Nichtoffener Wettbewerb | 07/2024
Neugestaltung der Grün- und Freiflächen Koppenstraße/Palisadenstraße in Berlin-Friedrichshain
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Neue Quatiersmite Koppenstraße als kommunikativer Begegnungsort
©A24 Landschaft
2. Preis
Preisgeld: 13.000 EUR
Landschaftsarchitektur
orange edge - Integrierte Stadt- und Verkehrsplanung
Verkehrsplanung
Erläuterungstext
QUARTIERSMITTE MIT ATTRAKTIVER NUTZUNGSMISCHUNG
Mit dem Umbau der verkehrsdominierten Flächen an Koppenstraße und Palisadenstraße wird nicht nur ein wichtiger Beitrag zum klimagerechten Umbau der Innenstädte geleistet, sondern auch ein kommunikativer Begegnungsort im Quartier geschaffen. Mit dem umgebauten Gesundheitszentrum erhält der Ort eine wichtige öffentliche Ankernutzung, die für zusätzliche Belebung sorgt. Mit seinem Anspruch an eine gerechte Neuverteilung von Straßenraum, insbesondere auch durch den Wegfall von Flächen für den ruhenden Verkehr, hat das Projekt durchaus Vorbildcharakter und schafft eine wichtige Initialsetzung im Quartier. Die Umwandlung vom funktionalen Verkehrsraum zum nutzerfreundlichen Stadtraum übernimmt zusätzlich vielfältige ökologische Funktionen.
Die Koppenstraße wird zur verkehrsreduzierten Begegnungszone zurückgebaut und ordnet sich der parkartigen Gesamtgestaltung unter. Der funktionale Straßenraum wird zur durchgrünten Promenade. Die wesentlich subtiler eingepasste Fahrbahn reduziert die Trennungswirkung und verlängert die Quartiersmitte optisch bis ans Gesundheitszentrum.
In unmittelbarer Nähe zur Karl-Marx-Alle mit ihrer großen städtebaulichen Geste entsteht ein zurückgezogener Ort zum Wohlfühlen mit menschlichem Maßstab. Die derzeit noch stark voneinander abgegrenzten Teilflächen werden zu einer parkartigen Gestaltung zusammengefasst – die neue Quartiersmitte. Die durchgehende Formensprache sorgt für eine gestalterische Kontinuität bis in den rückwärtigen Garten des Gesundheitszentrums. Eine kleine, multifunktional bespielbare Platzfläche im Zentrum ist das Herz der Anlage und bildet ein wichtiges Verbindungsgelenk im Stadtraum. Gleichzeitig wird ein informelles Entree für das gegenüberliegende Gesundheitszentrum geschaffen. Die einfache Platzfläche aus wassergebundener Decke kann als nutzungsoffene Plattform für Veranstaltungen wie Kiezflohmarkt, Kastanienfest oder einfach nur für den mittäglichen Foodtruck genutzt werden.
Das malerische Kastanienwäldchen mit seinem großgewachsenen Altbaumbestand wird in die Gesamtgestaltung eingebunden und prägt auch zukünftig den Charakter der Gesamtanlage. In die südliche Grünfläche wird nur behutsam eingegriffen, lediglich die Wegeverbindungen werden verbessert. Der Charakter als ruhige Erholungsfläche unter dem schattigen Blätterdach der Rosskastanien bleibt erhalten. Ringförmige Sitzelemente aus Beton umspielen vereinzelt die mächtigen Baumstämme. Die vorhandenen Strauchpflanzungen in den Randbereichen werden ergänzt und schaffen einen grünen Rahmen um die zentralen Parkwiesen sowie einen Puffer zur angrenzenden Wohnbebauung.
Die neue Quartiersmitte erhält ein vielfältiges Angebot an Spiel- und Bewegungsmöglichkeiten, rund um den Platz ordnen sich verschiedene Nutzungsbausteine an. Ein naturnaher Spielplatz für Kinder bis 10 Jahren entwickelt aus dem Thema der Kastanien markante Spielobjekte aus Holz. Die Sandspielfläche wird von Sträuchern und einem Weidendickicht gerahmt, so dass die Einfriedung in den Hintergrund tritt. Eine Fläche für Urban Sports lädt ältere Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu sportlicher Betätigung ein. Die Fläche aus gefärbtem Ortbeton kombiniert unterschiedliche Nutzungen. Ein Rollparcour nutzt die leicht modellierte Fläche, deren seitliche Ränder sich zu Sitzgelegenheiten aufkanten. Ein Streetballkorb, Calesthenics-Elemente und Tischtennisplatten ergänzen das Angebot. Eine begrünte Wand aus farbigem Stahlgeflecht schafft einen markanten Ballfangzaun zur Palisadenstraße.
KOPPENSTRASSE ALS GRÜNE PROMENADE
Die bisher als zweispurige Wohnstraße mit Tempo 30 ausgebaute Koppenstraße wird auf eine Breite von 4 m reduziert und als verkehrsberuhigte Begegnungszone ausgewiesen, auf der sich alle Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt bewegen. Die reduzierte Fahrbahnbreite erlaubt den Begegnungsfall bei Schrittgeschwindigkeit und ermöglicht alle notwendigen Verkehrsanforderungen im Zusammenhang mit dem Gesundheitszentrum. Die Fahrbahn wird angehoben und grenzt niveaugleich an die seitlichen Platzflächen, abgesetzt durch seitliche Tiefborde, so dass eine barrierefreie Querung möglich ist. Die neu gewonnene Fläche wird dem Park zugeschlagen und stärker begrünt, Retentionsmulden unterstützen das Regen-wassermanagement. Die neu eingeführte straßenbegleitende Baumreihe aus Platanen (Platanus x acerifolia) orientiert sich an dem Konzept für die nördliche Koppenstraße. Die Lage entspricht ungefähr der ursprünglichen Straßenmittelachse und wahrt somit genügend Abstand zu den Leitungstrassen in den Randbereichen. Die vorgeschlagenen Maßnahmen verändern den Charakter der Koppenstraße erheblich - vom verkehrsoptimierten Straßenraum hin zur promenadenartigen Mobilitätsachse für Alle. Das Foyer des Gesundheitszentrums erhält einen platzartigen Vorbereich, der die funktionalen Anforderungen wie Vorfahrt für Krankentransporte, gebäudenahe Behindertenstellplätze, eine ausreichende Anzahl an Fahrradbügeln und Sitzbänke als informellen Treffpunkt sinnvoll integriert.
GESUNDHEITSGARTEN ALS RUHIGER RÜCKZUGSORT
Der Bereich hinter dem Gesundheitszentrum wird als ruhiger Rückzugsort zur Erholung für Besucher und Mitarbeiter ausgebaut. Der Gesundheitsgarten eröffnet kurze Wege zum Spazieren, frei verteilte Sitzbänke zum Verweilen und einen kleinen Geschicklichkeitsparcour als Bewegungsangebot nicht nur für Kinder. Der vorhandene, großgewachsene Baumbestand wird weitestgehend erhalten und sorgt für eine gute Verschattung. Eine befestigte Gebäudevorzone schafft einen großzügigen Antritt in den Garten und integriert funktionale Anforderungen wie Fahrradbügel. Zwei barrierefreie Pkw-Stellplätze werden auf dem nördlichen Grundstück untergebracht und von der Palisadenstraße aus angedient. Die gestalterische Kontinuität in der Wahl der Materialien und Geometrien sorgt für einen engen Bezug zum Quartiersplatz.
MATERIALIEN
Bei der Wahl der Materialien setzen wir auf einen einfachen, berlintypischen Materialmix. Auf eine sinnvolle Wiederveren-dung von Materialien wird großen Wert gelegt. Mosaikpflaster aus Naturstein wird als Wegebelag verwendet, teilweise wird hier auf bereits vorhandenes Material zurückgegriffen. Ergänzend werden einfache Flächen aus wassergebundener Wegedecke ausgewiesen, die eine Teilversickerung ermöglichen. Die Betonflächen des Parkplatzes können, sofern nicht schadstoffbelastet, zerkleinert als Tragschicht für den Wegebau dienen. Auf den Einsatz zementreduzierter Betonklassen und FSC-zertifizierter Hölzer wird Wert gelegt.
KLIMAANPASSUNG
Plätze in dichtbebauten Innenstädten müssen heutzutage mehr können als nur Aufenthaltsort und Knotenpunkt im Stadtgefüge zu sein. Als Multitalente müssen sie vielfältige Funktionen erfüllen – die nachhaltige Mobilitätswende unterstützen, ökologische Funktionen übernehmen und die Städte für die Zukunft klimaresilient ausstatten.
Die wassersensible Gestaltung basiert auf einem fein abgestimmten Regenwasserkonzept, bei dem das anfallende Regenwasser komplett auf dem Grundstück zurückgehalten wird. Insbesondere die Flächen des ehemaligen Parkplatzes und der zurückgebauten Koppenstraße eignen sich für großflächige Versickerungsmaßnahmen im Sinne einer koordinierten Starkregenvorsorge. Im derzeitigen Zustand trägt die 2.500 qm große vollflächig versiegelte Parkierungsfläche aus Asphalt und Beton erheblich zur Aufheizung der unmittelbaren Umgebung bei. Die Erhöhung des Grünanteils, offene Versickerungsmulden und die Reduzierung versiegelter Flächen verbessert das lokale Mikroklima und kühlt die innerstädtische Fläche in der hitzegestressten Großstadt besonders in den heißen Sommermonaten spürbar herunter. Eine sanfte Topografie integriert begrünte Versickerungsmulden, die den Abfluss von Regenwasser drosseln, zwischenspeichern und für eine angenehme Verdunstungskühlung sorgen. Die wechselfeuchten Versickerungsmulden erhalten eine robuste Staudenmischpflanzung aus Lythrum salicaria, Epilobium angustifolium, Molinia caerulea und Carex, die eine selbststabilisierende Dynamik durch Selbstansaat unterstützen und mit relativ geringen Pflege- und Wartungskosten auskommen. Unterhalb von großflächiger versiegelten Flächen, wie dem Platz und Übergang zum Gesundheitszentrum oder der Fläche für Urban Sports aus Ortbeton, werden Rigolen als unterstützende Maßnahmen zur unterirdischen Regenwasserspeicherung vorgesehen.
Die neuen Gehölzpflanzungen werden auf die wechselfeuchten Bedingungen ausgerichtet und innerhalb von befestigten Flächen durch den Einsatz von Baumrigolen unterstützt. Für die Baumneupflanzungen werden stadtklimafeste Baumarten wie Acer campestre, Alnus incana, Quercus robur und Ulmus x Resista ergänzt. Die Koppenstraße erhält mit Platanus x acerifolia eine markante Leitbaumart, die sich gut in den Denkmalkontext einbindet und auch im Straßenabschnitt nördlich der Palisadenstraße fortgesetzt werden kann. Die vorhandenen Strauchgruppen werden punktuell durch ökologisch wertvolle Arten wie Sambucus nigra, Rhamnus catharica, Salix cinea und Salix purpurea ergänzt und stärken somit die unterschiedlichen Vegetationsschichten. Die restlichen Parkwiesen, insbesondere auch im Kastanienwäldchen, werden als insektenfreundliche Blühwiesen entwickelt und erhöhen das Angebot an Nektar- und Raupenfutterpflanzen.
Die Ausleuchtung wird so weit wie möglich reduziert und konzentriert sich auf die Hauptwegerichtungen und die Verkehrsachse Koppenstraße. Es wird auf insektenfreundliche Lichtfarben mit 2.400 Kelvin und reduzierten Leuchtstärken geachtet.
Beurteilung durch das Preisgericht
Die Arbeit 1043 mit dem Titel „Neue Quartiersmitte Koppenstraße“ zeichnet sich durch eine klare Zonierung und eine Wegeführung zur Mitte des Areals und eine Verknüpfung mit dem umgebenden Quartier aus.
Die Wegeführung erscheint schlüssig. Die Quartiersmitte besteht aus wassergebundener Decke, die flexibel genutzt werden kann (z.B. durch einen Foodtruck). Zwischen Quartiersmitte und Palisadenstraße ist eine multicodierte Betonfläche für Sportnutzungen geplant, die einen ausreichenden Abstand zur Wohnbebauung aufweist. Die polymorphe Form mit einer Aufkantung zum Sitzen ermöglicht vielfältige Nutzungen. Positiv wird das Angebot für Jugendliche und junge Erwachsene bewertet; problematisch ist die damit einhergehende Versiegelung. Der Entwurf liegt mit 35% Gesamtversiegelung im Mittelfeld.
Der „Kastanienspielplatz“ mit Sandspielfläche und Weidendickicht ist für jüngere Kinder geeignet und scheint verträglich mit der Wohnbebauung zu sein. Es gibt zwei Kategorien von Sitzgelegenheiten: klassische Bänke entlang der Wege und vor dem Gesundheitszentrum sowie Sitzringe aus Beton um vorhandene Bestandsbäume. Die Betonringe inmitten der Rasen/Wiesenflächen werden kritisch gesehen, da sie sich im Kronentraufbereich der Bäume befinden. Geplant sind 5 Baumfällungen sowie 39 Neupflanzungen, was zu einer positiven Bilanz führt.
Bei der Baum- und Strauchauswahl wird ein großer Wert auf klimaresiliente und insektenfreundliche Arten gelegt. Auch die Beleuchtung entlang der Hauptwege ist insektenfreundlich. Das Ziel der Entwicklung extensiver Blühwiesen ist möglicherweise angesichts der zu erwartenden Nutzungsintensität (Liegewiese, Aufenthalt) nicht realistisch; sofern eine häufigere Mahd erforderlich ist, wird sich eher ein Rasencharakter ergeben.
Die Versickerungsmulden rahmen die Sportfläche und begleiten die Koppenstraße. Die Kompatibilität mit bestehenden Leitungen muss hier überprüft werden. Die Rigole unter der Sportfläche wird positiv bewertet. Die Koppenstraße wird mit einer 4 m breiten Fahrbahn geplant. Die Fahrbahn selbst dient in der dargestellten Form nicht der Entschleunigung Ein Dilemma könnte sein, dass die Fahrbahn optisch durch die Tiefborde vom übrigen Areal getrennt ist, so dass dem Autoverkehr noch immer Vorrang eingeräumt zu sein scheint. Abhilfe könnte eine Fortführung des Quartiersplatzes bis vor den Eingang des Gesundheitszentrums schaffen. Ferner sind weitere Querungen zwischen der Grünanlage und Koppenstraße erforderlich. An den Eingangsbereichen müsste eine deutliche Überarbeitung erfolgen, um dem aus der Palisadenstraße und insbesondere dem aus der Karl-Marx-Allee einbiegenden Autoverkehr rechtzeitig zu signalisieren, dass die Koppenstraße verkehrsberuhigt ist.
Der Garten des Gesundheitszentrums weist eine zurückhaltende Gestaltung mit Wegeführung, Bänken und einem Geschicklichkeitsparcours auf. Die Vorzone des Gesundheitszentrums besteht ausschließlich aus Mosaikpflaster und Platten und ist eine reine Funktionszone mit Sitzbänken, Beleuchtung und Fahrradständern. Ihre sehr steinerne Anmutung wird vom Preisgericht negativ bewertet.
In der Gesamteinschätzung wird die klare Struktur des Entwurfes und die deutlich erkennbare Zielsetzung, sich in den Stadtraum einzufügen und die erforderlichen Verbindungsfunktionen zu erfüllen, positiv hervorgehoben.
Gesamtkonzept
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Detail
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Städtebauliche Einordnung
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Schnitt Quartiersmitte
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Schnitt Koppenstraße
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Zonierung – Mobilität – Klimaanpassung
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