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Mehrfachbeauftragung | 10/2024

Neubau Wohn- und Geschäftshaus Obere Wässere in Reutlingen

Neubau Wohn- und Geschäftshaus, Quartier Obere Wässere, Reutlingen
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Neubau Wohn- und Geschäftshaus, Quartier Obere Wässere, Reutlingen

Teilnahme

herrmann+bosch architekten

Architektur

bäuerle landschaftsarchitektur + stadtplanung

Landschaftsarchitektur

C4 engineers GmbH

Tragwerksplanung

CAPE | climate architecture physics energy

Bauphysik

florian weinmann

Modellbau

Erläuterungstext

Leitidee
Im Quartier Obere Wässere wird im direkten Anschluss an die Altstadt Reutlingens ein prägnanter, innovativer und zukunftsweisender Stadtbaustein gesetzt. Eine markante Adresse wird gebildet, die allen angrenzenden Nachbarbebauungen Rechnung trägt. So entsteht ein Gesamtensemble, welches zukünftig als besonders attraktives, lebendiges und hochwertiges Areal erlebt werden wird.
Aufgrund schwankender Rohstoffpreise sowie der drohenden Klimakatastrophe gilt es besonders bedacht mit Ressourcen umzugehen. Aus diesem Grunde sollte alles darangesetzt werden, möglichst effizient und mit Materialien aus nachwachsenden Rohstoffen zu bauen. Die Wertschätzung von Land, Material und Mensch ist unser oberstes Ziel. So wird das Areal möglichst effizient bebaut, Außenräume bleiben möglichst unversiegelt. Der leichte, maximal vorgefertigte Holzrahmenbau wirkt sich maßgeblich positiv auf die CO2-Bilanz des Areals aus. Auf sozialer Ebene entsteht ein gesunder Lebensraum für alle Menschen – im Fokus steht gesundes und gemeinschaftliches Wohnen und Leben.
Städtebau und Architektur
Im Spannungsfeld zwischen der kleinteiligen Altstadtbebauung auf der gegenüberliegenden Albstraßenseite und der südlich direkt angrenzenden großmaßstäblichen Bebauungen werden zwei Gebäude vorgeschlagen, die zwischen den unterschiedlichen Typologien vermitteln. Auf Markthallen-Niveau wird ein Erdgeschoss gebildet, welches zur Albstraße hin im Erdreich sitzt. Dieses Geschoss öffnet sich großzügig zur Innenhofsituation und bespielt den Außenraum mit öffentlichen Nutzungen wie einem Drogeriemarkt und einem gastronomischen Angebot. Im Hang werden Nebenräume und Stellplätze untergebracht. Auf diesem Sockel wachsen zwei Bauteile empor. Der Albstraße folgend wird ein schlankes und mit insgesamt vier Vollgeschossen niedriges Gebäude vorgeschlagen. So wird mit der Traufe die Gebäudehöhe der Nachbarbauten aufgenommen, zwei Staffelgeschosse springen zurück und treten vom Stadtraum aus nicht in Erscheinung. Außerdem wird dadurch die natürliche Belichtung bzw. Besonnung des Straßenraums gefördert. Durch ein leichtes Zurückspringen der Albstraßen-Fassade im Vergleich zu den drei vertikalen Erschließungselementen entsteht eine Gliederung der ansonsten langen Fassadenabwicklung. Gleichzeitig wird analog zur gegenüberliegenden Bebauung eine wohltuende Kleinteiligkeit erzeugt. In den großzügigen Eingangsbereichen der Treppenhäuser, welche die Wohnungen in den Obergeschossen erschließen, ist ausreichend Raum für Briefkastenanlagen, Kinderwägen und Informationen. Die unterschiedlich großen, flexibel nutzbaren und gegebenenfalls unterteilbaren Gewerbeeinheiten öffnen sich mit großen Schauflächen zum großzügigen, von Bäumen beschatteten Vorbereich zur Albstraße hin.
Im ersten Obergeschoss sind hauptsächlich Maisonette-Wohnungen geplant, welche über eine Wendeltreppe und einen Luftraum mit dem Erdgeschoss verbunden sind und über einen privaten Garten verfügen.
Als zweiter Baustein markiert der Hochpunkt selbstbewusst die Quartiersmitte und bildet mit den beiden Hochpunkten in der Nachbarschaft ein Trio. Über zwei innenliegende Treppenhäuser werden die hochwertigen Wohnungen in dem achtgeschossigen Gebäude erschlossen. Durchgesteckte und/oder zum Quartiersplatz orientierte Wohnungen erfreuen sich bester Belichtungs- und Belüftungsmöglichkeiten. Mit jedem Geschoss nach oben kommend, eröffnet sich ein noch besserer Blick über die Stadt. Zwei kleinere, sich zum grünen Hof hin öffnende Wohnungen sind an das Sicherheitstreppenhaus mit Schleuse angeschlossen, sodass diese nicht von außen durch die Feuerwehr angeleitert werden müssen. Nahezu jede Wohnung verfügt über Tageslichtbäder, sämtliche Hauptwohnräume öffnen sich großzügig zu den privaten Außenräumen, welche in Form von Terrassen, Balkonen und Loggien angeboten werden. Die Penthäuser in den obersten Geschossen verfügen über großzügige Dachterrassen über die gesamte Wohnungslänge.
Freianlagen
Sämtliche bereits vorhandenen Erschließungswege werden erhalten und gestärkt. So wird die Altstadt mit dem neuen Ensemble über den Quartiersplatz bis hin zur Markthalle zu einem zusammenhängenden Raumkontinuum verwoben. Zwischen den beiden Gebäuden kann dank eines großzügigen Bodenaufbaus ein saftig grüner Zwischenbereich mit privaten Gärten für die Erdgeschosswohnungen entstehen. Zentrales Element im öffentlichen Außenraum ist der Quartiersplatz samt Teich. Durch unterschiedliche Möblierungen mit losen und festen Sitzmöbeln, Liegewiesenflächen und Holzdecks wird ein differenziertes Angebot geschaffen. Die Belagsmaterialien sollen möglichst nachhaltig mit Pflastersteinen aus gebrauchten, regionalen Natursteinpflaster ausgeführt werden. Der Versiegelungsgrad wird dank breiter Sickerfugen und Rasengittersteinen möglichst gering ausfallen, um Starkregenereignisse zukünftig besser auffangen zu können. Die Freiflächen werden grundsätzlich nach dem Schwammstadt-Prinzip gestaltet und entwickelt. Mehrfachnutzung von Räumen steht hierbei ebenso im Fokus wie das ausgewogene Miteinander von Mensch und Natur. So soll alles anfallende Oberflächenwasser auf dem Grundstück zurückgehalten und versickert werden. Retentionsflächen - wie die zentrale Wasserstelle - und Zisternen sammeln das Oberflächenwasser und führen es an geeigneten Stellen wieder in den Kreislauf ein bzw. machen es an den Oberflächen zur Bewässerung wieder verfügbar.
Durch die Neupflanzung von Bäumen, Sträucher und Hecken wird im Sommer für Schatten wie auch die Verbesserung des Mikroklimas gesorgt. Hier sollen Arten und Sorten angepflanzt werden, die einerseits an das sich wandelnde Klima angepasst sind und sich andererseits auch für Wohnbebauungen eignen. Dabei funktionieren diese Flächen auch als Klimaraum mit Kaltluftentstehung und Verdunstungskühlung.
Konstruktion und Materialien
Eine effiziente und einfache Bauweise mit hohem Vorfertigungsgrad steht im Mittelpunkt des Tragwerksentwurfs. Der Materialverbrauch bestimmt die Wirtschaftlichkeit sowie die Emissions- und die Ressourceneffizienz der Baukonstruktion. Dieser lässt sich am effizientesten durch die Begrenzung der Spannweite reduzieren. Das Tragwerk ist als hybride Konstruktion aus Holz und Stahlbeton vorgesehen, wobei der Einsatz von Beton auf die Erschließungskerne, das Untergeschoss und die Gründung minimiert wurde. Die Materialien werden entsprechend ihrer Stärken eingesetzt, die Bauzeit durch Vorfertigung optimiert.
Energiekonzept
Das Ziel des nachhaltigen Gebäudeensembles wird durch ein abgestimmtes Konzept aus Gebäudestruktur, Wärme- und Kälteversorgung, Lüftung sowie Tageslichtversorgung erreicht und bietet so den Nutzern einen hohen Komfort bei gleichzeitig geringem Energiebedarf im Betrieb. Dabei wurde Wert auf eine hohe Nutzerzufriedenheit sowie ein robuste Anlagentechnik gelegt.

Beurteilung durch das Preisgericht

Der Entwurf für ein neues Wohn- und Geschäftshaus Obere Wässere in Reutlingen formuliert ein selbstbewusstes, plastisch ausformuliertes städtebauliches Gebäudeensemble auf polygonalem Grundriss.

Der Versuch der Entwurfsverfasser:innen eine möglichst hohe Dichte am Standort zu generieren, und dies über zwei Gebäudescheiben auf einem gemeinsamen Sockel abzubilden, wird von der Jury überaus kritisch bewertet. Die Abstandsfläche zwischen den beiden Hochpunkten, werden als deutlich zu gering erachtet. Dies führt zu einer inakzeptablen Tageslichtversorgung der unteren Wohnebenen. Der westlich platzierte Gebäuderiegel erscheint zudem zu voluminös in Relation zum städtebaulichen Umfeld. Hier stimmt die bauliche Körnung nicht.

Die Erschließungssituationen sowohl für den Fahrverkehr, als auch für die Wohnungen werfen Fragen der topographischen Einbindung und in Teilen auch der angemessenen Adressbildung auf. Die innenliegenden Wohntreppenhäuser im westlichen Gebäude wurden brandschutztechnisch unterschiedlich behandelt, was unverständlich erscheint. Auch die Wohnungszuschnitte der angebotenen Wohnungstypologien können nur in Teilen überzeugen.

Die grundsätzliche Gliederung der Aussenanlagen in die private Fuge zwischen den Gebäuden und die Zonierung des öffentlichen Raums um die Gebäude in einen Aufenthalts- und Bewegungsbereich sind nachvollziehbar, ebenso die Aussagen zum Umgang mit dem Regenwasser. Die Enge des privaten Zwischenraumes läßt aber keine gute Aufenthaltsqualität zu. Die Ausgestaltung des öffentlichen Raumes ist funktional richtig, erscheint aber unausgewogen. Die Angaben zur Fassadengestaltung erscheinen nicht glaubwürdig.

Der Entwurf liegt mit seinen Flächen- und Kubatur-Kennwerten im obersten Bereich, was sich wiederum in den hohen Gesamtbaukosten wiederspiegelt. Das energetische Konzept ist allgemein beschrieben. Zusätzlich zum Konzept einer Wärmepumpe, PV und Geothermie wird eine Abluftwärmepumpe vorgesehen. In den Wohnbereichen sollen Heiz-/Kühldecken eingesetzt werden. Eine CO2 Neutralität erscheint fragwürdig. Die Darstellung des Tragwerks im Zusammenhang mit der internen Versorgungs- und Entsorgungsstruktur erscheint nicht gelöst. Die Anordnung der Baukörper lässt eine schlechte Durchlüftung und Belichtung erwarten.

Die architektonische Gestalt des Entwurfs wirkt der Aufgabe gegenüber nicht angemessen, besonders in Bezug auf die städtebaulichen Aspekte.

Zusammenfassend kann zudem festgehalten werden, dass hinsichtlich der nachhaltigen Aspekte nur ein geringer Beitrag zu sehen ist.
Lageplan

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Piktogramme

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