Offener Wettbewerb | 07/2025
Neubau Stadtgeschichtsmuseum in Schwerin
©JWA | Jan Wiese Architekten, bloomimages
Blick vom Schlachtermarkt
1. Preis / Zuschlag
Preisgeld: 37.000 EUR
Architektur
-
Verfasser:
-
Mitarbeitende:
Thomas Stadler, Axel Burkhard, Niklas Kelter, Frithjof Meissner
Tragwerksplanung
Duschl Ingenieure GmbH & Co.KG
TGA-Fachplanung
hhpberlin - Ingenieure für Brandschutz GmbH
Brandschutzplanung
Visualisierung
Design
Erläuterungstext
Ein Museum für die Stadtgeschichte Schwerins
Zwei Ebenen architektonischer Verantwortung
Mit dem Neubau eines Museums zur Geschichte Schwerins entsteht ein Ort, der in zweifacher Hinsicht Verantwortung trägt: Als Träger des kulturellen Gedächtnisses und als architektonischer Beitrag zur Stadtentwicklung.
Das Museum versteht sich einerseits als räumliches Archiv – als Gefäß für Objekte, Narrative und Interpretationen, die das historische Selbstverständnis der Stadt konstituieren. Es bewahrt, ordnet und vermittelt – offen zugänglich für alle, die an der Weitergabe kollektiver Erinnerung mitwirken möchten. Es steht damit in der Tradition öffentlicher Bildungsinstitutionen, die Vergangenheit nicht nur dokumentieren, sondern für Gegenwart und Zukunft lesbar
machen.
Gleichzeitig formuliert der Neubau eine architektonische Haltung. In der Residenzstadt Schwerin – mit ihrem gewachsenen Gefüge und ihrer hohen stadträumlichen Dichte – ist jede bauliche Intervention eine Positionierung. Der Entwurf sucht nicht nach Dominanz, sondern nach einer eigenständigen Präsenz, die sich aus dem Ort ableitet. Er balanciert zwischen Einfügung und Interpretation, zwischen städtischer Kontinuität und zeitgenössischem Ausdruck.
Der vorgeschlagene Baukörper ist in diesem Sinne beides: Ein Speicher kultureller Inhalte und ein architektonisches Statement, das sich in das Ensemble einfügt, ohne sich anzupassen. Es ergänzt das Bestehende mit Würde – und bringt zugleich eine zurückhaltende Zeitgenossenschaft in die Sprache des Ortes ein.
So wird das Museum selbst Teil der Erzählung. Nicht nur durch das, was es zeigt – sondern durch das, was es ist.
Beurteilung durch das Preisgericht
Der Entwurf schlägt für die Erweiterung eine durch drei parallele Satteldächer gegliederte Kubatur vor. Traufständig ergibt sich zum Schlachtermarkt ein schön proportionierter Baukörper, der gegenüber dem Seitenflügel des Bestands um einige Meter abgerückt ist.
Zur Schlachterstraße zeigt sich das Haus dann mit drei schmalen, leicht gegeneinander versetzten Giebeln. Die in direkter Fortsetzung aus den beiden Seitenflügeln des Bestandes abgeleitete Form wirkt im Kontext gleichermaßen vertraut wie eigenständig. Ausgeführt in einem mit prägnantem Relief vermauerten Ziegel entsteht so ein zeitgemäßes Bild für das neue Museum für Stadtgeschichte. Die Fassade zum Schlachtermarkt präsentiert sich in den Obergeschossen weitgehend geschlossen im Erdgeschoß aber mit einer großzügigen Öffnung für das Café. Das Museum selbst wird durch eine mit einem Bogen gefasste Öffnung in dem niedrigeren Zwischenbauteil betreten; diese Anordnung hat Vorteile für die innere Organisation, sie wird aber wegen der Ähnlichkeit mit einer Hofzufahrt von Teilen des Preisgerichts als unangemessen kritisiert.
Die innere Organisation folgt für den Neubau konsequent der aus dem Bestand abgeleiteten Dreiteiligkeit. Welterbezentrum, Museum und Sonderausstellungsflächen im Untergeschoß werden über das Foyer im überdachten Innenhof sinnvoll und unmittelbar verständlich er- schlossen. In den Obergeschossen entstehen großzügige Ausstellungsflächen, in deren guten Proportionen der Bezug zum Bestand an jeder Stelle gegenwärtig ist. Auch wenn der Neubau im Stadtraum mit einer gewissen Eigenständigkeit auftritt, werden im Inneren Bestand und Erweiterung als Einheit verstanden.
Die Eingriffe in den geschützten Altbau erscheinen im Erdgeschoß (zur Unterbringung der Ausstellungsflächen) vertretbar, in den für die Verwaltung genutzten Bereichen in den beiden Obergeschossen sind die Eingriffe aber mehrheitlich unnötig. Nicht akzeptabel ist der Standort des Aufzugs im Gewölbekeller. Positiv ist hingegen der Erhalt der Dachlandschaft, die hier ja entwurfsbestimmend und auch vom Schlachtermarkt aus gut einsehbar ist.
Die Kennzahlen liegen leicht über dem Durchschnitt der eingereichten Arbeiten und auch die nahezu vollständige Unterkellerung der Erweiterung belastet die Wirtschaftlichkeit. Dem steht mit der ‚Dreischiffigkeit‘ eine klare Tragstruktur mit kurzen Spannweiten gegenüber. Die vorgeschlagene, gemauerte Dachdeckung ist für die Wirkung entbehrlich und würde zu erheblichen zusätzlichen Herstellungs- und Unterhaltsaufwendungen führen.
Die konzeptionellen Ansätze den Neubau umweltverträglich und reversibel zu errichten und mit regenerativen Energiequellen zu versorgen werden positiv bewertet.
Der Beitrag überzeugt mit seiner klaren, aus dem Bestand abgeleiteten räumlichen Struktur. Das Bild des Museums für Stadtgeschichte wurzelt im Kontext der Stadt und hat zugleich einen eigenständigen, kraftvollen Charakter.
©JWA | Jan Wiese Architekten, Maquette
Modell
©JWA | Jan Wiese Architekten
Lageplan
©JWA | Jan Wiese Architekten
Erdgeschoss
©JWA | Jan Wiese Architekten
1. Obergeschoss
©JWA | Jan Wiese Architekten
Ansicht Süd
©JWA | Jan Wiese Architekten
Fassadendetail