Einladungswettbewerb | 12/2025
Neubau Kindertagesstätte Lingelfläche in Erfurt
©VITAMINOFFICE ARCHITEKTEN | plandrei GmbH
Perspektive Eingangssituation
Anerkennung
Preisgeld: 3.000 EUR
Erläuterungstext
VON HOF ZU HOF
Wettbewerbsbeitrag für die Kindertagesstätte „Springmäuse“
LEITIDEE:
Die Leitidee für den Entwurfsbeitrag der Kita „Springmäuse“ folgt einer Auseinandersetzung mit der Grenzlage des Baugebietes, der Hangsituation des Grundstückes und der Idee von einem möglichst modularen, offenen Raumkonzept. Zwei Höfe bilden Verbindungszonen zum Quartier und zum benachbarten Waldgebiet aus. Ein vorfabrizierter Holz-Mischbau, mit gleichförmigen Clustern und breiten Spielfluren, soll die Bewegung und das Spielen im ganzen Gebäude fördern. Färbung und Dachform weisen den Entwurf als Aufenthalts- und Erlebnisort für Kinder aus. Den Höhepunkt des Projektes bildet eine Rampe im Süden, die eine barrierefreie Anbindung des Obergeschosses der Ü3-Kinder mit der großzügig gestalteten Außenanlage ermöglicht.
ENTWURF UND GEBÄUDESTRUKTUR:
Die Kindertagesstätte auf der Lingelfläche im Erfurter Südosten soll als Auftakt zur westlich gelegenen Siedlung sowie Bindeglied zwischen Stadt und Steigerwald dienen. Ein auffälliger Farbton sowie begrünte Giebeldächer heben das zweigeschossige Gebäude von den Kubaturen der Wohnbauten ab. Zwei Höfe gliedern die Raumstruktur. Der westliche Hof, der sich zur verkehrsberuhigten Straße der Siedlung öffnet, fungiert als Eingangssituation und leitet Besucher über ein Vordach in das Foyer. Im östlichen Hof, der zur Stadtkante orientiert ist, wird ein markanter Bestandsbaum erhalten und wie ein Ausstellungsstück als Bezugspunkt zum benachbarten Wald inszeniert. Bewusst gesetzte Fenster lassen kontrollierende Blicke in den Eingangshof zu oder begünstigen eine Kontemplation unter dem Eindruck des erhaltenen Laubgewächses.
Die Struktur des Innenraumes entwickelt sich aus einem strengen Arrangement von Modulen mit identischer Grundstruktur. Sie bestehen aus einer zentralen Stütze sowie einem angelagerten Nasskern und kommen im Gebäude zueinander gespiegelt oder verdreht zum Einsatz. Neben statischen Vorteilen und einer möglichen Vorfabrikation, soll ein hohes Maß an Veränderbarkeit erzielt werden. Weitere Räume sind mit Leichtbauwänden in die Bauglieder eingefügt. Die Bereiche der Kindergruppen sind in diesem Projekt als gleichförmige Cluster konzipiert. Sie werden jeweils in zwei Gruppenräume, zwei pädagogische Nebenräume, eine Garderobe und einen WC-Kern unterteilt. Die Beschaffenheit dieser Cluster wird hierbei auf Flexibilität, Helligkeit und einem aktiven Spielerlebnis abgestimmt. Leichte Elemente wie Vorhänge gliedern diesen Bereich. Die Struktur erlaubt den Kindern ein kreisförmiges Durchwandern, Fangen oder Toben. Eine Möbelschicht mit integrierten Sitzfenstern sowie abseitig platzierte Ruhe- oder Schlafräume sorgen für den notwendigen Rückzugsraum.
Ein zentrales Entwurfsthema ist der Bezug zwischen den Clustern und dem weitläufigen Außenbereich. Großformatige Fenster betonen zunächst die Blickrichtung gen Süden oder verknüpfen die Höfe mit dem Innenraum. Mit bodentiefen Fenstern wird zugunsten von Sitzflächen sehr sparsam umgegangen. Balkone oder Laubengänge bleiben im Entwurfskonzept vorerst unbeachtet.
Während also beengte Konstrukte für den bloßen Kontakt mit der Außenluft vermieden werden, wird die gerichtete Bewegung in den Freiraum selbst zum Entwurfskonzept: In jedem Geschoss befindet sich ein breiter Ausgang auf die Freiflächen, der direkt neben den Clustern platziert ist und über den zentralen Spielflur an das restliche Gebäude angebunden wird. Diese Ausgänge sind zudem jeweils als Windfang mit Sauberlauf ausgebildet. Ablagen für Schuhwerk und Kleiderhaken vervollkommnen die Ausstattung des Bereiches. Hier ist in Kombination mit den Garderoben der Cluster zu jeder Zeit und jedem Wetter ein direkter Ausgang ins Freie möglich - ohne den Betrieb im restlichen Gebäude zu beeinflussen. Im Zusammenspiel zwischen Landschaftsarchitektur und Gebäudeentwurf wird ein barrierefreier Zugang über eine Rampe sogar im Obergeschoss gewährleistet. Die Topographie wird hier ebenfalls genutzt, um den Freiraum der Kleinkinder im Erdgeschoss von dem restlichen Grundstück auszudifferenzieren. Weitere Räume werden durch das Thema des Clusters in Einheiten gefasst. Das zweigeschossige Foyer / der Marktplatz ist beispielsweise mit dem benachbarten Bewegungsraum zu koppeln sowie über eine Treppe an die Kinderküche angebunden. Die Werkstatt, das Atelier und der Snoozleraum sind zum Cluster der Kreativität zusammengefasst. Von Modul zu Modul bildet der breite Spielflur die zentrale Achse aus, die in diesem Entwurf von Hof zu Hof bis zu dem Ausgang in das Spielgelände führt.
NACHHALTIGKEIT UND ENERGETISCHES KONZEPT:
Die Gebäudestruktur der Kindertagesstätte soll in einer Holzmischbauweise ausgeführt werden. Für zentrale Bauglieder der Module sowie für Fundamente werden die tragenden Eigenschaften von Betonfertigteilen in Anspruch genommen. Weitere Strukturen wie Ausfachungen, Trennwände oder Deckenplatten, sind als Holzrahmenbau auszuführen. Bei diesem Gebäudeentwurf kann zudem auf einen Keller verzichtet werden. Die Fassade ist als vorgehängte, hinterlüftete Holzkonstruktion mit vertikaler Lattung gedacht. Als Dämmstoff findet Holzwolle Verwendung. Das bildprägende Dach stellt sich als flach geneigtes Gründach mit extensiver Begrünung dar und soll zur Rückhaltung des Regenwassers beitragen. Bei der Neigung des Daches bietet sich überdies die Installation von Solarmodulen an. Für das Rohmaterial des Holzes sowie für die Baustoffe im Innenraum sollte die Wahl auf regionale und naturfreundliche sowie im besonderen Sinne für die Kinder chemisch unbedenkliche Stoffe fallen. Nachhaltigkeit und Natürlichkeit können ganz allgemein ein wichtiger Bestandteil eines pädagogischen Konzeptes sein.
LANDSCHAFTSARCHITEKTUR UND REGENWASSERMANAGEMENT:
Die Freianlagen nehmen das Potential der vorhandenen Gehölzstrukturen und der naturräumlichen Nähe zum Steigerwald thematisch auf und verdichten dies zu einer naturnahen und artenreichen Spiellandschaft. Im Sinne des Pädagogischen Konzeptes wird die Wahrnehmung des Kindes in den Vordergrund gestellt und die Möglichkeit der selbstbestimmten Aneignung des Naturraumes umgesetzt. Somit wird langfristig das Erscheinungsbild der Freianlage auch durch die Nutzung der Kinder gestaltet. Im vorliegenden Entwurf werden vielfältige und altersgerechte Angebote als Bewegungs- und Spielräume geschaffen. Die Struktur der Freiräume wird durch eine bandförmige Rollerstrecke als Loopstrecke mit Verkehrslinierung miteinander verbunden. Anschließende Geländeflächen folgen der Topografie und werden in Teilbereichen mit Böschungen und Hügeln modelliert. Zu den Grundstücksrändern nach Norden, Westen und Süden wird der Gehölzbestand durch Baum- und Strauchpflanzungen, sowie durch die Anlage von Krautsäumen ergänzt. Insgesamt werden 39 Bäume in entsprechenden Qualitäten neu gepflanzt.
SPIELANGEBOTE UND FUNKTIONSRÄUME:
Aufgrund der Altersstruktur werden die Spielangebote in räumlich voneinander abgegrenzten Funktionsräumen gebündelt und sind somit in Aufsicht und Betreuung einfach zu handhaben. Für die Gruppe der unter 3-Jährigen steht der Gartenhof südlich des Gebäudes mit einer Fläche von 500 qm zur Verfügung. Im Westen und Süden erstreckt sich der Spielbereich für alle über 3-jährigen Kinder. Er stellt den Großteil der Freianlage dar, schmiegt sich landschaftlich um den Neubau und integriert diesen ganz selbstverständlich in das natürliche Umfeld. Durch den Erhalt und die Ergänzung des vorhandenen Baumbestandes und die rahmende Strauchpflanzung wird er zu einem interessanten Refugium und lässt viel Raum für kreatives und naturnahes Spiel zu. Nördlich schließt der Werkstatthof an. Dieser Bereich ist als eigenständige Aktionsfläche zu verstehen und wird mit einem Werkstattgebäude ausgestattet. Dieser Bereich ist eingezäunt und über Tore erreichbar. An der nördlichen Grundstücksgrenze ist im Nahbereich der Küche ein Wirtschaftshof eingeordnet. Hier erfolgt die Anlieferung und Entsorgung von Müll in einer dachbegrünten Einhausung.
Der Eingangshof ist ein einladender Platz mit einer grünen Bauminsel, Bankelement und Fahrradstellplätzen direkt an der Erschließungsstraße. Im Vorfeld der straßenbegleitenden Fassade wir das Parken für PKW organisiert. Insgesamt werden die 5 geforderten Stellplätze nachgewiesen. Optional kann die Reihung aus Stellplätzen und Bäumen in südlicher Richtung um 4 Stück erweitert werden. Auf dem Eingangshof werden 10 Fahrradstellplätze ausgewiesen.
MATERIALITÄT:
Alle verwendeten Materialien sollen den naturnahen Charakter der Freianlage unterstützen. Neben der Rollerstrecke aus Ortbeton kommen versickerungsfähige Pflastermaterialien, sowie unbefestigte Flächen als Fallschutzbereiche in Form von Sand, Kies und Holzhäckseln zum Einsatz. Die Spielgeräte aus heimischem Stammholz fügen sich harmonisch in den Naturraum ein.
UMGANG MIT DEM NIEDERSCHLAGSWASSER:
Aufgrund der verwendeten, versickerungsfreundlichen Materialien wird ein hoher Grad an Versickerung und Retention zu erwarten sein. Die Rollerfläche mit ihrer versiegelten Oberfläche kann in Mulden als Bestandteil der angrenzenden Grünflächen entwässert werden. Dennoch ist es notwendig ein Mindestangebot an Einläufen im Bereich von Höfen und vor bodentiefen Türen anzubieten. Das hier anfallende Wasser wir mit dem Dachwasser in einer entsprechenden Zisterne aufgefangen und dient der Bewässerung des Gartens. Bei Bedarf wird ein Überschuss gedrosselt an das öffentliche Netz abgegeben.
Beurteilung durch das Preisgericht
Der Entwurf besticht durch das Konzept der zwei grünen Erschließungshöfe und den darum gruppierten Gebäude-Clustern. Dadurch ergibt sich eine sehr ansprechende Verzahnung zwischen Außen- und Innenbereich. Die Leitidee wurde ansprechend umgesetzt.
Das Baufeld wurde im städtebaulichen Kontext optimal genutzt. Der Müllplatzsammelplatz sowie die Außenwerkstatt liegen außerhalb des Baufeldes. Das Werkstattgebäude ist planungsrechtlich unzulässig und wird städtebaulich kritisch gesehen. Das Müllgebäude wäre planungsrechtlich zulässig, jedoch städtebaulich an dieser Stelle nicht wünschenswert. Die städtebaulichen Anforderungen an die gestalterischen Begrenzungen des Bearbeitungsgebietes (z.B. Grünstreifen zur Martin-Andersen-Nexö Straße), die Berücksichtigung der Gehölzgürtel (E1+E2) und Erschließungsbereich zur Zäunemannweg wurden eingehalten, wenn auch die Einordnung des großen Werkstatthofes und der Außenwerkstatt in die Fledermausroute E1 kritisch gesehen wird.
Die Freiflächen sind sehr hochwertig gestaltet, sehr gut gegliedert und ausdifferenziert. Auch die Abgrenzung von U3 und Ü3 Freibereich ist sehr gut gelungen. Die Pflege der Außenbereiche ist durch die vielen Zufahrten sehr gut realisierbar. Die barrierefreie Erschließung ist gut gelungen. Positiv zu bewerten sind die unabhängig vom Eingangshof funktionierenden Zugänge für die Anlieferung sowie für die Abholung aus dem Freibereich.
Der Baukörper fügt sich sehr gut in die natürliche Topografie ein, sodass relativ wenige Auf- und Abgrabungen erforderlich sind.
Die Schrägdächer sind für die geforderte Regenwasserrückhaltung auf dem eigenen Grundstück bedingt nutzbar. Es werden zusätzliche Maßnahmen zur Regenwasserrückhaltung auf dem Grundstück erforderlich.
Die beschriebenen Gebäude-Cluster sind sowohl im Grundriss als auch in der Gebäudekubatur sehr gut ablesbar. Sie bilden gleichzeitig funktionale Raumbereiche. Das äußere Erscheinungsbild zur Straße ist eine ruhige Lochfassade, in der sich der Eingangsbereich durch eine Fassade mit hohem Glasanteil sehr gut ablesen lässt. Prägendes Element der Fassadengestaltung ist das natürliche Material Holz. Die Fensterflächen zum grünen Außenbereich sind großzügiger gestaltet, wodurch die gewünschten Blickbeziehungen von Innen- und Außenbereich ermöglicht werden.
Konstruktiv bietet der vorfabrizierte Holz-Mischbau Vorteile in einer freien und flexiblen Grundrissgestaltung und einer kurzen Bauzeit.
Positiv bewertet wird die hohe Flexibilität in der Grundrissgestaltung und Zusammenschaltung von Räumen durch die tragenden Elemente der Kreuzstützen aus Holz.
Der zentral gelegene Markplatz ist großzügig und ansprechend gestaltet. Die gewünschte Abtrennung zum Bewegungsraum ist umgesetzt. Diese zentrale Zone lässt sich aus schallschutztechnischer Sicht sehr gut zu den Gruppenräumen abtrennen. Die Anordnung der technischen Nebenräume im Norden des Gebäudes wird als funktional gelungen bewertet.
Die vom Verfasser hervorgehobenen Spielflure funktionieren nur bedingt, da sie Erschließungsbereiche für Büroräume sowie Garderoben sind, die oft einen hohen Verschmutzungsgrad haben.
Die vorgeschlagene Abtrennung der Gruppenräume allein durch Vorhänge ist in der Praxis nicht umsetzbar. Im Falle einer Weiterbearbeitung des Entwurfes müssten alternative dauerhafte Raumabtrennungen geprüft werden. Als ungünstig wird gesehen, dass die Sanitärbereiche nur über den Garderobenbereich erreichbar sind.
Im Obergeschoss sind die Funktionsräume teilweise sehr weit von den Gruppenräumen entfernt, was die Nutzbarkeit im Alltag einschränkt.
Das beabsichtigte offene Raumkonzept wird durch die Zonierung der Cluster nicht vollumfänglich erreicht. Durch die Anordnung der Cluster in Reihe entlang eines zentralen Flurbereiches wirkt der Marktplatz funktional eher als eigenständige Zone und weniger als Mittelpunkt des pädagogischen Alltages. Bei einer Weiterbearbeitung des Entwurfes wäre anzuregen Krippen- und Elementarbereich in den Geschossen zu tauschen, um die Nutzbarkeit des Freibereiches zu optimieren, da beispielsweise die schön gestaltete Sitztreppe für U3-Kinder nicht nutzbar ist.
Die große Fassadenfläche / thermische Gebäudehülle wird im Sinne der energetischen Wirtschaftlichkeit als ungünstig gesehen. Der Baukörper fügt sich sehr gut in die natürliche Topografie ein, sodass relativ wenige Auf- und Abgrabungen erforderlich sind. Die Bauzeit wird durch die Modulbauweise als relativ kurz eingeschätzt. Das Gebäude weist den im Vergleich zu den anderen Beiträgen der Auslobung die höchsten Werte der BGF und BRI auf, was auf höhere Baukosten schließen lässt.
Der Gesamtentwurf überzeugt durch das Prinzip der offenen Höfe, der dadurch entstehenden Verzahnung zwischen Innen – und Außenbereich und einer sehr hochwertigen Gestaltung der Freiflächen.
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Perspektive Garten Anlieferung
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Perspektive Freianlagen
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Lageplan gesamt
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