Mehrfachbeauftragung | 04/2026
Neubau Gemeindezentrum und Neugestaltung Dorfplatz in Neuendettelsau
©Visualisierung: Lindenkreuz Eggert
3. Rang
Brückner & Brückner Architekten GmbH Tirschenreuth I Würzburg
Architektur, Stadtplanung / Städtebau
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Verfasser:
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Mitarbeitende:
Lukas Neuner, Lukas Fischer, Vitalij Göttmann, Britta Schneider
Hoh Ingenieure und Partner mbB
TGA-Fachplanung
Erläuterungstext
Neuendettelsau wurde im 13. Jahrhundert als Straßenangerdorf angelegt und war über Jahrhunderte landwirtschaftlich geprägt. Die Straße, der langgestreckte schmale Anger und die davon abzweigenden Gassen zu Hofstellen mit Bauerngärten und grünen Platzbereichen bestimmten die Siedlungsstruktur. Die Gehöfte waren traditionell traufständig zur Straße und dem gemeinschaftlich genutzten Anger ausgerichtet. Typisch für diese offene Struktur sind schmale langgestreckte Parzellen, die eine klare Abfolge von Wohnhaus, Scheune und dahinterliegendem Garten zeigen. Charakteristisch ist der Übergang vom öffentlichen Straßenraum in halböffentliche Hofbereiche: Schmale Durchgänge verdichten den Raum, bevor sich dahinter oft überraschend großzügige Höfe und Gärten öffnen. Ein Wechselspiel von Enge und Weite prägt den Ort. Diese gewachsene Struktur bildet den Ausgangspunkt unseres Entwurfs. Wo Höfe sich öffnen und Gemeinschaft entsteht.
Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ist Neuendettelsau stark gewachsen, eine viel befahrene Straße durchtrennt heute die Gemeinde. Der Anger, der früher ein Ort der Begegnung und Kommunikation war, ist heute Hauptverkehrsachse. Es fehlen dritte Orte, die das soziale Miteinander stärken. Die Entwicklung einer neuen Mitte ist eine große Chance für Neuendettelsau.
Im Zuge der Sanierung des Löhehauses werden seine historischen Fassadenöffnungen wieder freigelegt und es bekommt eine neue interne barrierefrei Erschließung an alter Stelle mit einem Hublift für Rollstühle im bestehenden Treppenauge. Die neue Scheune wird zum selbstbewussten, prägenden Element der neuen Mitte. Ein hölzernes Tragwerk mit hölzerner Fassade auf steinernem, verputztem Sockel knüpft an die Bautradition der Region an. Ein großzügiges Falttor öffnen sich zum Platz. Das Leben aus der hölzernen Scheune fließt in den öffentlichen Raum. Sie strahlt in den Ort hinein. Sie hat nicht nur im Inneren vielfältige Möglichkeitsräume. Sie kann sogar zur Scheunenbühne werden – für ein Theaterstück oder ein Konzert des Posaunenchors, der geschützt im Foyer sitzt und von dort den Platz erklingen lässt.
Der neue Dorfplatz bietet einen zentralen Bereich für alle Menschen. Er kann multifunktional je nach Jahreszeit und Anlass genutzt werden kann. Die klare Struktur aus Platz- und Vegetationsflächen gliedert den Raum in Bereiche mit unterschiedlichen atmosphärischen Qualitäten und Funktionen. Jedem Haus ist ein Grünbereich zugeordnet: Der Saal öffnet sich zum geschützten Gemeindegarten, das Löhehaus schaut in den kleinen Pfarrgarten und von der Gastwirtschaft führt der Blick in eine Baumreihe, die gleichzeitig als Filter zum angrenzenden grünen Innenhof der Wohnbebauung dient.
Der Gemeindegarten wird als ruhiger Rückzugs- und Erlebnisraum konzipiert. Eine Blühwiese, gefasst von Mauern und Spalierobstgehölzen sowie ergänzt durch Sitzbänke, bietet Möglichkeiten zum Spielen, Feiern und Verweilen. Der befestigte Platz aus regionalem Muschelkalkpflaster fungiert zugleich als informeller Treffpunkt und Festplatz. Er erzeugt zudem einen selbstverständlichen Transitraum für Fußgänger und Radfahrer zwischen Johann Flier Straße und Hauptstraße. Stauden und Bodendecker bilden einen weichen Übergang zur viel befahrenen Straße.
Wir gestalten den Dorfplatz klimaresistent und wassersensibel. Versiegelte Flächen werden auf ein Minimum reduziert. Großkronige Bäume spenden als grünes Dach Schatten und verbessern durch Verdunstung das Mikroklima. Ein zentraler Brunnen, eine Reminiszenz an den Dorfteich des historischen Angers, unterstützt durch Verdunstungskälte die sommerliche Kühlung. Sein Plätschern schafft einen eigenen akustischen Raum, um das Verkehrsrauschen in den Hintergrund zu stellen.
Ein zentraler Baustein unserer Strategie für wirtschaftliches, nachhaltiges und energieeffizientes Bauen ist eine einfache und maximal kompakte Bauweise auf einer möglichst reduziert bebauten Fläche. Zur Optimierung von Ressourceneinsatz und Rückbaubarkeit setzen wir konsequent auf Materialehrlichkeit und sichtbare, modular rückbaubare Konstruktion. In Tradition fränkischer Scheunen werden die Außenwände im Erdgeschoss gemauert. Diese bestehen aus 49 cm starken, holzfasergefüllten Ziegeln mit hoher Dämmwirkung und überzeugen als CO2-neutrale Füllung hinsichtlich der Ökobilanzierung. Auf diesem Sockel steht ein Holzständerbau mit massiver Brettstapeldecke und Pfettendach. Nichttragende Wände werden als Holzständerwände ausgeführt. Der Heizestrich stellt flügelgeglättet den fertigen Bodenbelag dar. Keine Verklebung von Dämmschichten und Bodenbelägen. Durch die reduzierten Fensterspannweiten kommen Beton und Stahl lediglich in der Bodenplatte zum Einsatz.
Die Fassadenverkleidung mit den horizontalen und leicht geneigten Schwartenbrettern schafft nicht nur eine besondere Atmosphäre. Sie wirkt durch die Verschattung gegen das Aufheizen der Fassaden- und Fensterflächen. Im Innenraum ist die Holzstruktur an den Decken akustisch wirksam. So wird der Holzverschnitt zu einem vielseitigen Modul um Licht und Schall zu brechen. Eine helle, handwerklich gefertigte Scheune zwischen Tradition und Zukunft aus wertigen, langlebigen Materialien.
Das Energiekonzept folgt einem Low-Tech-Ansatz. Beheizt wird der Neubau über eine Luft/Wasser-Wärmepumpe mit dem natürlichen Kältemittel Propan. Das System arbeitet als durchgängiges Niedertemperaturkonzept und versorgt über die Fußbodenheizung alle Aufenthaltsbereiche. Im Sommer ist eine moderate Flächenkühlung über das System möglich; eine Taupunktüberwachung gewährleistet den sicheren Betrieb.
In die südliche Dachfläche ist ein Photovoltaikfläche mit Biberschwanz-Solarziegeln integriert. So harmoniert die neue Eindeckung mit der Deckung des Löhehauses. Der erzeugte Strom deckt vorrangig den Bedarf der Wärmepumpe sowie der Lüftungsanlage und erhöht so den Eigenversorgungsgrad des Gebäudes deutlich.
Sanitäranlagen und Küche erhalten eine mechanische Abluftführung. Für die Belüftung und Nachtauskühlung von Saal und Gruppenräumen setzen wir einen einfachen Ventilator im Giebel ein. Der Spitzboden, der alle Räume überspannt, wird so zum Lüftungskanal. Durch motorisch gesteuerte Klappen in der Decke kann die Abluft gesteuert werden. Die Frischluft kann über Lüftungselemente im Fenstersturz nachströmen, die im Winter als Wärmetauscher die Frischluft vortemperiert.
Unsere Vision für die neue Mitte ist ein lebendiger, vielfältiger und bunter dritter Ort. Ein neues Wohnzimmer für jeden, gleichberechtigt und ohne Barrieren – aber auch ein selbstbewusster Impuls für Neuendettelsau und die Menschen! Ein Ort, der Identität stiftet und Gemeinschaft stärkt. Das alles kann und muss Architektur und Baukultur leisten.
Beurteilung durch das Preisgericht
Ansicht West
©Brückner & Brückner Architekten, Tirschenreuth | Würzburg
Ansicht Ost
©Brückner & Brückner Architekten, Tirschenreuth | Würzburg
Ansicht Süd
©Brückner & Brückner Architekten, Tirschenreuth | Würzburg
Lageplan
©Brückner & Brückner Architekten, Tirschenreuth | Würzburg
Fassadenschnitt
©Brückner & Brückner Architekten, Tirschenreuth | Würzburg
Herleitung Fassade
©Brückner & Brückner Architekten, Tirschenreuth | Würzburg
Piktogramm Grünplan
©Brückner & Brückner Architekten, Tirschenreuth | Würzburg