Nichtoffener Wettbewerb | 02/2025
Neugestaltung Bremer Konzerthaus "Die Glocke"
Neubau mit Musikerlebnisraum am Baumhof
©JSWD / GINA
1. Preis / Zuschlag
Preisgeld: 60.000 EUR
Architektur
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Verfasser:
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Mitarbeitende:
Onur Akın, Lucas Bennett, Sebastian Palacios, Guido Litjens, Sebastian Fuchs
Architektur
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Verfasser:
Jaime Batlle, Davide Lorenzato, Diana Carbonell, Ignacio Arizu, Lluís Dilmé, Xavier Fabré, Jaime Batlle, Diana Carbonell, Davide Lorenzato, Ignacio Arizu, Xavier Fabré, Lluís Dilmé
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Mitarbeitende:
Brandschutzplanung
Tragwerksplanung
Erläuterungstext
Das überregional bekannte und renommierte Konzerthaus Die Glocke erweitert mit dem Neubau das Angebot musikalischer Erlebnisräume und festigt seine Stellung als kultureller Nukleus im Herzen von Bremen. Der geometrisch klare Baukörper bindet über eine gläserne Fuge respektvoll an die historische Glocke an. Wesentliche, denkmalgeschützte Bestandteile der Bebauung an der Domsheide werden integriert (Fassaden, gesamte Domsheide 3 etc.) und bilden mit den neuen Bauteilen sehr selbstverständlich eine Einheit. Im Zusammenspiel ortstypischer, geneigter Dächer entsteht eine Dachlandschaft, die den Erweiterungsbau am Standort verankert und ihm gleichzeitig eine große Eigenständigkeit verleiht. Gezielte Öffnungen in der Fassade kommunizieren mit den öffentlichen Stadträumen, das Saalfenster öffnet sich auf den Baumhof und lässt Einblicke in den Musikerlebnisraum zu. Außerdem erhöht das einfallende Tageslicht die Multifunktionalität der Spielstätte erheblich. Alte und „neue“ Glocke sind zu einem räumlichen Kontinuum zusammenschaltbar, können aber auch separat erschlossen und unabhängig voneinander bespielt werden. Der Erweiterungsbau kann in zwei Bauabschnitten wachsen, ohne dass zwischenzeitlich ein Torso entsteht.
Das in der Umgebung überall präsente Material Kupfer dient dem Neubau als Dachhaut und verbindet so die Silhouette der gesamten Domsheide miteinander. Der Neubau gliedert sich damit auch in seiner Materialität in die Geschichte und in die visuelle Anmutung des Ensembles ein.
Organisation
Der historische Haupteingang bleibt die erste Adresse der Glocke. Vom großen, zusammenhängenden Eingangsfoyer aus werden die beiden Haupttreppen und alle Nutzungsbausteine auf kurzem Weg erschlossen.
Die Gastronomie liegt im Zentrum der Glocke. Sie kann sich bei Bedarf in den Foyerraum erweitern und öffnet sich mit einer Außenterrasse in den Bibelgarten. Ver- und Entsorgung erfolgen aus dem Untergeschoss und kreuzungsfrei über den vorhandenen Lastenaufzug.
Das neue Eingangsfoyer des MER liegt in der entmaterialisierten Fuge zwischen der neuen und alten Glocke und wird durch die historische Fassade der Domsheide 5 erschlossen. Somit ist ein separater Zugang zum MER geschaffen. Im Erdgeschoss ist dieses Foyer mit dem großen Foyer der Bestandglocke zusammenschaltbar, kann aber im Falle einer Einzelbespielung des MER auch vom alten Foyer abgetrennt werden.
Die Musikworkshops sind diesem Foyer zugeordnet und können je nach Bedarf diesem zugeschalten werden.
Der Club verfügt über einen exklusiven Eingang an der Ostseite des Neubaus welcher zwischen der Domsheide 2 und 3 zugänglich ist. Er ist ebenfalls mit dem Workshopflächen zusammenschaltbar, somit bilden das Foyer die Workshopflächen und der Club ein multifunktionales Raumkontinuum im Gesamten Erdgeschoss des Neubaus.
Auf der Saalebene über dem Eingangsfoyer verbindet das neue Saalfoyer den großen Saal und den Musikerlebnisraum über zwei Ebenen. Es ist von beiden Sälen nutzbar und fungiert somit als lichtdurchflutetes Bindeglied zwischen den beiden. Die Ausbildung der Foyerfläche als offenes Atrium eröffnet vollkommen neue Austauschoptionen über die Geschossebenen hinaus und gewährleistet die natürliche Belichtung bis ins Eingangsfoyer. Die Auffächerung der Foyerfuge ermöglicht außerdem den Blick auf das alte Oktagon und bezieht es so in das Raumgefüge ein.
Der "Musikerlebnisraum", ergänzt mit seiner überwiegend zentralen Bühnenkonfiguration die beiden anderen historischen Säle und erweitert die musikalische Vielfalt des Ensembles. Die elliptische Anordnung der Zuschauer um die Bühne ermöglicht eine große künstlerische Gemeinschaft und es entsteht eine neue Beziehung der Nähe zwischen allen am künstlerischen Akt Beteiligten. Die Decke mit ihren angepassten Neigungen erzeugt das notwendige Volumen und die benötigten Schallreflexionen, um eine Akustik zu schaffen, die für die verschiedenen musikalischen Darbietungen geeignet ist. Solisten, Duos, Trios oder Quartette, Kammermusik und kleine Orchesterbesetzungen. Die Freiräume, die zwischen der elliptischen Form und der rechteckigen Matrix entstehen, lösen die Zugänge und den internen Verkehr des Raumes auf bequeme Weise auf und schaffen neue Bereiche und Foyers in menschlichem Maßstab. Angenehme Orte der Begegnung und des Rückzugs. Die natürliche Belichtung und die Aussicht auf die Stadt tragen ebenfalls zur Vielseitigkeit des neuen Saals bei. Der obere Rang des Amphitheaters spielt in allen Konfigurationen eine wichtige Rolle, seine Auskragung ergänzt die Akustik des Parketts, seine Präsenz umhüllt die Interpreten und ist für das Publikum eine wesentliche Ergänzung, um das für Kammermusikkonzerte notwendige Gefühl von Komfort und Intimität zu vermitteln. Die mobilen Stühle in den vorderen Reihen des Saals ermöglichen eine bessere Anpassung an die verschiedenen Aufführungen. Die mechanisch klappbaren, vierstufigen Ränge ermöglichen eine Vielzahl von alternativen Konfigurationen zur zentralen Bühne: frontale, längs- oder quergerichtete Aufführungen, Konzerte mit stehendem Publikum oder ein freier, offener Raum für Veranstaltungen aller Art.
Alle Nutzungsbausteine können ohne Kreuzung der Besucherverkehre aus dem Verteilergeschoss im 1.UG heraus angedient werden. Die Unterbauung des Grundstücks wird auf ein notwendiges Maß reduziert, um die Bebauung kompakt, die Wege kurz und die Versiegelung möglichst gering zu halten. Die Anlieferung passiert über einen an den Neubau architektonisch angelehnten Hochbau an der Violenstraße. Sie ermöglicht eine gleichzeitige Andienung von zwei Fahrzeugen und die Anlieferung eines Sattelzuges. Außerdem befindet sich hier, in direkter Beziehung zur Aufstellfläche des Nightliners der Zugang für die Künstler*innen, welche über die Treppe oder den Lastenaufzug die Verteilerebene im Untergeschoss erreichen. An der Violenstraße sind außerdem die Aufstellflächen der Sattelzüge und des Nightliners verortet.
Langlebigkeit (Klimaschutz, Ressourcenschonung, Wirtschaftlichkeit)
Der wichtigste Schritt auf dem Weg zum klimaneutralen Gebäude ist die Langlebigkeit, die Verlängerung der Lebenszyklus. Um dieses Ziel zu erreichen, sind hochwertige, langlebige Materialien, deren materialgerechter Einsatz sowie eine hohe Akzeptanz des Gebäudes entscheidend. Der Entwurf punktet durch den Erhalt der Bestandsfassade, die Ergänzung durch eine langlebige, korrosionsfreie Metallfassade sowie den materialgerechten Einsatz von Massiv- und Leichtbauelementen im Innenraum. Alle Metallbauteile können aus recyceltem und klimaneutralem Material hergestellt und am Ende ihrer Lebensdauer wieder in den Recyclingkreislauf zurückgeführt werden. Stahlbetonbauteile werden aus CO²-reduziertem Zement mit Recyclinganteil erstellt. Nichttragende Bauteile werden aus Lehmbausteinen oder-platten errichtet, Lehm ist besonders klimafreundlich, recyclingfähig und zeichnet sich durch eine besonders hohe Wärme- und Feuchtespeicherfähigkeit aus. Der Entwurf fügt sich selbstverständlich in die historische Altstadt ein und bietet eine besonders flächenschonende Nachverdichtung durch kompakte Bebauung und kurze Wege. Besonderer Wert wird auf Nutzerzufriedenheit, gesundes und schadstofffreies Bauen, Frischluft- und Tageslichtversorgung sowie thermische und akustische Behaglichkeit gelegt. Das Konzept für den sommerlichen Wärmeschutz berücksichtigt die Klimaszenarien des IPCC und des Deutschen Wetterdienstes, die eine weitere Zunahme der Hitzebelastung in den Innenstädten erwarten lassen. Damit bleibt das Gebäude über viele Jahrzehnte nutzbar und erfüllt zudem die Kriterien der EU-Taxonomie sowie die Anforderungen für eine Förderung durch die KfW.
LowTech (Klimaschutz, Ressourcenschonung, Klimaresilienz, Wirtschaftlichkeit)
Die drei Walmdächer mit großzügigen Oberlichtern am höchsten Punkt eignen sich hervorragend zur Unterstützung der natürlichen Belüftung sowie der Nachtauskühlung im Sommer. Dadurch kann das Gebäude nach Low-Tech-Prinzipien belüftet und gekühlt werden, was zu erheblichen Einsparungen in den Bereichen TGA-Flächenverbrauch, Betriebskosten sowie CO2-Emissionen und Primärenergieverbrauch in Bau und Betrieb führt.
Der neue Saal, der Musikclub sowie die Räume im 1. UG werden über einen Erdkanal mit Frischluft versorgt. Dies ist die einfachste Form der Geothermie, die Frischluft wird durch das ganzjährig ca. 12°C warme Erdreich im Winter vorgewärmt und im Sommer vorgekühlt. Die Außenluft wird so angesaugt, dass die natürlichen Windverhältnisse den Einsatz von Ventilatoren für den größten Teil des Jahres überflüssig machen.
In den Verwaltungsräumen erfolgt die Frischluftzufuhr zusätzlich über öffenbare Fenster mit einbruchssicherer Nachtlüftungsfunktion. Die Nutzerzufriedenheit wird durch die Möglichkeit der individuellen Steuerung nachweislich erhöht.
Durch die Nutzung des natürlichen Kamineffekts können alle Gebäudebereiche besonders schnell und effektiv belüftet werden. Unter den Oberlichtern sammelt sich die warme Luft und wird zusätzlich von der Sonne erwärmt, beim Öffnen der Lüftungsklappen wird automatisch frische, kühlere Luft von unten angesaugt. Dies führt zu einem bis zu 6-fachen Luftaustausch pro Stunde, so dass z.B. auch in den Pausen die Luft in der Halle komplett ausgetauscht werden kann. Auch in allen anderen Gebäudebereichen führen kurze Lüftungszeiten zu Energieeinsparungen, da die massiven Bauteile im Winter nicht auskühlen, wenn die Fenster schnell wieder geschlossen werden. Eine Nutzung für die Entrauchung im Brandfall ist ebenfalls möglich.
Weitere Vorteile der natürlichen Lüftung sind der minimale Wartungsaufwand durch den Wegfall des Filterwechsels und der Kanalreinigung, die Verringerung des Risikos von Feuchtigkeitsansammlungen und Schimmelbildung sowie die höhere Nutzerzufriedenheit durch besseres Raumklima und geringere Geräuschbelastung.
Im sommerlichen Wärmefall wird der Kamineffekt zur Nachtauskühlung genutzt. Die thermischen Speichermassen des Gebäudes können sich über Nacht abkühlen und die Kühle tagsüber wieder an die Raumluft abgeben. Dadurch kann auf eine technische Kühlung verzichtet werden.
Ergänzt wird das Konzept durch die Erzeugung erneuerbarer Energie am Gebäude mittels einer Photovoltaikanlage auf dem Dach.
Tragwerk und Bauphasen
Mit der klaren symmetrischen Trennung des Neubaus ist eine Phasenweise Umsetzung des Bauvorhabens möglich. Im ersten Bauabschnitt kann die Verwaltung an der Domsheide 3-5 und die Verteilerebene im 1. Untergeschoss mit der Anlieferung realisiert werden. In der 2. Bauphase werden der Cub und die Workshopflächen im Sockel und der Musikerlebnisraum als Aufbau in Leichtbauweise ergänzt.
Der Erweiterungsbau des Konzerthauses zeichnet sich durch einen gezielten mehrschichtigen Materialeinsatz aus, welcher höchste Flexibilität in der Ausführung der Bauabschnitte bietet. Die Basis, der zweiten Bauphase bietet ein Stahlbetonsockelbauwerk, welches sich in seiner Höhe über mindestens ein Geschoss erstreckt. Auf das Sockelbauwerk wird ein Stahlbau mit hohem Vorfertigungspotenzial aufgesetzt. Dabei ist der Einsatz von grünem Stahl (Xcarb) denkbar. Der Stahlbau bildet die primäre stützenfreie Tragstruktur des Gebäudes. Kerngedanke der Primärstruktur ist das Fachwerksystem im Dach, welches zum einen ein räumliches Grundgerüst für die individuelle Dachgeometrie bietet und zum anderen die großen Techniklasten nach außen bringt. Als Sekundärstruktur zum Innenraum bieten sich Brettsperrholzpaneele an, welche werkseitig zugeschnitten und komfortabel zwischen den Untergurten „eingeschoben“ werden. Das flächige Tragsystem bietet Flexibilität bei der Aufhängung der individuellen Innenverkleidung. Gewonnene Hohlräume bieten sich zur akustischen Dämpfung des Konzertgebäudes nach außen an. Die oberseitige Sekundärstruktur lässt sich aus Standard-Stahlprofilen bzw. aus Brettsperrholzpaneelen erstellen. Beide bieten viele Möglichkeiten zum Anbringen einer einfachen Unterkonstruktion, welche sich mit der tatsächlichen Dachverkleidung verbinden lässt.
Beurteilung durch das Preisgericht
Haupteingang der Glocke von der Domsheide aus
©Playtime für JSWD / GINA
Neues Foyer mit Glasfuge zum Bestand
©Playtime für JSWD / GINA
Blick in den variabel bespielbaren Musikerlebnisraum
©Playtime für JSWD / GINA
Vogelperspektive vom UNESCO-Welterbe-Ensemble
©JSWD / GINA
Lageplan
©JSWD / GINA
Modellfoto von der Domsheide aus gesehen
©JSWD / GINA
Modell vom Baumhof aus gesehen
©JSWD / GINA