Nichtoffener Wettbewerb | 12/2024
Landeswettbewerb NRW 2024 – Einfach Bauen. Nachverdichtung einer studentischen Wohnanlage in Aachen-Mitte
12
Rochusstraße
©Adrian König
2. Preis
Preisgeld: 26.750 EUR
Architektur
-
Verfasser:
-
Mitarbeitende:
Landschaftsarchitektur
Visualisierung
Erläuterungstext
Einfach (Weiter)bauen
Bauen wird einfacher, vor allem, indem man weniger baut. Diesem Grundsatz folgend werden die vorhandenen Bauten hinsichtlich Tragstruktur und Konstruktion, gegebener Geometrie und räumlichen Qualitäten untersucht. Im Sinne eines „So-wenig-wie-möglich-und-nicht-mehr-als-nötig“ wird Vorhandenes konsequent erhalten und mit möglichst geringer Eingriffstiefe der neuen Funktion als Studierendenwohnheim zugeführt. Aus dieser Ertüchtigung und Erweiterung des Bestands ergeben sich Ersparnisse bei Kosten, Materialeinsatz und Treibhausgasemissionen, aber auch ein ästhetisches und typologisches Potential.
Das ehemalige Fabrikationsgebäude an der Rochusstraße wird großteils erhalten und um eine im Süden vorgestellte Laubengangschicht ergänzt. Die gesamte Vertikalerschließung inklusive des vorhandenen Liftschachts bleibt in Betrieb. Die großzügigen Raumhöhen des Bestands werden über Schlafemporen über den Nasszellen nutzbar gemacht. Das baufällige Steildach wird durch ein neues Staffelgeschoss ersetzt. Auch der Kapellenanbau am Seilgraben bleibt erhalten und nimmt neu Erschließung und Infrastruktur für auf beiden Seiten vorgelagerte Zimmerschichten auf.
Die entstehenden Baukörper sind kompakt und gradlinig, einfach und roh in ihrer Materialität. Atmosphäre und Identität der Räume entstehen aus dem Vorhandenen und der Inszenierung der darin abgelagerten Zeitschichten.
Beurteilung durch das Preisgericht
Die Arbeit erhält die Gebäude Rochusstrasse und Seilgraben in ihrer Grundkonstruktion und arbeitet über ein additives Gestaltungskonzept mit Laubengängen und Dachausbau im Bereich Rochusstrasse und mit zweiflügeliger Gebäudeerweiterung im Bereich „ehemalige Kapelle“ am Seilgraben. Die so transformierten Gebäude sind kompakt und gradlinig und über ein neues Farb- und Materialkonzept miteinander erkennbar verbunden.
Der an der Südseite dem Gebäude vorgestellte Laubengang aus einer Stahlkonstruktion erschließt in den Obergeschossen an der Garten- und Südseite die jeweiligen Studierendenapartments sowie die an dieser Seite ebenfalls angelegten Gemeinschaftsbereiche. Nach diesem Prinzip werden auch die Erdgeschosswohnungen über die hier gegenüber dem Lauben- gang vorspringende Pergola und kleinen Vorgartenzonen jeweils einzeln erschlossen.
Das bestehende Dachgeschoss wird zu einem nutzbaren Staffelgeschoss mit großer, kollektiver Dachterrasse ausgebaut, in dem WGs und Einzelwohnungen Platz finden. In den darunter liegenden Vollgeschossen werden über die vorhandenen Treppenhäuser weitere WGs und über den Laubengang weitere Einzelwohnungen erschlossen. Im Erdgeschoss an der Nordseite entlang der Rochusstrasse liegen die gemeinschaftlichen Lern- und Aufenthaltsbereiche – aus Sicht der zukünftigen Nutzer hinsichtlich der vorgeschlagenen Größe nicht unproblematisch. Auch werden die Raumqualitäten durch die freistehenden Stützen - die entsprechend der gegenwärtigen Position in die Zimmergrundrisse integriert wurden - kontrovers diskutiert.
Im EG befindet sich ebenfalls vom westlichen Hauseingang erschlossen die Fahrradrampe zum UG, so dass sämtliche Fahrradstellplätze in den hohen und großflächigen Bestandskellerräumen nachgewiesen werden können.
Die Bestandsfassade entlang der Rochusstrasse soll nach dem Prinzip des einfachen, nachhaltigen Bauens erhalten und Doppelfenster und Innendämmung in ihrem Charakter erhalten bleiben. Auch die Eingangssituationen des Bestandsgebäudes bleiben an ihrer Stelle, so dass der grundsätzliche Charakter des historischen Lagergebäudes entlang der Rochusstrasse erhalten bleibt, was positiv bewertet wird, genauso wie der selbstverständliche Umgang mit Bestandsmaterialien und der Grundkonstruktion des Gebäudes. Über diese Herangehens- weise wird nicht nur sichergestellt, den Gebäudecharakter zu erhalten, sondern auch eine thermisch-, hygrisch-wirksame Speichermasse zu erhalten. Ansätze des einfachen Bauens wurden sehr gut umgesetzt.
Die Südfassade mit vorgestellter Laubengangkonstruktion und der bestehenden EG-Konstruktion entwickelten Pergola sind einer an der Süd- und Gartenseite angemessene Ergänzung und Wandlung der vorhandenen Fassade, welche mit mineralischen Dämmung und Putz energetisch optimiert wird.
Die Kapelle wird als Ausgangspunkt für den Ergänzungsbau am Seilgraben eingesetzt. Die Kapelle wird mit einem Erschließungskern unterteilt und jeweils einer WG als Gemeinschaftsraum zugeordnet – die Zimmer werden nach Osten und Westen ergänzt. In den Obergeschossen werden Einzelzimmer ergänzt.
Die Weiterentwicklung der Kapelle hebt den Entwurf besonders heraus, denn gerade bei diesem Objekt beweisen die Entwerfenden, dass sie die Prinzipien des Einfachen Bauens verstanden und um Themen der Wiederverwendung von Materialien ergänzt haben.
Allerdings wird angemerkt, dass die verwendeten Materialien eine zu geringe thermisch-hygrische Speicherkapazität haben.
Die Idee, die neuen Bausteine bei der Bestandserweiterung farblich zu kennzeichnen wird einhellig positiv bewertet. Die konkrete Farbgebung müsste - insbesondere mit Blick auf die Wirkung in den Öffentlichen Raum hin - ggf. noch einmal überprüft werden.
Der Übergang zum historischen Garten und den angrenzenden Parkflächen ist über die Konstruktion der Pergola und des Laubengangs gelungen und die aufgenommenen Wegebeziehungen von den Gebäudeausgängen Richtung Park sind ganz selbstverständlich mit den Bestandsstrukturen des nur mit wenigen Eingriffen sensibel qualifizierten Park und Garten gelungen.
Insgesamt kann die Arbeit als besonders gelungen - bezogen auf den Umgang mit dem Bestand und dem Thema des einfachen Bauens - bewertet werden. Der Mix an Wohnformen und die nicht immer konventionelle, aber aus der Bestandskonstruktion gestaltete Grundrissplanung, schafft individuelle Wohnformen, welche insbesondere zur Gartenseite besonders attraktiv sind. Das Material- und Farbkonzept wäre hinsichtlich seiner Einbindung in die Umgebung zu überprüfen, genauso wie das Thema von einzuhaltenden Abstandsflächen der Laubengangkonstruktion.
Seilgraben
©Adrian König
Lageplan
©BHSF Architekten
Erdgeschoss
©BHSF Architekten
Schnitte und Ansichten
©BHSF Architekten
Rochusstraße Regelgeschoss (1. - 2. Obergeschoss)
©BHSF Architekten
Rochusstraße Dachgeschoss
©BHSF Architekten
Seilgraben 1. Obergeschoss
©BHSF Architekten
Seilgraben 2. Obergeschoss
©BHSF Architekten
Seilgraben Fassadenschnitt
©BHSF Architekten
Rochusstraße Fassadenschnitt
©BHSF Architekten
Piktogramme Einfach Bauen
©BHSF Architekten