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Nichtoffener Wettbewerb | 03/2026

Hochbauliche Neuentwicklung Viktoriakarree an der Universität Bonn

Visualisierung Außenraum
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Visualisierung Außenraum

ein 2. Preis

Preisgeld: 42.000 EUR

ROHWAREIMSTUDIO

Architektur

PIRMIN JUNG

Tragwerksplanung, Bauphysik, Brandschutzplanung

Erläuterungstext

Menschen brauchen öffentliche Räume, die Zugehörigkeit stiften, ohne Konsum zu verlangen. Orte, an denen Wissen, Begegnung und freie Teilhabe selbstverständlich sind. Bibliotheken nehmen darin eine besondere Rolle ein: Sie sind reale Gegen-Orte im Sinne Foucaults, in denen Gesellschaft sich spiegelt und infrage stellt.

„Die Bibliothek ist eine Heterotopie der Zeit: ein Ort, an dem alle Epochen und Formen nebeneinander existieren.“
Michel Foucault

Diese Lesart verschiebt die Bibliothek vom bloßen Speicher zur räumlichen Maschine der Vielfalt: Stille und Öffentlichkeit, Konzentration und Austausch, Lernen und Produktion werden gleichzeitig möglich. Als „Dritter Ort“ der Universität wird sie zum offenen Campus-Innenraum: niedrigschwellig, inklusiv, demokratisch.
Unser Entwurf versteht die Bibliothek deshalb als produktive Landschaft: Eine lichtgeflutete, strukturierte Weite, in der Programm ein veränderbares Feld bleibt - von ruhigen Leseteppichen bis zu aktiven Werkstätten und öffentlichen Foren. Topografische Bodenzonen und textile Schichten formen eine Atmosphäre, die industrielle Robustheit mit sozialer Feinjustage verbindet. Ein Ort des Wissens, der allen gehört und aktiv gelebt wird.
Ausgehend von der Bestandsfassade zum Belderberg spannt der Entwurf ein strukturelles Feld über das Grundstück. Vertikal verbinden Höfe, Lufträume und Atrien die Ebenen zu einem dreidimensionalen Raumgeflecht über drei oberirdische und eine unterirdische Ebene. Überspannt werden diese Bereiche mit von Ost nach West aufgespannten Sheddächern, die im Osten nötigen Abstand zur Bestandsfassade wahren und im Westen zur neuen Gasse jeweils auf der Grundstücksgrenze enden und so eine feingliedrige und maßstäbliche Fassade zur Gasse erzeugen. Die geneigte Endausbildung der Sheddächer erzeugt eine durchgehende Traufe und einzelne Firstpunkte
Zur Franziskanerstraße schließt die Struktur wie selbstverständlich mit dem letzten Shed an die nördlich anschließende Blockrandbebauung an.

Beurteilung durch das Preisgericht

Der Entwurf überzieht das gesamte Baufeld mit einer gefalteten Dachlandschaft.
Was auf den ersten Blick befremdlich wirkt, erschließt sich bei näherer Betrachtung als schlüssiges räumliches und funktionales Prinzip:
Die Tiefenzonen der Bibliothekslandschaft werden über nach Norden orientierte Oberlichter gut belichtet, während die nach Süden geneigten Dachflächen günstige Voraussetzungen für solare Gewinne und die Belegung mit Photovoltaik bieten.

Die Tragstruktur folgt einem auf den Holzbau optimierten Raster.
Abgesehen von den aussteifenden Treppenhauskernen kommt das modulare System ohne weitere tragende Wände aus und ermöglicht damit eine hohe Flexibilität und Anpassungsfähigkeit der Raumstruktur.
Die drei Ebenen werden durch gezielt gesetzte Lufträume sowie offene Treppenverbindungen miteinander verknüpft.
Dadurch entstehen differenzierte räumliche Zonen mit unterschiedlichen atmosphärischen Qualitäten.

Die Ausbildung der grünen Mitte als kreisförmige Sonderfigur erscheint hingegen formal gesetzt und fügt sich nur bedingt in die ansonsten klare und stringente Grundordnung ein.

Der großzügig ausgebildete Eingangsbereich im Westen verbindet die nördlich gelegene Cafeteria mit dem zur Franziskanerstraße orientierten Kulturforum.
Es entsteht eine überzeugende Abfolge öffentlich wirksamer Flächen mit hoher Frequenz, die sowohl die Gasse als auch den Straßenraum adressiert und aktiviert.

Die denkmalgeschützte Fassade des Viktoriabades bleibt in ihrer gesamten Länge und Höhe erhalten.
Der Neubau tritt um ein halbes Rasterfeld von der Bestandsfassade zurück und bildet einen dreigeschossigen Luftraum, der durch Lesegalerien bespielt wird.
Dieser Raum fungiert zugleich als klimatische Pufferzone im Sinne einer natürlichen Belüftungsstrategie.
Durch die Rückstaffelung der Sheddächer wird die historische Fassade zusätzlich freigestellt und in ihrer Wirkung gestärkt.

Im Preisgericht wird die Frage, ob dieser Raum als Kaltraum nutzbar bleibt, kritisch gesehen.
Ebenso stellt sich die Frage ob der Rückschnitt der Galerieebenen ausreicht um die historische Fassade auch aus dem Innenraum als Ganzes zu erleben.

Die Zonierung des weitgehend offenen Innenraums gelingt den Verfassenden mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit.
Es entsteht ein vielfältiges räumliches Angebot mit unterschiedlichen Bereichen für Stille, Konzentration, Austausch und Begegnung.
Die klassische Trennung von Nutz- und Bewegungsflächen wird dabei weitgehend aufgehoben und unterstützt die Idee einer frei durchwanderbaren Bibliothekslandschaft.
Der Entwurf versteht die Bibliothek als produktives Modul, in der das Programm wandelbar bleibt und eine räumlich vielschichtige Struktur erzeugt.
Der Anspruch, ein Gebäude ohne ausgeprägte Rückseiten zu entwickeln, wird durch die kluge räumliche Organisation des anspruchsvollen Raumprogramms überzeugend eingelöst.
Die Funktionen sind bis auf die Anlieferzone und das Café überzeugend verortet.

Während der Grundriss in hohem Maße überzeugt, erscheint die Fassadenausbildung noch etwas zu direkt und gestalterisch noch nicht zu Ende geführt.
Nicht nur die Anmutung wird im Preisgericht kontrovers diskutiert:
Es stellt sich auch die Frage der Genehmigungsfähigkeit unter denkmalpflegerischen Gesichtspunkten.
Die Fassade bezieht sich zwar richtigerweise auf den starken konzeptionellen Ansatz des Entwurfs, Bestandsmaterialien wieder zu verwenden, so werden die Travertinplatten des Bestandsbaus bandartig nachverwendet, wünschenswert erscheint allerdings eine etwas feinere Interpretation des ansonsten guten Ansatzes.

Positiv hervorzuheben ist hingegen das insgesamt gut durchdachte Materialkonzept:
Der konsequente Einsatz von Holz in den aufgehenden Bauteilen, ein Stampflehmboden sowie öffenbare Fenster mit außenliegendem Sonnenschutz versprechen eine hohe Aufenthaltsqualität und gute Raumatmosphäre und unterstützen die ganzheitlich gedachte Nachhaltigkeitsstrategie, mit einem Low-Tech-Ansatz bei hoher passiver Qualität den technischen Aufwand zu minimieren.

Die Technikräume und -schächte sind in dem Entwurf unzureichend und müssen nachgewiesen werden.
Ebenso ist der hohe Glasflächenanteil kritisch zu überprüfen.
Gerade im Bereich des Innenhofs sind unerwünschte Solare Gewinne zu erwarten.

Die modulare Bauweise lässt eine vergleichsweise kurze Bauzeit bei gleichzeitig guter Wirtschaftlichkeit erwarten.
Die Einhaltung der Baulinien und Baugrenzen ist allerdings zu überprüfen.

Insgesamt stellt der Entwurf eine mutige, eigenständige und zukunftsweisende Antwort auf die Frage dar, wie zeitgenössische Kultur- und Bildungsbauten konzipiert werden können um ein attraktives, einladendes und identitätsstiftendes Umfeld zu schaffen.
Es ist ein Haus für alle.
Visualisierung Gasse

Visualisierung Gasse

Visualisierung Innenraum

Visualisierung Innenraum

Lageplan

Lageplan

Grundriss OG

Grundriss OG

Schnitt längs

Schnitt längs

Schnitt quer

Schnitt quer

Piktogramme

Piktogramme

Modell

Modell