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Mehrfachbeauftragung | 05/2026

Innenentwicklung Haisterkirch in Bad Waldsee

Konzeptaxonometrie
8

Konzeptaxonometrie

Anerkennung

Preisgeld: 5.000 EUR

asp Architekten GmbH

Stadtplanung / Städtebau

~ GRÜNE WELLE, lebendige Landschaftsarchitektur

Landschaftsarchitektur

Hannes Hörr Landschaftsarchitektur

Landschaftsarchitektur

Erläuterungstext

Städtebauliches und landschaftsarchitektonisches Konzept
Das Innenentwicklungskonzept für Haisterkirch stärkt den Dorfkern durch neue öffentliche und soziale Angebote, verknüpft die beiden Ortsteile an der Haisterbach-Aue und schafft vielfältigen Wohnraum mit hoher Aufenthaltsqualität mitten im Ort. Dabei wird gleichermaßen auf die Aktivierung von Bestand und das sensible Einfügen neuer Baukörper in die bestehenden Strukturen gesetzt um den Charakter des Ortes zu erhalten und sogar noch zu stärken.

Der Ortseingang: Auftakt unterm Blätterdach
Am Ortseingang schaffen Baumpflanzungen durch verengen des Raumes einen Moment des Eintretens und der intuitiven Verlangsamung. Unter dem grünen Blätterdach finden sich zahlreiche Parkplätze. Der Ortskern direkt gegenüber wird über einen Zebrastreifen und Bushaltestellen angebunden.

Der Kern und die Mitte: Neuer Alltag am Haisterbach
Der Dorfkern bündelt künftig alle öffentlichen und gemeinschaftlichen Nutzungen und verknüpft dabei alten und neue Strukturen. Auftakt und Nukleus für den Entwicklungsimpuls in Haisterkirch gibt ein markanter Neubau mit asymmetrischem Satteldach, der der Ortschaft ein neues Gesicht mit Wiedererkennungswert verleiht. Hier entsteht ein Kondensationspunkt des Alltagslebens mit Laden, Bancomat, Packstation, Abhol-Apotheke und Praxisräumen. Gemeinsam mit Pfarrhof und Kirche entsteht ein prägnanter Dorfplatz, der die identitätsstiftenden, historischen Bauten inszeniert. Die Platzfläche ist für Dorffeste und -märkte bespielbar und erstreckt sich promenadenartig weiter bis zum Lehrerhaus, das eine öffentliche Widmung als Bürgercafé und Vereinsgebäude erfährt. Die vorhandene Obstwiese wird zur grünen Dorfmitte, öffnet sich mit Sitzstufen zum Haisterbach und belebt den Ort mit attraktiven, generationsübergreifenden Aufenthalts- und Nutzungsqualitäten. Hier verbindet sich die baulich-urbane Ortsmitte mit der zentralen Grünstruktur der Ortschaft.
Weitere aktivierte Bestandsgebäude entlang der Rathausstraße erweitern den Kern am Haisterbach. Der Ortsbildprägende Hof (Rathausstraße 10 & 12) wird zur Kita und zum betreuten Wohnen – Jung und Alt begegnen sich zentral im Ort. Kurze Wege und die „kleine Dorfrunde“ vernetzen alle Angebote.

Die Aue: Grünes Herz Haisertkichs
Die Haisterbach-Aue wird als Grünzug qualifiziert, der die verschiedenen Siedlungsteile zusammenbindet und Kohärenz und Zusammenhalt in Haisterkirch stiftet. Mit Bachlauf, Wiesen, Baumsetzungen und einem Dorfstrand prägen allein dörflich-landschaftliche Elemente diesen Freiraum. Es sind die sinnfälligen und genussvollen Wegebeziehungen für Alltag, Spaziergänger und Radfahrer gleichermaßen, die ihn zur Pulsader des Haisterkircher Soziallebens machen. Im Sinne der doppelten Innenentwicklung bezieht sich die bauliche Weiterentwicklung von Haisterkirch maßgeblich auf diesen Grünzug.

Die Anger: Nachbarschaft an der Aue
Die baulichen Angerstrukturen bilden intime Nachbarschaften, die gleichzeitig in hohem Maße am öffentlichen Raum partizipieren und mit ihm kommunizieren. In den grünen Fugen wird der verdolte Bachlauf freigelegt, das Dachwasser der Neubauten gesammelt und mit ökologisch-gestalterischem Mehrwert verzögert abgeführt. Jede Wohneinheit hat unmittelbaren Freiraumbezug und maximale Wohnqualität.
Das Wohnraumangebot Haisterbachs wird durch verschiedene Wohntypologien für jedes Alter und Budget ergänzt: Von Reihenhäusern mit privatem Garten, über kompakte und barrierefreie Wohnungen für Singles, Paare und Senioren bis hin zu Cluster-Wohnungen zum gemeinschaftlichen Wohnen.
Die Anger verbinden dieses breite Spektrum an Menschen miteinander und bieten mit Garten- Aufenthalts- und Spielflächen einen geschützten Ort des nachbarschaftlichen Austauschs. Das Angebot jedes Angers wird zudem durch überdachte Parkplätze, welche flexibel für Veranstaltungen umgenutzt werden können, erweitert.

Soziale Zielstellungen, um die Transformation Haisterkirchs im Rahmen der Innenentwicklung zu steuern

Verbinden der Ortsteile:
Zusammenbringen der beiden Ortskerne durch Verknüpfung an der Aue. Wiederherstellung des Pfarrwegs, Schaffen der neuen Mitte zwischen Kern und Aue.

Stärkung des Dorfkerns:
Im Kern sollen alle alltäglichen Belange und sozialen Einrichtungen gebündelt werden. So entsteht Austausch, welcher die Gemeinschaft im Dorf fördert. Durch den Einbezug und die Aktivierung des Bestands wird die lokale Identität gestärkt.

Ergänzung des Wohnungsmarkts:
Ziel der Entwicklung ist die Diversifizierung des Wohnungsmarkts in Haisterkirch. Da das Angebot an größeren Einfamilienhäusern mit Blick auf die zukünftige demografische Entwicklung eher noch größer wird, fokussiert sich das Konzept bewusst auf ein breites Wohnungsangebot jenseits des Einfamilienhauses. Folgende Punkte sind hierbei im Vordergrund:
1. Verschiedene Wohnungsgrößen: vom Reihenhaus für Familien bis zur Single-Wohnung.
2. Verschiedene Nutzergruppen und -Budgets: Mieter, Eigentümer, Baugruppen, geförderter Wohnungsbau
3. Stärkung der Gemeinschaft: nachbarschaftliche Treffpunkte in den Angern & gemeinschaftliche Wohnformen (Cluster Wohnen, WGs, betreutes Wohnen)
4. Mehrgenerationen-Wohnen: barrierefreie Wohnungen in allen Angern. Zusätzliche Angebote wie betreutes Wohnen / Tagespflege zentral im Dorfkern

Erschließung und Parkierung
Die Anger werden von außen über den Sebastiansweg, den Körnerweg und am Haidgauer Berg erschlossen. Alle hierfür benötigten Stellplätze befinden sich in überdachten Parkbereichen und an der Straße. Die Rathausstraße im Kern wird beruhigt. Am Ortseingang entsteht ein großer Parkplatz unter Bäumen, um bei Veranstaltungen die nötigen Parkplätze zur Verfügung zu stellen. Hier finden Sich auch Sharing- und Ladeinfrastruktur für das Dorf.

Angaben zum Maß der Nutzung
Überbaute Fläche (GRZ): 14.966 m² (davon 6.682 m² Bestand / 8.284 m² Neubau)
Geschossfläche (BGF): 32.689 m² (davon 13.774 m² Bestand / 18.915 m² Neubau)

Etappierungskonzept
Die Umsetzung der Dorfmitte und der Dorfanger kann zeitlich unabhängig voneinander stattfinden. Als initiale Umsetzungsschritte werden der Ortseingang und die Aue mit dem Pfarrweg hergestellt. Danach wird der Rathausplatz mit Dorfladen, die Kita, das betreute Wohnen und die ersten Höfe nach Rückbau des Georgshofs hergestellt. Weitere Höfe sowie Nachverdichtungen und Lückenschlüsse können beliebig ergänzt werden.

Klima, Energie und Nachhaltigkeit
In jedem Dorfanger versorgt eine Energiezentrale mit Strom- und Pufferspeicher die angrenzenden Wohneinheiten mit Strom und Wärme. Bei Neubauten wird mit einer dezentralen Low-Tech-Strategie in Verbindung mit PV-Anlagen und Geothermie zur Wärme- und Energiegewinnung gearbeitet, sodass eine Effizienzklasse von mindestens EH40 erreicht wird.
Mehrere Maßnahmen tragen dazu bei, auch Starkregenereignisse innerhalb des Gebiets problemlos zu bewältigen. Durch eine geringe Flächenversiegelung und den Verzicht auf Untergeschosse kann Wasser über das ganze Quartier hinweg lokal versickern bzw. in Zisternen aufgefangen und als Grauwasser verwendet werden. Die neu angelegte Aue bietet zudem genügend Raum, um gefahrlos über die Ufer treten zu können.
Bei den Neubauten wird auf eine nachhaltige und regionale Holzsystembauweise gesetzt, die einen hohen Vorfertigungsgrad bei vielfältigen Gestaltungsoptionen ermöglicht. Eine gezielte Materialwahl und saubere Trennung der Bauteile erlaubt das Mitdenken der Aspekte der Zirkularität und Wiederverwendbarkeit. Durch den Verzicht auf Untergeschosse wird der Beton - und damit Primärenergieeinsatz - auf ein Minimum reduziert.

Beurteilung durch das Preisgericht

Die Arbeit entwickelt ein Konzept zur dörflichen Innenentwicklung von Haisterkirch, dass die beiden Ortsteile über vier übergeordnete Strategien miteinander verknüpft. Der Entwurf basiert auf klar formulierten räumlichen und typologischen Maßnahmen, die neue öffentliche Programme sowie Wohn- und Freiraumqualitäten schaffen und zugleich den Bestand als Ressource aktivieren und stärken.

Ein wesentlicher Ansatz ist die Stärkung des Dorfkerns am Ortseingang. Der neu organisierte Parkplatz unter Bäumen sowie ein gegenüber des Klosters angeordneter Dorfladen sollen gemeinsam mit der Kirche einen transformierten Auftakt des Ortes bilden. Die volumetrische Größe und Setzung des Baukörpers, der eher als Nahversorgungszentrum, denn als Dorfladen verstanden wird, erscheinen jedoch aufgrund seiner starken horizontalen Ausdehnung nur bedingt überzeugend. Dadurch wird die gewünschte Platzbildung geschwächt und die Anbindung an den Parkplatz eingeschränkt.

Entlang der Dorfstraße entwickelt das Projekt gemeinschaftliche Nutzungen wie Café, Kita und betreutes Wohnen, die den Bestand aktivieren und zu den neuen Wohnclustern überleiten. Die Verortung der vorgeschlagenen Programme innerhalb des Gesamtgefüges des Dorfes wird als gelungen bewertet. Eine konkrete Zuordnung und Ausformulierung der Nutzungen könnten jedoch erst gemeinsam mit den jeweiligen Eigentümerinnen und Eigentümern entwickelt werden.

Die Wohnnutzungen sind in fünf orthogonal angeordneten und gegeneinander verschobenen Clustern organisiert. Typologisch entsteht eine Mischung aus Reihenhäusern mit privaten Grünbereichen und Geschosswohnungsbau, der überwiegend als zweigeschossige Struktur mit Satteldächern ausgebildet wird. Um die versiegelte Fläche effizienter zu nutzen, könnten einzelne Gebäude jedoch stärker verdichtet und als dreigeschossige Häuser mit ausgebautem Dach weiterentwickelt werden.

Auch die Setzung und Höhenentwicklung der einzelnen Baukörper könnte sich stärker an den dörflich gewachsenen Fluchten und Strukturen orientieren. Eine präzisere kontextuelle Einbindung in die dörfliche Silhouette wäre daher wünschenswert. Positiv hervorgehoben wird hingegen die grundsätzlich gute typologische Durchmischung der Wohnformen.

Jedem Wohncluster sind gemeinschaftliche Parkierungs- und Energiezentralen zugeordnet, deren Distanz zu den individuellen Wohnungen als gut vertretbar erscheint. Gleichzeitig wird konsequent auf den Bau von Kellern verzichtet. Zusammen mit der vorgeschlagenen modularen Holzbauweise sowie Ansätzen des zirkulären Bauens entwickelt die Arbeit insgesamt einen nachhaltigen und zukunftsorientierten Ansatz.

Kritisch gesehen wird jedoch die geringe Anzahl an Stellplätzen für Autos und Fahrräder, die den Anforderungen der vorgeschlagenen Dichte nur bedingt gerecht wird.

Ein zentrales Element des Entwurfs ist die Entwicklung einer Haisterkircher Auenlandschaft, die kurze Wege zwischen dem westlichen und östlichen Ortsteil schafft und zugleich Freizeit- und Erholungsräume anbietet. Sichtbeziehungen und Wegeführungen in Anlehnung an das historische Pfarrgässle funktionieren dabei überzeugend und stärken die Gesamtidee des Projekts. Positiv bewertet wird zudem der Verzicht auf einen Baukörper östlich des Pfarrhofes zugunsten einer Dorfwiese, wodurch der Blick vom Dorfplatz in die Auenlandschaft geöffnet wird. Der insgesamt geringe Grad an versiegelter Infrastruktur ermöglicht darüber hinaus großzügige Freiräume und eine starke landschaftliche Einbindung.

Es liegt ein schlüssiges Energiekonzept vor. Die städtebauliche Struktur ist kompakt organisiert. Mit vergleichsweise geringer Nettobaufläche wird zugleich eine sehr hohe Solarenergienutzung erreicht.
Lageplan

Lageplan

Perspektive

Perspektive

Typologien

Typologien

Modell: Dorfplatz

Modell: Dorfplatz

Modell: Neues Pfarrgässle

Modell: Neues Pfarrgässle

Modell: Dorfanger 4

Modell: Dorfanger 4

Modell: Dorfanger 2

Modell: Dorfanger 2