Offener Wettbewerb | 04/2025
Neubau Zukunftszentrum für Deutsche Einheit und Europäische Transformation in Halle (Saale)
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Perspektive: Blick aus Südosten
©kister scheithauer gross
Anerkennung
kister scheithauer gross architekten und stadtplaner GmbH
Architektur
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Verfasser:
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Mitarbeitende:
David Czepek, David Schröpfer, Dmytro Kotovskyi, Ted Fishka, Bea Engelmann, Manès Schäffer, Janis Lisa Meyer
Erläuterungstext
Architektur
Das „Haus der Zukunft“ ist ein Gebäude der kulturellen Arbeit - sammeln, diskutieren, entwickeln. Bildhaft stellt es sich dar als eine Stapelung von Werkzeugkästen, die Inhalte und Raum für Diskurse bieten. In der Gestalt eher industriell als museal, formal spielerisch und scheinbar lapidar, dennoch spektakulär, entspricht das Transistorische der Stapelung der aktuellen gesellschaftlichen Situation. Das Aufsehenerregende ist gleichzeitig die Selbstverständlichkeit, mit der die Funktionen in rechteckigen „Boxen“ aufeinandergesetzt werden. Die aufgeklappten Photovoltaiksegel, die das Volumen zum Riebeckplatz öffnen, sind dort angeordnet, wo durch die Loggia am Campus und vor dem Rooftop-Café bildhaft eine Interaktion der inneren Funktion mit der Wahrnehmung von außen zusammengeht. Die Volumen bieten einen Dialog an und sind durch die Photovoltaiksegel auch ein Zeichen ökologischer Energiegewinnung. Das „Haus der Zukunft“ zeigt damit sowohl etwas von seinem Inneren als auch von dem Geist, aus dem es entworfen ist. Vier Treppenhäuser als Kerne definieren den spielerischen Freiraum der verdrehten Setzungen. Das Kompositorische der Volumen erhält eine innere Logik, die mit den vier Erschließungskernen alle Anforderungen an Fluchtwege und getrennte Erschließungen erfüllt (Verwaltung, Residenzen, Rooftop-Restaurant, Büros und Vortragssaal). Im Erdgeschoss sind kleine Foyers den Treppen und Aufzügen vorgelagert. Die vier Treppenkerne steifen das Gebäude aus. Schleusen für den Brandschutz sowie zweite Fluchtwege erlauben großflächige und flexible Grundrisse für die Nutzungen und die angestrebte Personenzahl.
Die bildhafte Semantik der Stapelung geht mit den Funktionen eine selbsterklärende Verbindung ein und generiert ein Bild der Zukunft aus gemeinsamer Arbeit aus den „Werkzeugkästen“ des gesellschaftlichen Dialoges und erscheint als balancierende „soziale Skulptur“.
Adresse
Die Adresse des Gebäudes orientiert sich eindeutig an der neuen Straßenführung. Hier ist der „Haupt“zugang durch Busvorfahrt, Taxi, Radfahrer und Fußgänger ober- oder unterirdisch vom Bahnhof. Von dort ist die dem Bahnhof zugewandte Fassade als Hauptadresse erkennbar, auch weil durch die transparenten Fassadenteile die vertikale Erschließung durch großzügige Treppen sichtbar wird.
Das Foyer ist „durchgesteckt“, so dass ein „Parkzugang“ eine direkte Erschließung über die Grünachse (Gottesacker) von und zur Innenstadt Halles möglich macht. Alle Erdgeschossseiten sind aktiviert durch Nutzungen, die Innen und Außen verbinden. Zugänge / Gastronomie / Shop. Das Erdgeschoss wird als offene Raumzone mit eingestellten „Volumen“ verstanden, die abgeschirmte Nutzungen aufnehmen Garderobe / WC / Küche / Poststelle. Im Norden wird die Anfahrt zum Lastenaufzug und der Hausversorgung gebündelt.
Mittels Durchblicken und offener Zugänglichkeit für zumindest drei Seiten ist das EG eine Transitzone, um über die breite Sitztreppe zum Campus zu gelangen.
Der Campus wird als Stadtloggia (Terrasse), überdachter Platz, als offener Raum für alle, der um das Auditorium erweitert werden kann, verstanden. Eine Cafébar lädt zum Verweilen und Treffen ein, ergänzt durch die begrünte Terrasse als Stadtloggia.
Für Familien ist der Kinderbereich ebenfalls auf dieser Ebene: Alle Altersgruppen finden in der Campusebene zusammen. Durch die Abkopplung des Campus von Foyer-Funktionen (Garderobe/WC/Shop/ Restaurant) gewinnt der Campus die Aura eines „öffentlichen Wohnzimmers“. Ein Raum für alle Generationen, mit viel Platz für große Veranstaltungen, aber auch kontemplativem Aufenthalt für einzelne. Die Cafébar funktioniert wie ein Kiosk auf einem Platz mit freiem Bewegungsraum. Die Auditoriumswände können nach zwei Seiten teilweise geöffnet werden, so dass eine fast 2.000 m² große Fläche für ein großes Fest entsteht.
Vielfältig sind die Nutzungsmöglichkeiten der Sitztreppe im Jugendbereich für Theater / Musik / Performances im Foyer.
Gastronomie
Die Gastronomie ist ein wichtiger Baustein für ein „Verweilkonzept“ des Gebäudes. Es werden drei Gastroebenen angeboten, die sowohl getrennt als auch (ökonomisch sinnvoll) von Externen gemeinsam betrieben werden können. Dazu dient ein extern benutzbares Treppenhaus mit einem eigenen „Speiseaufzug“, der es möglich macht, von der Küche im EG Speisen zu verteilen oder auch einem externen Catering den Zugang zur Campus- und Veranstaltungsebene zu ermöglichen.
Erdgeschoss
Hier ist das Restaurant mit Küche und Außengastronomie positioniert mit eigenständigen Öffnungszeiten.
Campusebene
Eine große runde Theke dient als Stützpunkt für Kaffee / Kuchen / kleine Snacks. Verbindung über Speiseaufzug. (Öffnungszeiten in Bezug zum Campus.)
Vortragsebene
Rooftop-Restaurant. Kaffee / Speisen.
Dieser doppelgeschossige Raum mit Außenterrasse ist geeignet sowohl für interne / externe / Gesellschaften als auch für einen Kaffee nach einem Ausstellungsbesuch oder einem Apéro nach Vorträgen.
Das „Rooftop-Restaurant“ hat unabhängige Öffnungszeiten und ist auch verwandelbar in eine faszinierende lichtdurchflutete Attraktion in der Nacht.
Ein Treppenhaus, ein Personenaufzug und ein Speiseaufzug bilden das logistische Rückgrat für das Gastronomiekonzept.
Ausstellung und Wechselausstellung
Von der Campusebene erreicht man über eine offene Treppe die Ausstellungsebene, die als Rundgang organisiert wird. Die drei Wechselausstellungsräume sind mittig gelegen einzeln betretbar oder in die Ausstellung integrierbar. Das statische Konzept der geschosshohen Vierendeelträger erlaubt einen offenen Fluss der Raumverbindungen zwischen den tragenden Wandelementen.
Lecturebene
Der Vortragssaal mit den zwei großen Seminarräumen ist als Kubus mit umlaufendem Foyer zusammengefasst. Dies erlaubt vielfältige Raumgruppierungen. Es ist möglich, die Seminarräume z. B. bei einem abgeschirmten Kongress zu benutzen und gleichzeitig den Vortragssaal unabhängig zu bespielen. Auditorium / Seminar und Rooftop-Restaurant sind getrennte Nutzungen, spielen aber zusammen auf der Geschossebene.
Die Vortragsebene kann außerhalb des Campus- und Ausstellungsbetriebes abends unabhängig über ein Treppenhaus mit zwei Aufzügen erreicht werden.
Die Belüftung der Räume erfolgt über Hypokausten-Luftführungen durch die Decken und Wände und bedient sich der Außenluft. Fensterlüftungen sind aufgrund der Immissionen nur für die kleinen Seminarräume schallgedämmt möglich.
Depotebene
Das Depot ist als Zwischenebene eingeplant mit einer lichten Höhe von 3,50 m. Einerseits wird es dadurch möglich, das Auditorium mit einer guten Höhe auszustatten und gleichzeitig die Funktion Depot nahe an der Medien- und Archivebene anzusiedeln. (Ein Teil des Depots befindet sich auf der Ausstellungsebene 500 m² ≥ 5,00 m lichte Höhe.
Archiv und Medienzentrum
Beide Funktionen nutzen eine Geschossebene aus und können Synergien entwickeln. Die statische Konstruktion der parallelen querliegenden Vierendeelträger erlaubt flurlose versetzte Raumsequenzen, die offen durchgängig organisiert werden können, aber auch zu Workshop-Räumen temporär abgetrennt und als geschlossene Volumen interpretiert werden können.
Bürobereich Hausverwaltung
Ein zweigeschossiger Bürokörper legt sich über das Volumen und kann sowohl Dachterrassen nutzen als auch durch seine Gebäudetiefe in seiner Bürotypologie vielfältige Arbeitssituationen ermöglichen. Die Verwaltung kann in offenen Bürostrukturen organisiert werden. Die eingerückte Lage auf dem Dach erlaubt Fensterlüftung, da die Schallimmission durch die unteren Geschosse redzuziert werden. Die Hausverwaltung hat eine eigene Treppenhausadresse und ist unabhängig erreichbar.
Wissenschaftliche Büros
Die wissenschaftlichen Büros sind in einem eigenen Baukörper untergebracht. Da wissenschaftliche Arbeit sowohl Dialog aber auch individuellen Arbeitsrückzug bedeutet, wird neben den Einzelbüros eine gemeinsame offene Mitte über drei Geschosse organisiert, die eine Begegnung ermöglichen soll. Der wissenschaftliche Bereich hat eine eigene Treppenhausadresse und ist unabhängig erreichbar.
Residenzen
Die Residenzwohnungen sind im obersten „Turmgeschoss“ untergebracht, der Ausblicke auf die Stadt ermöglicht und als Gemeinschaftsraum mit einer Dachterrasse einen besonderen Ort generiert. Die Wohnungen sind über ein Treppenhaus mit Aufzug unabhängig erreichbar.
Fassade
Die Außenhaut des Gebäudes ist eine streng lineare Metallhaut (Alu) als Witterungsschutz vor einer Holztafelwand, die den inneren Raumabschluss bildet.
Die „aufgeklappten“ Solarglas-Segel geben den Blick frei auf eine Holzfassade, die auf diese Weise einerseits Witterungsschutz erhält, andererseits „Holz“ als Material des Innenraums sichtbar werden lässt.
Die fein gewellte silbrige Alufassade und das sichtbare hölzerne Innenleben in Verbindung mit den großen „Solarsegeln“ erzeugen eine „Werkstatt“-Anmutung, die gleichzeitig natürlich und elegant wirkt.
Die perforierte Aluminiumwelle vor den Verglasungen schützt den außenliegenden Sonnenschutz und ist witterungsstabil durch die plastische Formung.
Nachhaltige Prinzipien
- Die Fügung aller Materialien ist demontierbar
- Alle Stahlkonstruktionen sind geschraubt.
- Alle Holzverbindungen sind lösbar durch geschraubte Verbindungen.
- Keine Hybridkonstruktionen, die nicht trennbar sind.
- Alle technischen Elemente des Ausbaus werden sichtbar geführt.
- Über dem Erdgeschoss soll ein „zementfreier“ Baukörper entstehen.
Wirtschaftlichkeit
Der Entwurf ist wirtschaftlich, da er die minimale Anzahl von Treppenerschließungen in Bezug auf Brandschutz und Entfluchtungsbreiten mit einem Maximum an zusammenhängenden Flächen verbindet. Grundsätzlich sind die Flächen „ohne“ Flure, da von einem zentralen nicht notwendigen Treppenhaus mehrere Funktionsbereiche direkt erschlossen werden.
Das Achssystem der geschosshohen, sich kreuzenden Vierendeelträger erlaubt, unbegrenzte räumliche Strukturen an Raumgrößen zu integrieren und gesamte Geschossebenen neu zu strukturieren. Damit sind optimale Voraussetzungen für einen späteren Umbau geschaffen.
Wartungsfreundlichkeit
Alle Fassadenfenster sind öffenbar und von innen zu reinigen und/oder von den Dachterrassen aus erreichbar. Eine Befahranlage wird nicht benötigt.
Nutzerkomfort
Der Innenraum ist durch Holz/Glas-Wände sowie Holzdielenboden geprägt. Das Raumklima wird von den Holz-Lehmdeckensteinen zwischen den Holzrippen klimatisch positiv durch den Speichermasseneffekt beeinflusst.
Der Schallschutz ist durch perforierte Holzverkleidungen, dem „weichen“ Holzboden und die sichtbare Holz-Lehmsteindecke gewährleistet.
Freiraum
Konzept
Am Riebeckplatz entsteht ein qualitätvoller urbaner Freiraum, der als hochwertiges Entrée für das Zukunftszentrum fungiert und den Campus-Gedanken als urbaner Treffpunkt in den Außenraum trägt. Die multifunktionale Gestaltung bietet Raum für Begegnungen, Kommunikation und Austausch in verschiedenen Maßstäben und Kontexten: die großzügigen Rasenterrassen im Süden und die gebäudenahen Freiflächen bieten Raum für Events in größerem Umfang, die „Terrassen der Begegnung“ und die „Geschichtssplitter“ laden als Rückzugsräume zum Verweilen ein. Hier werden Angebote für alle Altersgruppen geschaffen.
Die erste Begegnung mit den thematischen Setzungen „Deutsche Einheit“ und „Europäische Transformation“ erfolgt für den Besucher nicht erst im Gebäude sondern bereits bei der ersten Annäherung im Freiraum. Spielerisch erzählen die „Geschichtssplitter“ als kleine Objekte, Skulpturen oder Modelle Geschichten aus dem Alltag in der DDR oder von der Kraft Europas.
Vor der Südfassade des Zukunftszentrums liegt ein Wasserspiegel mit Nebeldüsen, die „Future Cloud“. Über Lichtprojektoren werden in die Nebelwolke Texte oder Veranstaltungsthemen projiziert, die auch aus der Ferne sichtbar sind.
Erschließung
Die momentan schwierige und unübersichtliche Erschließung wird mit dem neu entstehenden Freiraum geheilt. Die Erschließung vom Hauptbahnhof und Verkehrsrondell erfolgt fußläufig von Südosten über die „Terrassen der Begegnung“, über die das Ankommen für den Großteil der Besucher inszeniert wird. Die Anbindung von dem Rondell in Ebene -1 erfolgt über einen Fußgängertunnel außerhalb des Realisierungsbereiches. Fahrradfahrer werden bequem über die von Süden kommende begrünte Radwegbrücke geführt. An der Ostseite des Parks und im Norden befinden sich die Fahrradstellplätze sowie eine Repair-Station. Die Drop-Offbereiche für die Reisebusse liegen in unmittelbarer Nähe zum Haupteingang, längsseitig der Volkmannstraße.
Nachhaltigkeit
Leitbild für die Freiraumgestaltung ist eine klimaresiliente, ressourcenschonende Gestaltung. Versiegelte Flächen werden auf ein Minimum reduziert. Die Bestandsbäume werden in großem Umfang erhalten und in den neuen Freiraum integriert. Das anfallende Regenwasser von den Dachflächen und den befestigten Flächen wird einer neuen Nutzung zugeführt. Zum einen erfolgt die Sammlung in Zisternen, um es für die Freiraumbewirtschaftung wieder nutzbar zu machen. Zum anderen wird das Regenwasser in die Retentionsinseln in den „Terrassen der Begegnung“ geleitet und trägt so durch Verdunstung zur Verbesserung des Mikroklimas bei. Im Norden wird die Fläche für die barrierefreien Stellplätze an Baumrigolen nach dem Stockholmer Modell angeschlossen. Und besonders an heißen Sommertagen spendet der Wasserspiegel vor dem Zukunftszentrum angenehme Kühle.
Innenraumperspektive: Blick in den Campus
©kister scheithauer gross
Lageplan
©SassGlässer Landschaftsarchitekten, ksg
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