Werkstattverfahren | 10/2025
Neubau Wohngebäude Baufeld Süd im Dragonerareal Berlin-Kreuzberg
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Außenraumperspektive
©&MICA GmbH
Zuschlag / Los A (Gebäude G und M)
Architektur
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Verfasser:
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Mitarbeitende:
Silvia Ciprian, Stefan Fahlbusch, Parto Shamsaeinejad, Wojciech Wisniewski, Christophe Leclere
Erläuterungstext
Leitidee – Dialog zwischen Historie und Gegenwart
Das Entwurfskonzept verfolgt das Ziel, den besonderen Charakter des historischen Areals zu bewahren und gleichzeitig einen selbstbewussten, aber zurückhaltenden Beitrag zur Weiterentwicklung des Stadtquartiers zu leisten. Die denkmalgeschützten Bauten bleiben die prägenden Elemente des Ensembles; die Neubauten treten gestalterisch bewusst in den Hintergrund, ohne dabei an architektonischer Qualität einzubüßen. Maßstäblichkeit, Proportionen und Gliederung orientieren sich an den historischen Vorbildern, werden jedoch mit zeitgemäßen Mitteln neu interpretiert. So entsteht ein lebendiger Dialog zwischen Alt und Neu – ein Zusammenspiel von Bewahrung, Ergänzung und Fortschreibung der Geschichte des Ortes.
Architektonische Gestaltung
Baukörpergestaltung – Präzise eingebettet
Die Positionierung und Dimensionierung der Neubauten folgen konsequent den Vorgaben des vorläufigen Bebauungsplans der Auslobung. Alle Höhen, Baufluchten und Kubaturen wurden übernommen, um die städtebauliche Logik des Quartiers zu wahren. Die Baukörper sind so angeordnet, dass sie den vorhandenen Raumstrukturen folgen und bestehende Sichtachsen respektieren. Durch die klare Ausformulierung der Volumina und die harmonische Abstimmung auf die Nachbarbebauung entsteht eine prägnante, aber unaufdringliche Präsenz im Stadtraum.
Fassadengestaltung – Zurückhaltende Eleganz
Die Fassadengestaltung folgt dem Prinzip der Zurückhaltung, um den benachbarten Denkmälern den gestalterischen Vortritt zu lassen. Dabei wird jedoch auf eine feine und ausgewogene Gliederung geachtet: Vertikale und horizontale Strukturen, wohlproportionierte Fensterformate und ein harmonisches Fassadenraster prägen das Erscheinungsbild. Die Gebäudeseiten erhalten jeweils differenzierte, aber in sich stimmige Fassadentypologien – von auskragenden Einzelbalkonen mit spielerischem Versatz in den Geschossen über geschützte Loggien bis hin zu durchlaufenden Balkonschichten. Bodentiefe Fenster öffnen die Wohnungen zum Stadtraum und lassen gleichzeitig großzügig Tageslicht einfallen.
Die Materialwahl ist ein bewusstes Zitat des industriellen Erbes des Areals: Stahlbalkone und Fassadenverkleidungen aus Wellblech verweisen auf die robuste Bauweise der umgebenden Wirtschaftsbauten. Gleichzeitig wird die Materialität durch eine moderne Detailausbildung und eine präzise Ausführung veredelt. Die Farbgestaltung nimmt die Töne der Bestandsbauten auf, insbesondere im Bereich der Sonnenschutzelemente, die als dezente Farbakzente eingesetzt werden. Eine bodengebundene Fassadenbegrünung auf allen Seiten verknüpft die Neubauten optisch mit der umgebenden Vegetation, verbessert das Mikroklima und bietet Lebensräume für Insekten und Vögel.
Adressbildung & Erdgeschosszone – Offene Stadtstruktur
Das Erdgeschoss ist als offener, einladender Bereich gestaltet, der den Übergang zwischen öffentlichem Stadtraum und privaten Wohnbereichen vermittelt. Großflächige Verglasungen lassen Einblicke zu und schaffen Transparenz, sodass die gewerblichen und gemeinschaftlichen Nutzungen sichtbar und erlebbar werden. Ein leicht erhöhtes Erdgeschoss – als „Stadtsockel“ ausgebildet – verleiht den Gebäuden eine robuste Basis und differenziert die öffentliche Ebene von den darüberliegenden Wohngeschossen.
Die Zugänge zu den Wohnbereichen sind klar ablesbar: Sie orientieren sich zum neu gestalteten Vorplatz an der Nord-Süd-Achse und zur angrenzenden grünen Fuge, wodurch eine eindeutige Adressbildung erfolgt. Haus M beherbergt im Erdgeschoss neben gewerblichen Flächen auch Ateliers und einen Gemeinschaftsraum, die zur Belebung des Quartiers beitragen. Haus G nimmt im Erdgeschoss zwei rollstuhlgerechte Wohnungen auf, die sich zum ruhigen Hof orientieren und bei Bedarf zu einer großen, gemeinschaftlich nutzbaren Einheit zusammengeschaltet werden können.
Konstruktion & Material – Langlebig und ressourcenschonend
Das aufgehende Tragwerk erhält eine massive Sockelzone im EG und einem stringenten Modulbau der Obergeschosse. Die Regelgeschosse werden als klassische Skelettkonstruktion mit tragenden Treppenhauskernen konzipiert. Diese Bauweise bietet nicht nur eine hohe Tragfähigkeit und Dauerhaftigkeit, sondern auch Flexibilität bei der Grundrissgestaltung. Spannbetonhohldielen werden als Deckenelemente eingesetzt: Sie reduzieren den Materialverbrauch, ermöglichen große Spannweiten ohne zusätzliche Unterzüge, beschleunigen den Bauablauf durch Vorfertigung und verbessern die Rezyklierbarkeit der Bauteile am Ende ihrer Lebensdauer. Darüber hinaus verringern sie den Zementanteil in der Masse, senken durch den Einsatz eines CO₂-optimierten Zements den ökologischen Fußabdruck und reduzieren den erforderlichen Stahlverbrauch deutlich.
Die Außenwände werden in vorgefertigten Brettschichtholz-Wandelementen ausgeführt, die eine hervorragende Ökobilanz aufweisen und in Verbindung mit der Wellblechbekleidung und einer Aluminium-Unterkonstruktion eine langlebige und wartungsarme Fassadenlösung ergeben. Der Einsatz dünner Stahlbleche in der ersten Fassadenebene wird dabei als besonders dauerhafte und nachhaltige Lösung hervorgehoben. Dieses Zusammenspiel von industrieller Anmutung und nachhaltiger Materialwahl trägt wesentlich zur Identität des Projektes bei.
Funktionalität
Erschließung – Klar strukturiert und effizient
Die äußere Erschließung wird über einen zentralen Platz organisiert, der zwischen der grünen Fuge und der Nord-Süd-Achse liegt. Dieser Platz dient als gemeinsamer Ankunfts- und Verteilerraum, der den Neubauten eine klare Orientierung im Quartier gibt. Die beiden Hauseingänge sind leicht zurückgesetzt und damit deutlich als Zugänge erkennbar. Gewerbeeinheiten und Ateliers erhalten separate Eingänge von außen, um eine klare Trennung zwischen öffentlicher und privater Nutzung zu gewährleisten.
Die nordöstlich gelegene Fahrradtreppe im Haus G führt direkt in den im Untergeschoss angeordneten, großzügigen Fahrradkeller. Dieser verbindet die beiden Gebäude und erleichtert den Bewohnern den alltäglichen Zugang zu ihren Fahrrädern. Die innere Erschließung erfolgt über kompakte, L-förmige Flurzonen in den Wohngeschossen, die kurze Wege ermöglichen und jeweils sechs Wohnungen erschließen.
Grundrisstypologien – Vielfalt und Licht
Haus G umfasst acht Geschosse mit insgesamt 44 Wohnungen, darunter im Erdgeschoss barrierefreie 2-Zimmer-Wohnungen mit ruhiger Hofausrichtung. In den oberen Geschossen finden sich Ein- bis Drei-Zimmer-Wohnungen sowie Clusterwohnungen mit drei Einzelzimmern. Haus M bietet auf sechs Geschossen 36 Wohneinheiten in einer großen Bandbreite – von kompakten Einzimmerwohnungen bis hin zu großzügigen Fünfzimmergrundrissen, ergänzt durch Clusterwohnungen mit vier Einzelzimmern.
Alle Wohnungen verfügen über bodentiefe Fenster, die einen hohen Tageslichteintrag gewährleisten. Freisitze in Form von Balkonen oder Loggien erweitern die Wohnflächen ins Freie. Die Grundrissgestaltung folgt dem Prinzip, dass Wohnzimmer – und in Clusterwohnungen auch die Einzelzimmer – direkten Zugang zu diesen Außenbereichen haben.
Flexibilität – Anpassungsfähig für kommende Bedürfnisse
Die Tragstruktur erlaubt eine flexible Anpassung der Nutzungen. Gewerbeflächen können leicht vergrößert oder verkleinert werden, um auf wechselnde Marktbedingungen zu reagieren. Barrierefreie Erdgeschosswohnungen lassen sich zu einer großzügigen Einheit verbinden, beispielsweise für eine Seniorenwohngemeinschaft. Clusterwohnungen in Haus M können ohne großen Aufwand in klassische Familienwohnungen umgestaltet werden.
Belichtung, Belüftung und Lärmschutz
Tageslicht – Wohnqualität durch Offenheit
Die großzügige Verglasung mit bodentiefen Fenstern sorgt für lichtdurchflutete Räume. Dadurch werden nicht nur die Aufenthaltsqualität gesteigert und visuelle Bezüge nach außen geschaffen, sondern auch der Bedarf an künstlicher Beleuchtung reduziert, was sich positiv auf den Energieverbrauch auswirkt.
Lüftung – Gesundes Raumklima
Das Lüftungskonzept basiert auf einer Kombination aus natürlicher Querlüftung und mechanischer Abluftführung. Wo die Außenlärmsituation es zulässt, können Wohnungen durch Öffnen gegenüberliegender Fenster quer gelüftet werden. Für innenliegende Sanitärräume wird eine Abluftanlage nach DIN 18017-3 vorgesehen. Passive Strategien wie sommerliche Nachtlüftung unterstützen die natürliche Abkühlung der Wohnräume.
Lärmschutz – Schutz vor städtischem Geräuschpegel
Die akustische Planung berücksichtigt die unterschiedlichen Lärmquellen im Umfeld. Straßenseitig kommen schalldämmende Fenster und Fassadenelemente zum Einsatz, während zum Hof hin ohne zusätzliche Schallschutzmaßnahmen gearbeitet werden kann.
Ökologie und Nachhaltigkeit
Grünflächen und Biodiversität
Eine bodengebundene Fassadenbegrünung auf allen Gebäudeseiten trägt zur Verbesserung des Mikroklimas bei, reduziert die Aufheizung der Oberflächen und bietet Lebensraum für Insekten und Vögel. Sie leistet zudem einen Beitrag zur Feinstaubreduktion, mindert den Umgebungslärm und stärkt die städtische Biodiversität. Durch gezielte Auswahl der Bepflanzung werden Nahrungs- und Lebensräume geschaffen, und zusätzliche Nistplatzangebote unterstützen Vogel- und Insektenpopulationen. Die Retentionsdächer übernehmen eine wichtige ökologische und stadtklimatische Funktion: Sie speichern Regenwasser, entlasten die Kanalisation bei Starkregen und wirken durch Verdunstungskühlung der sommerlichen Überhitzung entgegen.
Energie und Ressourcen
Photovoltaikanlagen auf den Dachflächen erzeugen Strom für den Eigenverbrauch. Die Kombination mit Retentionsflächen führt zu einer natürlichen Kühlung der Module, was deren Effizienz steigert. Durch die serielle Bauweise mit hohem Vorfertigungsgrad werden Bauzeit und Baustellenemissionen reduziert. Spannbetonhohldielen ermöglichen eine Reduzierung des Betonverbrauchs, senken das Gesamtgewicht der Konstruktion und verbessern die Ökobilanz des Projekts, unter anderem durch weniger Zementeinsatz, geringere CO₂-Emissionen und reduzierten Stahlverbrauch.
Barrierefreiheit
Inklusive Wohnangebote
Alle Wohnungen sind über Aufzüge barrierefrei erreichbar. Sämtliche Ein- und Zweizimmerwohnungen sind vollständig barrierefrei, bei den größeren Wohneinheiten ist mindestens die Hälfte entsprechend ausgestattet. Die Grundrissgestaltung gewährleistet Bewegungsfreiheit und Nutzbarkeit für alle Generationen.
Beurteilung durch das Preisgericht
Die Fassadengestaltung wird als gelungener Beitrag für den Ort gewertet, der ein konkurrenzloses Gegenüber zur Denkmalbebauung darstellt. Insgesamt überzeugt die schlüssige Entwicklung der aufeinander aufbauenden Fassadentypologie, ebenso werden die allseitig offen wirkenden Fassaden im Gesamtensemble als wohltuend empfunden. Die Leichtigkeit vermittelnde Gestaltung der Wellblechfassade wird besonders positiv hervorgehoben.
Bei der Grundrissgestaltung werden die Orientierung der Wohnungen und die Anordnung von Freisitzen für alle Einheiten positiv gesehen. Die Ausformulierung der Clusterwohnungen mit langen Erschließungsfluren wird bemängelt.
Die Verbindung der Untergeschosse untereinander und somit Schaffung eines zusammenhängenden großen Fahrradraums wird positiv hervorgehoben.
Lageplan
©&MICA GmbH
Fassadenkonzept Haus G
©&MICA GmbH
Fassadenkonzept Haus M
©&MICA GmbH