Studienauftrag | 01/2024
Nachverdichtung und Umnutzung Bürogebäude in Ittigen (CH)
7
Worblentalstrasse 68
©Play-Time Barcelona
Gewinner / Zur Realisierung empfohlen
Architektur
Chaves Biedermann Landschaftsarchitekten
Landschaftsarchitektur
Tragwerksplanung
TGA-Fachplanung
TGA-Fachplanung
sonstige Fachplanung
Bauphysik, Nachhaltigkeitskonzept
WÄLCHLI ARCHITEKTEN PARTNER AG BRANDSCHUTZPLANUNG
Brandschutzplanung
Erläuterungstext
Der Entwurf zeigt auf, wie das 1998 von GWJ Architektur erbaute Verwaltungsgebäude an der Worblentalstrasse 68 in ein Wohngebäude transformiert werden kann. Das Projekt berücksichtigt die heutige Situation und den zukünftigen Kontext des Talguts und des Hinteren Schermen. Die Identität des Bestandes wird dabei im gewachsenen Kontext so weit wie möglich genutzt und weiterentwickelt.
Durch eine angepasste Aufstockung und Erweiterung des bereits bekannten Gebäudes in Richtung Freiraum wird sein Charakter bewahrt und stärker in die Nachbarschaft integriert. Die flexible Grundstruktur des Gebäudes und das vorhandene additive Konstruktionsprinzip werden genutzt, um qualitativ hochwertigen Wohnraum zu generieren. Der systemgetrennte Bestand aus den 90er-Jahren ermöglicht sogar die Weiterverwendung und Adaption sekundärer Bauteile.
Die parkartige Umgebung des Gebäudes bildet die Adresse und verbindet das Gebäude mit der Öffentlichkeit. Der bestehende Hof wird zum Haupttreffpunkt, der auf die Bewohnenden beschränkt ist. Spielflächen unter den überdachten Erdgeschossflächen und zusätzliche Höfe auf verschiedenen Etagen des Gebäudes fördern Begegnungen und das Zusammenleben.
Beurteilung durch das Preisgericht
Städtebau
Das bestehende Verwaltungsgebäude befindet sich mitten im Entwicklungsgebiet zwischen den Bahnhöfen Papiermühle und Ittigen, welches in nächster Zeit umfassende Veränderungen erfahren wird. Die Projektverfasser bescheinigen dem Gebäude und dem dazugehörenden Freiraum mit Biotop eine vorhandene, für die Entwicklung im Talgut bedeutsame Identität, welche es zu erhalten und nach Möglichkeit zu stärken gilt. Mittels präzisen Interventionen und entsprechenden Nutzungszuordnungen soll die bereits heute vorhandene räumliche Verknüpfung zwischen Gebäude und öffentlichem Freiraum zusätzlich gestärkt werden. Das bestehende Volumen wird durch eine westseitig zugefügte Raumschicht und eine Aufstockung um ein Regelgeschoss sowie ein Attikageschoss ergänzt. Diese Ergänzungen unterstützen die postulierten, räumlichen Verknüpfungen im Sockelgeschoss und ermöglichen durch die neue, westseitige Gebäudetiefe eine grössere Vielfalt an Wohnungstypologien. Die Freifläche wird zusätzlich mit einfachen Pavillonbauten unterschiedlicher Grösse und Nutzungsmöglichkeiten bespielt. Diesen haftet jedoch durch deren Situierung und Ausdruck eine gewisse Beliebigkeit an, wesentliche Mehrwerte werden kaum generiert. Der architektonische Ausdruck ist eine adäquate Umsetzung der gewählten Strategie. Bestehende, wiederverwendete sowie neu hinzugefügte Elemente und Bauteile werden geschickt zu einem Ganzen gefügt, eine plausible und stringente Transformation eines Verwaltungsgebäudes in ein Wohngebäude mit eigenständigem, die Geschichte weiterschreibenden Ausdruck.
Adressierung
Die Hauptadressierung erfolgt über die neue Sockelplattform westseitig mittels zweier Vertikalerschliessungen. Diese Sockelplattform hat das Potential für Begegnungen und Nachbarschaft, für Austausch und Aneignung. Trotzdem vermag die architektonische Ausformulierung mit Lift und Treppe noch nicht zu überzeugen. Die in den Obergeschossen vorhandenen, grosszügigen Auftakträume der Laubengangerschliessungen fin - den im Erdgeschoss keinen adäquaten Ausdruck, vielmehr wird lediglich ein Bild von Fluchttreppen erzeugt. Die Nebenerschliessungen als Auf - takt der Nord-Süd-Durchwegung sind denkbar. Im Erdgeschoss fehlen ausreichend dimensionierte Ankunftsräume. Weiter wird bedauert, dass durch die vorgeschlagene Lage der Erschliessungskerne wertvoller (und ideal auf den Freiraum ausgerichteter) Wohnraum nicht realisiert werden kann.
Freiraum
Das Freiraumkonzept bietet viele unterschiedliche Aussenräume an. Eine mehrheitlich bestehende Grünstruktur auf der Seite der Freifläche sowie mit zahlreichen neuen Aussenräumen im und um das Gebäude. Der bestehende Weg trennt den öffentlichen Freiraumbereich mit Spielwiese und Biotop von dem halböffentlichen Bereich ab. Von diesem Weg aus führen zwei Zugänge zu den Hauseingängen und den Lifttürmen. Im hinteren Bereich beim Wohnhof auf der Höhe des Biotops wird der Übergang zwischen dem offenen hofartigen Gebäudesockel mit Aufenthalts- und Spielbereichen mit verschiedenen Belags- und Grünbereichen erweitert. Innen und Aussen werden hier schön miteinander verwoben und die Nutzungen bis zum Biotop erweitert. Die Ausformulierung des Freiraums bezieht sich mehrheitlich auf den Bestand. Die erforderliche Spielwiese wird dreiseitig gut eingebettet. Als verbindende Objekte zwischen Freiraum, Biotop und Gebäude werden drei Pavillons vorgeschlagen. Diese sollen den Freiraum verweben und aktivieren. Sozialräumlich bietet das Freiraumkonzept viele Aufenthaltsorte und Treffpunkte an. Im Erdgeschoss die zwei unterschiedlichen Bereiche mit Freiraum und Sockelgeschoss, in welchen der Wohnhof, der gedeckte Spielbereich und die erweiterte gedeckte Verbindungszone liegen. Auf verschiedenen Dachniveaus werden zusätzlich ein Lesehof, eine Dachoase und ganz oben ein Dach- und Nutzgarten angeboten. Es gilt zu prüfen, ob die Vielzahl an Freiräumen zielführend ist, ober ob nicht bis zu einem gewissen Grad auch die Gefahr besteht, dass die Angebote zu nachbarschaftlichem Konfliktpotential führen. Es kann hervorgehoben werden, dass viele bekannte klimatische und ökologische Elemente im Konzept aufgeführt werden. In der weiteren Bearbeitung können ausgewählte Konzepte vertieft werden.
Nutzung
Das Projekt weist eine sehr gute Erfüllung der erwünschten Wohnungsdurchmischung auf. Das vielfältige Wohnungsangebot für unterschiedliche Wohnmodelle wird begrüsst. Die Nutzungsvorschläge und deren Zuordnungen im Sockelgeschoss werfen noch Fragen auf. Für die Gewerbenutzungen wird die angemessene Frequenz wohl fehlen und die ostseitigen Gewerbenutzungen sind zudem eher schlecht auffindbar. Die zweigeschossigen Atelierwohnungen mit Garten verweisen durch ihre Typologie primär auf eine Wohnnutzung, welche infolge deren Lage mit eingeschränkter Belichtung gegenüber der bestehenden Böschung noch sorgfältig zu über - prüfen sein werden. Die differenzierten Grundrisse der Regelgeschosse reagieren geschickt auf die unterschiedlichen Ausrichtungen und die daraus resultierenden Anforderungen. Als eher kritisch beurteilt werden Wohnungen im Zwischenbau, welcher die zwei Höfe unterteilt. Es stellt sich die Frage, ob zwei Höfe gegenüber einem Hof hinsichtlich Immissionen, Belichtung etc. tatsächlich die erhofften Mehrwerte zu generieren vermögen.
Nachhaltigkeit
Die intensive Auseinandersetzung der Projektverfasser mit den Themen Kreislaufwirtschaft und Re-Use wird gewürdigt. Die gewählte Strategie, den Bestand als Ressource zu verstehen und möglichst umfassend zu erhalten, wird als erfolgsversprechend eingestuft. Den bestehenden Baukörper mit gezielten Eingriffen zu stärken und punktuell zu erweitern, stellt eine ideale Grundlage zur Erreichung der gewünschten Nachhaltigkeitsziele dar. Der integrale Erhalt der Gebäudestruktur, der Untergeschosse, von Teilen der Fassaden sowie der Profile der Balkonzonen ist plausibel, die Weiterverwendung möglichst vieler Bauteile wie Böden, Betonplatten, Fenster etc. für die Umsetzung der gewählten Strategie wünschenswert.
Statik
Mit der westlichen Ergänzung und dem Zufügen der neuen Treppenkerne werden vorhandene Schwachstellen mit einer zusätzlichen, horizontalen Aussteifung eliminiert. Die vorgeschlagene Aufstockung in Leichtbauweise übernimmt den heutigen Stützenraster, eine einfache vertikale Lastabtragung ist demzufolge gewährleistet. Das Projekt weist ein in grossen Teilen schlüssiges statisches Gesamtkonzept auf.
Würdigung
Der Projektvorschlag überzeugt mittels eines durchdachten und flexiblen Umgangs mit dem Bestand. Die gewählte Eingriffstiefe in den Bestand ist gut nachvollziehbar. Die Vergrösserung des Innenhofes schafft eine gute Ausgangslage für die Belichtung und Erschliessung der Wohnungen. Gleichzeitig werden dort Gebäudeflächen eliminiert, wo diese für die neue Nutzung keinen Mehrwert bringen. Als sehr geschickt wird die Erweiterung der Gebäudeflächen nach Westen eingestuft. Mittels dieser Massnahme gelingt es, an privilegierter Lage zusätzliche Wohnfläche zu schaffen. Die vorgeschlagene Aufstockung wird geschickt umgesetzt. Die gestalterische Aufteilung in ein Regelgeschoss sowie einen Dachaufbau führen zu angemessenen und gut verträglichen Proportionen. Optimierungspotential sieht das Beurteilungsgremium insbesondere im Bereich der Dachaufbauten sowie in der Ausgestaltung der Aussenräume auf der Ostseite. Die Eingangssituationen bei den Vertikalerschliessungen sind zu optimieren und es gilt zu prüfen, ob die Adressierung verbessert werden kann. Weiter ist das Beurteilungsgremium der Ansicht, dass gewisse Wohnungen beim Verzicht auf ein Zimmer optimaler gestaltet werden können. Den Verfassen - den gelingt mit einer geschickten Aneignung der alten Tragstruktur und dem Aufgreifen von identitätsstiftenden, industriellen Merkmalen eine viel - versprechende Neuinterpretation des dichten Wohngebäudes für diesen spezifischen Ort.
Situation
©GWJ Architektur
Innenhof
©Worblentalstrasse 68
©GWJ Architektur
Erdgeschoss
©GWJ Architektur
Regelgeschoss
©GWJ Architektur
Schnitt
©GWJ Architektur