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Mehrfachbeauftragung | 04/2026

Neubau Gemeindezentrum und Neugestaltung Dorfplatz in Neuendettelsau

8

3. Rang

Brückner & Brückner Architekten GmbH Tirschenreuth I Würzburg

Architektur, Stadtplanung / Städtebau

DE BUHR LA

Landschaftsarchitektur

Hoh Ingenieure und Partner mbB

TGA-Fachplanung

LINDENKREUZ EGGERT | Bildermacherei & Utopografie

Visualisierung

Erläuterungstext

Wo Höfe sich öffnen und Gemeinschaft entsteht
Eine neue Mitte für Neuendettelsau

Geschichte, Typologie und Städtebau
Neuendettelsau wurde im 13. Jahrhundert als Straßenangerdorf angelegt und war über Jahrhunderte landwirtschaftlich geprägt. Die Straße, der langgestreckte schmale Anger und die davon abzweigenden Gassen zu Hofstellen mit Bauerngärten und grünen Platzbereichen bestimmten die Siedlungsstruktur. Die Gehöfte waren traditionell traufständig zur Straße und dem gemeinschaftlich genutzten Anger ausgerichtet. Typisch für diese offene Struktur sind schmale langgestreckte Parzellen, die eine klare Abfolge von Wohnhaus, Scheune und dahinterliegendem Garten zeigen. Charakteristisch ist der Übergang vom öffentlichen Straßenraum in halböffentliche Hofbereiche: Schmale Durchgänge verdichten den Raum, bevor sich dahinter oft überraschend großzügige Höfe und Gärten öffnen. Ein Wechselspiel von Enge und Weite prägt den Ort. Diese gewachsene Struktur bildet den Ausgangspunkt unseres Entwurfs. Wo Höfe sich öffnen und Gemeinschaft entsteht.
Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ist Neuendettelsau stark gewachsen, eine viel befahrene Straße durchtrennt heute die Gemeinde. Der Anger, der früher ein Ort der Begegnung und Kommunikation war, ist heute Hauptverkehrsachse. Es fehlen dritte Orte, die das soziale Miteinander stärken. Die Entwicklung einer neuen Mitte ist eine große Chance für Neuendettelsau.
Städtebaulich schaffen wir einen Platz als neue Mitte, indem wir die ortsbildprägende Typologie von Enge und Weite aufnehmen, den Raum gezielt verdichten und an zentraler Stelle mit der neuen Scheune einen selbstbewussten Stadtbaustein setzen. Auch das Löhehaus war ursprünglich von Stallgebäuden, Scheune und Gemüsegarten umgeben. Das von seinen Anbauten befreite historische Löhehaus öffnet sich ebenfalls zur neuen Mitte hin. So wird ein halböffentlicher Raum zu einem öffentlichen Raum, einem Freiraum für die Gemeinschaft, selbstverständlich aus der Geschichte des Ortes heraus – neu und doch vertraut. Um die städtebauliche Einheit der Wohnungsneubauten mit den historischen Gebäuden zu stärken, schlagen wir eine einheitliche Dachform vor.

Gestaltung und Funktion
Im Zuge der Sanierung des Löhehauses werden seine historischen Fassadenöffnungen wieder freigelegt und es bekommt eine neue interne barrierefrei Erschließung an alter Stelle mit einem Hublift für Rollstühle im bestehenden Treppenauge. Die neue Scheune wird zum selbstbewussten, prägenden Element der neuen Mitte. Ein hölzernes Tragwerk mit hölzerner Fassade auf steinernem, verputztem Sockel knüpft an die Bautradition der Region an. Ein großzügiges Falttor öffnen sich zum Platz. Das Leben aus der hölzernen Scheune fließt in den öffentlichen Raum. Sie strahlt in den Ort hinein. Sie hat nicht nur im Inneren vielfältige Möglichkeitsräume. Sie kann sogar zur Scheunenbühne werden – für ein Theaterstück oder ein Konzert des Posaunenchors, der geschützt im Foyer sitzt und von dort den Platz erklingen lässt.
Die Scheune ist lebendiges Gemeindezentrum für alle Neuendettelsauer mit Foyer, zweigeschossigem Saal, Gruppen- und Musikraum als Empore und weiteren vielseitig nutzbaren Räumen innen wie außen. Vielfältige Eingänge schaffen die Möglichkeit, Saal und Foyer separat zu bespielen und zu vermieten. Die Küche kann sowohl von Süden als auch von Norden angedient werden. Ein Aufzug wird in vereinfachter Form als hydraulische Hubplattform mit Kabine die drei Ebenen barrierefrei erschließen.

Freiraum
Der neue Dorfplatz bietet einen zentralen Bereich für alle Menschen. Er kann multifunktional je nach Jahreszeit und Anlass genutzt werden kann. Die klare Struktur aus Platz- und Vegetationsflächen gliedert den Raum in Bereiche mit unterschiedlichen atmosphärischen Qualitäten und Funktionen. Jedem Haus ist ein Grünbereich zugeordnet: Der Saal öffnet sich zum geschützten Gemeindegarten, das Löhehaus schaut in den kleinen Pfarrgarten und von der Gastwirtschaft führt der Blick in eine Baumreihe, die gleichzeitig als Filter zum angrenzenden grünen Innenhof der Wohnbebauung dient.
Der Gemeindegarten wird als ruhiger Rückzugs- und Erlebnisraum konzipiert. Eine Blühwiese, gefasst von Mauern und Spalierobstgehölzen sowie ergänzt durch Sitzbänke, bietet Möglichkeiten zum Spielen, Feiern und Verweilen. Der befestigte Platz aus regionalem Muschelkalkpflaster fungiert zugleich als informeller Treffpunkt und Festplatz. Er erzeugt zudem einen selbstverständlichen Transitraum für Fußgänger und Radfahrer zwischen Johann Flier Straße und Hauptstraße. Stauden und Bodendecker bilden einen weichen Übergang zur viel befahrenen Straße.
Wir gestalten den Dorfplatz klimaresistent und wassersensibel. Versiegelte Flächen werden auf ein Minimum reduziert. Großkronige Bäume spenden als grünes Dach Schatten und verbessern durch Verdunstung das Mikroklima. Ein zentraler Brunnen, eine Reminiszenz an den Dorfteich des historischen Angers, unterstützt durch Verdunstungskälte die sommerliche Kühlung. Sein Plätschern schafft einen eigenen akustischen Raum, um das Verkehrsrauschen in den Hintergrund zu stellen.
Das Regenwassermanagement nutzt die vorhandene Kellerstruktur des ehemaligen Anbaus auf innovative Weise weiter. Der Kellerraum wird als Rückhaltevolumen reaktiviert und mit überfahrbaren Blockrigolen ergänzt. Hier wird Niederschlags und Oberflächenwasser gesammelt, zwischengespeichert und zeitverzögert abgegeben oder zur Bewässerung der Vegetationsflächen verwendet. Das Oberflächenwasser der befestigten Bereiche wird über gezielte Gefälleneigungen in die Vegetationsflächen geführt, die wiederum mit den offenen Baumquartieren auf der Platzfläche verknüpft sind.

Wirtschaftlichkeit, Materialität, Nachhaltigkeit, Ressourcen
Ein zentraler Baustein unserer Strategie für wirtschaftliches, nachhaltiges und energieeffizientes Bauen ist eine einfache und maximal kompakte Bauweise auf einer möglichst reduziert bebauten Fläche. Zur Optimierung von Ressourceneinsatz und Rückbaubarkeit setzen wir konsequent auf Materialehrlichkeit und sichtbare, modular rückbaubare Konstruktion. In Tradition fränkischer Scheunen werden die Außenwände im Erdgeschoss gemauert. Diese bestehen aus 49 cm starken, holzfasergefüllten Ziegeln mit hoher Dämmwirkung und überzeugen als CO2-neutrale Füllung hinsichtlich der Ökobilanzierung. Auf diesem Sockel steht ein Holzständerbau mit massiver Brettstapeldecke und Pfettendach. Nichttragende Wände werden als Holzständerwände ausgeführt. Der Heizestrich stellt flügelgeglättet den fertigen Bodenbelag dar. Keine Verklebung von Dämmschichten und Bodenbelägen. Durch die reduzierten Fensterspannweiten kommen Beton und Stahl lediglich in der Bodenplatte zum Einsatz.
Die Fassadenverkleidung mit den horizontalen und leicht geneigten Schwartenbrettern schafft nicht nur eine besondere Atmosphäre. Sie wirkt durch die Verschattung gegen das Aufheizen der Fassaden- und Fensterflächen. Im Innenraum ist die Holzstruktur an den Decken akustisch wirksam. So wird der Holzverschnitt zu einem vielseitigen Modul um Licht und Schall zu brechen. Eine helle, handwerklich gefertigte Scheune zwischen Tradition und Zukunft aus wertigen, langlebigen Materialien.
Das Energiekonzept folgt einem Low-Tech-Ansatz. Beheizt wird der Neubau über eine Luft/Wasser-Wärmepumpe mit dem natürlichen Kältemittel Propan. Das System arbeitet als durchgängiges Niedertemperaturkonzept und versorgt über die Fußbodenheizung alle Aufenthaltsbereiche. Im Sommer ist eine moderate Flächenkühlung über das System möglich; eine Taupunktüberwachung gewährleistet den sicheren Betrieb.
In die südliche Dachfläche ist ein Photovoltaikfläche mit Biberschwanz-Solarziegeln integriert. So harmoniert die neue Eindeckung mit der Deckung des Löhehauses. Der erzeugte Strom deckt vorrangig den Bedarf der Wärmepumpe sowie der Lüftungsanlage und erhöht so den Eigenversorgungsgrad des Gebäudes deutlich.
Sanitäranlagen und Küche erhalten eine mechanische Abluftführung. Für die Belüftung und Nachtauskühlung von Saal und Gruppenräumen setzen wir einen einfachen Ventilator im Giebel ein. Der Spitzboden, der alle Räume überspannt, wird so zum Lüftungskanal. Durch motorisch gesteuerte Klappen in der Decke kann die Abluft gesteuert werden. Die Frischluft kann über Lüftungselemente im Fenstersturz nachströmen, die im Winter als Wärmetauscher die Frischluft vortemperiert.
Unsere Vision für die neue Mitte ist ein lebendiger, vielfältiger und bunter dritter Ort. Ein neues Wohnzimmer für jeden, gleichberechtigt und ohne Barrieren – aber auch ein selbstbewusster Impuls für Neuendettelsau und die Menschen! Ein Ort, der Identität stiftet und Gemeinschaft stärkt. Das alles kann und muss Architektur und Baukultur leisten.

Beurteilung durch das Preisgericht

Der Entwurf besticht durch die klare Setzung eines zweigeschossigen langgestreckten Satteldachbaukörpers. In einer heterogenen Situation zwischen dem kleinen, denkmalgeschützten Löhehaus, dass der Öffentlichkeit gewidmet wird, und der am Dorfplatz angrenzenden, geplanten und genehmigten viergeschossigen Wohnbebauung wirkt der Neubau vermittelnd und dennoch selbstbewusst und prägnant. Das Löhehaus und das künftige Gemeindehaus rahmen den rechteckigen Dorfplatz städtebaulich überzeugend. Ein über das Raumprogramm hinaus vorgeschlagener Walmdachanbau an die hohe Giebelwand der künftig angrenzenden Wohnbebauung soll den Platz noch stärker fassen. Der private Innenhof der Wohnbebauung am öffentlichen Dorfplatz wird mit einer zweireihigen baumüberstandenen Fläche aus dem Blick genommen und abgeschirmt. Mittig vor dem Eingang zum Gemeindehaus befindet sich ein länglicher Brunnen auf befestigtem Platz, darunter wird der Keller des rückgebauten Löhehaus-Anbaus aus den 1960er Jahren raffiniert als Regenwasser-Rigole genutzt. Insgesamt entstehen gut gegliederte, differenzierte Freibereiche, die multifunktionale Nutzung des Dorfplatzes ist sehr gut nachgewiesen.

Das Gemeindehaus öffnet sich mit einem vollverglasten Foyer großzügig zum Dorfplatz, es gewährt Einblicke nach innen, lädt ein, das kirchengemeindliche Gebäude zu betreten und zu bespielen und ermöglicht gleichzeitig eine dauernde Sichtbeziehung zum Dorfplatz. Das Foyer kann auch als überdachte Freiluftbühne für den Platz genutzt werden. Der Saal befindet sich am anderen rückwärtigen Ende des Baukörpers im Garten. Dies führt zu zwei gravierenden Einschränkungen: Zum einen entstehen bei manchen Veranstaltungen Lärmschutz-Probleme in Richtung des als Wohngebäude verkauften Pfarrhauses und der Bezug zum Dorfplatz fehlt. Zum anderen entsteht zwischen Foyer und Saal ein innenliegender Mittelgang zwischen dem Erschließungsblock mit Treppenhaus, Aufzug und Garderobe im Süden und Küche/Ausschank sowie Lager im Norden. So überzeugend großzügig das Erdgeschoß bis in den Außenraum hinein konzipiert ist, bewirkt dieser Mittelgang zwischen Saal und Foyer eine deutliche Engstelle, insbesondere bei Betrieb der beiden Küchen- bzw. Ausschanktheken. Eine Zuschaltbarkeit des Foyers zum Saal ist nicht gegeben. Die Toiletten sind in einer zusätzlichen Teilunterkellerung untergebracht.

Unabhängig von diesen konzeptbedingten Nachteilen handelt es sich bei dieser Arbeit um einen in allen Aspekten sehr überzeugenden und bis hin zum Energiekonzept detailliert durchdachten Entwurfsbeitrag. Das Erscheinungsbild des giebelständigen, zweigeschossigen Satteldachbaukörpers mit verglaster Erdgeschoßzone und einem mit auf Abstand gesetzten horizontalen Holzleisten verkleidetem Obergeschoß ist klar und maßstäblich, aber nicht kleinlich. Die Formensprache, die an einen Stadel erinnern soll, scheint an diesem Standort jedoch nicht wirklich ortstypisch.
Ansicht West

Ansicht West

Ansicht Ost

Ansicht Ost

Ansicht Süd

Ansicht Süd

Lageplan

Lageplan

Fassadenschnitt

Fassadenschnitt

Herleitung Fassade

Herleitung Fassade

Piktogramm Grünplan

Piktogramm Grünplan