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Nichtoffener Wettbewerb | 08/2025

Neuer gemeinschaftlicher Ort an der ehemaligen Kirche in BĂĽrgewald

Visualisierung auĂźen
7

Visualisierung auĂźen

2. Preis

Preisgeld: 26.375 EUR

WANDEL LORCH GĂ–TZE WACH

Architektur

TOPOTEK 1

Landschaftsarchitektur

Erläuterungstext

Vom Sakralraum zum Möglichkeitsraum- Ein gemeinschaftlicher Neubeginn in Bürgewald

Die profanierte Kirche in Bürgewald ist Fragment und Anker zugleich. 2023 durch einen Brand weitgehend zerstört, markiert sie seither eine Leerstelle – nicht nur im baulichen, sondern im sozialen Gefüge. Der Entwurf versteht diesen Zustand als Ausgangspunkt: Die ehemalige Kirche wird nicht rekonstruiert, sondern transformiert. Sichtbare Spuren des Brands bleiben bestehen – als Einschreibung in die Geschichte des Orts und als Gegenwartsbezug. Die bauliche Ergänzung formuliert keine Antwort der Wiederherstellung, sondern eine Geste des Weiterbauens.

Zwischen Straßendorf und Kirchengruppe, zwischen Feldern und Friedhof, liegt das Ensemble an einer Nahtstelle des Orts. Zwei Lesarten des Außenraums formen die neue Mitte: ein städtischer Platz und ein landschaftlicher Garten.
Der Platz im Norden ist gerastert, nutzungsoffen – gedacht für Spiel, Markt, Boule oder als Makerspace für alle. Die Positionierung der Bestandsgebäude schafft Zwischenräume, die den Platz beleben: ein schwarzes Brett, Sitzgelegenheiten unter Bäumen, ein Kiosk, Fahrradstellplätze mit kleiner Werkstatt.
Der Dorfgarten im Süden bildet das Gegenstück: weich, großzügig, atmosphärisch. Einzelne Bereiche strukturieren ihn – Wildblumenwiese, Hochbeete, ein Schild: Hier blüht es für Wildbienen. Der Garten ist kein Park, sondern ein kollektives Versprechen – Lernort, Rückzugsort, Möglichkeitsraum zugleich.

Die Kirche wird zur „Halle für alle“ – als hybride Figur zwischen Konservierung und Öffnung. Der verbleibende Mauerwerkskörper bleibt erhalten, ergänzt um eine leichte Struktur und Dachhaut. Alt und Neu bleiben klar lesbar; die Fügung erfolgt materialhaft, nicht symbolisch.
Ein neues Foyer erweitert die Kirche nach Westen. Gemeinsam mit der Rampe – aus dem Gefüge des Bestands geschnitten – entsteht ein neuer Eingang: barrierefrei, öffentlich, selbstverständlich.
Der Kirchturm bleibt erhalten, wird bespielt: Die Leuchtschrift This is Bürgewald verleiht ihm eine neue Bedeutung – nicht als Glockenträger, sondern als Zeichen eines offenen Orts. Zugleich bleibt sein Inneres ein Ort der Stille – zurückgezogen, rau, reduziert. Ein Raum jenseits der Funktion, als kontemplatives Gegenstück zur Offenheit der Halle.
Die rückwärtigen Bestandsgebäude – Leichenhalle, Pfarrhaus und Pfarrheim – werden über ein gemeinsames Dach gefasst. Hier entsteht, durch einen neuen Baukörper, die Mitte des erweiterten Ensembles. Eingestellte Boxen im Grundriss ermöglichen eine flexible Nutzung unterschiedlichster Bereiche. Über den Kiosk und die zentrale Halle kann der Außenraum bei Bedarf mitgedacht und bespielt werden – als Erweiterung der Gemeinschaftsräume in den Freiraum hinein. Das Ensemble bleibt heterogen, aber verwandt. Es folgt nicht einer Geste, sondern einem Prinzip: Vertrautes weiterdenken.

Der Innenraum der Kirche verzichtet auf Festlegungen. Die alte Mauerstruktur bleibt prägend – sie rahmt, zoniert, eröffnet Perspektiven. Die ehemalige Altarzone bleibt als Bodenspur lesbar; an ihrer Stelle tritt ein neues Podest, das als Bühne dient – erhöhter Ort der Ansprache, der Geste, der Sammlung. Textile Elemente, variable Möblierung und eine zurückhaltende technische Infrastruktur ermöglichen eine Vielzahl von Szenarien: Kindertheater, Chorprobe, Workshop, Gedenkfeier.
Der Raum funktioniert nicht über Zweck, sondern über Haltung. Die alten Mauern tragen den Klang, zeichnen das Licht, geben Rückhalt. Bestandstreppen und ehemalige Zugänge werden wiederbelebt – nicht als museale Zitate, sondern als funktionale Angebote. Das Material bleibt roh, der Boden gegossen – kein sakraler Gestus, aber ein ruhiger Resonanzraum.
Die Spuren des Brandes bleiben bewusst ablesbar. Der Dachraum bleibt offen, die Balkenlage sichtbar, die Ränder unbegradigt. Der Entwurf versteht sich als eine räumliche Erzählung – von Aufbruch und Erinnerung, von Verlust und Wiederaneignung. Die Architektur schreibt nicht Geschichte, sondern öffnet sie – als lebendiges Geflecht von Spuren, Nutzungen und Bedeutungen.
Auch die rückwärtigen Bestandsgebäude – Pfarrheim, Pfarrhaus und Leichenhalle – bleiben in ihrer Tragstruktur weitgehend erhalten. Die ehemalige Pfarrgemeinde öffnet sich zum neuen Zentrum hin – nicht durch Abriss, sondern durch gezielte Rücknahme. Historische Bauelemente wie die frühere Raumtrennung bleiben als Spur erlebbar – aufgearbeitet, nicht gelöscht. So entsteht ein neues räumliches Gefüge, das sich aus dem Bestand entwickelt, statt ihm entgegengesetzt zu werden. Innen und Außen, Alt und Neu, Rückzug und Begegnung fließen ineinander.

Der Entwurf folgt dem Prinzip der Reduktion und des Ressourcenerhalts. Der Bestand wird gesichert, nicht ersetzt. Neue Eingriffe erfolgen minimalinvasiv, reversible Konstruktionen sichern langfristige Anpassungsfähigkeit. Die verwendeten Materialien sind lokal, roh, langlebig – mit einer Ästhetik des Einfachen und Widerstandsfähigen. Die Topografie wird nicht nivelliert, sondern genutzt. Statt komplexer Technik kommen passive Strategien zum Einsatz: Querlüftung, sowie textile Filter. Auch der Garten steht im Zeichen dieser Haltung – als produktiver Lern- und Lebensraum, als grüner Speicher, als gelebte Nachhaltigkeit.
So entsteht ein Ort, der nicht als Denkmal fungiert, sondern als soziale Infrastruktur – offen für den Alltag, das Fest, das Ungeplante. Die Transformation wird zur Einladung: an alle Generationen, an neue Nutzungen, an alte Erinnerungen. Die Architektur bleibt dabei zurückhaltend, dienend, zugänglich. Sie antwortet nicht mit fertigen Lösungen, sondern mit Angeboten zur Aneignung.
Bürgewald erhält mit dem Umbau seiner Kirche und dem Ensemble der Bestandsgebäude keinen neuen Veranstaltungsort, sondern einen Ort der Zugehörigkeit. Nicht repräsentativ, sondern resonant. Der Entwurf formuliert eine Haltung des Weiterbauens – leise, präzise, offen. Die Kirche bleibt – nicht als Sakralraum, sondern als Möglichkeitsraum.

Beurteilung durch das Preisgericht

Die Verfasser/innen entwickeln das Areal in zwei kontrastierenden Teilräumen, im nördlichen Bereich zur Dorfmitte hin eine gepflasterte und streng orthogonal gegliederte Struktur, auf der die revitalisierten Gebäude auf einem steinernen Plateau stehen. Die bestehenden südlichen Gebäude werden durch Wegnahme der zwei Anbauten des Pfarrheims und ein neues maßstäbliches Gebäude miteinander verbunden. Der dadurch gebildete T-förmige Baukörper gliedert die Außenbereiche in gut proportionierte Teilräume.

Eine großzügige Treppenanlage bildet das Entrée im Norden und leitet auf die Platzfläche. Die Treppenanlage wird kontrovers diskutiert, einerseits schafft sie eine großzügige einladende Öffnung, andererseits orientiert sie sich nicht zur Dorfmitte, sondern zur Straße und zu einem gegenüberliegen Gebäude. Die Beton-Umfassungsmauer inklusive des Treppeneingangs ist Teil des denkmalgeschützten Ensembles. Die großzügige Eingangssituation des Entwurfes wird kritisch diskutiert, da in der vorgeschlagenen Form eine denkmalrechtliche Erlaubnis sehr kritisch gesehen wird. Der barrierefreie Zugang ist zwar funktional als Rampe gegeben, die Lage am westlichen Rand zwischen zwei Mauern wird jedoch kritisch hinterfragt.

Der südliche Bereich ist im Kontrast dazu landschaftlich mit dichter Baumstellung angelegt. Die Plandarstellung zu dem Freiraum bleibt schematisch, ohne erkennbare Nutzungsstruktur. Die gewünschte Durchwegung in Nord-Südrichtung ist durch die T-förmige Gebäudestellung sehr eng. Die Arbeit hat mit der durchgängigen Pflasterung im nördlichen Teil einen hohen Versiegelungsgrad, was im Hinblick auf Ökologie und Versickerung kritisch gesehen wird.

In der ehemaligen Kirche wird ein gut und flexibel nutzbarer Versammlungsraum mit ausreichender Größe und mit den notwendigen dienenden Räumen angeboten. Die Raumwirkung im Inneren des Saals gelingt sehr gut - in dem Spannungsfeld zwischen „sakral" anmutend und profaner Nutzung sowie der unterscheidbaren alten und neuen Struktur. Der Kirchenbau wird nach Westen erweitert, die Kubatur des ursprünglichen Kirchenraumes jedoch erhalten. Die ursprüngliche Westwand ist architektonisch integriert. Die Architektur der äußeren Erscheinung ist ebenfalls geprägt von dem Kontrast zwischen Alt und Neu. Die Oberflächen mit Keramikplatten wirken modern, wenngleich das Material im Hinblick auf Nachhaltigkeitskriterien kontrovers diskutiert wird.

Die Raumorganisation in dem T-förmigen Gebäude gelingt den Verfasser/innen sehr gut. Durch die offene Grundrissstruktur des Zwischenbaus sind flexible Belegungen und Nutzungszuordnungen möglich. Der transparente Zwischenbau fungiert als überdachter Freiraum, der die Hofflächen auf beiden Seiten des Gebäudes verbindet. Der Verbindungsbau fügt sich maßvoll zwischen den Bestandsgebäuden ein und korrespondiert in seiner transparenten Fassadenstruktur mit dem Foyer des Versammlungsraums. Die Schriftinstallationen am Gebäude und am Turm sind auffallend und wirken städtisch, was in der Diskussion teils hinterfragt wird.

Im Sinne der Wirtschaftlichkeit sind die überdurchschnittlich großen Verkehrsflächen und das A/V Verhältnis sowie der hohe Glasflächenanteil anzumerken.

Der Entwurf schafft ein markantes architektonisches Zeichen für die Dorfmitte. Hinsichtlich Materialverwendung und Freiraumgestaltung bleibt die Arbeit eher konventionell. Die Adresse an der Dorfmitte leitet mit der großen Geste der Eingangstreppe repräsentativ und einladend auf die öffentliche Platzfläche. Die Stärke des Entwurfs liegt in der Gebäudelösung, die aneignungsfähige und gut nutzbare flexible Räume bietet, sowie in der architektonischen Erscheinung, die in dem „Ort der Zukunft" ein prägnantes Zeichen setzt.
Visualisierung Innenraum

Visualisierung Innenraum

Lageplan

Lageplan

Grundriss EG

Grundriss EG

Ansicht West

Ansicht West

Ansicht Nord

Ansicht Nord

Piktogramm

Piktogramm