modgnikehtotsyek
ALLE WETTBEWERBSERGEBNISSE, AUSSCHREIBUNGEN UND JOBS Jetzt Newsletter abonnieren

Nichtoffener Wettbewerb | 07/2012

Leipziger Freiheits- und Einheitsdenkmal

Siebzigtausend

1. Preis

Preisgeld: 25.000 EUR

ANNABAU Architektur und Landschaft

Architektur, Landschaftsarchitektur

M + M Marc Weis + Martin De Mattia

Kunst

Erläuterungstext

Freiheits- und Einheitsdenkmal Leipzig
SIEBZIGTAUSEND

Konzept
Eine riesige rechteckige Fläche von 70 000 Farbfeldern bedeckt in Leipzig den Wilhelm-Leuschner-Platz am Ring. Allerdings ist diese Fläche zunächst kein fester unverrückbarer Boden. Sie besteht aus 70 000 einzelnen kistenförmigen Podesten, die man aus der unübersehbaren Zahl herauslösen kann: jedes gerade groß genug, um darauf stehen zu können.

Indem die Besucher des Platzes schrittweise Podeste aufheben und mitnehmen, wird nach und nach ein identisches Farbmuster aus 70 000 Keramikflächen in der Vertiefung aufgedeckt. Nur vereinzelt bleiben einige Objekte in diesem großflächigen Rechteck verankert. Sie können als Rednerpodest oder Sitzmöglichkeit genutzt werden, als Treffpunkt, zum Musizieren und Kommunizieren.

Im Gegensatz zum nahe gelegenen Völkerschlachtdenkmal wirkt das am Ring zunächst zurückhaltend. Es erhebt sich nicht monumental und in einer Achse auf Fernwirkung bedacht in die Höhe. Jedoch erschließt es sich in seiner Größe, wenn man es überquert. Es ist ein Erlebnis, das ausgedehnte farbenfrohe Areal zu durchkreuzen. Man taucht darin ein und wird unmittelbar an die bunte Menge der Demonstranten während der friedlichen Revolution erinnert. Vor allem aber ist man eingeladen, sich auf ein verbliebenes Podest zu stellen, um laut und frei seine Meinung zu äußern: Ein Zusammenspiel aller und des einzelnen.

Ab dem 9. Oktober 2014, dem Eröffnungstag, verteilen sich die unzähligen Objekte sukzessive in der Stadt und über diese hinaus. Einerseits verweilt die Basisstation des Denkmals in Form der Keramikfläche am Wilhelm-Leuschner-Platz. Andererseits aber taucht es mobil ein in den Stadtraum, in Privaträume, verteilt sich über Leipzig hinaus. Die Podeste werden mit nach Hause oder an die Arbeitsstelle genommen. Die Objekte finden sich in Schulen oder anderen Einrichtungen und Orten im öffentlichen Raum wieder. Immer verweisen sie auf ihren gleichfarbigen Ursprungsort und sind weiterhin Teil des Gesamtensembles und Enzym der Erinnerung. Jeder Kasten steht dabei stellvertretend für die Möglichkeit, seine Meinung frei zu äußern, nicht nur symbolisch, sondern ganz konkret. Ob in der Familie. in der Arbeit oder der Schule, der Kasten legitimiert und animiert, sich zu erheben und das Wort zu ergreifen. Jeder einzelne verweist somit grundsätzlich auf die Möglichkeit der Redefreiheit als Baustein unserer Demokratie.

Die sieben Farben der Podeste entsprechen einem Farbcode, in dem jede Farbe einem Buchstaben zugeordnet ist. Es sind Farben der friedlichen Revolution und ihrer Zeit, von den beigen, pinken und orangefarbigen Stoffen bei den Demonstranten und dem dunklen Bordeaux der Gewandhausbestuhlung bis hin zum Grün der Deutschen Volk-spolizei. In der entsprechenden Reihung bilden sie die zentralen Begriffe „Einheit“ und „Freiheit“. Das gigantische Farbfeld mit der variantenreichen Wiederholung des Codes hat eine solche Ausdehnung, daß es z.B. aus der Sicht von Google Earth im Stadtbild einen deutlichen Akzent setzt.

Der markante Höhepunkt der friedlichen Revolution 1989 war in Leipzig sicherlich die Demonstration am 9. Oktober. Geschätzte 70 000 Demonstranten nahmen an dem Zug um den Stadtring teil. Das Ereignis war nicht geprägt von einem herausragenden Anführer, es war die Bewegung einer Vielzahl einzelner Individuen mit seinem jeweils eigenen Mut und Engagement. Dieses Merkmal von friedlichem Zusammenhalt der aufbegehrenden Menge und der Pluralität ihrer Persönlichkeiten ist wesentlicher Ausgangspunkt des Projektes. Gleichzeitig kommt mit der errungenen Freiheit aber auch die Vorstellung von „Freiheit als Verantwortung für Freiheit“ ins Spiel. Seine Stimme zu erheben, sein Recht einzufordern ist kein einmaliges Event, sondern immer aufs Neue möglich und notwendig.

Die Stimme des Einzelnen, der sich mit der Vielzahl anderer erhebt, bleibt auch am Wilhelm-Leuschner-Platz präsent – gebunden in das vielfältig farbige, quer ausgerichtete Keramikfeld. Dieses 9 000 qm große Farbenmeer ist unmit-telbares Sinnbild für den Zug der Demonstranten vom 9. Oktober 1989, zumal er sich hier schloss, nachdem der Ring umlaufen war. In der Verteilung der 70 000 Podeste unter der Bevölkerung verhält sich das Prinzip von Siebzigtausend komplementär zu der Zusammenkunft der gleichgroßen Zahl an Demonstranten. Es ist der dynamische Bezug zwis-chen einem verdichteten Bild der Vielzahl, bzw. des Kollektivs und der individuellen Bestimmung des Einzelnen.

Der Tag der Eröffnung soll zu einem hochfrequentierten Fest für Bürger werden, ab dem die Podeste verteilt und mitgenommen werden. In dem kollektiven Erlebnis wird sich ein Widerhall der historischen Ereignisse von 1989 wie-derfinden, an dem nun auch die jüngere Generation in Leipzig teilhaben kann. Der freigegebene Platz als Ort des „kommunikativen Gedächtnisses“ lädt darüber hinaus zu Treffen, Begegnungen und Reden ein. Für das erste Jahr werden Vortrags- und Musikreihen geplant, um den Platz als Forum für gesellschaftliche und kulturelle Aktivitäten aktiv einzuführen.

DurchfĂĽhrung
Die Aktionen zur Verteilung der Kisten sollen idealerweise mit dem Jahrestag der friedlichen Revolution am 9.10.2014 beginnen und sich auf mehrere Tage erstrecken. Jeder ist eingeladen zum Platz zu kommen, um sich eine der 70.000 Kisten mit nach Hause zu nehmen. Angehörige verschiedener Institutionen wie Kitas, Schulen, Vereine etc. sollen zu diesem Ereignis gezielt eingeladen werden.
Ein Team von ca. 50 Mitarbeitern wird während der gesamten Zeit die Verteilaktionen betreuen, d.h. beim Aushändigen der Kisten behilflich sein, aber auch darauf achten, dass es zu keinen Unregelmäßigkeiten kommt. In diesem Zeitraum wird der Platz auch in der Nacht bewacht.
Ein Rahmenprogramm mit Vorträgen und Reden von Personen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Interessens-gruppen wie Politik, Kunst und Wissenschaft wird ergänzt durch Auftritte von Musikern. Diese Veranstaltungen sol-len in einem ersten Schritt den Platz als einen wichtigen Ort der Begegnung und Kommunikation im Bewußtsein der Bevölkerung Leipzigs verankern.

Umsetzung
Die Kiste wird aus Aluminiumblech, ca 4 mm hergestellt. Die 42 x 28 cm große Deckplatte und Bodenplatte werden über ein flach liegendes, ca. 22 cm hohes X miteinander verbunden. Die Oberfläche ist in den 7 verschiedenen Pan-tone-Farbtönen pulverbeschichtet.
Die Platzoberfläche besteht aus farbigen Feinsteinzeugplatten mit dem Rastermaß 28x42 cm. Die Platten sind 20 mm stark und werden in einen Splittbett verlegt. Die Befahrbarkeit ist durch eine Druckfestigkeit von 6.000 N gewährleistet. Die Platten werden in den ausgewählten Farbtönen hergestellt und die Oberfläche wird rutschhemmend ausgebildet. Das Material ist durch das feine Zuschlagsmaterial und die hohe Brenntemperatur komplett porenfrei. Die Oberfläche wird somit von Witterung durch Wasser, Frost und Hitze und von Algenbewuchs nicht beeinflusst. Die Fugen von ca 3mm werden mit epoxidhartz-gebundenem Splitt verfüllt. Die Fugen sind wasserdurchlässig aber lassen keinen Unk-rautbewuchs zu und werden bei der Schneeräumung mit der Kehrmaschine nicht beschädigt.
Die gesamte Fläche ist um die Tiefe einer Kiste abgesenkt – 22 cm. Der Rand wird von einer Stahlkante in Betonfunda-ment gestützt. An notwendigen stellen werden Stufen (Steigung 11 cm) und Rampen (Neigung <6%) angeboten.

Beurteilung durch das Preisgericht

Die Arbeit übersetzt das Wesen der Friedlichen Revolution von 1989 als Bewegung einer Vielzahl von Individuen ohne Anführer in ein geometrisches buntes Farbenfeld. Die Ordnung der Geometrie kann als Ablauf der Montagsdemonstrationen "in geordneten Bahnen" gelesen werden und bringt somit die Gewaltfreiheit zum Ausdruck. Aus der Überlagerung des Farbfeldes mit jeweils gleichfarbigen Hockerobjekten werden Ideen zur Denkmaleröffnung am 9. Oktober 2014 und zur Partizipation entwickelt. Die gewollte Mitnahme der Objekte in private und öffentliche Räume trägt den Gedanken der Redefreiheit in jeden Winkel der Stadt und darüber hinaus. Ein wesentliches Grundthema der Revolution von 1989 bleibt somit lebendig, ggf. sind sogar Aktionen "des Wiedervereinigens und/oder der Weitergabe der Kuben" zu Jahrestagen oder sogar "Erneuern der Kubenmitnahmeaktion" zu Jubiläumsjahren denkbar.

Die Idee des vereinzelten Hockers als "Podest“ für die freie Rede, der die Freiheit der Rede- und Meinungsäußerung von dem Leuschnerplatz in Leipzig in Stadt, Land und in die Welt trägt mit den Botschaften "nutze die Freiheit, sonst nutzt sie sich ab" und "trage Verantwortung für Deinen Hocker" wirkt über Zeit und Ort des Denkmals hinaus und verlinkt den Einzelnen mit der Gemeinschaft des Farbfeldes.

NatĂĽrlich gibt es kritische RĂĽckfragen und Anmerkungen zum Entwurf:

• Bildet der dem Denkmalentwurf zugrunde liegende 'einfache' Gedanke den komplexen Freiheitsbegriff ausreichend ab?
• Ist der Entwurf zu "ästhetisch", um auch die einzubeziehenden schwierigen Einzelschicksale von Menschen zur Revolutionszeit abzubilden?
• Ist die Idee der "Pixelfarbflächen" zu nahe an anderen bekannten Kunstwerken der Zeitgeschichte?
• Die Lage des Farbrechtecks auf dem Platz kollidiert mit dem Ausgangsbauwerk des Citytunnels und der Insellage von Privatgrundstücken auf dem Platz und sollte daher überprüft werden.
• Einige technische Aspekte, wie Anfahrbarkeit der Rettungswege und ausreichende Barrierefreiheit, sind bisher nur angedacht, erscheinen aber lösbar.
• Der Vorschlag der verbleibenden um eine Stufe abgesenkten Ebene wird von einzelnen Mitgliedern der Jury aus funktionalen Gründen kritisiert, von der Mehrheit jedoch als zentraler künstlerischer Gedanke herausgestellt.

Abschließend positiv bleiben der Gesamteindruck und die Kraft der Idee. Der Aspekt, dass die Verantwortung des Einzelnen für "seinen Hocker" und die Verantwortung der Gemeinschaft zur Pflege des Objekts und Weiterführung des Partizipationsgedankens die Verantwortung des Einzelnen und der Gemeinschaft, für Freiheit und Einheit einzustehen, widerspiegelt, macht den Entwurfsvorschlag "70.000" zu einem wertvollen, alle Aspekte der Auslobung behandelnden, angenehm spielerischen und somit sich "an die nächste Generation" wendenden Beitrag im Wettbewerb.