Einladungswettbewerb | 06/2025
Neues Stadtquartier Urban Q Baufeld A + B in Hannover
©matthias harms images / ahrens & grabenhorst architekten
Perspektive Celler Straße
3. Preis / Baufeld A
Preisgeld: 11.000 EUR
ahrens & grabenhorst architekten stadtplaner PartGmbB
Architektur
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Verfasser:
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Mitarbeitende:
Rebecca Baum, Tjark Riemer, Oskar Kollenrott, Lilli Schüler, Hanna Köpp
nsp landschaftsarchitekten stadtplaner PartGmbB schonhoff schadzek depenbrock
Landschaftsarchitektur
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Verfasser:
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Mitarbeitende:
Visualisierung
Erläuterungstext
URBAN Q Baufeld A
Städtebau & Freiraum
Das Gebäudeensemble markiert mit klarer Präsenz den Auftakt für das Quartier Urban Q und fügt
sich harmonisch in das städtebauliche Umfeld ein. Das kraftvolle, präzise gesetzte
Baukörperensemble bildet eine eindeutige Struktur, die den Stadtraum gliedert und einen
dialogischen Übergang zu den angrenzenden Bereichen ermöglicht. Die Höhenentwicklung
orientiert sich an der umgebenden Bebauung und sorgt für wohlproportionierte, klar definierte
öffentliche Räume, die sich aus dem Kontext bestehender Stadtbausteine entwickeln. Hierbei wird
der bestehende Baumbestand berücksichtigt und sensibel in die Planung integriert.
Die Gebäudesilhouette entfaltet durch ihre elegante Form eine sichtbare Strahlkraft. Sie verleiht
dem Ensemble Identität und unterstreicht seine besondere Rolle im städtischen Kontext.
Die Außenräume formulieren auf Stadtebene eine differenzierte Abfolge von Freiraumqualitäten:
Im Westen entsteht ein urbaner Freibereich mit Blickbeziehung in den Grünraum alter St. Nikolai
Friedhof, während der höhenversetzte Innenhof als grüne Filterschicht wirkt. Im Osten öffnet sich
ein großzügiger, beruhigter Stadtplatz zwischen den Baukörpern – ein gemeinschaftlich genutzter
Treffpunkt, der durch seine Maßstäblichkeit eine gebaute Mitte des Miteinanders formt.
Die Zugänge mit ihren Adressen und die Freiräume stehen in einem unmittelbaren Dialog.
Hauseingänge sind klar auffindbar, und die Außenbereiche bieten vielfältige
Nutzungsmöglichkeiten mit individuellen Charakteren.
Hochbau & Gestaltung
Mit seiner ruhigen, selbstbewussten Architektursprache wird das Ensemble zum
identitätsstiftenden Auftakt des Quartiers. Die klaren Formen verleihen dem Gebäude eine starke,
aber unaufdringliche Wirkung im Stadtraum.
Die Adressen orientieren sich zu den verschiedenen Himmelsrichtungen und werden durch
gestalterisch hervorgehobene Eingangsbereiche präzise betont. Die ruhige, klare Formensprache
der Baukörper erzeugt eine selbstverständliche Wirkung und erleichtert die Orientierung.
Die Ausrichtung der Baukörper ermöglicht eine optimale Besonnung der Fassaden. Helle Farben
und reflektierende Oberflächen – auch in den unteren Geschossen – sorgen für eine
lichtdurchflutete Atmosphäre – auch im Innenhof - und unterstützen eine effiziente Nutzung des
Tageslichts.
Die Fassadengestaltung setzt auf langlebige, natürliche Materialien: Keramikelemente in
unterschiedlichen Oberflächenstrukturen und Glanzgraden bilden zusammen mit dreifach
isolierverglasten, transparenten Bereichen ein ausgewogenes Bild. Die opaken Flächen als
hinterlüftete Fassade sorgen für Wärmeschutz und bieten gleichzeitig die Möglichkeit zur
Integration farblich angepasster PV-Module. Das differenzierte Zusammenspiel von transparenten
und opaken Bereichen schafft ein eigenständiges, zugleich stadtbild-verträgliches
Erscheinungsbild. Externe Sonnenschutzsysteme reagieren auf den Sonnenstand und lassen sich
nutzerspezifisch steuern.
Die Erdgeschosszone ist offen und zugänglich gestaltet. Funktionale Anforderungen wie
Anlieferung werden selbstverständlich in die Gebäudestruktur integriert, ohne die
Aufenthaltsqualität zu beeinträchtigen.
Die Gestaltung basiert auf einer klaren Materialwahl und konstruktiven Logik. Farblich auf die
Umgebung abgestimmte opake Flächen, modulare Fassadenelemente und externe
Sonnenschutzsysteme bilden eine funktionale wie ästhetische Einheit.
Die Dächer werden gemäß Vorgaben extensiv begrünt und leisten einen Beitrag zum Mikroklima
und zur Regenwasserrückhaltung. Zusätzlich sind PV-Module vorgesehen.
Freiraumanlagen
Die Freiraumgestaltung wird geprägt von Offenheit und Durchlässigkeit. Die Außenanlagen
verknüpfen sich mit dem Neubau und bilden mit der flexiblen Nutzung einen Mehrwert für das
direkte Umfeld und die angrenzenden Nachbarschaften.
In den öffentlichen Durchwegungen bildet ein homogener und wertiger Belag eine klar strukturierte
Erschließung und Orientierung. Entlang des Haupteingangs entsteht eine großzügige Aufweitung
und Aufwertung der Brüderstraße. Der so entstehende Boulevard-Charakter bietet eine einladende
Atmosphäre zum Flanieren und reichlich Platzangebot für die künftige Außengastronomie. Die
großzügige urbane Geste entfaltet ihre verbindende Wirkung über die Celler Straße hinweg und
stellt einen räumlichen Bezug zum St.-Nicolai-Friedhof und den angrenzenden Quartieren im
Norden sowie zum Goseriedeplatz her. Im Haupteingangsbereich und an der westlichen Kante des
Neubaus bilden Radiale Sitz- und Pflanzinseln einen markanten und attraktiven Treffpunkt aus. Es
entsteht ein angenehmer Aufenthalt unter dem Blätterdach der ortsbildprägenden
Bestandsgehölze.
Charakteristisch ist die Ausbildung zweier Plätze mit Park-Charakter auf der Ostseite: Ein lichtes
Blätterdach, sorgt für eine besonders angenehme Situation an heißen Sommertagen. Dezentrale
Abstellmöglichkeiten für Fahr- und Lastenräder tragen zur klima-neutralen Fortbewegung im
Quartier bei.
Das Material- und Pflanzkonzept orientiert sich am Grundsatz der Nachhaltigkeit, es erfolgt der
Einbau von versickerungsfähigen Belägen, begrünten Stellplätzen und Dachbegrünung. Die
Oberflächen- und Farbwahl wirken einer Überhitzung im Sommer entgegen. Regenwasser wird
gesammelt über die Grün- und Pflanzflächen anteilig versickert um das lokale Mikroklima zu
stabilisieren. Für die ergänzenden Baumsetzungen werden stadtklimaverträgliche Gehölzarten
wie z.B. Alnus x spaethii, Gleditsia triacanthos, Liquidambar styraciflua und Koelreuteria paniculata
verwendet. In den Pflanzflächen wird eine artenreiche und insektenfreundliche Flora vorgesehen.
Es entsteht ein klimagerechtes Ensemble, das durch seine thematischen Besonderheiten und die
vielfältigen Strukturen und Atmosphären nachhaltig die Stadtgestalt Hannovers prägt.
Funktion & Nutzung
Das Gebäude verfügt über eine kompakte Organisation mit wenigen Erschließungskernen. Die
gewählte Struktur ermöglicht flexible Grundrisse, die sich an zukünftige Nutzungsanforderungen
anpassen lassen. Damit wird eine nachhaltige und wirtschaftliche Gebäude-nutzung gewährleistet.
Ein klar gegliedertes Versorgungskonzept mit durchdachten Anliefer- zonen sorgt für reibungslose
Abläufe ohne Störungen für Nutzer oder Öffentlichkeit. Die Grundrisse sind funktional und flexibel
geplant; dadurch ermöglichen Sie vielfältige Nutzungsszenarien bei hoher Flächen-effizienz.
Ökologie & Nachhaltigkeit
Das Energiekonzept nutzt die solare Einstrahlung durch gezielte Ausrichtung der Fassaden und
Integration von PV-Modulen in opake Flächen. Die Fassade wird geometrisch so gestaltet, dass
alle Seiten optimal zur Sonne stehen.
Kreislaufwirtschaftlich wird auf wiederverwendbare Materialien geachtet: Ein hoher Anteil an
Recyclingmaterialien, rückbaubare Fassadenelemente und der Verzicht auf Verbundstoffe sichern
eine sortenreine Wiederverwertung. Die Verwendung CO₂-reduzierter Betone und recyceltem
Isolierglas komplettiert das ökologische Gesamtkonzept.
Konstruktion & Realisierbarkeit
Die Tragstruktur basiert auf einem Stahlbetonskelettsystem, optional in Holzhybridbauweise. Diese
Bauweise gewährleistet eine effiziente Materialverwendung bei schlanken Bauteilen. Wenige,
gezielt gesetzte Stützen ermöglichen flexible Grundrisse. Modulare Fassadenelemente und eine
ressourcenschonende Bauweise unterstützen die bau-technische Machbarkeit.
Das Gebäudeensemble lässt sich in funktionale Bauabschnitte gliedern, was eine abschnittsweise
Realisierung ermöglicht.
Wirtschaftlichkeit
Die kompakte Gebäudeform reduziert Erschließungsflächen zugunsten der nutzbaren Flächen.
Dies wirkt sich sowohl ökonomisch als auch ökologisch positiv auf den Ressourcenverbrauch pro
Quadratmeter aus und trägt zur langfristigen Wirtschaftlichkeit bei.
Beurteilung durch das Preisgericht
Der Entwurf zeichnet sich aus durch eine klare städtebauliche Setzung für den Standort mit kompakten Kubaturen. Im Westen stellt er den Hochpunkt durch einen Einschnitt bis ins Erdgeschoss frei. Dadurch entsteht eine eindeutige Adressbildung, die begrüßt wird. Weiterhin entsteht zur Goseriede eine großzügige und definierte Fläche für den Aufenthalt einer Außengastronomie.
Positiv zu bewerten ist die Staffelung auf 5 Geschosse zur Brüderstraße. Durch die Vorzone im Westen und die 2-bündige Nutzung in den westl. und östl. Baukörpern entsteht ein relativ enger Innenhof, der auch nicht durch Gebäudefugen aufgebrochen wird. Eine Begehbarkeit ist nicht ablesbar.
Die Erdgeschossflächen sind zwar flexibel in ihrer Aufteilung und Nutzung, bieten jedoch keine überzeugende innere Erschließung an. Die Erschließung des Hochpunktes in Bezug auf den Brandschutz wird kritisch hinterfragt. Zudem sind für die alternativen Nutzungsarten gewerbliches Wohnen und frei-finanziertes Wohnen unterschiedliche Erschließungskerne angeboten. Diese Differenzierung bietet keine Flexibilität für zukünftige Marktentwicklungen. Die Erschließung des südlichen Gebäudeteils wird als wirtschaftlich eingeschätzt und die Belichtung mit Tageslicht positiv bewertet. Die Gesamtlänge des zusammenhängenden Flures wird allerdings kritisch hinterfragt.
Für den gewerblichen Wohnungsbau ist im obersten Geschoss des Hochpunktes eine Skybar geplant. Diese Option wird gewürdigt, aber auch kritisch bewertet, da sie wirtschaftlich kaum zu betreiben wäre. Der Entwurf stellt eine hohe Ausnutzung an BGF dar, schafft dafür jedoch verhältnismäßig wenig vermietbare Fläche.
Die Müllstandorte an der Brüderstraße sind in den öffentlichen Raum verlegt und an diesem Standort nicht umsetzbar.
Die Konstruktion ist als Stahlbetonskelett vorgeschlagen mit der Option zur Erweiterung in Holzhybrid-bauweise. Die Fassaden sollen mit Keramikelementen ausgeführt werden, in die PV-Module integrierbar sind. Die Ausführung in hellen Farben zur Vermeidung von Urban-Heat-Effekten wird gewürdigt. Der Wandaufbau wird in seiner konstruktiven Ausführung jedoch kritisch bewertet.
In seiner Gesamtheit überzeugt der Entwurf durch seine gute Ausarbeitung.
Nachhaltigkeit (ergänzt durch das Sachverständigenbüro energydesign)
Der Entwurf wird als Massivbau konzipiert. Keramikfassaden werden als dauerhaftes Material gewählt. Ein großer Technikbereich im Untergeschoss wird vorgeschlagen. Die Verteilung aus dem Hochhausbereich in die anderen Gebäudeteile und in die unterschiedlichen Etagen ist problematisch, da die Verzugsebene für die Wohnungsschächte unter der Decke über EG vorzusehen wäre.
Der Massivbau erhält moderate Fensterflächenanteile mit außenliegendem Sonnenschutz. Der som-merliche Wärmeschutz sollte somit möglich sein, insbesondere wegen der Trägheit des Gebäudes.
PV-Anlagen werden auf den Dächern vorgesehen und konkurrieren mit den notwendigen Aufbauten und der Dachnutzung (Gastronomie). Unklar ist der Vorschlag zur Fassaden-integrierten PV, die konstruktiv und wirtschaftlich in Frage gestellt wird.
Teilweise werden feststehende Verglasungen hinter den Brüstungsgittern vorgesehen, die für eine Reinigung schwer zugänglich sind.
Es wird ein robustes massives Gebäude vorgeschlagen, das im Bereich der nachhaltigen Materialwahl verbessert werden könnte.
©matthias harms images / ahrens & grabenhorst architekten
Perspektive Brüderstraße
©nsp landschaftsarchitekten / ahrens & grabenhorst architekten
Lageplan
©ahrens & grabenhorst architekten
Piktogramme