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Einladungswettbewerb | 11/2025

Nachverdichtung Wohnanlage Manzinger StraĂźe in Erding

5

Anerkennung

Preisgeld: 11.000 EUR

zillerplus Architekten und Stadtplaner GmbH

Architektur

fischer heumann landschaftsarchitekten

Landschaftsarchitektur

Matthes Max Modellbau GmbH

Modellbau

Erläuterungstext

HERZSTĂśCK AM HAYDNPLATZ
Form Follows Gemeinschaft

In der wachsenden Siedlung der BGE am Haydnplatz flirtet der offene, vielschichtige Grünraum mit den neuen Gebäudestrukturen: grüne Adern ziehen sich durch das Alltägliche. Es öffnen sich Räume zwischen Gebäuden und Grünflächen werden zu verbindenden Wegen. Aus dieser zarten Verknüpfung erwächst ein nachhaltiger Zusammenhalt, der alle Bewohnerinnen und Bewohner verbindet. Aus vielen einzelnen Wohnungen wird so eine genossenschaftliche Gemeinschaft. Die Neubauten interpretieren eine „Neue Sachlichkeit“, inspiriert von den Ideen der 1920er und 30er Jahre – eine Formsprache, die sich an der Funktion orientiert und im Kontext eine starke Präsenz zeigt. Die bestehende Siedlung mit ihren offenen Räumen wird dabei verdichtet und weiterentwickelt. So stehen wie selbstverständlich zwei Gebäudetypen Einfamilienhaus und Geschosswohnungsbau nebeneinander – verbunden über den offenen Freiraum und doch kontrastierend in der Dichte.

Haltung – Bauen im sozialen und kulturellen Kontext
Räumliche und soziale Qualitäten prägen unseren Städtebau und so Entwerfen und Bauen wir am liebsten mit Genossenschaften. Wir nehmen die Baugenossenschaft Erding als Genossenschaft wahr, die den Mehrwert und die Ressource im Ort und im gemeinsamen Wohnen sieht und im Sinne eines Gesamtquartiers handelt: so entsteht urbane Zukunft. Kollektive Wertvorstellungen über die Erschließung der neuen Gebäude, sowie der Umgang mit dem Freiraum und den daran angelagerten verschiedenen Nutzungen definieren den genossenschaftlichen Gedanken und dessen Mehrwert für die Lebensqualität der Bewohner im Quartier. Wir verfolgen hier einen pragmatischen Ansatz. Schlichtheit verbunden mit hoher Qualität und einer logischen Fügung aller Funktionen des Städtebaus: Einfachheit trifft Schönheit und Lebensfreude!

Landschaftsarchitektur
Die offen gestalteten Freiflächen des neuen Quartiers unterstreichen den städtebaulichen Ansatz. Die Manzinger Straße wird im Bereich zwischen den TG-Zufahrten zum Freiraum für Fußgänger, Radfahrer und alltägliche Begegnung. Die Erschließung für Rettungsfahrzeuge und Müllabholung ist gegeben. Auf den Gemeinschaftsflächen und den Vorbereichen entsteht Nachbarschaft und Austausch. Die Nutzung der oberirdischen Fahrradstellplätze ermöglicht Kontakt im Freiraum und Adressbildung. Die Freiflächengestaltung erfolgt abgestuft von privaten Freiräumen, den EG- Wohnungen direkt zugeordnet, Gemeinschaftsflächen mit Spiel und Aufenthalt für die angrenzenden Gebäude und der durchgrünten Platzfläche, die die Mitte des neuen Quartiers darstellt. Neue Baumpflanzungen gleichen den Eingriff in den Baumbestand aus und durchgrünen und beschatten das Quartier. Heimische und klimaangepasste Baumarten fördern mit naturnaher Bepflanzung die Biodiversität. Die Randbereiche werden extensiv mit artenreichen Blumenwiesen ausgebildet. Die Versickerung des anfallenden Regenwassers erfolgt, wo möglich, über die Grünflächen.

Materialität und Gestalt – Einfachheit und Komplexität in Harmonie
„Neue Sachlichkeit und intelligente Einfachheit“ – eine Formel, die Einfachheit und Komplexität in Balance bringt. Die Gestalt basiert auf dem Prinzip „It is what it is“, das die Themen der seriellen Bauweise direkt wiedergibt. Ein konstruktiver Holzbau bildet das strukturelle Rückgrat des Entwurfs, wobei das Material Holz die bauliche Form prägt und durch das sinnvolle Zusammenspiel mit anderen Baustoffen ergänzt wird, abgestimmt auf deren spezifische Eigenschaften in Tragfähigkeit, Dämmung, Brennbarkeit und Lichtdurchlässigkeit.

Einfachheit in der Struktur – Die Essenz der Funktionalität
Ein durchgängiges Prinzip prägt die Gebäude von der klaren Grundrissstruktur, die das Tragwerk und die vorgefertigten Bauteile definiert, bis hin zur Gebäudetechnik, die auf das Wesentliche reduziert ist. Die Raumorganisation mit Querlüftung in allen Grundrissen ermöglicht eine natürliche Belüftung. Alle technischen Systeme sind effizient und konzentriert in den vorgefertigten Sanitärkernen zusammengefasst. Die Struktur unterstützt die Vereinbarkeit von Pragmatismus und Ästhetik – eine Kernidee des Entwurfs.

Erschließung – Effizienz in Bewegung
Die Erschließung folgt einer funktionalen Logik: Ein Laubengang mit einem zentralen Aufzug und einer Treppe pro Gebäudepaar optimiert die Zugänglichkeit und reduziert infrastrukturelle Komplexität. Die Planung fokussiert auf eine nachhaltige und klare Wegeführung, die sich dezent ins architektonische Gesamtkonzept fügt.

Mobilität – Vorausschauendes Denken im Wandel
Die Mobilität wird als integrativer Bestandteil des Entwurfs begriffen und bleibt flexibel: Im ersten Bauabschnitt wird auf dem Garagenhof eine Tiefgarage mit Technikflächen und optimierten Abstellräumen errichtet. Der zweite Bauabschnitt wird nur teilunterkellert. Die Tiefgarage im dritten Bauabschnitt kann mit ihrer Größe auf die Erfahrungen in der Belegung der ersten Bauabschnitte reagieren, wenn der Bedarf an PKW-Stellplätzen durch die konsequente Umsetzung eines Mobilitätskonzepts sinkt. Fahrräder werden dezentral und überdacht im Freiraum platziert und über eine Wegesystem verbunden. Eine Mobiliätsstation mit Leih-Lastenrädern, eine Fahrradwerkstatt und eine Paketstation ergänzen das Konzept. Die Mittelgaragen können perspektivisch um Fahrradstellplätze ergänzt werden.

Mehrwert – Licht, Luft und Gemeinschaft
Die strukturierte Klarheit des Entwurfs beschleunigt den Bauprozess und reduziert Kosten, was für die Baugenossenschaft günstige Mieten bei hoher Wohnqualität ermöglicht. Die durchdachte Grundrissstruktur sorgt für eine optimale Tageslichtnutzung und Querlüftung. Genossenschaftliche Werte wie gemeinschaftliches Leben und individueller Rückzug sowie gleiche Bedingungen für alle werden geschaffen. Das Treppenhaus ist Erschließung, Treffpunkt und Aufenthaltsort – ein Mehrwert, der Gemeinschaftsgefühl und Wohnqualität vereint.

Bauabschnitte
Die drei Bauabschnitte von Süd nach Nord bilden logisch drei zusammengehörige Freiräume.

Ein ganzheitlicher Ansatz – Architektur für Menschen
Unseren Entwurf begleitet ein ganzheitlicher Ansatz, der auf die Menschen, den Ort und die Nutzungsbedürfnisse ausgerichtet ist. Die Architektur vermittelt eine vernakuläre Einfachheit, die die Funktionalität sichtbar macht und eine schlichte Schönheit verkörpert. Wir hinterfragen Bestehendes und lernen kontinuierlich aus unseren Erfahrungen. Unsere Projekte verstehen wir als forschungsgeleitete Planungsprozesse, die Wissen vermehren und durch Präzision zu zeitgemäßen Lösungen führen.

Gebäudetyp E und Reduzierung derzeitiger Standards
Der Soll-Paragraph in der BayBO lässt Abweichungen und Befreiungen zu, so lange sie nicht die Gesundheit der Bewohner:innen gefährden. Dies kann in einem Vergleich mit dem Altbauniveau nachgewiesen werden. Die Baugenossenschaft Erding kann die Abweichungen und Befreiungen beschließen, da sie gleichzeitig Eigentümerin und Nutzerin ist. Eingebunden in den Prozess sind auch Tragwerksplaner, HLS-E Planung und Bauphysik. Wichtig ist, in diesem Fall ein erfahrenes und innovatives Team und ein Anreizsystem in der Honorierung. Inhaltlich sind es viele – oft auch kleine – Maßnahmen, die in der Addition zu einer spürbaren Senkung der Baukosten führen. Diese sind im Genehmigungsverfahren abzustimmen.

Nachhaltiges Design
"Ökologie meets Ökonomie": Nachhaltigkeit wird zuerst als urbane Lebensqualität und dauerhafte Architekturqualität verstanden und dann mit ressourcenschonender Materialität und Energieversorgung verknüpft.
  • Lage der barrierefreien Eingänge als Schnittstelle und im Zusammenspiel mit dem Freiraum und der städtebaulichen Konfiguration
  • Reduzierung als Chance (s. auch Gebäudetyp E)
  • Wiederholung als Chance fĂĽr homogene Gebäude und Nachhaltigkeit
  • Gebäudetiefe und -größe als Chance fĂĽr Gemeinschaftsbildung, Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkei
  • Ruhender Verkehr und Mobilität der Zukunft fĂĽr alle (s. Mobilität)
  • Entfluchtung: zweiter baulicher Rettungsweg als Chance fĂĽr Freiraum und Baumbestand
  • Regenwasserkonzept, Klimaanpassung
  • Energie erzeugen und die erneuerbaren Energiequellen in die Architektur integrieren: Dach mit PV als Mieterstrommodell, Hackschnitzelheizung oder GroĂźwärmepumpe mit Nahwärmenetz
  • Sommerlicher Wärmeschutz als Chance fĂĽr die Gestalt der GebäudehĂĽlle: auskragende Balkone, kompakte HĂĽlle, Fenstergröße und innenliegende Vorhänge, FassadenbegrĂĽnung
  • Vielfältige Wohnformen und Mischung der Generationen in der gleichen Gebäudetypologie möglich
  • Gemeinschaftsraum, Gemeinschaftsbalkone und Wintergärten an den Treppen, Spielflächen
  • bewusste Materialwahl und konstruktive Logik bei gutem A/V Verhältnis (HĂĽllflächenreduzierung)
  • tragende AuĂźenwände und Decken als vorgefertigte Holzelemente, tragende Innenwände aus Kaltziegel/Lehmziegel als Speichermasse, Innenausbau (Boden und Wände) mit leichten Baustoffen
  • Einsatz von vorgefertigten Sanitärzellen mit angegliederter Technik und Verteilern
  • Bauen mit möglichst wenigen Schichten, sortenreines Bauen
  • Vorrausschauend die abzubrechenden und die neuen Baustoffe in einer Lebenszyklusanalyse bewerten (Urban Mining, Kreislaufwirtschaft)
  • Recyclingbeton aus den Bestandsbauten herstellen (Untergeschosse Parken PKW und Fahrräder)
  • Verwertung oder Verkauf der wertigen Baustoffe beim Abbruch

Kollaboratives Design
Reduzierung und ganzheitliches Denken: In der interdisziplinären Zusammenarbeit mit den Landschaftsarchitekt:innen, Fachplaner:innen, Wissenschaftler:innen und der Genossenschaft entsteht ein innovativer und nachhaltiger Mehrwert für die Gemeinschaft.

Die homogenen Baukörper in Verzahnung mit der Natur bilden drei unterschiedliche, nicht parzellierte Höfe und beziehen in der Mitte den Haydnplatz mit ein. Ergänzend dazu verstärken die Gemeinschaftsflächen den sozialen Bezug. Die über die Wege direkt verbundene Erschließung der Gebäude gibt dem Projekt in der Nutzung einen gemeinschaftlichen und dörflichen Charakter.

Beurteilung durch das Preisgericht

Der Entwurf fügt sich in die Morphologie der Umgebung ein - nicht nur über den Schwarzplan, sondern auch über die Höhenstaffelung mit 3 bis 4 Geschossen. Mit der Stellung der Gebäude und den gewählten Grenzabständen nimmt die Arbeit Rücksicht auf die Umgebungsbebauung und weicht Konflikten mit der Nachbarschaft so gekonnt aus.

Der Entwurf weist wohltuende Proportionen auf, die über die Wahl der Kleinteiligkeit sowohl der Baukörper als auch der Außen- und Zwischenräume, zustande kommt. Die entstehenden Quartiere und Freibereiche lassen Gemeinschaft, Halböffentlichkeit aber auch Privatheit zu. Die soziale Funktion der Außenräume als Treffpunkt steht im Vordergrund. Allerdings sind die Außenräume in ihren Proportionen wenig differenziert. Der wertvolle Baumbestand im Süden wird nicht erhalten Ein Regenwasserkonzept wird angedeutet. Die Bepflanzung mit heimischen und klimaangepassten Bäumen tragen zur Erhöhung der Biodiversität bei sowie auch die naturnah gestalteten Randbereiche im Übergang zu den umliegenden Nachbargärten.

Die Adressbildung gelingt über die Zuordnung der Eingänge zu den Spiel- und Begegnungsräumen und dem Quartiersplatz. Die Adresse ist damit eindeutig ablesbar. Durch die Wahl der beiden Erschließungstypen - mit winkelförmigen Laubengängen und 4-Spännern - wird ein kontrovers diskutiertes Angebot in den Wohnungs- und Grundrisstypen ermöglicht. Diese bestechen durch eine hohe Einfachheit und Klarheit und bieten durchaus eine räumliche, funktionelle und architektonische Qualität der einzelnen Wohnungen. Der architektonische Ausdruck der Fassade hat aus Sicht der Jury jedoch lediglich Konzeptcharakter und muss weiterentwickelt werden.

Durch die periphere Lage der Garagenzufahrten entstehen im Quartiersinneren verkehrsberuhigte Bereiche. Die Tiefgaragen sind mit den erforderlichen Maßen dargestellt, die Stellplätze in ausreichender Zahl nachgewiesen und erscheinen gut nutzbar. Die Unterbauung des Grundstücks ist überdimensioniert und Bestandsbäume können dadurch nicht erhalten werden.

Die Lage der Fahrradständer an den Gebäudeeingängen ist grundsätzlich richtig und für den Nutzer komfortabel. Der Ausführung der Fahrradüberdachungen und Müllbehausungen (Kleinarchitektur) fällt mit Blick auf die prominente Lage besonderes Gewicht zu. Auch eine hochwertige Gestaltung kann allerdings den Mangel nicht beheben, dass damit das Potenzial der Plätze nicht ausgeschöpft wird.

Aufgrund der Schlichtheit der Baukörper und der konstruktiven Vorschläge insbesondere hinsichtlich Vorfertigungsgrad der Decken- und Wandsysteme sowie der Sanitärzellen ist eine hohe Wirtschaftlichkeit zu erwarten. Der vorgeschlagene Gebäudetyp E kann ebenso dazu beitragen. Die Realisierung in Etappen ist nachgewiesen.

Es sind nachhaltige Materialien vorgesehen, wie z.B. RC-Beton im Untergeschoss und die Holzbauweise in den Obergeschossen. Ökologisch sinnvoll sind die großzügigen Retentions- und Versickerungsflächen in den rückwärtigen Freiräumen.
Das Leben am Haydnplatz

Das Leben am Haydnplatz

Lageplan

Lageplan

Grundriss Erdgeschoss mit Freianlagen

Grundriss Erdgeschoss mit Freianlagen

Grundriss Regelgeschoss

Grundriss Regelgeschoss