mit dieser Maßnahme wird das Projekt um ein oberirdisches Geschoss reduziert. Es minimiert die volumetrische Wirkung und fügt sich behutsam in die Nachbarschaft ein.
4. Gefaltetes Dach: obere und untere Landschaft
Das Dach ist als fünfte Fassade konzipiert, die von erhöhten Punkten im historischen Zentrum sichtbar ist. Seine Geometrie artikuliert zwei komplementäre Gesten. Lichtkuppel: Ein sanfter Anstieg des Dachs verleiht dem Gebäude Präsenz in der Skyline Bonns. Von hier aus entstehen visuelle Bezüge zur Universität, was die zentrale Rolle des Gebäudes für den Campus unterstreicht. Grünes Impluvium: Zur Nachbarschaft hin neigt sich das Dach ab, wodurch das wahrgenommene Volumen reduziert, Privatsphäre geschaffen und Regenwasser im Innenhof gesammelt wird. Eine Oase der Ruhe, in der die neue Bibliothek untergebracht ist.
Beurteilung durch das Preisgericht
Der Entwurf formuliert mit dem Neubau des Viktoriakarrees eine eigenständige architektonische Setzung von hoher volumetrischer Qualität. Er schließt an den Bestand an und entwickelt ein plastisch geformtes Ensemble, das sich dem Thema der Faltung verschreibt. Die Einheit entsteht dabei nicht allein durch den Baukörper, sondern ebenso durch die Nutzungen. Die Faltung wird genutzt, um einen wettergeschützten Außenbereich für den Eingang und das Café auszubilden. Die Bibliothek adressiert sich sowohl über das Erdgeschoss als auch die Obergeschosse direkt an den Stadtraum. Der Gebäudeflügel an der Franziskanerstraße ermöglicht Einblicke in das Innenleben der Bibliothek. Die denkmalgeschützte Fassade zum Belderberg bleibt erhalten und wird im Ensemble neu inszeniert.
Über einen zentralen Eingang wird die Erdgeschossebene mit der offenen Raumsequenz der großzügigen Bibliothek erschlossen. Niedrigschwellig wird man in den Raum geführt; mit großer Selbstverständlichkeit erreicht man den grünen Innenhof in der Mitte des Gebäudes und die parallel verlaufende Treppenanlage, die in ihren Kaskadenstufen bis obersten Ebene und über Blickachsen direkt zur freigestellten Fassade des Schwimmbads führt.
Der Innenhof spannt sich in geometrischer Strenge in Ost-West-Richtung auf. Seine Profilierung wird genutzt, um die Ebene -1 mit dem Kunstforum und seinen Werkräumen einzubinden. Eine Sitztreppe führt bis in den tiefsten Bereich des Hofes geführt, der mit großen, erdverbundenen Bäumen gestaltet ist. Der Innenhof dient sowohl als Werkhof als auch als meditativer Garten und bildet zugleich den zentralen Freiraum für die Nutzerinnen und Nutzer. Die Größe des Hofes eröffnet vielfältige Nutzungsmöglichkeiten. Dies gilt nicht nur für den Hof selbst, sondern auch für die angrenzenden Räume des Kulturforums und der der Bibliothek, die durch Belichtung und Orientierung deutlich gewinnen. Dem schwierigen Planungsgrundstück wird dadurch seine Tiefe genommen. Der Raum wird sinnfällig gegliedert, ohne seine Offenheit zu verlieren.
Die unterschiedlichen Zonierungen und Nutzungsangebote der Bibliothek sind gut erfassbar. Man kann sich leicht im Raum orientieren und geschützte Bereiche für Einzel- und Gruppenarbeit an der Außenfassade und auf den Galerien finden, ohne dass die Hierarchie der Raumkanten verloren geht. In den Obergeschossen bildet ein umlaufendes Band von Einzelarbeitsplätzen mit Blick in den Innenhof attraktive Arbeitsbereiche. Es bleibt nur die Frage, ob die Inklusionsräume im dritten OG richtig verortet sind.
Kritisch diskutiert wird die Fassadengestaltung: Der Konflikt zwischen der feinsinnig gefalteten Fassade mit ihrer strukturierten Gliederung und den großen Fensteröffnungen zur Franziskanerstraße ist offensichtlich, auch wenn geschätzt wird, dass die Bibliothek in diesem Gebäudeflügel zur Universität und zur Franziskanerstraße sichtbar und erlebbar wird. Das Spiel mit unterschiedlichen Fensterformaten in Abhängigkeit von den dahinterliegenden Arbeitsplätzen verspricht zwar ein spannendes Motiv, bleibt jedoch in der Darstellung nur bedingt lesbar. Auch die Materialwahl einer hybriden Konstruktion mit Naturstein wird hinterfragt. Der Anschluss und Übergang vom massiven Sockel zur aufgehenden Holzkonstruktion lässt noch zahlreiche Fragen offen. Ebenso wird die Verschattung über horizontale Lamellen kritisch gesehen.
Der Entwurf verleugnet nicht das Victoriabad. Die denkmalgeschützte Fassade wird am Belderberg im Anschluss an die Nachbargebäude freigestellt, zugleich jedoch in die neue Struktur der Bibliothek integriert. Ergänzt durch eine neue Glasfassade wird sie zum zentralen Gestaltungselement zum Belderberg und zum thermischen Puffer, dessen Konzept zum winterlichen Wärmeschutz und zur passive Sommerkühlung in der Planung weiterentwickelt werden sollte.
Vollständig erhalten bleiben auch die bestehenden Kellerräume. Der Bädertrakt zum Belderberg und der Heilbädertrakt mit hohen lichten Raumhöhen grenzen unmittelbar an die Bebauung der Nachbargrundstücke. Mit ihren großen Flächen hat die Entscheidung für die nachhaltigen Zielsetzung, graue Energie zu erhalten, signifikante Auswirkungen auf die Kennzahlen der Arbeit: Die Baumasse unter Gelände ist durch den Bestandserhalt hoch und hat ihren Anteil an der hohen BGF im Vergleich der eingereichten Arbeiten. Die geringe Flächeneffizienz ist aber auch der Preis für das offene, adaptive Raumkonzept und die intuitive und erlebnisreiche Erschließung des Gebäudes. Zugleich erklärt sich daraus, warum dieser Entwurf trotz hoher BGF in der Kostenschätzung mit vergleichsweise niedrigen Baukosten bewertet wird.
Es ist zu prüfen, inwieweit etwaige Überschreitungen des genehmigten Raumprogramms zugunsten einer Vergrößerung des Innenhofes genutzt werden können, oder ob eine Anpassung der Nutzflächen möglich ist, um die Aufenthaltsqualität entlang des langen Flures an der Kaskadentreppe zu verbessern. Zu überprüfen sind auch die Abweichung von der Baulinie im Eingangsbereich und der Versatz über der denkmalgeschützten Fassade. Der Nachweis der Erfüllung der brandschutzrechtlichen Anforderungen wird empfohlen. Ebenso sind die Höhenniveaus der Umgebung und die Breite der Erschließungsfläche für die Fahrradstellplätze zu klären. In der vorliegenden Planung ist darüber hinaus die Anlieferung noch nicht gelöst.
Insgesamt überzeugt der Entwurf für das Viktoriakarree durch sein spannendes und flexibles Raumkonzept, das mit einem großzügigen, atmosphärisch differenzierten Raumangebot dem Anspruch einer modernen Bibliothek entspricht. Der Entwurf schafft damit einen besonderen Ort für die Bibliothek in Bonn und einen öffentlichen Raum mit hohem Wiedererkennungswert.
Über einen zentralen Eingang wird die Erdgeschossebene mit der offenen Raumsequenz der großzügigen Bibliothek erschlossen. Niedrigschwellig wird man in den Raum geführt; mit großer Selbstverständlichkeit erreicht man den grünen Innenhof in der Mitte des Gebäudes und die parallel verlaufende Treppenanlage, die in ihren Kaskadenstufen bis obersten Ebene und über Blickachsen direkt zur freigestellten Fassade des Schwimmbads führt.
Der Innenhof spannt sich in geometrischer Strenge in Ost-West-Richtung auf. Seine Profilierung wird genutzt, um die Ebene -1 mit dem Kunstforum und seinen Werkräumen einzubinden. Eine Sitztreppe führt bis in den tiefsten Bereich des Hofes geführt, der mit großen, erdverbundenen Bäumen gestaltet ist. Der Innenhof dient sowohl als Werkhof als auch als meditativer Garten und bildet zugleich den zentralen Freiraum für die Nutzerinnen und Nutzer. Die Größe des Hofes eröffnet vielfältige Nutzungsmöglichkeiten. Dies gilt nicht nur für den Hof selbst, sondern auch für die angrenzenden Räume des Kulturforums und der der Bibliothek, die durch Belichtung und Orientierung deutlich gewinnen. Dem schwierigen Planungsgrundstück wird dadurch seine Tiefe genommen. Der Raum wird sinnfällig gegliedert, ohne seine Offenheit zu verlieren.
Die unterschiedlichen Zonierungen und Nutzungsangebote der Bibliothek sind gut erfassbar. Man kann sich leicht im Raum orientieren und geschützte Bereiche für Einzel- und Gruppenarbeit an der Außenfassade und auf den Galerien finden, ohne dass die Hierarchie der Raumkanten verloren geht. In den Obergeschossen bildet ein umlaufendes Band von Einzelarbeitsplätzen mit Blick in den Innenhof attraktive Arbeitsbereiche. Es bleibt nur die Frage, ob die Inklusionsräume im dritten OG richtig verortet sind.
Kritisch diskutiert wird die Fassadengestaltung: Der Konflikt zwischen der feinsinnig gefalteten Fassade mit ihrer strukturierten Gliederung und den großen Fensteröffnungen zur Franziskanerstraße ist offensichtlich, auch wenn geschätzt wird, dass die Bibliothek in diesem Gebäudeflügel zur Universität und zur Franziskanerstraße sichtbar und erlebbar wird. Das Spiel mit unterschiedlichen Fensterformaten in Abhängigkeit von den dahinterliegenden Arbeitsplätzen verspricht zwar ein spannendes Motiv, bleibt jedoch in der Darstellung nur bedingt lesbar. Auch die Materialwahl einer hybriden Konstruktion mit Naturstein wird hinterfragt. Der Anschluss und Übergang vom massiven Sockel zur aufgehenden Holzkonstruktion lässt noch zahlreiche Fragen offen. Ebenso wird die Verschattung über horizontale Lamellen kritisch gesehen.
Der Entwurf verleugnet nicht das Victoriabad. Die denkmalgeschützte Fassade wird am Belderberg im Anschluss an die Nachbargebäude freigestellt, zugleich jedoch in die neue Struktur der Bibliothek integriert. Ergänzt durch eine neue Glasfassade wird sie zum zentralen Gestaltungselement zum Belderberg und zum thermischen Puffer, dessen Konzept zum winterlichen Wärmeschutz und zur passive Sommerkühlung in der Planung weiterentwickelt werden sollte.
Vollständig erhalten bleiben auch die bestehenden Kellerräume. Der Bädertrakt zum Belderberg und der Heilbädertrakt mit hohen lichten Raumhöhen grenzen unmittelbar an die Bebauung der Nachbargrundstücke. Mit ihren großen Flächen hat die Entscheidung für die nachhaltigen Zielsetzung, graue Energie zu erhalten, signifikante Auswirkungen auf die Kennzahlen der Arbeit: Die Baumasse unter Gelände ist durch den Bestandserhalt hoch und hat ihren Anteil an der hohen BGF im Vergleich der eingereichten Arbeiten. Die geringe Flächeneffizienz ist aber auch der Preis für das offene, adaptive Raumkonzept und die intuitive und erlebnisreiche Erschließung des Gebäudes. Zugleich erklärt sich daraus, warum dieser Entwurf trotz hoher BGF in der Kostenschätzung mit vergleichsweise niedrigen Baukosten bewertet wird.
Es ist zu prüfen, inwieweit etwaige Überschreitungen des genehmigten Raumprogramms zugunsten einer Vergrößerung des Innenhofes genutzt werden können, oder ob eine Anpassung der Nutzflächen möglich ist, um die Aufenthaltsqualität entlang des langen Flures an der Kaskadentreppe zu verbessern. Zu überprüfen sind auch die Abweichung von der Baulinie im Eingangsbereich und der Versatz über der denkmalgeschützten Fassade. Der Nachweis der Erfüllung der brandschutzrechtlichen Anforderungen wird empfohlen. Ebenso sind die Höhenniveaus der Umgebung und die Breite der Erschließungsfläche für die Fahrradstellplätze zu klären. In der vorliegenden Planung ist darüber hinaus die Anlieferung noch nicht gelöst.
Insgesamt überzeugt der Entwurf für das Viktoriakarree durch sein spannendes und flexibles Raumkonzept, das mit einem großzügigen, atmosphärisch differenzierten Raumangebot dem Anspruch einer modernen Bibliothek entspricht. Der Entwurf schafft damit einen besonderen Ort für die Bibliothek in Bonn und einen öffentlichen Raum mit hohem Wiedererkennungswert.
Lageplan
©Gina Barcelona Architects + DGI Bauwerk
©Gina Barcelona Architects + DGI Bauwerk + Colana
©Gina Barcelona Architects + DGI Bauwerk + Colana Arquitectura
©Gina Barcelona Architects + DGI Bauwerk
©Gina Barcelona Architects + DGI Bauwerk
©Gina Barcelona Architects + DGI Bauwerk
©Gina Barcelona Architects + DGI Bauwerk
©Gina Barcelona Architects + DGI Bauwerk