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Nichtoffener Wettbewerb | 01/2025

Neubau Cap-Arcona-Dokumentationszentrum in Neustadt in Holstein

Isometrie
4

Isometrie

1. Preis

Preisgeld: 9.950 EUR

Pysall Architekten

Architektur

KEC Planungsgesellschaft mbH

Architektur

EiSat GmbH, Engineered Structures

Tragwerksplanung

TOPOTEK 1

Landschaftsarchitektur

Erläuterungstext

Städtebau und Architektur

Der Neubau des Dokumentationszentrum fügt sich mit seinem Bauvolumen in die
gewachsene städtebauliche Struktur ein. Bauhöhen, Proportionen, Trauf- und
Firstkante sowie Farbigkeit der vom Zeittormuseum genutzten historischen Gebäude
wurden aufgenommen.

Das Material der Außenhülle – Corteenstahl – gibt jedoch Hinweis, dass hier eine
andere, eine besondere Nutzung zu finden ist. Der geschlossene, rumpfartige
Baukörper evoziert außerhalb der Öffnungszeiten Neugier. Während der
Öffnungszeiten werden Besucher*innen durch zurückgeschobene Tore in das Gebäude
gezogen. Von hier erschließt sich das Haus übersichtlich und selbstverständlich.
Das Erdgeschoss gibt Raum für unterschiedliche Aktivitäten. Unabhängig von seiner
Bespielung wird über einen zentralen Kern das Dokumentationszentrum und das
Zeittormuseum erschlossen. Die Abtrennung von Bereichen oder Etagen gibt
Kurator*innen die Möglichkeit, die Ausstellungsflächen flexibel zu bespielen,
Sonderausstellungen zu organisieren oder auch temporäre sowie stationäre
Arbeitsbereiche für Forschungszwecke in den Etagen einzurichten. Ein
Trennwandsystem wie im Multifunktionsbereichs des Erdgeschosses stellt die
Flexibilität und Anpassung von Nutzungsanforderungen in der Zukunft sicher.

Das kleine Haus beeindruckt durch das zusammenhängende Volumen des
Ausstellungsbereichs. Besucher*innen erfahren, dass der Schiffsrumpf der „Cap
Arkona“ mit einer Breite von 25.8 Metern diesem Maß entsprochen hat. Unzählbare
7100 Platten aus geschliffenem Aluminium bilden die Innenseite des Volumens.
Bestürzend vorstellbar wird Dimension, Tragik und Leid der Katastrophe. Hiermit
überlagert die Architektur nicht die Thematik der Gedenkarbeit und kuratierten
Ausstellung, sondern unterstützt nicht nur Kinder darin, sich das Unvorstellbare vor
Augen zu führen.

So konsequent monothematisch das Haus nach außen in Erscheinung tritt wird es in
Konstruktion und der Materialität im Inneren fortgesetzt. Die Außenwände und das
Dach sind eine Holzständerkonstruktion mit Holzwolledämmung. Die Decken bestehen
aus Brettsperrholzelementen (CLT) mit Heiz-/Kühlestrich für die Nutzung von
Erdwärme mittels Wärmepumpe. Hiermit kommt der Neubau der Verantwortung nach,
den minimalen Verbrauch von CO2 sowohl in der Bau- als auch in der Betriebsphase
sicher zu stellen. Die Oberflächen der Böden, Decken, Wände und des
Ausstellungssystems bestehen aus Holz, weiß geölt. Mit der Holzsichtigkeit entsteht
eine angenehme und gleichsam neutral helle Raumqualität für die unterschiedlichen
Nutzungsanforderungen.


Energiekonzept und Haustechnik

So wenig Technik wie möglich – so viel wie nötig.
Vermeidung des Verbrauchs von Energie durch passiven Wärme- Kälte und
Sonnenschutz. Heizung und Kühlung durch Nutzung von Erdwärme über Wärmepumpe
und Bauteiltemperierung. Entnahme und Zufuhr von Wärme im Jahresmittel ausgeglichen.
Lüftung durch manuelles Stoßlüften. Grundlüftung und Feuchteschutz über dezentrale
Lüfter mit Wärmerückgewinnung. Im Dachbereich motorische Lüftungs- und
Entrauchungsklappen. Abluft innenliegende Sanitärbereiche mechanisch mit
Wärmerückgewinnung. Elektroinstallation und Lichtschienen in gefaster Deckenverkleidung 
zwecks einfacher Nachinstallation. Beleuchtung mit Bewegungsmeldern.


Freiraumplanung

Rosa rugosa alba bilden mit ihrem dichten Grün differenzierte Freiraum-
Verweilqualitäten in dem kleinen Garten aus. Taschengärten – Möglichkeitsflächen –
für Aktivitäten von Schulklassen, zum Verweilen, Sitzen, Lesen, Denken....
Die Bestandbäume werden erhalten und ergänzt, am Zugang des Gartens durch einen
schattenspendenden Quercus palustris und im Norden durch mehrstämmige Sorbus
aucuparia. Sie bilden den Hintergrund des mit Rosa „Lykkefund“ bewachsenen
Rankbaldachins des Sitzkreises. Ein Ort für Besinnung.

Die Wege und Terrasse bestehen aus wassergebundener Wegedecke. Die
Rasenflächen verbleiben zum Rand ungeschnittene Bienenweiden. Vogelschutzgehölz
und Fassadenbegrünung ergänzt die räumliche Fassung in halbschattigen Bereichen.
Heimische Parterrebepflanzung / Stauden komplettieren die Bepflanzung mit dem Ziel
der Etablierung eines guten Habitats für Flora und Fauna innerhalb der Stadt.
Der Garten dient der offenen Versickerung des Dachflächenwassers sowie der
Regenwasserrückhaltung in Rigolen im Norden des Gartens.

Beurteilung durch das Preisgericht

Der Neubau füllt die Baulücke in voller Breite und interpretiert die klassische Satteldachform auf moderne Weise mit einer geschwungenen Bauform, die mit Cortenstahl verkleidet ist. Diese fließende Hülle erstreckt sich bis in den hinteren Teil des Grundstücks und fungiert gleichzeitig als Dach und Wand. Sowohl Materialwahl als auch Form und Größe nehmen Bezug auf den Schiffsrumpf der CAP Arcona.

Durch den kompakten Grundriss bleibt ein großzügiger Außenbereich erhalten, wodurch wertvolle Freiflächen nutzbar bleiben und der bestehende Baumbestand geschützt wird. Die Ostfassade besteht vollständig aus Glas, während zur Fassadengestaltung der Westseite noch keine Aussage vorliegt.

Im Inneren sind drei Ausstellungsebenen freistehend in das Volumen eingefügt, ohne durchgehend an die Außenwände anzuschließen. Dadurch entstehen spannende vertikale Sichtbeziehungen, die die äußere Form auch im Innenraum erlebbar machen. Gleichzeitig wirft dieses Konzept Fragen zur Raumakustik auf, die im weiteren Planungsverlauf geklärt werden müssen.

Der Eingangsbereich ist großzügig dimensioniert, allerdings fehlt ein Windfang. Im Erdgeschoss überzeugt ein multifunktionaler Raum mit einer integrierten Sitztreppe. Die barrierefreie Erschließung der unteren Ebene muss überarbeitet werden, um eine eigenständige Nutzung für Rollstuhlfahrende zu gewährleisten.

Die Anbindung an das Bestandsgebäude ist mit einem Durchlader-Aufzug und dem Treppenhaus funktional und pragmatisch gelöst. Im Untergeschoss des ZeiTTor Museums wurden zwei Büros auf Kosten des bisherigen Pädagogik-Raums untergebracht – eine Lösung, die von den Nutzern nicht akzeptiert wird. Daher müssen die Büros im weiteren Planungsprozess in den Neubau verlegt werden.

Die großflächige Verglasung der Fassade wurde im Preisgericht kritisch diskutiert. Um einen funktionalen Ausstellungsbetrieb zu ermöglichen, sind Verschattungs-, Verdunklungs- oder Teil-Schließungslösungen erforderlich.

Auch die Fassaden- und Dachverkleidung aus Cortenstahl wird im Preisgericht aufgrund des engen Budgets hinterfragt. Die Verfasser werden gebeten, alternative Vorschläge zu erarbeiten, die auch die geforderte Integration von Photovoltaik-Flächen berücksichtigen.

Die klare, reduzierte Formgebung ist eine Stärke des Entwurfs, bringt aber auch Herausforderungen mit sich. Die Verfasser müssen nachweisen, dass das Projekt innerhalb des vorgegebenen Kosten- und Terminrahmens realisierbar ist.
Plan 1/3

Plan 1/3

Plan 2/3

Plan 2/3

Plan 3/3

Plan 3/3