Nichtoffener Wettbewerb | 04/2025
Neubau Feuerwehr und Notarztstandort in Walldorf
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Visualisierung der neuen Feuerwehr in Walldorf mit Übungsturm, Fahrzeughallen und zentralem Vorplatz
©Gerber Architekten
Anerkennung
Preisgeld: 6.000 EUR
Architektur, Landschaftsarchitektur
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Verfasser:
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Mitarbeitende:
Dennis Thönnes, Julian Döneke, Natalie Baude, Patrik Bartnik, Josephine Stein, Benjamin Sieber, Mohammad Malouf, Oksana Melnyk
Erläuterungstext
Die Grundidee des Entwurfes basiert auf drei einfachen, rechteckigen Riegeln, die durch ihre städtebauliche Wechselbeziehung ein Ensemble bilden, das bestmöglich auf die Anforderungen der Aufgabe reagiert.
Der größte der drei Riegel erstreckt sich entlang der Straße Am Friedhof und beinhaltet die Feuerwehr Walldorf und den DRK Ortsverein. Dieser Riegel bildet mit einer Länge von fast 150 Metern eine klare städtebauliche Kante zu dem Hauptfriedhof Walldorfs. Sämtliche Nutzungen und Ausfahrten sind nach Süden entgegen dem Friedhof organisiert.
In einem zweiten, gegenüberliegenden Riegel befindet sich das Logistiklager, welches durch seine Losgelöstheit problemlos in einem zweiten Bauabschnitt realisiert werden kann. Vor Kopf befindet sich der Übungsturm, der durch seine zentrale Position als identitätsstiftende Landmarke fungiert und an das Logistiklager andockt. Orthogonal zu den beiden Riegeln entsteht im Westen des Grundstückes ein dritter Riegel, in dem der Ideenteil mit dem DRK Kreisverband Platz findet. Die städtebauliche Einfachheit der Kubaturen und Baukörper setzt sich in der Architektursprache der Gebäude fort. Das Raumprogramm der Feuerwehr wird abgesehen von dem Logistiklager komplett in dem hinteren Riegel untergebracht. Die zentrale Positionierung des Haupteingangs, der gleichzeitig als Alarmeingang fungiert, trägt dazu bei die Wegebeziehungen möglichst kurz zu halten. Im Alarmfall betreten die Einsatzkräfte das Gebäude durch den Haupteingang, gehen dann links in den linear angeordneten Umkleiden Trakt und verteilen sich von dort in die Fahrzeughalle.
Die Erweiterungsstellplätze der Stellplatzgröße 3 sind bereits mit in das Volumen integriert, um dem Ensemble nachträglich nicht zu schaden und dienen bis zur Nutzung als flexible Fläche in der Fahrzeughalle. Das große und flexibel nutzbare Foyer beinhaltet zudem den Aufenthaltsraum für die Einsatzkräfte mit Zugang zum Hof. Der Werkstattteil gliedert sich im westlichen Teil des Riegels und dockt direkt an die Fahrzeughalle an. In dem adressbildenden Glaskasten über dem Eingang finden die Einsatzzentrale und das Lagezentrum Platz.
In dem hinteren Gebäudeteil über den Umkleiden gliedern sich dann die Aufenthalts- und Verwaltungsräume. Im Dachgeschoss sind die Räume für den Katastrophenschutz, sowie der großzügig und flexibel nutzbare Versammlungsraum mit einer Dachterrasse angedacht. Der Ortsverein findet im Osten des Riegels als separater Gebäudeteil Platz. Die Fassade zeichnet sich äquivalent zu der Kubatur durch ihre Einfachheit und Stringenz aus.
Die Erschließung des Grundstückes erfolgt ausschließlich über die Fortführung der Bürgermeister-Willinger Straße und kommt in ihrer Lage der ursprünglich angedachten Positionierung sehr nahe. Lediglich die Stichstraße ist etwas weiter Richtung Westen gewandert. Durch die zweispurige, öffentliche Straße wird zukünftig auch die Straße Am Friedhof erschlossen, die an beiden Seiten Wendemöglichkeiten vorsieht.
Auch die Unterführung unter der Bürgermeister-Willinger-Straße ist in ihrer Lage gleichgeblieben. Hier wurden lediglich die Rampen leicht angepasst, um die Flächen auf dem Grundstück zu optimieren. Durch die axiale Positionierung der Baukörper entsteht auf dem Grundstück von Feuerwehr und Ortsverein eine zweispurige Straße, die an zwei Stellen eine Aus- und Einfahrt vorsieht. Die ausrückenden Einsatzkräfte erhalten so die Möglichkeit, das Grundstück neben der Hauptausfahrt über eine Behelfsausfahrt zu verlassen. Die Ausfahrt des Ideenteils ist von der Feuerwehr abgewandt, wodurch sämtliche Kreuzungspunkte vermieden werden.
Die Materialität wird weitestgehend geprägt durch einen rötlichen Klinker im Dünnformat. Sofern möglich, sollen hier recycelte Steine zum Einsatz kommen. Der Klinker unterstreicht die Horizontalität des Entwurfes und trägt zu dem Feuerwehrcharakter des Gebäudes bei. Zudem gewährleistet er einen natürlichen und sensiblen Umgang mit der Fassade zum Friedhof und erzeugt durch die in Teilen sehr geschlossenen und monolithischen Fassaden eine große architektonische Qualität. Entscheidend für die Auswahl des Materials war die Dauerhaftigkeit, die die Entwicklung des Standortes mit sich bringen soll. Die Klinkerfassade ist robust, pflegeleicht und bringt zudem diverse bauphysikalische Vorteile mit sich.
Bei der Konstruktion der Gebäude kommen hybride Materialien zum Einsatz. Die Gründung erfolgt in allen Bereichen durch massive Streifenfundamente und eine Stahlbetonbodenplatte. Neben der Dauerhaftigkeit, wird so auch die Befahrbarkeit der einzelnen Flächen gewährleistet. Aufgrund der Komplexität des hinteren Riegels mit unterschiedlichen Zonen galt es hier aus verschiedenen Baustoffen die besten Eigenschaften zu kombinieren. Zum Einsatz kommt hier ein Stahlbeton-Skelettbau, der mit einem nachhaltigen Porotonziegel ausgefächert wird, um so auf die unterschiedlichen Anforderungen reagieren zu können. Die überspannenden Träger werden in der Fahrzeughalle aus Stahlbeton ausgeführt. In dem Geschossbau können die Träger und Stützen aus Holz ausgeführt werden, um C02 einzusparen. Bei den Decken kommt eine Holz-Beton Hybridbauweise zum Einsatz, die auf die verschiedenen Nutzungen bestmöglich reagieren kann. Durch eine vorgefertigte Bauweise kann hier eine größtmögliche Flexibilität und eine unkomplizierte Montage gewährleistet werden. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Konstruktion auf eine größtmögliche Dauerhaftigkeit, Wirtschaftlichkeit und Pflegeleichtheit abzielt und dabei sehr nachhaltig ist.
Das Energiekonzept setzt auf eine Vielzahl von erneuerbaren Energien. Die großzügigen Dachflächen bieten sich hervorragend für eine extensive Dachbegrünung mit PV-Modulen an. Die hierdurch gewonnene Energie wird von Wärmepumpen genutzt um die
beheizten Gebäudeteile entsprechend zu versorgen. Die Bauweise selbst fördert eine nachhaltige und energieeffiziente Nutzung. Die beheizten Bereiche werden von den schwachen und nicht beheizten Gebäudeteilen klar getrennt, um unnötige Wärmeverluste zu minimieren. Die massive Bauweise im Hauptriegel, sowie der geringe Fensterflächenanteil tragen zu einem natürlichen sommerlichen Wärmeschutz ohne großen Mehraufwand bei. Im Außenraum tragen, Bäume, Grün- und Retentionsflächen zu einem natürlichen Standort bei. Durch eine Regenwassernutzungsanlage kann zudem das, von der Feuerwehr benötigte, Wasser gewonnen werden. Das Konzept zielt darauf ab, den CO2-Fußabdruck des Gebäudes zu minimieren und die Betriebskosten langfristig gering zu halten.
Bis auf einige Ausnahmen können die Gebäude komplett rückgebaut werden. Die Klinkerfassade, die optimalerweise bereits wiederverwendet ist, kann problemlos woanders zum Einsatz kommen. Auch der Porotonstein, die Holz-Beton-Hybrid Decken und massiven Holzelemente können rückgebaut werden. Durch die Verwendung besonderer Inhaltsstoffe kann selbst bei den Stahlbetonelementen zumindest in Teilen eine Recyclebarkeit erreicht werden.
Beurteilung durch das Preisgericht
Die VerfasserInnen gestalten ein ruhiges und homogenes Ensemble aus drei Längsbaukörpern, die innenliegend einen Hof formen. Zur Friedhofstraße wird eine klare städtebauliche Kante von 150m Länge ausbildet, die zukünftig die Feuerwehr Walldorf und den DRK-Ortsverein unter einem Dach beheimatet. Alle Nutzungen werden nach Süden ausgerichtet, um für den Friedhof und seinen Nutzungen weiterhin Ruhe und Würde zu gewähren. Im zweiten südlich vis a vis gelegenen eingeschossigen Riegel wird das Logistiklager gesetzt, das seine Tore in den gemeinsam genutzten Innenhof öffnet. Als Querriegel findet der DRK Kreisverband Platz.
Im Alarmfall erreichen die Rettungskräfte die neue Feuerwache von der Unterführung kommend über eine maßvoll steil ausgebildete Rampe. Von Süden biegen die PKWs auf den östlich gelegenen Vorplatz ein und teilen sich dort mit dem Ortsverein die Stellplätze. Durch ein Foyer und den Haupteingang gelangen die Feuerwehrkräfte über einen nordseitigen Gang auf kurzem Weg in die Umkleiden, die direkt an die Fahrzeughalle angebunden sind. In der Halle finden zukünftig 15 Fahrzeuge in Reihe nebeneinander aufgestellt Platz. Weitere 6 A2 Stellplätze werden 2-reihig ausgebildet. im Osten schließt die Werkstatt, das Lager und der Waschplatz an. Die Raumabfolgen und Zusammenhänge sind sinnhaft organisiert und lassen einen intuitiven, funktionalen und geregelten Ablauf erwarten.
Im östlichen Kopfbau ist im Erdgeschoss die Fahrzeughalle des Ortsvereins mit 4 Ausfahrten in zweireihiger Aufstellung gebunden organisiert. Der Zugang liegt getrennt am Kopf des Gebäudes im Osten. Im zweiten Obergeschoss befinden sich attraktive Aufenthalts-, Büro- und Schulungsräume beider Einrichtungen, die sich räumlich flexibel abtrennen lassen. Allerdings entwickelt der Grundriss in der Gesamtfigur mit dem innenliegenden Atrium eigentlich seine Kraft im Zusammenschluss. Von den NutzerInnen wird eine gemeinsame Nutzung als nicht zielführend erachtet. Was innenliegend durch Abtrennungen lösbar sein kann, lässt sich im Außenraum nicht realisieren. Derzeit treffen die ausfahrenden Fahrzeuge des Ortsvereins auf einfahrende PKWs der Feuerwehrkräfte, was erhebliche Gefahren auslösen kann. Auch kreuzen sich Fahrzeuge des Ortsvereins mit ausfahrenden Löschzügen der Feuerwehr. Hier kann die Arbeit keine zufriedenstellende Lösung präsentieren. Die Ausführung des gemeinsam genutzten Parkplatzes mit der direkt anstehenden Mauer mit Höhensprung zur Rampe und Unterführung wirft noch gestalterische Fragen auf, da dieser Ort als Adressbildung des Kopfbaus gelesen wird. Der Übungsturm wird als markanter Teil dieser Adressbildung an den Kopf des Logistiklagers angesetzt. Leider wird die Nutzbarkeit für Übungen durch die Überlagerung mit der Ein- und Ausfahrt deutlich eingeschränkt.
Die DRK-Notarztzentrale wird über die südlich geführte Straße erschlossen, die auch die zukünftige Zufahrt für den Friedhof darstellt. Der Rettungssandort ist sinnhaft organisiert, die Garagen werden erhalten.
Die Gebäude werden in Holz-Beton Hybridbauweise erstellt. Das Gesamtensemble überzeugt durch seine gestalterische Qualität, die sich in einer monolithischen Ziegelfassade ausdrückt und damit den Gebäuden einen wehr wertigen Charakter verleiht. Zur Friedhofstraße wird eine sehr ruhige Fassade ausgebildet. Eine schmale Fensterausbildung unterstreicht die reduzierte und klare Haltung. Die geringen Fensterflächen führen dabei allerdings zu sehr geringer Tageslichtversorgung.
Das Raumprogramm der Arbeit wird flächenmäßig zielsicher umgesetzt, die Arbeit liegt in Bezug auf BRI, Verkehrsfläche, AV-Verhältnis, Energiebedarf und Hüllfläche genau im Durchschnitt. Die wirtschaftlichen Kenndaten liegen mit Gebäudevolumen und Flächeneffizienz BGF/NUF ebenfalls im mittleren Bereich. Der Teilerhalt des Bestandes wird positiv bewertet.
Insgesamt würdigt die Jury die Arbeit durch ihre kraftvolle und klare Haltung. Es wird ein neues Qualitätvolles und eigenständiges Ensemble als Auftakt gestaltet. Die wesentlichen Mängel im Organisatorischen Ablauf der verschiedenen Rettungskräfte im Alarmfall könnten nicht überzeugen.
Lageplan
©Gerber Architekten
Grundriss Erdgeschoss
©Gerber Architekten
Schnitt B-B
©Gerber Architekten