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Einladungswettbewerb | 02/2025

Neubau Wohnen im Zentrum Bot Hannes in Herisau (CH)

Wohnen im Zentrum
1

Wohnen im Zentrum

2. Rang / 2. Preis

Preisgeld: 23.000 CHF

Cukrowicz Nachbaur Architekten ZT GmbH

Architektur

Carla Lo Landschaftsarchitektur

Landschaftsarchitektur

Cioce AG

TGA-Fachplanung

Baubüro Hollenstein

Brandschutzplanung

Ghisleni Partner AG

Projektsteuerung

sonaar - visualisierung & photographie

Visualisierung

SM MODELL Martin Stocker

Modellbau

Erläuterungstext

Das Konzept basiert auf der grundsätzlichen Entscheidung das Stammhaus als identifikationsstiftendes Element zu erhalten. Ortsbaulich gut und wertvoll gesetzt bildet es als „Ankergebäude“ den charmant ausstrahlenden und emotional aufgeladenen Auftakt zur neuen Quartiersbebauung. Zwei neue Baukörper mit Satteldächern und Kreuzgiebeln übernehmen den historischen Rhythmus der charakteristischen Dachlandschaft, sie respektieren den historischen Kontext, folgen der örtlichen Bautypologie und ergänzen die Bestandssituation als locker gesetzte solitäre Volumen und Passstücke, deren bewusste Ausrichtung an den Höhenlinien Baukörperstaffelungen (anstelle von Parallelbebauungen) entlang der Eggstrasse entwickeln. Die leichte Auffächerung integriert die umliegenden Bestandsstrukturen samt Stammhaus ins strukturelle System. Die präzise Setzung mit leichter Verdrehung der Neubauten sucht Ausgewogenheit im bestehenden Quartier, sie schafft maximalen Aussenbezug und maximale Durchlässigkeit sowie eindeutige sowie gut proportionierte Freiräume, gute Durchwegungen mit Anschlüssen an bestehende Wegstrukturen, eine neue Wegverbindung in die Altstadt (Oberdorfstrasse) und mit einer gemeinsamen Freiraumsituation durch Partizipation aller Bestands- und Neubauten eine neue Mitte. Im Bereich der Sonneggstrasse 4 wird die lineare Punktbebauung mit einem dritten Baukörper als Ersatzbau weitergeführt und ergänzt. Einfache Strukturen garantieren Wirtschaftlichkeit und optimale
betriebliche Abläufe, eine kompakte Organisation minimiert Fussabdruck, Kosten und Weglängen. Die Konzeption entwickelt sowohl optimierte Nutzungen mit störungsfreiem Betrieb als auch starke Identitäten sowie einzigartige und unverwechselbare Charaktere mit hohem Wiedererkennungswert. Unsere Häuser wollen nicht laut sein, sie wollen sich integrieren in die Strukturen ihrer Umgebung und Elemente sein, die kommunizieren, in Resonanz treten und Mehrwerte darstellen für ihre Nachbarschaft und das ganze Quartier. In diesem Zusammenhang interessiert uns vor allem auch die Materialität, welche neben der Form den Ausdruck der Häuser bestimmt.
Gefragt sind Kleider, welche sich gegenüber der Umgebung zurücknehmen, sympathisch wirken und ihren jeweils eigenen Charakter und Ausdruck transportieren. Wir finden mit Holz auch ein Material mit hohen haptischen und atmosphärischen Qualitäten, es ist nachhaltig, bodenständig, regional, zurückhaltend, robust und selbstverständlich und entwickelt angenehme Raumstimmungen und vertraute Atmosphären. Der Baustoff wird sowohl für die konstruktiven Elemente als auch für den Innenausbau verwendet. Die Fassaden sind analog den historischen Vorbildern horizontal gegliedert und geschindelt. Wir finden mit Holz ein Material, das imstande ist, den Bogen zu spannen zwischen Angemessenheit gegenüber der Aufgabe, industrieller Fertigung, wirtschaftlicher und schneller Bauweise, höchsten ökologischen Standards sowie guter Wohnatmosphäre.

Beurteilung durch das Preisgericht

Städtebau
Das historisch bedeutende Gebäude der ehemaligen Fuhrhalterei ist Generator und Narrativ des Projekts zugleich. Die Abmessungen und Geometrie des Stammhauses werden übernommen, zusammen mit den Neubauten bilden sie das strukturelle System des Entwurfs. Mit drei präzis gesetzten, linearen Volumen als eigentliche Passstücke zwischen den bestehenden Häusern gelingt es den Verfasser:innen, die Perlenschnur von Einzelbauten zu einem nachvollziehbaren und logischen ortsbaulichen Muster an der Eggstrasse zu formen.

Durch das klare geometrische System von sich wiederholenden Abmessungen und den Bezügen in der Ausrichtung zum Bestand wird ein harmonisches Gleichgewicht der Bauten zueinander und zum Ganzen erreicht. Die schmalen Giebelfassaden werden zu Hauptfassaden, sie rhythmisieren zusammen mit den Bestandesbauten die Bebauung und bilden die neue Adresse des Ortes. Die zwei vergleichbaren, leicht zueinander abgedrehten Gebäude folgen schön den Höhenkurven. Das dritte, ebenfalls Teil des Systems, steht entlang der Sonneggstrasse und bildet den oberen Abschluss zum gemeinsamen Aussenraum. Durch die Typologie und Setzung der Gebäude entstehen unerwartete, übergeordnete Sichtbezüge und Transparenz.

Leider sind die Fragen des «Dazwischen« im Projekt nur ungenau beschrieben. Das betrifft auch den Zwischenraum und die Sicht des historisch wichtigen Gebäudes an der Sonneggstrasse 2. Mit einer minimalen Justierung des Volumens würde die Situation verbessert.

Erschliessung
Den topografischen Gegebenheiten entsprechend liegt die Parkgarage auf zwei Ebenen. Genau übereinander gelegen, erschliesst sie die drei Neubauten und die Alterssiedlung. Ihre bauliche und funktionale Effizienz ist offensichtlich, das beweist die einfache Struktur im Schnitt. Alternativ wäre eine öffentliche Nutzung statt dem Garageneingang am städtebaulich wichtigen Ort, vis-a-vis des Stammhauses erwünscht.

Freiraum
Der Hof ist die grüne Mitte mit Aufenthalts- und Spielmöglichkeiten. Drei Gebäude werden direkt an den Hof angebunden. Durch diese Verbindung rückt der Hof zumindest in Teilen der Siedlung ins Zentrum und dürfte durch die Bewohnenden auch genutzt werden. Die Durchwegung bietet viele Möglichkeiten, nach Hause zu kommen oder sich durch die Siedlung zu bewegen. Die Lage der Ein- und -Ausfahrten zu den Tiefgaragen ist gut gewählt. Fragen wirft die gewählte Freiraumtypologie auf. Das grosszügige Umgebungs- und Abstandsgrün kann auch als einen ortsbaulichen Bezug gelesen werden, leistet einen ökologischen und hitzemindernden Beitrag, ist aber in diesem Umfang einer Kernzone ortsfremd und ist kaum nutzbar. Die Gebäudestellung schafft dieses Umgebungsgrün. Hier hat das Projekt ein grosses Klärungs- und Aufwertungspotential. Hinzu kommt, dass diese Flächen für die Bewohner:innen kaum nutzbar sind. Das gewählte Belagsmaterial mit grobkörnigem Asphalt lässt in Zukunft ein monotones Erscheinungsbild erwarten. Die graue Energie kann bei der Gestaltung des Aussenraums reduziert werden. Leider sind Teile des Aussenraums unterkellert.

Architektur
Die bewusst unspektakuläre Architektur und Materialität der Häuser erhalten gerade durch ihre Bescheidenheit eine unverkennbare Resonanz in der Nachbarschaft und bilden zusammen ein neues Quartier, ohne übertriebene formale Gestik. Die offensichtlich gesuchte Anlehnung an die tradierten Bilder historischer Appenzeller Häuser wird durch die charakteristische, gleich rhythmisierte Fassadengeometrie und Dachlandschaft an das Ortsbild von Herisau angepasst. Diese Struktur ermöglicht verschieden grosse, dreiseitig orientierte Wohnungen die stets in Beziehung zu den umliegenden Bauten, Belichtung und Aussicht stehen.

Leider verunklären die alternierend, auf verschiedenen Geschossen liegenden eingezogenen Balkone die klare architektonische Sprache der einfachen Baukörper.

Résumé
Der sparsame Umgang mit Grund und Boden, die kompakte Form der Baukörper und die wiederkehrenden Fassadeteile lassen auf effizientes Bauen schliessen. Aus architektonischer Sicht wäre eine vertiefte Auseinandersetzung mit den Holzbauten in der Umgebung und einer erwünschten Neuinterpretation mit den aktuellen, konstruktiven und architektonischen Möglichkeiten zielführend. Aus landschaftsarchitektonischer Sicht wäre eine gezielte Lesart der erwünschten Freiraumtypologie und dessen Anwendung im Entwurf wünschenswert.

Das Projekt überzeugt durch seine Einfachheit und Klarheit, der präzisen Setzung der Baukörper und dem respektvollen Umgang in Beziehung zum historischen Kontext. Trotz dieser offensichtlichen Anerkennung mag das Projekt nicht vollumfänglich zu überzeugen.